Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

289 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 29

Magazinrundschau vom 04.09.2018 - Magyar Narancs

Der junge Architekt Dávid Smiló macht sich für die Entdeckung und Anerkennung der postmodernen Architektur in den ehemaligen sozialistischen Ländern stark und weist auf eine schleichende aber doch systematische Umgestaltung von großen Plätzen insbesondere in polnischen und ungarischen Großstädten hin. "Architektonisch ist die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Ungarn und ehemaligen sozialistischen Block eine spannende Ära. Es sind Bauwerke entstanden, welche sich in die weltweit herrschenden Tendenzen einfügten, obwohl die Wirtschaft und das Umfeld, in dem Architekten ihr Wirken entfalteten, sich radikal unterscheiden konnte. Staatssozialismus statt Marktwirtschaft, staatliche Planungsinstitute statt individuellen, auf Wettbewerb ausgerichteten Architektenbüros. Der Stil der Ära ist noch nicht breit anerkannt, es wäre ein Verlust, wenn wir den gesamten Zeitraum als verfehlt verwerfen würden. (...) Warum will jede ehemals sozialistische Großstadt (wie in Warschau oder in Budapest) die damals entstandenen großen Plätze für feierliche Aufmärsche bebauen? Und wenn sie dann bebaut wurden, bleibt dann noch Platz, etwa für politische Kundgebungen? Diese Plätze wurden durch den Sozialismus erschaffen, aber auch für den Bürger einer Republik können sie nützlich sein, um dem politischen Willen Ausdruck zu verleihen."

Magazinrundschau vom 28.08.2018 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller Viktor Horváth, der Ende letzten Jahres seinen Roman mit dem Titel "Tankom" (Mein Panzer, Magvető, Budapest 2017, 276 Seiten) veröffentlichte, denkt über die Niederschlagung des Prager Aufstands 1968 durch die Truppen des Warschauer Pakts nach, an dem auch Ungarn beteiligt war. "Die heute regierende Macht bevorzugt das Tadeln von Anderen vor der selbstkritischen Konfrontation. 1968 schlugen wir eine Revolution nieder, so wie unsere Revolution 1956 niedergeschlagen wurde. Darüber schweigt man lieber, weil es eine Schande ist. Gleichzeitig würde uns das Sprechen darüber vor einer Wiederholung schützen. Wenn also ein Thema tabu ist für eine Macht, dann sollten wir misstrauisch sein, denn die Macht bereitet vielleicht unbewusst etwas Ähnliches vor: eine Konfrontation, bei der es nur Verlierer gibt und so die Schuldabwehr fortgesetzt werden kann, damit über das Volk, das sich als Opfer betrachtet, weiter geherrscht werden kann. Zu Soft-Power passen Soft-Opfer sehr gut: wir haben unser tägliches Bier und die abendliche Fernsehserie, während wir über Trianon traurig sind. 1968 passt nicht dazu."

Magazinrundschau vom 07.08.2018 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller und Verlagsmanager Krisztian Nyary, kritisiert im Interview mit Gabor Köves die verbalen Angriffe auf die Leiter ungarischer Kulturinstitutionen: "Die Frage ist, was passiert mit den Institutionen, die bis jetzt frei von Politik waren. Aus Sicht der Literatur gibt es noch zwei solche Schlüsselinstitutionen: das Balassi Institut sowie das Petöfi Literaturmuseum (PIM). Die Direktorin des Balassi Instituts wurde vor kurzem abgelöst, die Mitarbeiter wurden in Zwangsurlaub geschickt und das Gebäude wurde veräußert. Das PIM wird wöchentlich angegriffen. Das werden früher oder später auch die Verlage und der Literaturbetrieb insgesamt spüren."

Magazinrundschau vom 10.07.2018 - Magyar Narancs

Vor kurzem erschien - als Fortsetzung seines Romans "Orgie" - Gábor Zoltáns Essayroman "Szomszéd" (Nachbar - Vor und nach der Orgie, Kaligram 2018, 392 Seiten) in dem die Gräueltaten der ungarischen Nazis genannt Pfeilkreuzler zwischen 1944 und 45 beschrieben werden. Manch Kritiker in Ungarn betrachtet "Orgie" als gelungene Ergänzung zu Imre Kertész' "Roman eines Schicksallosen". Im Interview mit József Kling denkt Zoltan u.a. über die Spannung zwischen Moderne und Postmoderne in der gegenwärtigen ungarischen Literatur nach: "Die postmodernen Autoren mussten sich von den von ihnen geschätzten und geliebten Meistern entfernen. In der ungarischen Literatur erreichte die Moderne sagen wir mit István Örkény und Miklós Mészöly ihren Höhepunkt. Die talentierten Schriftsteller wussten, dass es keinen anderen Weg mehr gab, die realistische Literatur, wie sie bis dahin existierte, konnte nichts mehr produzieren. (...) Was ich mache oder wie ich schreibe ist nicht das Abwenden von den Vorfahren, ich baue vielmehr auf ihre Erfolge: Wie empfindsam sie die Sprache betrachten. Es können nicht allerlei Wörter zufällig verwendet werden. (...) Die 'Orgie' konnte ich nur anfangen zu schreiben, weil ich plötzlich die Sprache der Protagonisten und die der Umgebung hörte. Wenn ich mir über die Sprache der Pfeilkreuzler nicht im Klaren bin, kann ich in ihre Welt nicht eintreten. Aber Ziel und Sinn des Ganzen ist es, da einzutreten und den Leser dorthin einzuführen."

Magazinrundschau vom 17.07.2018 - Magyar Narancs

Die Schriftstellerin Edina Szvoren denkt im Interview über mögliche Gründe für Erfolg und Misserfolg von Übersetzungen im Ausland wie auch über die Verortung ihrer Protagonisten nach. "Man könnte denken, dass Werke, die nicht in regionalen Eigenheiten verwurzelt sind - wie z.B. meine Schriften - im Ausland mehr Leser ansprechen, doch mir scheint, dass es seltsamer Weise doch nicht so ist. Es ist aber auch nicht gleichgültig, ob das Ausland von uns aus gesehen und in politischer Hinsicht im Osten oder im Westen liegt. Offensichtlich werden aus dem Osten immer irgendwelche Reportagen jenseits des Eisernen Vorhangs über Krieg, Armut, Leid der Frauen und über Revolten gegenüber der herrschenden Ordnung erwartet. (...) Vielleicht verbindet der Leser meine Protagonisten mit der öffentlichen Stimmung und ich sehe nur nicht, welche gegenwärtig existierenden Probleme diese darstellen. Was nirgends verortet ist, kann überall und immer sein. Ich verorte meine Protagonisten von ganz weitem als Menschen der späten Kádár-Ära (...) Und wenn es doch so erscheint, dass sie später geborenen Menschen ähneln, dann hat sich nicht all zu viel verändert. Oder wir sind wieder dort angelangt, wo wir schon einmal waren."

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - Magyar Narancs

Máté Pálos unterhält sich mit dem Schriftsteller Imre Bartók über seinen jüngsten Roman "Jerikó épül" (Jericho wird erbaut), in dem sich Erinnerung, Fiktion und Reflexion stark verweben, über den Trend zur Autofiktion und dessen Galionsfigur Karl Ove Knausgard: "Die Memoiren-Literatur hat eine riesige Tradition, sie ist nicht erst das Produkt der 2010er Jahre. Freilich ist es vorstellbar, dass die Leser nach der wahren Wirklichkeit verlangen in einer Zeit, als diese sich verflüchtigt. Die Persönlichkeit des Schriftstellers und die manische Detailhaftigkeit sollen die Erfahrung verifizieren. Knausgard setzt ganz auf Direktheit, darum ist es einfach, eine Verbindung aufzubauen: Es berührt einen, wenn er ehrlich zugibt, wie sehr er bei einem Rendezvous pinkeln musste, es ihm aber peinlich war auf die Toilette zu gehen - über so etwas schreibt auch Bergman in seiner Autobiografie. Das ist die Strategie der Sitcoms. Bei Knausgard wird dies auf die Spitze getrieben. Es entfaltet eine eigene ästhetische Qualität und hat doch seine Grenzen. Mich interessieren anstelle der Komposition solcher Situationen eher die strukturellen Fragen: was wirkte auf mich als Kind, was und wie hatte (es) eine prägende Kraft auf die Persönlichkeit, worin wurzelt fehlendes Vertrauen, das Fürchten, oder wie entsteht Widerwillen gegenüber jeglicher institutionellen Ordnung."

Magazinrundschau vom 24.07.2018 - Magyar Narancs

Der in Novi Sad lebende Schriftsteller László Végel erinnert an die Ereignisse von 1968 in Jugoslawien und deren Nachwirkungen und Bedeutung für das heutige Serbien. "Die serbische Gesellschaft erinnert sich mit schlechtem Gewissen an die Studentendemonstrationen vor fünfzig Jahren. Jene, von der Bewegung artikulierten Werte - wie die Empörung über die sozialen Ungleichheiten - fielen aus dem Gemeinbewusstsein heraus. Nur in der Sprache der jüngeren intellektuellen Generationen erscheinen sie als neulinke Tradition - vielleicht weil sie in Serbien in der Tat über eine bedeutende Vergangenheit verfügt, im Gegensatz zu anderen Ländern Ostmitteleuropas, deren Systeme wechselten. Die Reformkommunisten jedoch verloren endgültig ihren Nachwuchs, ihr Programm wurde gegenstandslos. Nicht zufällig. Eine liberale Tradition ist in Serbien noch weniger präsent als in anderen Gegenden der Region. In den fünf Jahrzehnten seit 1968 waren unterschiedliche politische Eliten mit unterschiedlichen Auffassungen an der Macht, doch der Kampf gegen die Phantome des Liberalismus und die Sprache jenes Kampfes blieben stets unverändert. Dies leitete auch den Politiker, den wir heute für den Hauptakteur der jugoslawischen Kriege zwischen 1991 und 1999 halten; und nun müssen wir schweren Herzens erfahren, des Slobodan Milošević nur der Vorreiter von heutigen Politikern Ost-Mitteleuropas war."

Magazinrundschau vom 26.06.2018 - Magyar Narancs

Kurz nach den Wahlen im April fing die regierungsnahe Presse in Ungarn an einzelne Leiter wissenschaftlicher und kultureller Institutionen öffentlich zu kritisieren, dass sie zu viel oder überhaupt Raum für regierungskritische Künstler, Wissenschaftler und Programme bieten. So wurde zum Beispiel der Direktor der Staatsoper in einem Zeitungsartikel denunziert, er würde mit der Inszenierung des Musicals "Billy Elliot" "Schwulenpropaganda" betreiben. Zunächst verteidigte der Direktor sein Programm, wenige Tage später aber entschuldigte er sich und vergangene Woche wurden schließlich 15 Vorstellungen von "Billy Elliot" aus dem Spielplan gestrichen (mehr in der New York Times). Magyar Narancs sieht historische Parallelen und erinnert an die fünfziger Jahre, als kritische Parteimitglieder und Funktionsträger mitten in der Nacht verschleppt wurden: "Die Methode ist so alt, dass sie alle bereits kannten, als der Begründer des Systems in seiner Heimat Felcsút die anderen Kleinen aus dem öffentlichen Sandkasten aussperrte. (…) Es kann vieles über das System gesagt werden, nur nicht, dass es undurchsichtig sei. Auch nicht, dass am Ende doch alle Strähnen in einem Punkt zusammenlaufen. Also liebes Ungarn, liebe Freunde auf der Rechten, sehr geehrte Tschinovniks, Speichellecker, Mitreisende und Abbieger, es dürfen die Geschichtsbücher wieder hervorgeholt werden, um das Wissen aufzufrischen: Die Zeit der Angst vor dem Läuten der Türglocke mitten in der Nacht ist wieder da."
Stichwörter: Ungarn, Billy Elliot, Zensur, 1950er

Magazinrundschau vom 15.05.2018 - Magyar Narancs


Zsófia Szilágyi bei den Dreharbeiten zu ihrem Film "Egy nap"

In der Sektion Semaine de la Critique in Cannes feierte der erste Spielfilm "Egy nap" (One day) der Regisseurin Zsófia Szilágyi Premiere. Von der Kritik wurde er wiederholt als "Frauenfilm" bezeichnet, denn sie zeigt einen Tag in Leben einer Mutter. Im Gespräch mit Rita Szentgyörgyi erklärt die Filmemacherin, warum diese Bezeichnung nicht passt: "Ich vertrete gerne feministische Angelegenheiten, sie sind auch meine, doch das bedeutet nicht, dass nur über Frauen gesprochen werden kann. Über Frauenschicksale kann auch ein massiv patriarchalischer Film gedreht werden. Das hängt nicht vom Geschlecht der Beteiligten ab, sondern von der Perspektive. 'One Day' ist meiner Meinung nach kein 'Frauenfilm', nur weil eine Frau darin spielt und auch nicht, weil ich eine Frau bin. Es passiert etwas mit der Zeit in diesem Film, das eng mit Frauen verbunden ist. Das weiß ich, weil ich sehr lange keine Hauptdarstellerin fand und dann versuchte, das Drehbuch auf einen Mann umzuschreiben. Und ich sah, dass in jenem Falle die detaillierte und lineare Zeitbehandlung des Films auch nicht bleiben kann, weil sie unwahr ist. Ich hätte es anders erzählen müssen. Ich wollte es aber auf dieser Weise erzählen. Es war für mich weniger wichtig, ob es ein Mann oder eine Frau ist, aber es war sehr wichtig wie die Zeit im Film ist. Das bestimmte schließlich das Geschlecht."

Magazinrundschau vom 04.06.2018 - Magyar Narancs

Am 04. Juni 1918 wurde im französischen Trianon nahe Versailles der Friedensvertrag unterschrieben, nach dem Ungarn ein Drittel seiner Bevölkerung und zwei Drittel seines Territoriums verlor. Die gelenkte Erinnerung an Trianon, verbunden mit der Duldung von revisionistischen Forderungen sind Elemente der offiziellen Erinnerungsnarrative als Identitätspolitik. Der bildende Künstler Szabolcs KissPál arbeitet seit 2010 an einer Trilogie, welche durch unterschiedliche Formen und Mittel auf die nationalistische Wende und die damit verbundenen Erinnerungsnarrative in Ungarn kritisch-ironisch reflektiert. Vor kurzem ist ein Buch von KissPál erschienen (Von den künstlichen Bergen zu den politischen Religionen). Im Gespräch mit Magyar Narancs erklärt der KÜnstler und Hochschuldozent (MKE, Budapest) den Hintergrund seiner Ausstellung: "Ich wollte dieses 'Pseudomuseum' so aufbauen, dass es eine echte Museumsatmosphäre hat: die Menschen sollten nicht laut kichernd durch die Ausstellung gehen, sie sollten vielmehr einem museumsgerechten, historischen Narrativ folgen. (…) Meine künstlerische Strategie ist die Gegenfiktionalisierung: ich greife fiktionale Elemente auf, um den fiktionalen Charakter von historischen Narrativen zu enttarnen. (…) Bereits 2012 wollte ich die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf die Idee und den historischen Hintergrund der illiberalen Demokratie lenken. Ich hielt Ungarn für ein Laboratorium, wo der Versuch einer erschreckenden Identitätskonstruktion im Gange war. Deshalb schrieb ich die Begleittexte so, dass das Phänomen kulturell übersetzbar ist. Mein Ziel ist es, eine europäische Geschichte durch eine ungarische Fallstudie zu erzählen." (Hier noch ein kurzes Interview mit KissPal auf Deutsch in der Kreiszeitung.)