Magazinrundschau - Archiv

Merkur

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Magazinrundschau vom 09.05.2017 - Merkur

Martin Burckhardt schreibt eine kleine Geschichte der Digitalisierung, in welcher der Computer kein Medium ist, sondern eine immaterielle Kathedrale, eine kollektiv und über Generationen hinweg errichtete Architektur. "Meine Computergeschichte beginnt in dem Augenblick, da sich das 18. Jahrhundert unter Strom setzt - und ein Gebilde in die Welt entlässt, das man als 'Humanprozessor' bezeichnen könnte. Die Geschichte ist schnell erzählt: Im Jahr 1746 versammeln sich, unter der Leitung des Abbé Nollet, gut sechshundert Mönche auf einem Feld im Norden Frankreichs und verkabeln einander mit Eisendraht. Als der Kreis geschlossen ist, berührt der Versuchsleiter eine Antenne, die aus einem wassergefüllten Behälter herausragt. Und was passiert? Alle Mönche beginnen zu zucken. Mutet dieses Setting wie eine spiritistische Séance im Großformat an, so handelt es sich doch um eine klassische, cartesianische Versuchsanordnung. Man hatte mit der Leydener Flasche den Kondensator entdeckt und wollte nun wissen, wie schnell sich das elektrische Fluidum bewegt."

Beim Blick in die Fotodatenbank befällt Günther Hack eine profunde Schwermut - ein Gefühl, dem er in einem großen (auf ZeitOnline zugänglich gemachten) technikphilosophischen Merkur-Essay über die Melancholie der Digitalfotografie nachgeht. Die Software wird gegenüber dem Bild zunehmend übergriffig, beobachtet er - das liegt nicht nur an der Datenfülle der Meta-Tags, die die Fotos, für das menschliche Auge zunächst unsichtbar, stillschweigend begleiten und es nach äußeren Parametern fixieren, sondern auch daran, wie Codec-Optimierungen dafür sorgen, dass die digitalen Rohdaten der Bilder immer noch besser ausgelesen werden: Das Bild selbst wird nie in einen fertigen Endzustand überführt. "Der Ort der Meisterschaft in der Fotografie liegt nicht mehr auf den Straßen des Garry Winogrand, sondern in den Softwarestudios. Barthes' Empfindung 'So ist es gewesen' wird verdrängt von einem 'Genau zu diesem Zeitpunkt ist es gewesen', an diesem Ort. Es geht um eine Emotionalität, um eine Melancholie, die nicht mehr aus dem Sehen hervorgeht, sondern aus dem Rechnen. Vor wie vielen Jahren war das? Wie alt bin ich gewesen? Wie lange ist das her? Oft dämpfen die Metadaten die Wucht eines Bilds, betten es ein in die Oberflächen der Archivsoftware wie in vergoldete barocke Rahmen: So mag es gewesen sein, aber im Inneren des Fotoapparats geschah auch noch das und das und das. Der entscheidende Moment ist aufgehoben, das Bild gekapselt, in Watte eingepackt, unschädlich gemacht. Die Metadaten der Bilddateien sind ambivalent, wie das Geld bei Georg Simmel. Sie isolieren, ermöglichen aber zugleich ganz neue Verbindungen."

Außerdem: In ihrer Filmkolumne betrachtet Elena Meilicke Eric Edelmans oscarprämierte Dokumention "O.J.: Made in America" als achtstündige Studie des amerikanischen Lebens, aber auch als Höhe- und Endpunkt der Saga um O.J. Simpsons Aufstieg, um Rassismus, Mord und Freispruch. Und Danilo Scholz und Adam Tooze verteidigen die technokratische Politik der EU gegen den Soziologen Wolfgang Streeck.

Magazinrundschau vom 04.04.2017 - Merkur

Was soll nach dem Brexit nur aus Nordirland werden?, fragt Pól Ó Dochartaigh, der die irische Teilung mit der deutschen vergleicht und die irisch-nordirische Grenze eigentlich nur innerhalb der EU praktikabel findet: "Seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 zwischen London und Dublin kann jeder Nordire die doppelte Staatsbürgerschaft für sich reklamieren, muss aber nicht zwei Pässe haben, weder in Großbritannien noch in Irland sind Personalausweise eingeführt worden. Meine in Belfast lebenden Eltern sind im eigenen Land wohnhafte doppelte Staatsbürger mit irischem Pass. Ihre probritischen Nachbarn mit britischem Pass werden als britische Staatsbürger anerkannt, die ebenfalls im eigenen Land wohnen. Wie soll man da per Ausweis das Recht zur Ein- und Ausreise kontrollieren, wenn eine 'harte (EU)Grenze' entsteht?"

Der Zürcher Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach plädiert für eine Trennung von Politik und Bildung und kann auch der Forderung nach mehr Engagement und Teilnahme wenig abgewinnen: "Werden die ungebildeten Köpfe aktiv (fromm zu glauben, es gäbe davon nur wenige), wird das demokratische Ethos teilweise dramatisch auf seine Tauglichkeit geprüft. Es wäre also insgesamt besser, wenn jene, die nichts von Politik verstehen, sich auch nicht zu heftig um sie kümmern."

Magazinrundschau vom 28.02.2017 - Merkur

Wir leben jetzt im Anthropozän. Klimawandel, Verschmutzung der Meere und Verlust der Artenvielfalt summieren sich nicht nur zu einer ökologischen Megakrise, sondern zu einem neuen erdgeschichtlichen Zeitalter. Eva Horn findet das gut. Nur wenn wir Epochenumbruch anerkennen, können wir Mensch und Zukunft neu denken: "Das kann einerseits bedeuten, sich - wie Biologen, Klimawissenschaftler oder auch Paläontologen - noch einmal völlig neu Gedanken über den Menschen als Spezies zu machen, eine Spezies, die ihre ursprünglichen Existenzbedingungen 'in der Mitte der Nahrungskette' zwischen Großraubtieren und Kleinsäugern innerhalb kürzester Zeit so umfassend verändert hat, dass sie nun die Lebensbedingungen fast aller anderen Lebewesen beeinflusst und nicht selten bedroht. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung würde erklären, warum weder der Mensch selbst noch die Ökosysteme sich dem neuen Status des Homo sapiens als dominanter Spezies evolutionär haben anpassen können. Es kann andererseits auch bedeuten, den Menschen nicht mehr als Krone der Schöpfung zu verstehen, sondern als Teilnehmer an Netzwerken sehr unterschiedlicher Handlungsträger, die Pflanzen, Tiere, Landschaften, Ressourcen, Atmosphären und Dinge umfassen."

Magazinrundschau vom 07.02.2017 - Merkur

Der große Nachteil des Geldes ist, dass es keinen abnehmenden Grenznutzen hat: Man kann also nie genug von ihm bekommen, hält Werner Plumpe fest, der mit Simmel, Luhmann und Co über das Geld nachdenkt. Die Verteufelung einer von Gier getriebenen Welt geht aber eigentlich fehl, meint Plumpe: "Die wirtschaftshistorische Forschung legt im Gegenteil nahe, dass berechnendes Verhalten und Hartherzigkeit in der älteren Welt der großen Knappheit und der prekären Existenz sehr viel weiter verbreitet waren als in den  Zentren des gegenwärtigen Kapitalismus, in denen der relative Überfluss zu einer Art materieller Entlastung und dadurch auch zu größeren Handlungsspielräumen geführt hat. Es wäre ziemlich absurd, die Beschwörungen einer geldgequälten Welt mit der Realität zu verwechseln, zumal derartige Verhältnisse in den eigenen Lebenserfahrungen, im Freundeskreis und im Alltag doch gerade nicht die Regel sind: Wessen Freunde sind schon berechnend und geldgierig?"

Dirk Baecker denkt über Heiner Müllers Diktum nach, dass die Aufgabe der Kunst darin besteht, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.

Magazinrundschau vom 03.01.2017 - Merkur

In einem sehr persönlichen Text erzählt der Politikwissenschaftler Ahmet Cavuldak eindrücklich, wie er mit seiner kurdisch-alevitischen Familie nach Deutschland kam, auf die Hauptschule verfrachtet wurde und erst als deutscher Meister im Kickboxen genügend Selbstbewusstsein fand, um die ganze angesammelte Hilflosigkeit zu überwinden. Zehn Jahre lang musste sich die Familie von einem hessischen Asylbewerberheimen zum nächsten schleppen, von Hattersheim nach Gersheim nach Fulda: "Dort ging die kulturelle Schocktherapie in eine neue Runde; wieder lebten Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern, ja Kontinenten auf engstem Raum zusammen und warteten gebannt auf eine erlösende Nachricht von den Behörden, die ihnen ein Leben in Sicherheit und Freiheit bescheren könnte. Eine Art stumme Gewalt wohnte den Verhältnissen inne. Die Menschen konnten sich anderen nicht mitteilen, auch kaum bewegen; das Leben war wie stillgelegt. Die Blicke und Bilder von Menschen, die voneinander nichts anderes wussten, als dass sie im Leben kein Glück hatten und vor ihrem Schicksal fliehen mussten, wie es in einer anatolischen Redewendung heißt, haben sich mir damals eingeprägt. Lediglich das Gefühl der Hilflosigkeit konnte unter den Flüchtlingen eine Art Solidarität stiften; nur vereinzelt gingen daraus Freundschaften hervor, Konflikte und Reibungsverluste waren hingegen öfter an der Tagesordnung."

Eva Behrendt schreibt über die Sehnsucht nach Authentizität im Theater.

Magazinrundschau vom 13.12.2016 - Merkur

Nur gut findet es Danilo Scholz, wenn es im Feuilleton hoch hergeht. Dass dabei aber bisweilen recht unpräzise und unkundig auf den französischen Poststrukturalisten herum gehackt wird, stößt ihm dennoch auf, wie er im Blog des Merkur in aller Ausführlichkeit darlegt: Beispiel Derrida, dessen différance in der NZZ als Ursache für "Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit und Terrorismus" herhalten muss: "Derrida war durchaus ein Kritiker gewisser Formen der Vernunft", hält Scholz dem entgegen, "aber dann sollte man hinzufügen, dass diese Kritik sich als Fortsetzung der kritischen Arbeit Kants verstand, der gegen die metaphysischen Auswüchse des Vernunftbegriffs bei Leibniz und Wolff zu Felde zog. Die différance bezeichnet dabei eine Spannung zwischen der Endlichkeit unserer Erfahrung und der Unendlichkeit des Vernunfthorizonts, die angenommen werden muss, aber niemals ein für alle Mal begründet werden kann. Derridas Philosophie ist ein Appell, diese Spannung nicht aus den Augen zu verlieren und die Vernunft vor ihrer Entstellung zu bewahren, die droht, wenn Rationalität zu einem metaphyischen Objekt überhöht wird. Von diesem Appell findet sich bei Dobrowski keine Spur. Was bleibt, ist die 'Schlinge eines masochistischen Skeptizismus'. Schlimmer noch: Philosophen nach Derrida fühlten 'sich befreit von der Pflicht, nach der Wahrheit zu suchen', weil fortan 'alles Mögliche Wahrheit repräsentieren' könne. Dabei dispensiert sich Dobrowski ohne Umschweife selbst von der Pflicht, nach der Wahrheit eines Werks zu suchen, das er ablehnt. Es würde nicht überraschen, wenn Derrida auch dafür die Verantwortung übernehmen muss."

Magazinrundschau vom 06.12.2016 - Merkur

Gerade wird der russische Schriftsteller Andrej Platonow mit aller Macht wiederentdeckt. Für Roman Widder ist er genau der Richtige in Zeiten von IS, Pegida und den Separatisten im Donbass: Platonow war in der jungen Sowjetunion ein aufstrebender Ingenieur und glühender Kommunist, bis Stalin ihn als "talentierten Schriftsteller, aber Pack" denunzierte. Dabei war das fehlende Klassenbewusstsein ein zentrales Thema in Platonows Werken, betont Widder, gerade sein großer Roman "Tschewengur" erzählt, wie verheerend es sei, wenn sich "die Übrigen" erheben, die Proletarisierten ohne Klassenbewusstsein: "Der Hass macht schon bei Platonow die Hässlichkeit der Übrigen aus. Ihre Hässlichkeit ist aber auch Ausdruck einer beharrlichen Verleugnung existierender Klassenkämpfe in den Augen der Betrachter. Der Hass und die von uns zugerechnete Hässlichkeit bilden gemeinsam die empirische Oberfläche eines verschobenen Klassenkampfs ohne Klassenbewusstsein... Nachdem schon das Ende der Geschichte ausgerufen wurde, erfahren wir heute, wie unheimlich formlos die Zeit nach einem solchen Ende ist. Auch hier dürfen wir 'Platonow' lesen, denn in Tschewengur sagt er sehr klar, was übrig bleibt, wenn 'die Geschichte längst zu Ende' ist: 'ein zwischenmenschliches Zerstampfen'."

Die Zeitschrift Osteuropa widmet Platonow übrigens ihre gesamte neue Ausgabe. Unter anderem schreibt Serhij Zhadan darin: "Platonov hat mit der Sprache das gemacht, was die Bolschewiki, grob gesagt, mit dem Marxismus gemacht haben: Er hat das Theoriematerial genommen und es einfach zerschlagen, umgestülpt, den Wörtern und Sätzen die Gelenke herausgeschraubt, die Theorie ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt, sie überhaupt jeglicher Bedeutung beraubt."

Im Merkur konstatiert außerdem Stefan Krankenhagen nach Gerhard Richters "Birkenau"-Ausstellung im Frieder Burda Museum lapidar, dass Auschwitz "keine Fragen und keine Forderungen" mehr an die Kunst zu stellen scheint.

Magazinrundschau vom 01.11.2016 - Merkur

Geradezu idealtypisch scheinen sich Elena Ferrante und Karl Ove Knausgard gegenüberzustehen, arbeitet die Frankfurter Literaturwissenschaftlerin Julika Griem in einem Text heraus, der eindeutig vor Ferrantes Outing in Druck ging. Unsichtbarkeit, Populärfeminismus und Melodram bei Ferrante, Omnipräsenz, männliche Selbstbehauptung und Monumentalität bei Knausgard. Andererseits haben sich beide sehr effektiv im Literaturbetrieb positioniert, kämpfen um die erzählerische Form und setzen auf epische Totalität: "Womöglich speist sich das heroische Versprechen, das Ferrantes und Knausgårds literarische 'Blauwale' für postheroische Zeiten bereithalten, aus zwei Quellen. Soziologisch gesehen könnte es sich gerade für die Generation angstbesessener und optimierungswilliger mittelalter Mütter und Väter als attraktiv erweisen, jenseits gegenwärtiger Ideologien von egalitärer Verhandel- und Vereinbarkeit konfliktfreudigere Möglichkeiten gesellschaftlicher Imagination zu entwickeln. Ästhetisch gesehen entfaltet sich in der mit Ferrante- und Knausgård-Lektüre wiedergewonnenen Zeit ein nahezu luxuriös wachsendes Nachbaruniversum, das in einem reizvollen Kontrast zu den kargen Interieurs der erzählten protestantischen und katholischen Welten steht."

Friedrich Wilhelm Graf versucht in seiner Religionskolumne außerdem den Schaden zu ermessen, den sich Benedikt XVI. und seine Getreuen mit den "Letzten Gespräche" zugefügt haben.

Magazinrundschau vom 04.10.2016 - Merkur

Dirk Knipphals denkt grundsätzlich über die Arbeit von Jurys nach, die im Literaturbetrieb immer wichtiger werden. Knackpunkt, meint er, seien nicht Inkompetenz, Mauscheleien oder Ähnliches, sondern die ganz normalen psychosozialen Dynamiken, die einen bei jeder Sitzung herumwerfen "wie in schwerer See": "Man selbst sitzt innerlich bebend vor Hoffnung da, Gleichgesinnte zu finden, und stößt auf eine Wand leerer Gesichter. Die Prozesse, die in einem solchen Moment, manchmal in Hochgeschwindigkeit, ablaufen, sind komplex. Man selbst hat vielleicht noch ein paar Sekunden Zeit, einen Rückzieher zu machen, indem man etwa auflacht und so etwas sagt wie: 'Versuchen kann man es ja mal.' Oder man entscheidet sich dazu, jetzt eine Grundsatzdebatte vom Zaun zu brechen. Und die anderen Juroren können einen entweder auszugrenzen versuchen - möglicherweise hatte ein Juror mit einem noch eine Rechnung offen - oder einem signalisieren, dass man sich, wie es in der auswärtigen Kulturpolitik heißt, zumindest darüber einig ist, sich in diesem Punkt nicht einig zu sein, und dass man vielleicht am einfachsten zum nächsten Punkt kommen sollte. Wenn das gelingt, hat der Vorfall wiederum einigen Juroren Gelegenheit geboten, sich als Moderator zu profilieren - und wieder haben sich die Loyalitäten innerhalb der Jury ein Stück weit verschoben."

Elena Meilicke schreibt in ihrer neuen Filmkolumne über die neuen postpatriarchalen Fernsehserien, die mit den alten Frauen-Seiren mehr viel gemeinsam haben, und selbst mit modernen Serien wie "Girls". Die Amazon-Serie "Transparent" zum Beispiel funktioniere als Mischung aus Gender-Seminar, Identitätsdiskurs und Tearjerker: "Die Serie ist queer und jüdisch und sexy und intellektuell und Selbstverwirklichungs-Story und Familiensaga. Man kann auch sagen: 'Transparent' ist große amerikanische Erzählkunst der allergeschmeidigsten Art. Zusammengehalten werden die vielfältigen Interessen und weit auseinander liegenden Tonlagen von der flexiblen Passform des Melodrams, jener Gattung, die als 'Medienbastard' Handlung mit Musik verkoppelt (für Transparent extrem wichtig: viel sentimentaler Folk, mit Bedacht ausgewählt und präzise platziert) und dabei auf schnelle Glückswechsel und gesteigerte Affektivität setzt."

Magazinrundschau vom 30.08.2016 - Merkur

In seinem bahnbrechenden Buch "Rückkehr nach Reims" erzählt und anlysiert Didier Eribon sehr selbstkritisch seine Flucht aus dem proletarischen Elternhaus in die schwule Pariser Intellektuellenszene. In einem sehr lesenswerten Text bewundert Dirck Linck, wie der in Queer Studies versierte Eribon aus dem unguten Gefühl der Scham eine politische Kategorie zu machen versucht: "In seinen linken Pariser Kreisen ist es weniger peinlich, schwul zu sein, als von armen Leuten abzustammen. Man ist für das Proletariat, aber selbstverständlich keine/r aus dem Proletariat. Eribon selbst ist seine Herkunft zeit seines Lebens derart unangenehm, dass er sie sogar vor engen Freunden verschweigt. Das hat mit einem Unterschied zwischen sozialem Aufstieg und Coming-out zu tun. Auf das Leben in der schwulen Welt ist niemand von Haus aus vorbereitet, hier existiert insofern Gleichheit, als alle voraussetzungslos lernen müssen, wie eine zugewiesene Identität verkörpert werden kann. Aufstieg aber bedeutet Eintritt in eine Welt, deren Regeln von jenen, die in sie hineingeboren wurden, längst verinnerlicht worden sind, während nur der Aufsteiger sie sich durch Nachahmung erst noch aneignen muss, was nie vollständig gelingt, weshalb sich für ihn die Scham der falschen Herkunft permanent erneuert. Mit der Scham über diese Scham beginnt Eribon sein Buch."

Jonathan Freedman huldigt dem Great American Songbook, dem die Gegenwartskultur nicht weniger als die Verbindung von Sprache, Dichtung und Demokratie verdanke.