Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 12.01.2004 - New York Times

"Die Charaktere geniessen unsere Aufmerksamkeit, aber nicht unsere Sympathie." Distanziert interessiert könnte man Kathryn Harrisons Haltung zu "The Stranger at the Palazzo d'Oro" (erstes Kapitel) nennen, dem 25. Buch von Paul Theroux (mehr). Vier Geschichten, in denen die Protagonisten um Lust, Verführung und Verderben kreisen. "Die untreue Hausfrau, die Mittag-Sex mit dem Milchmann hat; der Priester, der kleine Kinder bezahlt, damit sie ihn berühren; die behaarte Nonne, die eine versteckte Sadistin ist; der reiche Mann, der stirbt, indem er sich mit seiner Hermes-Krawatte an dem Türgriff seines Lexus aufhängt (...) Jeder von ihnen verschafft dem Leser ein Stück festes Terrain in einer Erzähllandschaft, in der er sonst stolpern könnte."

"Literary Occasions", eine Auswahl kritischer Essays von N.S. Naipaul (mehr) der vergangenen 40 Jahre hat Lynn Freed großes Vergnügen bereitet. "Hinter dem Werk - als eine Art Treibstoff - steckt etwas was man Wut nennen könnte. Es ist die Art Impuls, die Art von bedingungslosem Drang, mit der Sprache zur Wahrheit durchzudringen."

In ihrer wunderbaren Last-Word-Kolumne denkt Laura Miller diesmal über die berüchtigte Schreibblockade und ihre weniger bekannte Schwester Hypergraphia (Schreibzwang) nach. Eine Kur hat sie auch schon, zumindest fürs Erstere. "Denken Sie sich ein grandioses, langfristiges, weltveränderndes Projekt aus wie den guten alten 'Großen Amerikanischen Roman'". Und schon wird alles Andere ein Kinderspiel.

Aus den weiteren Besprechungen: Auf den Titel hat es Anne Tyler (mehr) mit "The Amateur Marriage" (erstes Kapitel) geschafft. William Pritchard hält den Roman, in dem Tyler das Auf- und Ab eines Paares von 1941 bis 2001 verfolgt, für ihr "bisher ehrgeizigstes Werk". Stephen Orgel hat drei neue Bücher über Shakespeare gelesen und ist beeindruckt, wie alle Verfasser es schaffen, dem bekannten Sujet noch etwas Originelles abzugewinnen. Etwas undurchsichtig urteilt James Traub über William Shawcross' polemische Rechtfertigung für den aggressiven außenpolitischen Kurs der USA. "Allies" sei ein wichtiges Buch, nicht so sehr wegen dessen, was der eigentlich liberale Internationalist Shawcross das so geschrieben habe, "sondern dass er es überhaupt geschrieben hat".

Außerdem in dieser inhaltsreichen Ausgabe ein Porträt über Franco Moretti: Der Professor für vergleichende Literaturwissenschaft in Stanford scheint ein wenig der Mann der Stunde zu sein. In Italien bringt er eine fünfbändige neuartige Enzyklopädie des Romans heraus (die FAZ berichtete neulich). In den USA und Britannien macht er durch ein dezidiertes Plädoyer für quantitative Methoden in der Literaturwissenschaft von sich reden, das er in der New Left Review veröffentlichte (mehr hier und hier).

Im New York Times Magazine porträtiert Peter Maass den offensichtlich brillantesten neuen Kopf der Kriegsforschung, Major John Nagl, selbst Veteran des ersten Golfkriegs, der dann in Oxford studierte und sich auf das jetzt im Irak so aktuelle Thema des Counterinsurgency spezialisierte. (Zwei Essays von Nagl hier. Hier sein Buch.)

Magazinrundschau vom 05.01.2004 - New York Times

Im zarten Alter von 22 Jahren hat Stephen King (mehr) seinen Riesenroman "The Dark Tower" (erstes Kapitel) begonnen, und Andrew O'Hehir freut sich schon auf die letzten beiden Bände, die bald veröffentlicht werden sollen. Der dritte Teil "Wolves of the Calla" jedenfalls hat ihn beeindruckt, mal abgesehen von einigen wagnerianischen Palaverpasssagen. "'The Dark Tower' ist ein wahrhaft ehrgeiziges Werk: King versucht verschiedene Stile populärer Erzählungen zu verweben, von der Artus-Legende über die Western von Sergio Leone bis hin zu apokalyptischer Science-Fiction. Darüber hinaus strebt er an, aus den einzelnen Teilen seiner Romane ein einziges Universum zu schaffen (oder ein Gebilde aus ineinanderübergreifenden Universen), und in gewisser Weise alle Geschichten, bekannte und unbekannte, in einer Meistererzählung zu verbinden, die die ganze Schöpfung umfasst." Wenn's weiter nichts ist.

Was sind das für Zeiten, seufzt Samantha Power, wenn der regierungskritische Noam Chomsky (mehr) und "Alleserklärer'" zum wahrscheinlich meistgelesenen Amerikaner in Sachen Außenpolitik avanciert. Auch in seiner neuen Polemik "Hegemony or Survival" übertreibt Chomsky wieder einmal ungehemmt, findet Power, sein Plädoyer für mehr internationale Zusammenarbeit aber kann sie nur unterschreiben.

Adam Hochschild hat Daniel Bergners Reportageband über die Nachwehen des Bürgerkriegs in Sierra Leone ("In the Land of Magic Soldiers") nachhaltig beeindruckt, besonders der Text über den südafrikanischen Söldner, der Dörfer beschießt, um von seinem Lohn anschließend Wundheilzentren zu finanzieren. Im Aufmacher lobt Brad Leithauser eine von Grace Schulman herausgegebene Kollektion der Gedichte von Marianne Moore (mehr hier und hier), die sehr schön zeige, wie Moores "direkte Art sich dem Ornamentalen, Exotischen und der Moral öffnet". Sven Birkert gefällt an Thomas Mallons humorigen Roman "Bandbox" (erstes Kapitel) über den Kampf zweier New Yorker Magazine in den Zwanzigern ganz besonders, dass die guten Jungs am Ende die Mädchen bekommen. Timothy A. Hacsi hat wirklich nichts auszusetzen an drei hervorragenden Analysen des maroden amerikanischen Schulsystems, nur praktikable Lösungsvorschläge sucht er vergeblich.

Magazinrundschau vom 29.12.2003 - New York Times

James Joyce, soll ein französischer Journalist einmal gesagt haben, wird einmal nur noch als Vater seiner Tochter Lucia bekannt sein. So ist es nicht gekommen, aber immerhin hat Carol Loeb Shloss der talentierten und glücklosen Lucia Joyce eine gleichnamige Biografie gewidmet. Hermione Lee hält das Unterfangen an sich für anerkennenswert, die Umsetzung ist ihr aber oft zu subjektiv-spekulativ und ganz auf die Preisung der vergessenen Tochter ausgerichtet. "Die einzigen Charaktere, die ungeschoren davongekommen und Lucia, die völlig romantisiert wird (wir hören nicht viel über ihren schiefen Blick - na ja - und ihr haariges Kinn), und - überhaupt - Joyce. Dies ist keine Geschichte über den Missbrauch eines Kindes sondern über Liebe und kreative Intimität. Und selbst wenn Sie, wie ich, Shloss' festen Glauben, dass Lucia das andere Ich ihres Vaters war, nicht teilen, werden Sie doch auf ihre Gegenwart aufmerksam, wenn Sie etwa 'Finnegans Wake' lesen - eine pathetische, durchsichtige Figur, die durch die Seiten des Buchs ihres Vaters huscht."

Warum der famose Sammy Davis Jr. (mehr) im Gegensatz etwa zu Frank Sinatra postum überhaupt nicht mehr präsent ist, versteht Gary Giddins dank zweier Biografien (Leseprobe 1, Leseprobe 2) über den großen Entertainer jetzt besser - "die eine blümerant und herausfordernd, die andere trocken und bewundernd".

Aus den weiteren Besprechungen: Stephen Prothero untersucht in seinem Buch "American Jesus", wie Jesus zu einem so schillernden amerikanischen Nationalsymbol werden konnte, und Michael Massing findet das recht anregend. Wenn Außerirdische sich mit Hilfe der beiden Kurzgeschichtensammlungen von Richard Bausch (Leseprobe) und Ron Carlson ein Bild machen müssten vom amerikanischen Mann, würden sie denken, "er wäre verträumt, gepeinigt von seinen Fehlern und reuevoll ob seiner Isolation", schreibt Sven Birkerts etwas pikiert. Schließlich darf Elisabeth Robinsons Roman mit dem schönen Titel "The True and Outstanding Adventures of the Hunt Sisters" nicht unerwähnt bleiben, wegen des Titels, des Lächelns der Autorin und des Lobs von Emily Nussbaum.

Das New York Times Magazine erinnert an bemerkenswerte Leben, die 2003 endeten. Dazu gehören Sergio Vieira de Mello, die größte Hoffnung der Vereinten Nationen, der in Bagdad starb, Edward Said, der Countrysänger Johnny Paycheck und "der deutsche James Dean" Horst Buchholz.

Magazinrundschau vom 22.12.2003 - New York Times

Die norwegische Journalistin Asne Seierstadts hat mit "The Bookseller of Kabul" (Leseprobe auf Englisch und auf Deutsch) einen internationalen Bestseller und das erfolgreichste norwegische Sachbuch überhaupt geschrieben. Auch Richard McGill Murphy (mehrrühmt es als die bisher "intimste Beschreibung einer afghanischen Familie" aus der Feder einer westlichen Journalistin. Seierstadt sei trotz einiger faktischer Nachlässigkeiten eine "scharfe und oft lyrische Beobachterin des häuslichen Lebens in Afghanistan". Der porträtierte Buchhändler, berichtet er, klagt mittlerweile gegen die Autorin. Seierstadt hat ihn nämlich als häuslichen Tyrann porträtiert. Das ist er auch, meint unser Rezensent, aber zugleich ist er auch ein liberaler Intellektueller, der die afghanische Literatur gegen Kommunisten und Mujaheddin verteidigt und dabei sein Leben riskiert hat.

Aus den restlichen Besprechungen: Als "fast kunstlose Prosa" feiert Boris Fishman den Erzählband "There are Jews in My House" (erstes Kapitel): Lara Vapnyar schildert in ihrem Debüt in "hyperrealistischer" Art und Weise und aus kindlicher Perspektive das absurd-unverständliche Leben in der Sowjetunion. Als packenden Lesestoff empfiehlt Daniel Mendelsohn den Pompeii-Thriller (erstes Kapitel) von Robert Harris, in der bewährten Mischung aus historischer Fakten und dramatischem Gespür. Schon wieder ein Buch über Ted Hughes und Sylvia Plath, seufzt Daphne Merkin über Diane Middlebrooks "Her Husband", sie hat sich dann aber doch fesseln lassen. Michael Janeway fällt nicht ein, warum wir die neue Roosevelt-Biografie (Leseprobe) des britischen Pressemoguls Conrad Black lesen sollten. Im Gegensatz dazu hat sich Wendy Smith beim Lesen von "The Lady and the Unicorn", dem neuen Roman von Tracy Chevalier, flugs in den unschuldig-verführerischen Hauptdarsteller Nicolas des Innocents verliebt.

Magazinrundschau vom 15.12.2003 - New York Times

Einen Einblick in die aktuelle Diskussion der amerikanischen Geschichte gibt der Historiker Gordon S. Wood, wenn er gleich fünf neue Bücher über die Gründergestalten der USA bespricht. Die Sklaverei war das lange verdrängte Fundament der jungen Republik, schließt Wood aus der Lektüre. Gore Vidal etwa hat "auf der Suche nach der Herkunft dieser Gründerväter seinen üblichen sarkastischen Spaß mit der Gründung der Nation und durchsetzt seine Geschichte mit einigen geistreichen Kommentaren über unsere gegenwärtigen furchtbaren Umstände", notiert er. Und Henry Wienceks "ehrliche und mitreißende Studie über George Washington und die Sklaverei macht aus Washington einen weitaus traditionelleren Südstaatenfarmer als wir es bisher zugeben wollten." Einige erste Kapitel und alle Buchangaben hier.

David Lipsky kritisiert an der von Rick Bragg geschriebenen offiziellen Autobiografie ("I Am a Soldier, Too") der Irakkriegs-Ikone Jessica Lynch, dass man ihr zu sehr anmerke, unter welchem Zeitdruck sie geschrieben worden ist (erstes Kapitel). Interessanter sei vielmehr, wie Lynch sich seit dem Erscheinen gegen die Glorifizierungs- und Verleumdungsversuche der Presse wehrt. "Originell, ehrgeizig, komplex und bewegend" findet Neil Gordon Pat Barkers Roman "Double Vision" über eine frisch verwitwete Künstlerin und ihren neuen finsteren Assistenten (erstes Kapitel). James McCourt beschreibt in "Queer Street" den Aufstieg eines Landeis in die Creme de la Creme der homosexuellen Künstlerkreise im New York der Fünfziger und Sechziger. Und Maureen N. McLane gefällt diese schillernde, originelle, wenn nicht gar "mandarin-artige" Kulturgeschichte.

Magazinrundschau vom 08.12.2003 - New York Times

David Kelly kann den in der Art einer Oral History erstellten offiziellen Band zur Geschichte der Monty Pythons ("The Pythons") wärmstens empfehlen. Beinahe hätte es die Serie ja nie gegeben, weiß er jetzt: "Bevor 'Monty Python's Flying Circus' im Oktober 1969 erstmals auf Sendung ging, beschwerte sich der Chef der Abteilung 'light entertainment' bei seinem Direktor: 'Hören Sie, Sie müssen wegen dieser Show etwas unternehmen. Sie ist einfach nicht lustig. Es ist nicht lustig, wenn ein Mann aus dem Meer steigt, Richtung Kamera läuft und sagt: 'Es ...'". (Hier gibt es einige Original-Drehbücher zu Python-Sketchen).

Herauszuheben wäre noch Adrian Nicole LeBlancs "Random Family", ein Reportagenband über das Leben zweier puerto-ricanischer Mädchen in der Bronx, über den Margaret Talbot schwärmt: "Dieses Buch hat zehn Jahre Entstehungszeit gebraucht, und es kann gut und gerne zehn Jahre Lektüre vertragen." "Kohärent, ausgewogen und unterhaltend" findet Robert Gottlieb Nancy Reynolds and Malcolm McCormicks Geschichte des Tanzens der vergangenen hundert Jahre. Und als so spannend und atmosphärisch wie lange nicht mehr lobt Patricia T. O'Conner den neuesten Adam-Dalgliesh-Detektivroman von P. D. James. Vorgestellt werden außerdem die besten Bücher des Jahres.

Im New York Times Magazine porträtiert Samantha M. Shapiro die jungen Leute, die den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Howard Dean unterstützen.

Magazinrundschau vom 01.12.2003 - New York Times

Wir suchen die hundert besten Deutschen, Charles Murray die weltweit besten Wissenschaftler, Weisen und Künstler. Zuckersüß zerreißt Judith Shulevitz Murrays Versuch ("Human Accomplishment", erstes Kapitel), "diese großen Männer (und manchmal auch Frauen) danach zu bewerten, wie viele Spalten die Herausgeber der Enzyklopädien ihnen gewidmet haben". Das Ergebnis dieser "objektiven" Methode ist klar. "Der Westen hat die größte Anzahl an wichtigen Beiträgen zur Erkenntnis und Kunst hervorgebracht, und tote weiße Männer waren kreativer als die tote weibliche Minderheit."

Paul Austers Thema ist "das lebendige Wesen von Geschichten - Geschichten die sich auf sich selbst in endloser Mehrdeutigkeit zurückbiegen, wie Möbiusbänder", notiert Stacey D'Erasmo ganz verzaubert angesichts von "Oracle Night" (erstes Kapitel). Ein Schriftsteller, dem nichts mehr einfällt, bekommt ein exotisches Tagebuch in die Hände, das ihn mit neuen literarischen Impulsen versorgt. Allerdings verschwindet er selbst als Autor, je mehr er davon in sich aufnimmt. "Chandler meets Borges", resümiert D'Erasmo entzückt.

John Updikes "Early Stories" (Exzerpt), ein Band mit Erzählungen von 1953 bis 1975, enthüllen für Cynthia Ozick einen Künstler, der nichts verloren gibt, für den das Sehen mit den feinsten Wendungen der Sprache verknüpft ist". In den Himmel lobt David Warsh Clintons Finanzminister Jack Rubin, der in seinem "Juwel von einem Buch" ("In an Uncertain World", erstes Kapitel) seine damals exerzierte Rubinomics erklärt. "Die Anhäufung von purem Talent in den Beamten des Wirtschaftssektors der Clinton-Regierung dieser Jahre ist wirklich erstaunlich." Allen, die noch Fragen über Gründe, Taktiken und mögliche Folgen des Irak-Kriegs beantwortet haben wollen, empfiehlt Michael Lind Todd S. Purdums "A Time of Our Choosing", das auf der Berichterstattung der New York Times basiert. Dazu gibt es ein Interview mit Purdum zum Anhören.

Zu guter Letz tein Gedicht, "Filling the Cavity With Crumbs", von Susan Kinsolving. Ein Auszug:

"My almost-ex overcooked cranberries until/
they exploded across his shirt like a machine gun,/
proving him, the victim."

Magazinrundschau vom 24.11.2003 - New York Times

Schön zu lesen ist Max Byrds sanft-grausamer Verriss des ersten Romans eines amerikanischen Ex-Präsidenten, "Hornet's Nest" (erstes Kapitel) von Jimmy Carter. "Schreib über das, was du kennst, so wird dem Schriftsteller in spe immer geraten. Jimmy Carter weiß viel über Politik, Schreinern, und, wie sich herausstellt, eine gewaltige Menge über amerikanische Geschichte." Carters Südstaatendrama wird aber nicht besser, wenn seitenlange "leicht grundlose" Dialoge nach und nach durch "oberlehrerhafte" Lektionen in Geschichte ersetzt werden. "Die meisten Leser wird das Buch interessieren, weil Jimmy Carter es geschrieben hat. Und weil ein Erstlingsroman fast immer ein mehr schlecht als recht getarntes Selbstporträt ist."

''Was zählt, ist wie wir fühlen, wie wir sehen, was wir tun nach dem Lesen; ob die Straßen und Wolken und die Existenz der Anderen uns irgendetwas bedeuten; ob das Lesen uns - körperlich - lebendiger macht." Margo Jefferson hat für ihre Kolumne eine offensichtlich wunderschöne Verteidigung des richtigen Lesens entdeckt: "So Many Books: Reading and Publishing in an Age of Abundance'' des mexikanischen Dichters Gabriel Zaid.

Aus den weiteren Besprechungen: Das wunderhübsche Cover bezieht sich auf die Besprechung von Robert K. Massies "Castles of Steel" über die Marine-Hochrüstung Deutschlands und Großbritanniens vor dem Ersten Weltkrieg (erstes Kapitel). Der große Mario Vargas Llosa (mehr) schwächelt in letzter Zeit etwas, stellt Richard Eder nach der Lektüre von "The Way to Paradise" ungerührt fest. Von den beiden Geschichten über Paul Gauguin und Flora Tristan kann ihn nur letztere halbwegs überzeugen. Gnädiger ist A. O. Scott mit Tobias Wolffs Prosaerstling "Old School" (erstes Kapitel): Besonders interessant findet der Rezensent, wie der selbst so uneitle Schriftsteller die narzisstischen Untiefen des Autorendaseins auslotet. Jenny Uglow äußert sich zudem recht angetan über Robert Hughes' (hier ein Interview zum Hören) große Studie des düsteren Malergenies "Goya" (erstes Kapitel).

Im New York Times Magazine  prangert Harriet McBryde Johnson die "Behinderten-Gulags" in den Vereinigten Staaten an. Gemeint sind staatlich geförderte Institutionen, die sich um Alte und Behinderte kümmern, diese aber gleichzeitig wie Gefangene behandeln. Matt Bai hat Senator John Edwards und sein Team beim Wahlkampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur beobachtet. Jennifer Eagan liefert einen zehnseitigen Artikel über die Liebe im Zeitalter des Internets. Unter der wunderbaren Überschrift "The People's Game" beschreibt Jeff Coplon die Zukunft des Basketballs: chinesische Spieler.

Magazinrundschau vom 17.11.2003 - New York Times

"Anführer terroristischer Gruppen scheinen generell viel jüngere, attraktive und unterwürfige Frauen zu haben, die ihre Ansichten unterstützen". Nur eine der Erkenntnisse, die Isabel Hilton aus Jessica Sterns ''Terror in the Name of God" gezogen hat. Im Ernst: Stern hat für ihren Bericht über vier Jahre lang mit religiösen Terroristen gesprochen, mit jüdischen, christlichen und muslimischen Extremisten, gewaltbereiten Abtreibungsgegnern und Bewunderern von Timothy McVeigh, und hat entdeckt, wie viel sie gemeinsam haben. Stern offeriert keine Lösungen, schreibt Hilton, aber bietet immerhin einen "seriösen und provokativen" Auftakt für eine Diskussion.

Warum kürt die Schriftsteller-Jury des National Book Award jedes Jahr so unsägliche Bücher, fragt sich Laura Miller in ihrer Kolumne. Es liegt wohl an den Autoren, die als Juroren eine "institutionelle Perversität" zu entwickeln scheinen.

"Russlands erste Popikone und literarischer Superstar war ein nervöses Wrack und eine brennende Lunte", stellt John Leonard nach der Lektüre der "großartigen" Puschkin-Biografie (erstes Kapitel) von T. J. Binyon sichtlich beeindruckt fest. Recht begeistert ist auch Brent Staples über "Living to Tell the Tale" (erstes Kapitel), den ersten Band der Memoiren von Gabriel Garcia Marquez, eine "reichhaltig erzählte, wundervoll detaillierte Geschichte". Abwarten, meint Michael Upchurch zu "The Shadow King", dem zweiten Teil von Jane Stevensons historischer Trilogie. Bis zum abschließenden Urteil gebe es als Pausenfüller immerhin "gelegentliche Freuden".

Magazinrundschau vom 10.11.2003 - New York Times

Holden Caulfield auf Ritalin (mehr): Sam Sifton kann seine Begeisterung über "Vernon God Little" nicht verbergen. Einen "gefährlichen, gewieften, lächerlichen und sehr lustigen" Erstling habe der geheimnisvolle Autor unter dem Pseudonym DBC Pierre (Gewinner des Man Booker Prize 2003) da abgeliefert. Vernon Gregory Little, dessen bester Freund 16 Mitschüler und dann sich selbst erschossen hat, wird zur Zielscheibe der Lust nach Vergeltung in seiner Stadt. "Die Schreibe ist einfach unglaublich. Es gibt da eine zerissene Punk-Rock-Empfindsamkeit in Pierres Stil, die wirklich einzigartig ist. Natürlich ist 'Vernon God Little' kein perfekter Roman. Das will er auch gar nicht sein. Es ist ein Aufschrei satirischen Protests", findet Sifton. "Holden Caulfield hätte Vernon Little gemocht, besonders wenn er Zugang zu einer Packung Ritalin gehabt hätte."

Einen gewaltigen Verriss fährt sich Martin Amis (mehr auf Deutsch oder im Original) mit seinem neuen Roman "Yellow Dog" ein. Die Parodie um einen Mann, der nach einen Schlag auf den Kopf zum Lüstling wird, angereichert mit einem schmierigen Boulevardjournalisten und dem neuen König von England, veranlasst Walter Kirn zu einer recht ungnädigen Diagnose. "Wenn die heimliche Freude am Negativen dem aufrichtigen Drang zum Pedantischen weicht, dann erreicht der Satiriker die Grenzen seines Genres."

Weiterer Artikel: Ethan Bronner stellt zwei Werke zur Gründungsgeschichte Israels vor, die die von jungen israelischen Historikern attackierte Größe der Gründergeneration wiederherstellen wollen, dabei aber nicht als wissenschaftliche Studien missverstanden werden dürften. "Es sind Polemiken, aber von der intelligenten Sorte." Adrian Frazier findet offensichtlich auch den zweiten Teil von R. F. Fosters Yeats-Biografie großartig (hier eine schöne Seite zu Leben und Werk des Dichters). Dickes Lob auch von Terrence Rafferty an Peter Carey für "My Life as a Fake", einen virtuosen Stilmix mit einem wundervollen, perversen Dreh: ein literarischer Scherz erwacht zu echtem Leben und übertrifft seinen Schöpfer.

Im New York Times Magazine geht's diesmal fast ausschließlich um Film. Rob Walker schildert ein Imageproblem der Oscars: Sie werden zu elitär. Das schlimmste Jahr war 1997. Die ausgezeichneten Filme - "The English Patient", "Sling Blade", "Shine", "Fargo", "Breaking the Waves", "Secrets and Lies" - hatte kaum jemand gesehen. Quentin Tarantino und Brian Helgeland (L.A. Confidential) plaudern übers Drehbuchschreiben. A. O. Scott erklärt, warum Steven Spielberg - Godards Spott zum Trotz - der größte lebende amerikanische Filmregisseur ist. Lynn Hirschberg stellt Tim Burtons neuen Film vor: "Big Fish" - mit viel Dialog und Albert Finney in der Hauptrolle. Daphne Merkin erklärt uns, was die Kamera in Cate Blanchett sieht. Und Maria Ruffo beschreibt Jude Laws Verwandlung in "a thoughtful woman's idea of a leading man".