Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 19.03.2019 - Magyar Narancs



Viktoria Traubs "Meerjungfrauen und Nashörner" ist der erfolgreichste ungarische Animationsfilm der vergangenen Jahre, so lief er u.a beim Animationsfilm-Festival in Annecy, wurde auf Arte gezeigt und kam nun in Ungarn als Vorfilm zusammen mit Christian Petzolds "Transit" in die Kinos. Im Gespräch mit Tamás Soós freut sich Produzentin Polett Dús über den unerwarteten Erfolg, findet es aber auch "traurig, dass viele hervorragende ungarische Animationen die Zuschauer nicht erreichen. So war es von Anfang an unser Ziel, dass unser Film auch in den Kinos gespielt wird. Dafür bedarf es über die pure Absicht hinaus der Filmpreise auf Festivals wie in Annecy. Nach der Nominierung von Annecy kontaktierte uns der deutsch-französische Fernsehsender ARTE, der den Film inzwischen ausgestrahlt hat. (...) Vielleicht ist 'Meerjungfrauen und Nashörner' keine leichte Kost, die der Mensch sofort verdaut, doch er hat eine universelle Botschaft und Qualität, darum konnte es passieren, dass er von Kalifornien bis Bangalore in sehr unterschiedlichen Kulturen ausgezeichnet wurde. Auch der von uns ausgesuchte ungarische Vertreiber mochte den Film, und so war der passende Premierenfilm, der Film von Christian Petzold schnell gefunden, mit dem "Meerjungfrauen und Nashörner" inhaltlich zusammenpasst." (Hintergrund:

Magazinrundschau vom 24.04.2019 - Magyar Narancs

Der Politikwissenschaftler Gábor Török analysiert im Interview Erfolg und Misserfolg des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán sowie seiner Politik auf europäischer Ebene: "Die wahren Verbündeten von Fidesz sind jene Parteien, gegen die die Politiker der Volksparteien ihre schärfsten Kämpfe führen. Für die CDU/CSU ist die AfD kein politischer Verbündeter, sondern die Partei, die sie am meisten fürchtet, die ihr eventuell über den Kopf wachsen kann. Ähnlich sieht es bei den französischen Mitte-Rechts-Kräften bezüglich dem Front National aus oder bei den Österreichern mit der FPÖ. (…) Wenn es das Ziel von Orbán gewesen wäre, die Europäische Volkspartei migrationsfeindlich zu stimmen, dann hätte er es erreicht. Man braucht sich nur die Programme der Mitte-rechts Parteien nur anzuschauen um zu sehen, dass in der Frage der Migration sich alle in die Orbánsche Richtung bewegten. Doch das wahre Ziel Orbáns war nicht dies, sondern, dass er seine eigene Position in Europa stärkt und dadurch einen größeren Bewegungsraum bei Entscheidungsprozessen erlangt. Das gelang ihm nicht und die Chance, dass es ihm noch gelingt, nimmt ab. Die westlichen Parteien haben zwar Orbáns Migrationspolitik übernommen, doch von Orbán haben sie die Nase voll. Sie wollen mit ihm nichts zu tun haben, weil Orbáns Name in West-Europa eng mit dem Erstarken der als radikal, populistisch, rechtsradikal bezeichneten Parteien verbunden ist. Der Orbanismus hat gesiegt, Viktor Orbán nicht."

Magazinrundschau vom 09.04.2019 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller und Medienkritiker Krisztián Grecsó denkt im Gespräch mit Jozsef Kling über die Kanonbildung und die missliche Lage der Literaturkritik nach: "Die Frage nach dem Kanon ist heute wesentlich polarisierter als noch vor fünfzehn oder zwanzig Jahren. Es gibt sehr viele Kreise. Wer oder was sorgt für Aufnahmen in den Kanon? Preise, Belobigungen, Kritiker? (...) Kritiker haben neben der sogenannten Kanonbildung eine unglaublich wichtige Rolle bei der Orientierung von Lesern und Schriftstellern. Sie zeigen, worauf es sich zu achten lohnt, welche Neuerscheinungen wichtig sind und welche nicht. Bis auf wenige Ausnahmen hat Kritik heutzutage kaum noch einen Platz, und dort, wo sie doch erscheinen kann, wird für gnadenlos wenig Geld große Arbeit erwartet. So bildet sich nur schwer eine neue Generation von Kritikern, denn es liegt nichts Anziehendes mehr darin. Es gibt nicht einmal mehr kratzige, fachliche Debatten."

Magazinrundschau vom 26.03.2019 - Magyar Narancs

Der Philosoph Mihály Vajda kommentiert aus der Sicht der Geisteswissenschaften die Umstrukturierung der Forschungsinstitute der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und ihre Eingliederung in ein hierfür erschaffenes Ministerium. "Allein über die Lage der Humanforschung wollte ich reden: über einen Zweig der Forschung, bei dem es lediglich in einer sehr abstrakten Bedeutung möglich ist, über 'Gewinnabwurf' zu sprechen. Nur dann nämlich, wenn die Herrschenden in der Lage sind, auch in anderen Kategorien zu denken als Geld und Macht. Genauer: Ich kann mir auch vorstellen, dass sie an die Geisteswissenschaften genau deshalb keine Gedanken verschwenden möchten, denn wenn diese tatsächlich 'Gewinn' bringen würden, wenn die Ergebnisse der Humanforschung von breiten Kreisen 'angeeignet' würden, dann wären die Menschen in der Lage kritisch zu denken, ihre Gedanken zu formulieren und zu äußern. Und vielleicht hätten sie auch - siehe da - Gedanken, welche die Machtinhaber kritisierten, und sie könnten diese Gedanken dann auch noch mit Argumenten untermauern. Damit es klar ist: Ich denke hierbei nicht an die Philosophie, sondern an alle Bereiche des Denkens, wo das Ergebnis nicht mal vom weitem eindeutig ist."

Magazinrundschau vom 19.02.2019 - Magyar Narancs

Der Cellist István Várdai ist seit Oktober Professor am Fritz-Kreisler-Institut in Wien. Mit der Wochenzeitschrift Magyar Narancs Várdai spricht er unter anderem über die Bedeutung musikalischer Grundausbildung "Ich verließ Ungarn, um die Welt zu sehen, Impulse zu sammeln und international Kontakte zu knüpfen. Andererseits wäre ich nie soweit gekommen, wenn ich nicht so gute musikalische Grundlagen und Traditionen gehabt hätte wie dies in Ungarn der Fall ist. Wenn ich in Deutschland begonnen hätte, ist es überhaupt nicht sicher, dass ich je diese Ebene erreicht hätte. In Deutschland ist die musikalische Ausbildung von den Anfängen bis zur Universität eine Katastrophe. Ab vierzehn Jahren kann nur derjenige bei guten Lehrern lernen, dessen Eltern die Privatstunden bezahlen können. In ganz Deutschland gibt es lediglich in Weimar und in Berlin nennenswerte musikalische Weiterbildung." Auch das ungarische Musikleben sieht Várdai durchaus kritisch: "Ungarn wäre dann das Land von Bartók und Kodály, wenn es an jeder Ecke einen Chor geben würde, wenn die Menschen in ihrer Freizeit singen und musizieren würden. Das Konzept von Kodály war, dass die Musik unabhängig vom Alter für jeden  wichtig und erreichbar gemacht wird."

Hier eine Kodaly-Aufnahme Vardais:

Magazinrundschau vom 05.02.2019 - Magyar Narancs

Der Regisseur György Pálfi (u.a. Taxiderimna) schätzt die Gefahr gering ein, dass von der Orban-Regierung in Auftrag gegebene historische Spielfilme erfolgreich für Propagandazwecke eingesetzt werden können: "Wenn ein Film als Propaganda funktionieren soll, muss er sehr gut sein. Ein schlechter Film erreicht sein Ziel nur schwer. Bloß weil irgendwo sechs Pferde rumhüpfen, werden die Zuschauer ihn noch nicht mögen, auch wenn es ein Film ist, auch wenn es historisch ist. Es ist unglaublich schwer, einen Film für politische Zwecke zu missbrauchen, wenn er nicht gut gemacht ist - weil er an unzähligen Stellen aus dem vorgesehenen Bedeutungsraum entgleisen kann. Ich kenne nur ganz wenige Beispiele für gute Propagandafilme in der Filmgeschichte. Jene Filmemacher, die fähig waren, auf Bestellung Filme zu machen, machten ebenso gute Autorenfilme: Eisenstein oder Leni Riefenstahl. Man muss auf einer Ebene mit Miklós Jancsó sein um etwas Ähnliches hinzubekommen wie "Sterne an den Mützen". Die Medien kann man wesentlich einfacher für Propagandazwecke verwenden."

Magazinrundschau vom 04.12.2018 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller György Dragomán, derzeit Stipendiat des Wissenschaftskollegs zu Berlin, zeigt im Gespräch mit József Kling keine Furcht vor dem viel beschworenen Ende des Lesens: "Die Buchstaben muss man noch nicht zu Grabe zu tragen. Viele Menschen lesen Literatur, wenn nicht in Buchformat, dann auf E-Book oder auf Facebook. Der Textträger ist gleichgültig. Ich halte es für wichtig, dass auch die Tageszeitungen Belletristik abdrucken. Was ist den heute aus einer alten Zeitung mit hoher Wahrscheinlichkeit verwertbar? Die Literatur. Wir schulden uns selbst, dass wir lesen, weil dies der einzige Weg ist, dem Königreich der Schwejkschen Dummen zu entkommen. Texte lehren denken und dass wir nicht der Lüge glauben sollen."
Stichwörter: Dragoman, György

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - Magyar Narancs

Nach heftigen Angriffen regierungsnahen Presse auf den Direktor des Petőfi Literaturmuseums (PIM), Gergely Prőhle, wurde dessen Vertrag durch den zuständigen Minister zum 1. November gekündigt. Ein Nachfolger wurde bis jetzt nicht benannt. Prőhle, der zuvor selbst in der Orban-Regierung als Staatssekretär gearbeitet hatte, wurde vorgeworfen, dass er zu viele "linksliberale Schriftsteller" eingeladen und damit Haushaltsmittel "zweckentfremdet" hätte. Auch hätte die Ausstellungen (im Zentrum der Kritik stand eine Ausstellung der ungarische Avantgarde mit Lajos Kassák, der sich selbst als Sozialist bezeichnete) nicht den "bei den Wahlen demonstrierten Volkswillen widerspiegeln". Der Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Kritiker Dénes Krusovszky erinnert daran, dass es beim PIM um viel mehr geht, als um die Einladung von vermeintlich falschen Gäste oder nicht linientreuen Ausstellungen: "Die institutionelle Arbeit des PIM deckt in Wahrheit den Reichtum der ungarischen schriftlichen Kultur ab - darum können Verwaltungsprobleme die gesamte Netzwerkstruktur erledigen. Einfacher gesagt, wenn das Literaturmuseum als Institution funktionsunfähig wird oder nur vor sich hinvegetiert, wird sich das auf die gesamte schriftliche Kultur Ungarns auswirken. Nicht, weil vielleicht unwürdige Schriftsteller und inakzeptable Ausstellungen die Räumlichkeiten des Károlyi-Palastes füllen werden, sondern weil die eigentliche Arbeit, die Forschung, die Aufarbeitung, Sammlung und Interpretation in Gefahr geraten wird - also alles, was wir Schriftlichkeit nennen. Die eine oder andere schlechte Lesung kann ertragen werden und auch ein Boykott - falls es soweit kommen sollte - ist nicht das Ende der Welt. Doch es wird problematisch, wenn hinter den Kulissen die Arbeit unmöglich wird."
Stichwörter: Ungarn, Krusovszky, Denes

Magazinrundschau vom 20.11.2018 - Magyar Narancs

Der Miteigentümer und Geschäftsführer des Verlags und der in Ungarn marktführenden Buchhändlerkette Libri, Bence Sárközy, spricht in einem Interview über die Rolle des Staates auf dem Büchermarkt und über mögliche staatliche Aufgaben im Literaturbereich: "Ob es der Qualität gut tun würde, wenn der Staat noch mehr in die Marktmechanismen eingreifen würde, ist eine andere Frage. Ein Attila József hat nicht in Wohlstand gewirkt (...). Es ist überhaupt nicht sicher, dass durch bedeutende staatliche Förderung großartige Bücher entstünden und diese dann irgendjemand kaufen würde. Eine ausgezeichnete Aufgabe für den Staat wäre aber, die Lesekultur am Leben zu erhalten, vor allem durch die Schulbildung. Aber auch sollte man den Leser nicht stigmatisieren. Es ist gleich, welchen Text er liest, Hauptsache er liest."
Stichwörter: Ungarn, Attila, Libri, Lesekultur

Magazinrundschau vom 02.10.2018 - Magyar Narancs

Im Interview mit Bence Kránicz spricht der Dichter, Schriftsteller und Kritiker József Keresztesi über die von der Regierung angekündigten Änderungen im Kultursektor. "Dieser ganze sogenannte 'Kulturkampf', der gerade abläuft, wäre vollkommen lächerlich, wenn er nicht aus Machtpositionen heraus befeuert würde. Vielleicht sollten wir gar nicht diesen Namen verwenden, denn es gibt hier keine sich streitende Standpunkte, nur zerstörerische Absicht, reine Provokation. Andererseits muss man sehen, dass 'die Jungs' Abschussfreigaben erteilen. Hier sind gleichzeitig die Stimmung der fünfziger Jahre und ihre Parodie präsent. ... Literatur erträgt langfristig lachend jeden Versuch, sie mit der Schere zurecht zu schneiden. (...) Literatur kann von allen Künsten am besten mit Angriffen umgehen. Institutionen aber können ernsthaften Schaden erleiden und dann entsteht eine Situation, die sich auf allen Beteiligten des literarischen Lebens auswirkt."