
Dirk Knipphals
denkt grundsätzlich über die
Arbeit von Jurys nach, die im Literaturbetrieb immer wichtiger werden. Knackpunkt, meint er, seien nicht Inkompetenz, Mauscheleien oder Ähnliches, sondern die ganz normalen
psychosozialen Dynamiken, die einen bei jeder Sitzung herumwerfen "wie in schwerer See": "Man selbst sitzt innerlich
bebend vor Hoffnung da, Gleichgesinnte zu finden, und stößt auf eine
Wand leerer Gesichter. Die Prozesse, die in einem solchen Moment, manchmal in Hochgeschwindigkeit, ablaufen, sind komplex. Man selbst hat vielleicht noch ein paar Sekunden Zeit, einen Rückzieher zu machen, indem man etwa auflacht und so etwas sagt wie: 'Versuchen kann man es ja mal.' Oder man entscheidet sich dazu, jetzt
eine Grundsatzdebatte vom Zaun zu brechen. Und die anderen Juroren können einen entweder auszugrenzen versuchen - möglicherweise hatte ein Juror mit einem noch
eine Rechnung offen - oder einem signalisieren, dass man sich, wie es in der auswärtigen Kulturpolitik heißt, zumindest darüber einig ist, sich in diesem Punkt nicht einig zu sein, und dass man vielleicht am einfachsten zum nächsten Punkt kommen sollte. Wenn das gelingt, hat der Vorfall wiederum einigen Juroren Gelegenheit geboten, sich
als Moderator zu profilieren - und wieder haben sich die Loyalitäten innerhalb der Jury ein Stück weit verschoben."
Elena Meilicke
schreibt in ihrer neuen Filmkolumne über die neuen
postpatriarchalen Fernsehserien, die mit den alten Frauen-Seiren mehr viel gemeinsam haben, und selbst mit modernen Serien wie "Girls". Die
Amazon-Serie "Transparent" zum Beispiel funktioniere als Mischung aus Gender-Seminar, Identitätsdiskurs und Tearjerker: "Die Serie ist
queer und jüdisch und sexy und intellektuell und Selbstverwirklichungs-Story und Familiensaga. Man kann auch sagen: 'Transparent' ist große amerikanische Erzählkunst der allergeschmeidigsten Art. Zusammengehalten werden die vielfältigen Interessen und weit auseinander liegenden Tonlagen von der flexiblen Passform des Melodrams, jener Gattung, die als 'Medienbastard' Handlung mit Musik verkoppelt (für Transparent extrem wichtig:
viel sentimentaler Folk, mit Bedacht ausgewählt und präzise platziert) und dabei auf schnelle Glückswechsel und
gesteigerte Affektivität setzt."