Magazinrundschau - Archiv

Merkur

240 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 24

Magazinrundschau vom 01.11.2016 - Merkur

Geradezu idealtypisch scheinen sich Elena Ferrante und Karl Ove Knausgard gegenüberzustehen, arbeitet die Frankfurter Literaturwissenschaftlerin Julika Griem in einem Text heraus, der eindeutig vor Ferrantes Outing in Druck ging. Unsichtbarkeit, Populärfeminismus und Melodram bei Ferrante, Omnipräsenz, männliche Selbstbehauptung und Monumentalität bei Knausgard. Andererseits haben sich beide sehr effektiv im Literaturbetrieb positioniert, kämpfen um die erzählerische Form und setzen auf epische Totalität: "Womöglich speist sich das heroische Versprechen, das Ferrantes und Knausgårds literarische 'Blauwale' für postheroische Zeiten bereithalten, aus zwei Quellen. Soziologisch gesehen könnte es sich gerade für die Generation angstbesessener und optimierungswilliger mittelalter Mütter und Väter als attraktiv erweisen, jenseits gegenwärtiger Ideologien von egalitärer Verhandel- und Vereinbarkeit konfliktfreudigere Möglichkeiten gesellschaftlicher Imagination zu entwickeln. Ästhetisch gesehen entfaltet sich in der mit Ferrante- und Knausgård-Lektüre wiedergewonnenen Zeit ein nahezu luxuriös wachsendes Nachbaruniversum, das in einem reizvollen Kontrast zu den kargen Interieurs der erzählten protestantischen und katholischen Welten steht."

Friedrich Wilhelm Graf versucht in seiner Religionskolumne außerdem den Schaden zu ermessen, den sich Benedikt XVI. und seine Getreuen mit den "Letzten Gespräche" zugefügt haben.

Magazinrundschau vom 04.10.2016 - Merkur

Dirk Knipphals denkt grundsätzlich über die Arbeit von Jurys nach, die im Literaturbetrieb immer wichtiger werden. Knackpunkt, meint er, seien nicht Inkompetenz, Mauscheleien oder Ähnliches, sondern die ganz normalen psychosozialen Dynamiken, die einen bei jeder Sitzung herumwerfen "wie in schwerer See": "Man selbst sitzt innerlich bebend vor Hoffnung da, Gleichgesinnte zu finden, und stößt auf eine Wand leerer Gesichter. Die Prozesse, die in einem solchen Moment, manchmal in Hochgeschwindigkeit, ablaufen, sind komplex. Man selbst hat vielleicht noch ein paar Sekunden Zeit, einen Rückzieher zu machen, indem man etwa auflacht und so etwas sagt wie: 'Versuchen kann man es ja mal.' Oder man entscheidet sich dazu, jetzt eine Grundsatzdebatte vom Zaun zu brechen. Und die anderen Juroren können einen entweder auszugrenzen versuchen - möglicherweise hatte ein Juror mit einem noch eine Rechnung offen - oder einem signalisieren, dass man sich, wie es in der auswärtigen Kulturpolitik heißt, zumindest darüber einig ist, sich in diesem Punkt nicht einig zu sein, und dass man vielleicht am einfachsten zum nächsten Punkt kommen sollte. Wenn das gelingt, hat der Vorfall wiederum einigen Juroren Gelegenheit geboten, sich als Moderator zu profilieren - und wieder haben sich die Loyalitäten innerhalb der Jury ein Stück weit verschoben."

Elena Meilicke schreibt in ihrer neuen Filmkolumne über die neuen postpatriarchalen Fernsehserien, die mit den alten Frauen-Seiren mehr viel gemeinsam haben, und selbst mit modernen Serien wie "Girls". Die Amazon-Serie "Transparent" zum Beispiel funktioniere als Mischung aus Gender-Seminar, Identitätsdiskurs und Tearjerker: "Die Serie ist queer und jüdisch und sexy und intellektuell und Selbstverwirklichungs-Story und Familiensaga. Man kann auch sagen: 'Transparent' ist große amerikanische Erzählkunst der allergeschmeidigsten Art. Zusammengehalten werden die vielfältigen Interessen und weit auseinander liegenden Tonlagen von der flexiblen Passform des Melodrams, jener Gattung, die als 'Medienbastard' Handlung mit Musik verkoppelt (für Transparent extrem wichtig: viel sentimentaler Folk, mit Bedacht ausgewählt und präzise platziert) und dabei auf schnelle Glückswechsel und gesteigerte Affektivität setzt."

Magazinrundschau vom 30.08.2016 - Merkur

In seinem bahnbrechenden Buch "Rückkehr nach Reims" erzählt und anlysiert Didier Eribon sehr selbstkritisch seine Flucht aus dem proletarischen Elternhaus in die schwule Pariser Intellektuellenszene. In einem sehr lesenswerten Text bewundert Dirck Linck, wie der in Queer Studies versierte Eribon aus dem unguten Gefühl der Scham eine politische Kategorie zu machen versucht: "In seinen linken Pariser Kreisen ist es weniger peinlich, schwul zu sein, als von armen Leuten abzustammen. Man ist für das Proletariat, aber selbstverständlich keine/r aus dem Proletariat. Eribon selbst ist seine Herkunft zeit seines Lebens derart unangenehm, dass er sie sogar vor engen Freunden verschweigt. Das hat mit einem Unterschied zwischen sozialem Aufstieg und Coming-out zu tun. Auf das Leben in der schwulen Welt ist niemand von Haus aus vorbereitet, hier existiert insofern Gleichheit, als alle voraussetzungslos lernen müssen, wie eine zugewiesene Identität verkörpert werden kann. Aufstieg aber bedeutet Eintritt in eine Welt, deren Regeln von jenen, die in sie hineingeboren wurden, längst verinnerlicht worden sind, während nur der Aufsteiger sie sich durch Nachahmung erst noch aneignen muss, was nie vollständig gelingt, weshalb sich für ihn die Scham der falschen Herkunft permanent erneuert. Mit der Scham über diese Scham beginnt Eribon sein Buch."

Jonathan Freedman huldigt dem Great American Songbook, dem die Gegenwartskultur nicht weniger als die Verbindung von Sprache, Dichtung und Demokratie verdanke.

Magazinrundschau vom 02.08.2016 - Merkur

Der Historiker David Kuchenbuch findet sich nicht mehr zurecht im globalen Koordinatensystem des Moralismus: Früher hat ihm seine Lehrerin was von hungernden Kindern in Afrika erzählt, heute kann er nicht mehr unterscheiden zwischen Gutmenschen und Foodies, zwischen Glokalismus, Selbstermächtigung und Hedonismus: "Mich persönlich nervt im Moment wenig so sehr wie der Glaube vieler Neuköllner Hipster, der Genuss guten - lies: auf tier- wie menschengerechte Weise hergestellten - Essens sei sozusagen schon die sprichwörtliche tägliche gute Tat. 'Was tue ich mir denn heute mal Gutes?' müsste deren Motto aber eigentlich heißen. Da können sie noch so viel Naomi Klein lesen."

Weiteres: Gertrude Lübbe-Wolff schreibt in ihrer Rechtskolumne über TTIP. Nur im Print widmet sich ein Schwerpunkt China.

Magazinrundschau vom 05.07.2016 - Merkur

Wie kann ein Flüchtling seine Ansprüche gegenüber einem Gemeinwesen durchsetzen, das ihn ablehnt? Christoph Menke greift in seiner Philosophiekolumne auf Hannah Arendts "Aporie der Menschenrechte" zurück, in der Arendt ein Recht auf Rechte einforderte, denn auch Menschenrechte seien nur Rechte, die dem Individuum vom Kollektiv gewährt würden: "Der Flüchtling will geschützt, versorgt, gepflegt, aufgenommen werden, das Gemeinwesen aber will sich und sein bisherigen Leben erhalten. Auch wenn das Gemeinwesen sich entschließen sollte, das, was der Ankömmling will, als dessen Recht zu betrachten, erwartet es daher, dass er für die Sicherung seiner Rechte mit Anpassung, mit Integration zurückzahlt. Gleich nach den Rechten kommen die 'Werte' - unsere Werte, die der Andere von uns übernehmen soll, um hier mitmachen zu dürfen. Mit dem Recht auf Rechte ändert sich die Situation radikal. Der Flüchtling sagt nicht mehr: Ich will oder brauche das oder jenes (und habe als Mensch ein Recht darauf). Der Flüchtling sagt jetzt: Ich bin (bloß als Mensch) ein Mitglied, ein sozialer Teil, ein Teil des Sozialen."

Außerdem: Andreas Eckert setzt zu einer Kritik am afrikanischen Mode-Theoretiker Achille Mbembe an, belässt es dann aber doch bei vorsichtigen Einwänden und einer Ermunterung zu mehr innovativer Analyse und weniger raunender Wortakrobatik.

Magazinrundschau vom 21.06.2016 - Merkur

Leider immer noch nicht online, aber inzwischen doch etwas diskutiert ist Hannelore Schlaffers Essay über den Romanisten und SS-Hauptsturmführer Hans Robert Jauß. Darin verteidigt sie ihren einstigen Mentor, man könnte fast sagen, nicht trotz, sondern wegen seiner NS-Tugenden. Sie preist Denkkraft, Pflichtbewusststein und Disziplin des "sicheren Manns": "Die Kritik an Jauß geht davon aus, dass Männer immer genau zu wissen haben, was gut ist und was böse. Der junge Jauß, der von Nazi-Lehrern erzogen worden war, hätte, so urteilen seine heutigen Richter, die nie der Gefahr der Verführung durch eine Ideologie ausgesetzt waren, schon zu wissen gehabt, was gut sei und was böse. Ich hingegen bekam, was er in der Schule gelernt hatte, was ihm antrainiert worden war und ihn heute schuldig erscheinen lässt, im Deutschland nach dem Krieg zu spüren und habe es als Wohltat empfunden. Damit bin ich nicht allein: Das ganze Land hat ja, als es die Männer nach dem Zusammenbruch des 'Dritten Reichs' wieder beschäftigte, die Erziehung zu den verbrecherischen Idealen und Tugenden des NS-Staats für sich und für den Aufstieg der Demokratie in Deutschland genutzt, um ein Land einzurichten, in dem es sich gut leben lässt. Es ist ein traurge Wahrheit: Aus guten Nazideutschen wurden gute Bundesdeutsche."

Im Tagesspiegel hat der Romanist Albrecht Buschmann auf den Text reagiert: "Die hervorstechende Qualität der Jauß'schen Nachwuchsschmiede sei ihre Vermittlung militärischer Prinzipien gewesen. Da fällt es nur noch am Rande in Gewicht, dass er weder im Krieg noch im Kolloquium 'Mannschaft' war und auch nicht, wie es bei Schlaffer heißt, 'einer der namhaften Zeugen jener dunklen Phase der deutschen Geschichte'. Jauß war nicht Mitläufer oder einfacher Soldat: Er war Täter, als Ausbilder auch für Rassenkunde wie als hochdekorierter Frontoffizier."

Magazinrundschau vom 07.06.2016 - Merkur

Österreich hält nicht nur ein bisschen an seinem höfischen Zeremoniell fest, erklärt Peter Stachel, das ganze Land wird parafeudal regiert, mit den Parteien als absolutem Souverän und dem Staat als ihrem Besitz: "Der Umgang der Bürger mit diesem System ist in der Theorie distanziert und ablehnend, in der Praxis pragmatisch bis zynisch: Wer die Möglichkeit sieht, die Rahmenbedingungen für seine Zwecke zu nutzen, tut dies ohne schlechtes Gewissen; wo diese Möglichkeiten nicht bestehen, wird das System als ungerecht kritisiert. Der Aufstieg der FPÖ ab Mitte der 1980er Jahre verdankte sich wesentlich dem Umstand, dass es Parteichef Jörg Haider gelang, seine Partei erfolgreich als Alternative zu diesem politischen System der von ihm so genannten 'Altparteien' SPÖ und ÖVP zu präsentieren; unterstützt wurde diese Selbstvermarktungsstrategie paradoxerweise auch dadurch, dass die Massenmedien des Landes sich in teilweise fast hysterischer Form einhellig gegen Haider positionierten."

Matthias Dell fällt auf, wie herablassend die deutsche Kritik über Ai Weiwei berichtet, seit er nicht mehr in China lebt und Pekings Politik angreift, sondern die westliche Flüchtlingspolitik. Ob das etwas mit Dissidenz und Konformität zu tun hat? "Ais Suche nach einer neuen Rolle unter veränderten Vorzeichen fällt vermutlich auch deshalb schwer oder wird von Teilen der hiesigen Kritik mit Ignoranz quittiert, weil diese Suche zum einen der Kritik selbst ihren Platz streitig machen würde. Zum anderen macht sie sichtbar, dass es bei einem Transfer wie dem von Ai - von China nach Deutschland, von der Repression in die Freiheit - zu Übersetzungsschwierigkeiten kommt. Dissidenz ist keine Kategorie, in der Künstlertum hierzulande gedacht würde."

Magazinrundschau vom 03.05.2016 - Merkur

Worüber sprechen wir, wenn wir über Gegenwartskunst sprechen? Nach dem Besuch der Biennalen in Venedig und Istanbul 2015 und einer Berliner Veranstaltung in diesem Jahr versucht Robin Detje eine Antwort: "In ihren schlimmsten Momenten liest sich die Selbstdarstellung von Enwezors Kunstbiennale wie Psychopharmakawerbung in einer Ärztezeitschrift. Im japanischen Pavillon hängen Hunderte Schlüssel von der Decke, an leuchtenden roten Bändern, ein knalliges Gespinst. Im britischen Pavillon hat Sarah Lucas ihre Arbeiten Jeff-Koonshaft zu glänzenden gelben Riesensmartiewürsten glattpoliert: Kunst, die ihre eigene Zweitverwendung als hochauflösende Illustration schon mitdenkt. Kunst, die sofort überwältigt. Kunst, die ihren eigenen Schlüssel mitliefert. Kunst, die der Werbung Konkurrenz macht, mit ihrem eigenen Selbstmarketing eins wird. Daneben Kunst, die dem Journalismus Konkurrenz macht, der Schule und der Universität, der Revolution, dem Vier-Sterne-Restaurant, der Haute Couture. Werke, die sich sofort nützlich machen möchten, hundertprozentig funktionalisierbar, Druck der Aufmerksamkeitsökonomie. Eine Schau der Selbstenträtselungsversuche, hundert Wege zum Selbstverlust."

Außerdem: Der Autor Per Leo denkt anlässlich einer Konferenz des Philosophischen Seminars der Universität Siegen über die "Schwarzen Hefte" Martin Heideggers, die in einer Debatte über die Frage mündete, was genau denn mit dem Begriff Nationalsozialismus gemeint sei, über den Unterschied zwischen Historikern und Philosophen nach.

Magazinrundschau vom 01.03.2016 - Merkur

Haben Menschen mit niederer Gesinnung auch schlechten Geschmack? Warum sieht man Architekten nie in ihren eigenen Entwürfen leben, dafür über Leidenschaft und Intelligenz, Strenge und Spiel schwärmen? Viele Fragen drängen sich Christian Demand auf zur Beziehung von Design und Charakter: "Glossing, auf Hochglanz bringen, so nennt der amerikanische Ethnologe Keith M. Murphy diese in Zeitschriften wie AD meisterlich vorgeführte Amalgamierung der Wertwelt ambitionierter Produktgestaltung mit der anderer kreativer Felder wie Kunst, Architektur, Film, High-End-Gastronomie und Luxusbrands. Es ist eine der vielen Techniken zur Nobilitierung und Auratisierung von Designobjekten, denen Murphy in seiner Studie über den öffentlichen Umgang mit Design in Schweden nachgeht, einem Land, in dem der Glaube an eine natürliche Verbindung von guter Gestaltung und guter Gesinnung - Murphys prägnante Formel dafür lautet 'the morality of goods' - eine ebenso lange Tradition hat wie in Deutschland."

Patrick Bahners macht noch einmal Einwände gegen die kommentierte Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" geltend, wobei ihm vor allem die Singularitätsrhetorik des federführenden Instituts für Zeitgeschichte gegen den Strich zu gehen scheint: "Der Glaube an die Gegenzaubermacht der Wissenschaft ist der rote Faden der Arbeit des IfZ."

Magazinrundschau vom 02.02.2016 - Merkur

Nicht-Wissen ist in der digitalen Kultur nahezu unmöglich geworden, schreibt Andreas Bernhard und sieht damit nicht nur Liebeskomödien um den Quell ihrer literarischen Erfindung gebracht. Verwechslungen oder heimlicher Rollentausch sind nur noch um den Preis technologischer Rückständigkeit zu haben - oder des Rauchs: "Die sozialen Netzwerke und Dating-Apps nötigen ihre Nutzer inzwischen zur Echtheit und Einheitlichkeit der Profile. Die bewährte Triebfeder der Filmhandlung ist also blockiert - und es ist vor diesem Hintergrund konsequent, dass der größte Komödienerfolg der letzten Jahre, die 'Hangover'-Trilogie, mit einem Total-Blackout der Helden nach durchzechter Nacht beginnen muss. Wenn das Web 2.0 die Wissenslücken im alltäglichen Handeln der Figuren stopft, bleiben nur noch Alkohol und Drogen, um die unerlässlichen Amnesien herbeizuführen, die Verwicklungskomödien am Laufen halten."

Christian Demand setzt der erwartungsgemäß schnell wieder abgeklungenen Aufregung um die Bronze-Pferde aus Hitlers Reichskanzlei ein Plädoyer für eine heitergelassene Umcodierung entgegen.