
Martin Burckhardt
schreibt eine kleine Geschichte der
Digitalisierung, in welcher der Computer kein Medium ist, sondern eine
immaterielle Kathedrale, eine kollektiv und über Generationen hinweg errichtete Architektur. "Meine Computergeschichte beginnt in dem Augenblick, da sich das 18. Jahrhundert unter Strom setzt - und ein Gebilde in die Welt entlässt, das man als '
Humanprozessor' bezeichnen könnte. Die Geschichte ist schnell erzählt: Im Jahr 1746 versammeln sich, unter der Leitung des Abbé Nollet, gut
sechshundert Mönche auf einem Feld im Norden Frankreichs und verkabeln einander mit Eisendraht. Als der Kreis geschlossen ist, berührt der Versuchsleiter eine Antenne, die aus einem wassergefüllten Behälter herausragt. Und was passiert? Alle Mönche beginnen zu zucken. Mutet dieses Setting wie eine
spiritistische Séance im Großformat an, so handelt es sich doch um eine klassische, cartesianische Versuchsanordnung. Man hatte mit der Leydener Flasche den Kondensator entdeckt und wollte nun wissen, wie schnell sich das
elektrische Fluidum bewegt."
Beim Blick in die
Fotodatenbank befällt Günther Hack eine profunde Schwermut - ein Gefühl, dem er in einem großen (auf
ZeitOnline zugänglich gemachten) technikphilosophischen
Merkur-Essay über die
Melancholie der Digitalfotografie nachgeht. Die Software wird gegenüber dem Bild zunehmend übergriffig, beobachtet er - das liegt nicht nur an der Datenfülle der Meta-Tags, die die Fotos, für das menschliche Auge zunächst unsichtbar, stillschweigend begleiten und es nach äußeren Parametern fixieren, sondern auch daran, wie Codec-Optimierungen dafür sorgen, dass die digitalen Rohdaten der Bilder immer noch besser ausgelesen werden: Das Bild selbst wird nie in einen fertigen Endzustand überführt. "Der Ort der Meisterschaft in der Fotografie liegt nicht mehr auf den Straßen des Garry Winogrand, sondern in den
Softwarestudios. Barthes' Empfindung 'So ist es gewesen' wird verdrängt von einem 'Genau zu diesem Zeitpunkt ist es gewesen', an diesem Ort. Es geht um eine Emotionalität, um eine Melancholie, die nicht mehr aus dem Sehen hervorgeht, sondern aus dem
Rechnen. Vor wie vielen Jahren war das? Wie alt bin ich gewesen? Wie lange ist das her? Oft dämpfen die Metadaten die
Wucht eines Bilds, betten es ein in die Oberflächen der Archivsoftware wie in vergoldete barocke Rahmen: So mag es gewesen sein, aber im Inneren des Fotoapparats geschah auch noch das und das und das. Der entscheidende Moment ist aufgehoben, das Bild gekapselt, in Watte eingepackt,
unschädlich gemacht. Die Metadaten der Bilddateien sind ambivalent, wie das Geld bei Georg Simmel. Sie isolieren, ermöglichen aber zugleich
ganz neue Verbindungen."
Außerdem: In ihrer Filmkolumne
betrachtet Elena Meilicke
Eric Edelmans oscarprämierte Dokumention "O.J.: Made in America" als achtstündige Studie des amerikanischen Lebens, aber auch als Höhe- und Endpunkt der Saga um
O.J. Simpsons Aufstieg, um Rassismus, Mord und Freispruch. Und Danilo Scholz und Adam Tooze verteidigen die technokratische Politik der EU gegen den Soziologen
Wolfgang Streeck.