Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

320 Presseschau-Absätze - Seite 21 von 32

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - Espresso

Die Wahlen im Irak haben nichts daran geändert: Die amerikanische Okkupation des Irak ist ungerecht und aus dieser Ungerechtigkeit kann nie eine Demokratie erwachsen, schäumt der marokkanische Schriftsteller und Espresso-Kolumnist Tahar Ben Jelloun. "Die Demokratie ist weder eine Technik noch eine Pille, die man in Leitungswasser auflösen kann. Die Demokratie ist eine Kultur, die Zeit benötigt, Bildung, Erfahrung und vor allem die Arbeit am Bewusstsein und an den Gewohnheiten. Es hat etwas mit Bildung zu tun: Die Demokratie eignet man sich in der schule an, auf der Straße, in der Familie, von den Medien, man lernt die Rechte anderer zu respektieren und Prinzipien und Werte mehr zu schätzen als Vorurteile. Es gibt keine Freiheit ohne Gerechtigkeit. Die Demokratie bildet sich nicht von selbst, und man kann sie nicht mit Bomben und Zerstörung herbeiführen. Die Freiheit ist noch nie aus der Ungerechtigkeit geboren worden."

Weitere Artikel: Mit Hilfe des Blogs der Regisseurin Virginie Despentes rekonstruiert Emanuela Mastropietro die letzten Monate der Schauspielerin Karen Bach, die durch den Skandalfilm "Baise moi" bekannt wurde und sich nun in Paris das Leben genommen hat. Im Titel spricht Marco Damilano mit Italiens Salonkommunist Fausto Bertinotti (Vorsitzender der Rifondazione Comunista und Generalsekretär der Europäischen Linkspartei), der nun oberster Linker des Landes werden will. Leider nur im Print gibt es eine Reportage über die jungen Serben, die endlich in Europa ankommen wollen.

Magazinrundschau vom 01.02.2005 - Espresso

Herostratus, Dickens, Dillinger - sie alle trieb das an, was Umberto Eco anhand aktueller italienischer Fernsehshows als Hauptziel des Menschen identifiziert: bekannt zu sein. Eco sitzt im Fernsehsessel und kann es nicht fassen. Die Teilnehmer von L'eredita (mehr) "wollten nicht als Entdecker des Antikkrebsmittels in Erinnerung bleiben, als Helden, die ihr Leben für das ihrer Nächsten opferten, als große Dichter oder Künstler, Feldherrn, Seefahrer, Mystiker oder Menschenfreunde. Es war vielmehr klar, dass sie wiedererkannt werden wollten, auf der Straße, in den Geschäften, im Bus oder Supermarkt." Wenn alle bekannt sein wollen, ist es keiner mehr, kommentiert Eco, gibt dem TV-Trubel aber doch seinen Segen. "Sehen wir es realistisch. Es ist moralischer, die Sichtbarkeit in dieser Art und Weise zu suchen als die Nächsten mit selbstverfassten schlechten Gedichten zu quälen."

Weitere Artikel: Irene Maria Scalise leidet mit den Designern von Weinaccessoires, die in einem historisch und kulturell hoch vorbelasteten Feld arbeiten. Cesare Balbo resümiert das Sundance Film Festival und betont dabei besonders die Beiträge aus der internationalen Independentszene. Einer von drei Italienern schläft schlecht, verrät Monica Maggi, und listet unter anderem die typischen Schlafpositionen auf und deutet sie psychologisch: "Der Soldat schläft wie der 'Seestern' auf dem Rücken, aber mit den Armen am Körper und ausgestreckten Beinen. Normalerweise eine ruhige und zurückhaltende Person, die viel mit sich selbst ausmacht."

In der Titelgeschichte wirft Jeremy Rifkin einen skeptischen Blick auf die Zukunft des Kyoto Protokolls, das am 16. Februar in Kraft treten soll, aber in einer politisch "verwässerten" Form. Leider nur im Print: ein Treffen mit dem amerikanischen Schriftsteller Gore Vidal und ein Gespräch mit diversen Hollywoodgrößen über Kunst im Kino.

Magazinrundschau vom 25.01.2005 - Espresso

Andrzej Stasiuk erzählt, wie seiner Frau im vergangenen Sommer bei einem kurzen Spaziergang in der Altstadt von Bari die Brieftasche mit allen Papieren entrissen wurde. "Oh mein Gott! Noch nie in meinem Leben bin ich so gerannt. Ich rannte und dankte der Vorsehung, dass ich vor acht Monaten das Rauchen aufgegeben hatte. Daher bin ich noch nie in meinem Leben so gerannt und hab dabei gleichzeitig soviel geflucht. Laut und vulgär. Man muss mich von der Piazza Mercantile bis zur Piazza Federico di Svevia gehört haben." Stasiuk konnte das Raubgut eine Stunde später in einer filmähnlichen Szene vom Bruder des Diebes für fünfzig Euro zurückkaufen - natürlich ohne Geld.

Im Frühjahr entscheidet Italien in vier Referenden über die Liberalisierung der bisher recht strengen Gesetze im Umgang mit Embryonen. So sollen die Befruchtung mit fremden Ei- und Spermazellen und die Forschung an Embryonen erlaubt werden und das Verbot der Präimplantationsdiagnostik fallen. Im Titelinterview mit Chiara Valentini rät der Politiker und Philosoph Massimo Cacciari den Espresso-Lesern, viermal mit "Si" zu stimmen.

Weitere Artikel: Riccardo Talenti berichtet, dass bei den ersten Kommunalwahlen in Saudi-Arabien keine Frauen abstimmen dürfen und lässt einige empörte Vertreterinnen der dortigen Frauenrechtsorganisationen zu Wort kommen. Alessandro Gilioli meldet sich aus Süd-Myanmar, wo er das Volk der Moken (mehr hier, hier und hier) besucht hat. Die "Zigeuner der Meere" sind vom Tsunami schwer betroffen, aus politischen und wirtschaftlichen Gründen aber hilft die Regierung kaum. Und Monica Maggi fasst die bisher größte Studie zum menschlichen Sexualverhalten weltweit zusammen.

Magazinrundschau vom 18.01.2005 - Espresso

Umberto Eco macht sich ein paar Gedanken über digitale Buchläden. Sicher gibt es viele Vorteile, meint Eco, immerhin könne man bei Amazon das Inhaltsverzeichnis und ein Kapitel aus vielen Büchern lesen. Er sorgt sich allerdings um die Verkaufszahlen seines Romans "Baudolino"! "Ich habe bei Amazon gesehen, dass in der amerikanischen Version nur das erste Kapitel gelesen werden kann." Das allerdings, so Eco, habe er in einer Fantasiesprache geschrieben. "Ich glaube diese Sache lässt viele Leser zurückschrecken, wahrscheinlich denken sie, auch der Rest des Buches ist so geschrieben. Ich fühle mich ein bisschen betrogen." Eco empfiehlt aber bei allem Jammern auch eine nützliche Seite für Bibliophile.

In der Titelgeschichte widmet sich Giorgio Bocca wieder der Ermordung der Journalistin Ilaria Alpi in Somalia im Jahr 1994. Laut Bocca verdichten sich die Hinweise darauf, dass Alpi sterben musste, weil sie dem international organisierten und staatlich sanktioniertem Handel mit Waffen und radioaktiven Abfällen in die Quere gekommen war. "Ein Skandal von internationalem Ausmaß, in den Dutzende Regierungen verwickelt sind, europäische und andere ..." Nun soll der Fall endlich wieder aufgenommen werden, fordert der Espresso.

Leider nur im Print: ein Interview mit Architekt Peter Eisenman oder die Besprechung des neuen Buchs des Altmeisters Alberto Bevilacqua.

Magazinrundschau vom 11.01.2005 - Espresso

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun hofft darauf, dass Mahmoud Abbas die palästinensischen Wahlen gewinnt. Nur ihm traut er den notwendigen Kurswechsel zu. "Er scheint entschlossen, die 'revolutionäre' Epoche hinter sich lassen zu wollen, in der Palästina mit Terror - wie Flugzeugentführungen oder die Intifada - die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf sich zog. Er hat alles getan, um die Situation zu normalisieren und wie ein verantwortungsvoller politischer Führer zu erscheinen, auf den man sich verlassen kann. Aber alles wird von seinen Gegnern im Inneren abhängen, die jedwedes Zugeständnis ablehnen und den bewaffneten Kampf weiterführen wollen."

Weitere Artikel: Lorenzo Soria erklärt sich die Menge an filmischen Musikerbiografien mit Nostalgie und unserem Identifikationsbedürfnis in schweren Zeiten. Denn meist endet die Karriere der kinotauglichen Idole wie Kurt Cobain oder Janis Joplin tragisch und frühzeitig: "Unser Unglück wird gelindert, wenn wir den Untergang unserer Helden miterleben." Cesare Balbo kündigt Martin Scorceses Howard-Hughes-Streifen The Aviator als Geschichte eines Mannes an, der zum Glück nicht nur schnelle Flugzeuge, sondern auch schöne Frauen liebte. Alberto Dentice feiert Bob Dylan und dessen Autobiografie "Chronicles".

In der Titelgeschichte berichtet Gianni Perrelli aus Sri Lanka, wo die Katastrophe das Ende des Krieges einläuten könnte. Leider nur gedruckt gesteht Woody Allen im Interview seine Bewunderung für Pirandello und Tschechow.

Magazinrundschau vom 13.12.2004 - Espresso

Ben Schotts "Sammelsurium" (mehr) veranlasst Umberto Eco nicht nur dazu, sein Wissen über die Bond-Girls auszubreiten ("warum wird der Nachname von Domino nicht vermerkt, der Vitali lautet?"), sondern auch darüber zu sinnieren, wie viel Wissen die Kultur in ihrer Geschichte schon als nicht erinnerungswürdig ausgesondert hat. "Oft haben wir diesen Prozess beklagt, denn man hat Jahrhunderte gebraucht, um den unterbrochenen Weg wieder fortzusetzen. Die Griechen wussten fast nichts mehr von der ägyptischen Mathematik und das Mittelalter hatte ebenso die gesamte griechische Wissenschaft vergessen. In einem gewissen Sinn aber hat das den diversen Kulturen geholfen, sich zu verjüngen, indem sie von Null anfingen, um dann Schritt für Schritt das Verlorene wiederzuerlangen."

Im Kulturteil stellt ein unbekannter Autor Valeria Palumbos Buch "Le donne di Alessandro Magno" vor, in dem Palumbo die sexuelle Orientierung des Feldherrn diskutiert. Nicola Nosengo fragt sich auf den Gesundheitsseiten, warum Italien eine so niedrige Alkoholiker- und Selbstmordrate hat. Weil es hier noch die familia gibt, natürlich! In der Titelgeschichte rollt Ricardo Bocca den Fall des im Winter 1990 bei Cosenza gestrandeten Schiffs "Rosso" auf. Es geht um Waffenschmuggel, radioaktive Abfälle, und jetzt führt sogar eine Spur zum Mord an der Journalistin Ilaria Alpi in Somalia (mehr).

Leider nur im Print: ein Porträt des "König Midas der Kunst" Marco Goldin und eine Reportage über die Bedeutung des Konsums in Hongkong.

Magazinrundschau vom 07.12.2004 - Espresso

Der Neurobiologe und Autor Oliver Sacks erzählt im Titel vom Älterwerden, von Alzheimer und Demenz, aber auch von der Weisheit der Alten. "Wir wissen dass Erkenntnis das ganze Leben lang andauern kann, auch beim Älterwerden oder mit einer Krankheit des Gehirns, und wir können uns sicher sein, dass die ganze Existenz hindurch auch andere Prozesse fortdauern, auf einer noch tieferen Ebene, so dass man am Ende auf dem Gipfel der zahlreichen tiefgehenden Generalisationen und Integrationen steht, die das Gehirn davor vollbracht hat." Soll heißen, mit 90 schreibt man die besten Bücher.

Moses Naim, Chefredakteur der Zeitschrift Foreign Policy, sieht in einem Kommentar schwarz für China, wenn nicht bald wirtschaftliche und finanzielle Kurskorrekturen eingeleitet werden. "Jede Nation, die in den Neunziger in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckte, behauptete - wie die derzeitigen chinesischen Führer - dass die Befindlichkeiten und die Situation des eigenen Landes einzigartig seien. Trotz der Differenzen aber folgen alle Länder, die einen finanziellen Zusammenbruch beklagen, dem gleichen Schema: erst meinen sie, ihre Wirtschaft nicht mit schmerzhaften Regulierungen belasten zu müssen; dann, nachdem sie die Notwendigkeit dieser Korrekturen akzeptiert haben, schieben sie sie so lange hinaus, bis es zu spät ist."

Leider nur im Print: ein Gespräch mit dem Islamforscher Mohammed Arkoun (eine Laudatio hier, sein deutsches Buch hier) über einen Ausweg aus dem Grabenkrieg zwischen Orient und Okzident, ein Interview mit der "donna del belcanto" Daniela Barcellona, die in der Scala singt, ein Bericht über die parteipolitischen Bestrebungen der Muslimbrüderschaft in Ägypten und eine Reportage über den Drogenschmuggel in Neapel.

Magazinrundschau vom 30.11.2004 - Espresso

Peter Gomez verrät mehr über die riesige Gruft, die Silvio Berlusconi auf seinem Anwesen bei Arcore einrichten hat lassen. Auf 180 Quadratmeter sollen einmal nicht nur seine Familie, sondern auch Freunde und Weggefährten ruhen. Einer zumindest macht bei der gemeinsamen Paradiesfahrt nicht mit, verrät Gomez hämisch. Der Publizist Indro Montanelli soll das Angebot nach einer kurzen Pause abgelehnt und in fulminanter Manier geantwortet haben: "Domine non sum dignus".

Umberto Eco lobt Barbara Frale für ihre seriöse Studie über die Tempelritter, die endlich mit dem Mythenwald rund um den Orden aufräumt. Natürlich kann es auch nach diesem Buch sein, dass irgendwo noch Tempelritter existieren, meint Eco, "genauso wie sich jeder als Hohepriester von Isis und Osiris bezeichnen kann, und das dem ägyptischen Staat ebenso herzlich egal sein kann".

In der Titelgeschichte schildert Fabrizio Gatti das Los der illegalen Migrantenarbeiter auf Italiens Baustellen. Sabina Minardi stellt Lasn Kalle vor, der in seinem Buch "Culture Jam" Tipps für Konsum- und Werbungsverweigerer gibt. Kalle ist Gründer der Gruppe Adbusters. Monica Maggi lädt auf eine Mailänder Ausstellung lüsterner Comic-Schönheiten ein und beschäftigt sich mit einer Umfrage zum Thema Verkehr im Büro.

Magazinrundschau vom 23.11.2004 - Espresso

Alessandra Mussolini könnte mit ihrer kleinen Rechtspartei Liberta di Azione die anstehenden Regionalwahlen entscheiden. Deshalb wagt niemand in Italien, die Enkelin Musslinis anzugreifen, erklären Marco Damilano und Denise Pardo. "Alle tun so, als würden sie den Odeur des Faschismus nicht wahrnehmen, sie schließen ihre Augen vor den hakenförmigen Flaggen auf ihren Wahlveranstaltungen und ihren Freunden von der Straße, die bisher als nicht vorzeigbar galten, und sie schlucken das Märchen vom mitfühlenden und gereiften Mussolinismus: bis hin zur Linken ist es quasi unmöglich, jemanden zu finden, der Klartext redet."

"Die Niederlande lebten in einem künstlichen Frieden", meint der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun und drängt auf eine forcierte Integration der europäischen Muslime. Die Werbespots der neuen Generation sind längst nicht mehr nur lästige Unterbrechungen des Fernsehprogramms, folgert Ambra Somaschini aus einer Studie. Regisseur Spike Lee schwärmt im Anschluss von seinem Gandhi-Spot (hier kann man ihn runterladen) für die italienische Telecom. Eleonora Attolico gratuliert Sylvie Vartan zum Sechzigsten. Cesare Balbo stimmt uns auf den cineastischen Advent ein, unter anderem mit "Bad Santa", produziert von den Coen-Brüdern (hier das Drehbuch).

Der Titel beschäftigt sich mit einem kulturellen Großereignis: Der aktuelle Pirelli-Kalender ist da. Der Espresso bringt alle Monatsschönheiten exklusiv, und Enrico Arosio informiert über die wichtigen Details.

Magazinrundschau vom 16.11.2004 - Espresso

Umberto Eco erzählt in seiner Bustina, wie er sich auf Bari mit Gleichgesinnten aus dem italienischen Kulturbetrieb getroffen hat, die wie er das Lesen wieder populär machen wollen (denn "ein Mensch der liest, ist doppelt so viel wert"). Den nahezu gleichzeitig stattfindenden Tag des Vorlesens in Deutschland erwähnt er nicht (siehe unseren Link des Tages). Ungläubig, aber milde registriert Eco die literaturgeschichtlichen Wissenslücken seiner Landsleute, die eine landesweite Umfrage ans Tageslicht gebracht hat. "Ich freue mich besonders darüber, dass gute 18 Prozent wissen, dass ich der Autor von 'Der Name der Rose' bin, aber viel bedeutender ist wohl die Tatsache, dass 47 Prozent glauben, der Autor sei Sean Connery."

Italiens Gesellschaft macht gegenläufige Veränderungen durch. Während der Schriftsteller Piergiorgio Paterlini in seinem neuen Buch "Matrimoni" bei den Homosexuellen eine steigende Lust auf Heiraten, Familie und einen Partner fürs Leben feststellt, macht Giovanna Zucconi bei den Heteros einen Trend zum Singledasein in der Partnerschaft aus. Beide Artikel stehen auf einer Seite. Von Penelope Cruz erfahren wir im Gespräch mit Eugenia de la Torrente, wie glücklich wir doch sein können, hier zu leben. "Ich glaube, dass die Erfahrung mit 'Non ti muovere' in Italien mir gezeigt hat, dass ich in Europa arbeiten will. Das ist gut für meine mentale, meine emotionale Stabilität." Kinoexperte Cesare Balbo kündigt neue Filme für die Kleinen und Junggebliebenen an.