Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 15.04.2002 - New York Times

Schwer hat's die Rezensentin gehabt mit Jonathan Safran Foers Debütroman "Everything Is Illuminated" (hier eine Leseprobe nebst Audiolesung des Autos). Erst hat sie vor lauter Lachen über die Abenteuer eines amerikanophilen Ukrainers als Reiseführer für amerikanische Juden auf den Spuren ihrer russischen Vorfahrem ständig den Faden verloren, dann musste sie unbedingt ihre Freunde anrufen und ihnen aus diesem großartigen Buch vorlesen. "Not since Anthony Burgess's novel 'A Clockwork Orange' has the English language been simultaneously mauled and energized with such brilliance and such brio." Was für ein Lob! Und Francine Prose hat noch mehr davon: "Indeed, one of the book's attractions is its writer's unusually high degree of faith in the reader's intelligence ... The humor ranges from jokes that are, alas, too dirty to be quoted here to the loftiest literary allusions; Foer has so much energy that he doesn't care if we get all the jokes, whether we know that he is paraphrasing Heinrich von Kleist or if we pause to follow the zany logic of a rabbi's bawdy sermon comparing the glass partition separating his male and female congregants to the division between heaven and hell."

Walter Kirn hat einen neuen Band (Leseprobe "Everything's Eventual") mit größtenteils bereits im New Yorker und in anderen Publikationen erschienenen Stories von Stephen King als Chance gelesen, den Autor neu zu sehen. Nachdem Kirn notiert hat, King teile seine Geschichten auf in "the literary stories and the all-out screamers", erklärt er, "the screamers are better". Satz für Satz sei aber der Künstler am Werk, und es sei "womöglich wahr, dass Kings Prosa unterbewertet werde". Allerdings hat Kirn mitunter das Gefühl, King fülle seine Seiten in einem Parforceritt. Ist das also Literatur? "It's best not to ask that question. The moment you think you know the answer, you don't."

Ferner in der Review: Das Buch einer Menschenrechtsexpertin über US-Politik im Zeitalter des Genozids (hier ein Audiointerview mit der Autorin), ein dicker Essayband, der philosophische, theologische und wissenschaftliche Perspektiven auf den Neo-Kreationismus versammelt, und ein kurzer, kenntnisreicher Traktat über die Zukunft der Robotik (Auszug "Flesh and Machines"). Margo Jefferson schließlich stellt schwedische Krimis vor, in denen die "cops" so schön stoisch und melancholisch sind.

Magazinrundschau vom 08.04.2002 - New York Times

"Im Gegensatz zur westlichen Unterstellung, dass Kreativität Freiheit braucht, scheint die russische Wissenschaft am besten funktioniert zu haben, als die Bedingungen am schlechtesten waren", konstatiert Loren Graham in seiner Rezension von Richard Louries Buch "Sakharov - A biography" (mehr hier). "Subtil und aufschlussreich", nennt Graham das Buch, in dem er lernte, das es für Sacharow "extrem schwer war, den Stalinismus abzuwerfen, und dass er wie viele seiner Kollegen seine größten wissenschaftlichen Leistungen vollbrachte, als er noch in Stalins Knechtschaft stand." In der New York Times darf man das erste Kapitel dieser Biografie lesen.

Voll des Lobes ist auch F. Gonzalez-Crussi, ein Pathologe, über das Buch eines Arztes (und Medizin-Journalisten für den New Yorker): Atul Gawandes "Complications - A Surgeons's Notes on an Imperfect Science". "Fehlbarkeit", "Rätsel" (Mystery) und "Ungewissheit" sind die Klippen, die Ärzte demnach umschiffen müssen, und Gonzalez-Crussi ist begeistert, mit welcher Genauigkeit und Bescheidenheit Gawande diese Klippen beschreibt: "Am meisten genoss ich als Pathologe das Kapitel 'Final Cut', indem Gawande mit bewunderungswürdiger Ehrlichkeit erklärt, dass menschliche Hybris für den Niedergang der Autopsie-Ergebnisse verantwortlich sei. Ärzte glauben heute mit ihrer High-Tech-Medizin, dass ihnen keine Diagnose fehl gehen kann - dabei zeigen neue Studien, dass 40 Prozent der in einer Autopsie erkannten Anomalien beim lebenden Patienten gar nicht entdeckt wurden. Ein Drittel davon sind so bedeutend, dass sie die Therapie verändert hätten, wenn man sie rechtzeitig erkannt hätte." Scheint wirklich ein ehrlicher Arzt zu sein. Hier darf man einen Auszug lesen - und man muss sagen, er lohnt sich, wirklich seltsame Geschichte, die Gawande da erzählt.

Weiteres: Von aktuellem Interesse ist gewiss das Buch "Revenge - A Story of Hope" von Laura Blumenfeld. Es erzählt, wie sie mit ihren Rachegefühlen fertig wurde, nachdem ihr Vater von einem palästinensischen Terroristen angeschossen worden war - sie hat unter anderem auch Kontakt zur Familie des Terroristen aufgenommen: Blake Eskin (der selbst übrigens ein Buch über die Wilkomirski-Affäre publiziert hat) ist in seiner Rezension interessiert, aber auch skeptisch: "Individuelles Mitleid lässt sich nicht in politische Annäherung verwandeln. Und dass die Blumenfelds und die Khatibs zusammen weinen, wird Jahrzehnte des Hasses im Nahen Osten nicht beenden." Ein Interview mit Blumenfeld haben wir in Salon gefunden. Das erste Kapital darf man in der NY Times lesen.

Besprochen werden außerdem Edna O'Briens neuer Roman "In the Forest", ein Band mit Briefen von Gershom Scholem, der Krimi "Looking for Chet Baker" von Bill Moody und Andy Bellins Buch "Poker Nation", das nicht nur die Geschichte dieses Kartenspiels erzählt, sondern auch handfeste Tipps zu geben scheint.

Magazinrundschau vom 02.04.2002 - New York Times

David Davidar, Chef von Penguin India, hat einen Roman geschrieben, den jetzt HarperCollins herausbringt. Akash Kapur nennt "The House of Blue Mangoes" (hier eine Leseprobe) "a polished and accomplished book that shows little of the typical hesitancy or overwriting of first novels ... an ambitious effort that represents something of a throwback to an earlier movement in Indian literature, before the minimalism that has been fashionable of late, when authors like Salman Rushdie and Vikram Seth painted vast tableaus that portrayed the stories of individuals even as they allegorized the nation." Fein, meint Kapur, verrät uns aber auch, woran das Buch krankt: Beim Versuch, dem westlichen Leser schwergewichtige indische Themen - "The struggle between family and society, the often violent obligations of tradition, the dislocations of history" - nahezubringen, werde der Autor allzu oft zum Fremdenführer - "the narrative is drowned by a surfeit of explanation aspirations."

Dass die Koexistenz von Journalisten und Politikern durchaus eine friedliche sein kann, findet Ben Macintyre in einem Buch Frank Brunis bestätigt (Auszug "Ambling Into History"). Für die N.Y. Times begleitete Bruni die Präsidentschaftskampagne George W. Bushs und entdeckte den Menschen im Kandidaten. Andere Bücher mögen Bushs politische Philosophie, seinen Platz in der Geschichte analysieren, schreibt Macintyre. "This, by contrast, is a book about what America's president is like: his personality and predilections, manners and mannerisms, temper and tastes. This is history as anecdotage - a collection of the 'small moments' that parallel the larger events - and seeks to make human sense of Bush ... it forms a fascinating if unfinished portrait of a complicated and in some ways elusive man."

Außerdem in der Review: Eine Sammlung mit Short-Stories der 85-jährigen Edith Templeton (Auszug "The Darts of Cupid"), gleich drei Bücher über Baseball, darunter eine literarische Anthologie mit Texten u.a. von Richard Ford, Robert Frost und William Carlos Williams (dazu gibt es auch eine Audio-Diskussion zu Thema "Mein liebstes Baseballbuch"), und der Boox-Comic warnt vor der Gruppendenken-Herdenmentalität des "One City, One Book"-Projekts.

Magazinrundschau vom 25.03.2002 - New York Times

Ein Romandebüt, und was für eins! staunt Kent Tucker über Marc Estrins "Insect Dreams" (hier das erste Kapitel). Jeder kennt Kafkas "Verwandlung", aber wer weiß schon, was aus Gregor Samsa wirklich geworden ist. Eine Popstar nämlich: "Estrin propels the wriggly, six-legged Samsa through the first half of the 20th century, where he has vigorous verbal encounters with, among many others, Ludwig Wittgenstein, Robert Musil, Charles Ives and Albert Einstein. Samsa becomes a pop-culture sensation - 1920's flappers bend their limbs to a new dance, 'the Gregor.'" Tucker bewundert den Witz, mit dem Estrin schließlich die gesamte Weltgeschichte um seinen gepeinigten Helden herum konstruiert: "(Samsa) contributes to the World War II effort, for which he is given an appropriately small, dank office in the basement of the White House by Franklin D. Roosevelt." Welch ein Schabenleben! Oder etwas in der Art jedenfalls. Eleanor Roosevelt, so erfahren wir, "presaging the concept of political correctness, refers gently to Gregor as a 'roach person'".

Die erste wirklich kluge Darstellung der Clinton-Ära hat William Kennedy entdeckt. Dabei ist, was Joe Klein in "The Natural" (hier die Leseprobe und ein Audio-Interview mit dem Autor) zusammenträgt, eigentlich gar nichts Neues. Das Buch sei bloß lesbarer als alles, was bisher zu Clinton erschienen sei, schreibt Kennedy, "dense but tight, funny, adroitly written". Und obgleich Kennedy in dem Autor unschwer einen enttäuschten "Clintonian" ausmacht, spürt er doch auch die Ehrfurcht Kleins vor diesem Menschen, "for unlike the haters, he sees past the negatives". Deutlich zu erkennen etwa in der Darstellung der Lewinsky-Affäre: "Klein suggests Clinton was a scapegoat, personifying pathologies of his society to relieve guilt so that change could happen."

Außerdem in der Review: Politische und literarische Essays (u.a. zu Rilke und Handke) des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen William H. Gass (Auszug "Tests of Time"), drei Benimmbücher, die uns Etikette lehren wollen, allerdings eher von dieser Art: "In live theater, it is ... unacceptable to attempt to speak to the actors, even though they can hear you." Im Close Reader schließlich plädiert Judith Shulevitz für religiöse Ellbogenfreiheit und findet, Religion muss absolut nichts Steriles sein.

Magazinrundschau vom 18.03.2002 - New York Times

Seit den frühen 90er Jahren verfolgt der Journalist Steven Emerson die Spuren islamischer Fundamentalisten auf US-amerikanischem Boden. Was er darüber jetzt in seinem Buch "American Jihad" (Leseprobe) zu Papier gebracht hat, ist für Ethan Bronner zwar "kein Meisterstück" - so gibt Bronner in seiner Besprechung zu Bedenken, dass z.B. die Attacken vom 11. September das Werk von "foreign-based terrorists" gewesen seien und es keinen Beweis gebe für Verbindungen zu den islamischen Einrichtungen in den USA, die Emerson für Terrorzellen halte -, den von Emerson gesammelten Daten wünscht er aber dennoch mehr Aufmerksamkeit. "Emerson may not be a scholar, and he may sometimes connect unrelated dots. He may also occasionally be quite wrong. But he is an investigator who has performed a genuine service by focusing on radical Islamic groups in this country. His information should be taken seriously -- just not at face value."

Knapp 1500 Seiten hat der Paläontologe und Evolutions-Revolutionär Steven Jay Gould für sein neues Buch "The Structure of Evolutionary Theory" zusammengeschrieben, um seine "Theorie des unterbrochenen Gleichgewichts" (die Idee, dass neue Arten sprunghaft entstehen und bis zu ihrer Auslöschung unverändert bleiben) zu belegen. Rezensent Mark Ridley, selbst Zoologe in Oxford, äußert Respekt, bleibt aber dennoch skeptisch, was die "weiteren Implikationen" der Theorie betrifft. Das Buch, schreibt er, sei in jeder Hinsicht ein Schwergewicht. "The style ranges from verbosity to almost pathological logorrhea. However, if the book contains too many words and some questionable philosophy, and does not take Gould's critics seriously enough, it is still a magnificent summary of a quarter-century of influential thinking and a major publishing event in evolutionary biology."

Ferner werden besprochen: Ein neuer Roman (der sechste in 40 Jahren!) des irischen Starautors John McGahern (Auszug "By the Lake"), dann der Reisebericht eines Extremophilen, der bei Gewaltmärschen durch die Arktis erst richtig auftaut, ein anderes Reisebuch, in dem sich Tausendsassa Oliver Sacks als Pteridologe auszeichnet (er sucht seltene Farne in Oaxaca, Mexiko), und neue Krimis von Jeffery Deaver, Robert Andrews und Rita Mae Brown. Margo Jefferson schließlich erforscht den Freak als literarische Figur.

Magazinrundschau vom 11.03.2002 - New York Times

Laura Miller vom Salon-Magazin stellt die Memoiren der militanten Frauenrechtlerin Andrea Dworkin vor. Und wie Dworkin dem Leser (dem Leser vor allem!) aus diesem Buch entgegentritt: "ravaged and thundering like one of Shakespeare's Plantagenet queens, to deliver her fearsome maledictions"! Eloquent, meint Miller, ist diese Frau (die eher einen Sexisten töten würde als sagen wir ein Schwein) ja, schade nur, dass dahinter mehr aufbrausende Erregung steckt als klares Denken. "'Heartbreak' describes, a bit vaguely, a story of disillusion with the sexism of the 60's left, and alludes even more foggily to past episodes of domestic violence and prostitution, but it doesn't detail the process by which those experiences must have clashed with and transformed the liberationist ideals Dworkin picked up from her early influences. It's a scattered, moody book, a fugue rather than a narrative."

Nicht direkt eine Pastorale, dieser neue Roman von Ian McEwan (Leseprobe "Atonement" plus Autorenfeature). Was mit blühenden Schwertlilien und junger Liebe beginnt, erklärt Tom Shone in seiner Besprechung, wird mehr und mehr von einer gewissen Unruhe überschattet, die in diesem Fall mit einem Familientrauma infolge eines Verbrechens zu tun hat. Mehr will Shone gar nicht verraten. Nur so viel noch: "If it's plot, suspense and a Bergsonian sensitivity to the intricacies of individual consciousnesses you want, then McEwan is your man and 'Atonement' your novel. It is his most complete and compassionate work to date."

Weitere Artikel gibt es zu einem Buch über Gedeih und Verderb des US-amerikanischen Nachrichtenwesens, mit verfasst vom Herausgeber der "Washington Post" (Auszug "The News About the News"), zu einem Reisebericht aus dem Iran (Auszug "Searching for Hassan") und zu Victor Pelevins neuem Post-UdSSR-Roman "Homo Zapiens". Judith Shulevitz schließlich untersucht die Gedichte, mit denen Osama bin Laden seine Propaganda-Videos zierte, und stellt fest: Der Mann ist ein Plagiator (zum Text, zum Video).

Magazinrundschau vom 30.09.2002 - New York Times

Eigentlich bin ich ein Erzähler von Kurzgeschichten, sagt William Trevor von sich, "der nur Romane schreibt, wenn er sie nicht in Kurzgeschichten hineinbekommt." Wenn es nach Thomas Mallon ginge, kann das ruhig öfter passieren, denn Trevors ruhiger, kompakter und klarer Stil bleibt auch in seinen Romanen bestehen, wie der Rezensent dankbar vermerkt. Der neue, "The Story of Lucy Gault", beginnt 1921 in den Wirren des irischen Unabhängigkeitskampfes und verknüpft souverän das Drama einer Familie mit achtzig Jahren irischer Geschichte. Und spannend noch dazu. "There is no quieter narrative voice than Trevor's impersonal but irreducible one, and none that so demands a reader's strict attention. Enormities come without warning, never a decibel louder than anything else, from this writer who has long had more in common with Alfred Hitchcock than some of the chroniclers of Irish life with whom he is frequently grouped."

Andrea Barrett lobt Daniel Masons Debütroman "The Piano Turner" (hier eine Leseprobe) als eine "exzellente frühe 21. Jahrhundert-Reproduktion eines späten viktorianischen Romans". Der Klavierstimmer Edgar Drake unternimmt eine Reise nach Burma, um das Piano eines Offiziers mitten im Dschungel zu stimmen. Die Rezensentin ist erstaunt, wie wenig Fehler dieses Buch hat und wie gekonnt Mason das koloniale Burma wieder auferstehen lässt. "His powerful prose style and his ability to embrace history, politics, nature and medicine within a fully imagined 19th-century fictional world would be notable in any writer and are astonishing in one who is just 26 and still in medical school."

Weiteres: Bruce Mc Call porträtiert den Autor und "barside conspiracist, solitary sulker, prowler of bookstore" John Jerome, der, so vermutet Mc Call, vor allem schrieb, um sich von den schlechten Verkaufszahlen seiner Bücher abzulenken. Brillant und beunruhigend zugleich findet Abraham Verghese die Betrachtungen über die Natur des Krieges des Kollegen Chris Hedges, der 15 Jahre im Auftrag der New York Times von einem Kriegsschauplatz zum nächsten gereist ist. Laura Miller empfiehlt Stephen Kings neuen Roman (hier eine Leseprobe) eher wegen der Atmosphäre, nicht der Story. Andrew Delbanco stellt drei Bücher vor, die sich mit den mörderischen, da Qualität suggerierenden und damit prestigefördernden Aufnahmekriterien der Elite-Colleges beschäftigen, bei denen die Studenten oft auf der Strecke bleiben.

Kurz besprochen werden unter anderem der neue leicht melancholische Erzählband von Ellen Gilchrist, der leicht zu unterschätzende Debütroman von Russell Rowland und der leicht mechanische Roman von Christopher Brookmyre. Außerdem werden neue Kinderbücher vorgestellt, die den Kleinen den Wert der Freiheiten in der amerikanischen Gesellschaft nahebringen.

Und zum Abschluss ein November-Gedicht von J.D. McClatchy.