Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 09.05.2017 - Novinky.cz

Ondřej Slačálek führt ein langes Gespräch mit dem derzeit in Berlin wirkenden ukrainischen Historiker Andrij Portnov, der beklagt, dass die Ukraine in internationalen Debatten oft lediglich als "etwas zwischen Europa und Russland" wahrgenommen werde, ohne dass man sich für die Besonderheit der ukrainischen Gesellschaft interessiere. "Nach dem Majdan war die Ukraine plötzlich im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit, aber nie in der Rolle des Subjekts. Keiner nimmt besonders ernst, was die Ukrainer selbst sagen. (…) Wenn etwa ein einflussreicher deutscher Politiker verkündet, das ganze Problem der Ukraine liege in der Sprachenfrage, kann das gefährliche Folgen haben. Nicht dass die Sprachenfrage keine Rolle spielte, aber so eine Blickweise ist eine viel zu einfache Interpretation eines komplexen Problems und kann in der Zukunft noch mehr Gewalt bewirken …" Portnov sieht gerade in der sprachlichen und kulturellen Heterogenität der Ukraine eine Chance des Landes. "Wir sind ein großes Land, ein größeres Gebiet als Deutschland oder Frankreich, und angesichts unserer Geschichte geht es natürlich um ein sehr heterogenes Gebiet. Aber das muss kein Zeichen von Schwäche sein. Intellektuelle reden heute immer von Heterogenität und Diversität, aber wenn es dann ums konkrete Leben geht, versucht man uns immer noch Homogenität als Ideallösung aufzuzwingen."

Magazinrundschau vom 14.03.2017 - Novinky.cz

Der Biologieprofessor, Philosoph und Schriftsteller Stanislav Komárek gehört zu den originellsten Denkern Tschechiens. Štěpán Kučera unterhält sich mit ihm über die Geschichte der menschlichen Naturwahrnehmung. "Die Art, wie wir uns die Natur erklären", so Komárek, "reflektiert immer auch, was gerade die menschliche Gesellschaft bewegt. Darwin erkannte in der Natur Konkurrenz, Kampf und das Überleben des Stärkeren, also genau das, was die Gesellschaft im viktorianischen, frühkapitalistischen England umtrieb. Ich sage nicht, dass wir so etwas nicht in der Natur finden, aber der Mensch erkennt es erst in dem Moment, in dem es sich auch um ihn herum abspielt. Ebenso geht es bei Richard Dawkins nicht mehr um Körper, sondern um den Informationskrieg der Gene, der den Informationskriegen ähnelt, die heute in der Menschenwelt herrschen, einschließlich Hoax- und Spamverbreitung. Wenn etwas in der Natur geschieht, halten wir es für richtig und natürlich - oft blicken wir aber nur in den eigenen Spiegel und finden im 'Selbstbedienungsladen der Phänomene' genau die Phänomene, die unsere Gesellschaft 'bestätigen'."

Magazinrundschau vom 03.01.2017 - Novinky.cz

Der tschechische Politologe Jiří Pehe versucht, das gefühlte "Krisenjahr 2016" ins rechte Licht zu rücken: "Der Großteil der nichtwestlichen Welt nimmt die gegenwärtige Situation nicht als Krise wahr." Die allgemeine Verunsicherung im Westen sei mehr eine Sache der Wahrnehmung als eine grundlegende (wirtschaftliche oder soziale) Krise. "Der Aufstieg der Populisten in Europa und USA, verbunden mit den Sorgen um die Zukunft der EU und der transatlantischen Kooperation, hat den Menschen im Westen ein wenig die Tatsache verschleiert, dass der raketenartige Aufstieg der Mittelklassen in ehemals sehr armen Ländern tatsächlich eher einen Beitrag zur globalen Stabilität darstellt und keine Bedrohung." Bei dem im Westen anschwellenden Zorn und Verdruss handele sich um eine kulturelle Reaktion auf viele schwer verständliche Phänomene und Veränderungen, die die Globalisierung mit sich mit bringe. "Bei einer immer größeren Aufteilung des globalen Reichtum-Kuchens zugunsten schnell wachsender nichtwestlicher Länder erscheint der Status des Westens als globalem Anführer bedroht, obwohl er dies noch lange nicht sein wird. (…) Die größte Herausforderung wird sein, die demokratische Politik so zu reformieren, dass sie besser auf die Komplexität der gegenwärtigen Welt reagieren kann."

Magazinrundschau vom 13.12.2016 - Novinky.cz

"Es wird derzeit gerne behauptet, die westlichen Demokratien erlebten einen Aufstand des Volkes gegen die Eliten bzw. das Establishment. Doch eher sind wir wieder einmal Zeugen eines Machtkampfes zwischen verschiedenen 'Eliten'", meint der tschechische Politologe Jiří Pehe in seinem Kommentar. Die Dichotomie 'wir' (das von populistischen Anführern geleitete Volk) und 'sie' (die traditionellen Eliten) diene lediglich der politischen Manipulation: "Die populistischen Politiker, die sich das Mäntelchen des Volkes vorhalten, sind selbst Teil der traditionellen 'Eliten'. Sie bilden dabei zwei verschiedene Gruppen. Die erste besteht aus Politikern, die man schon deshalb nicht zum 'einfachen Volk' zählen kann, das sie vorschützen, weil sie allesamt aus dem privilegierten Umfeld der white collars stammen (…) Dazu gehören zum Beispiel Marine Le Pen, Geert Wilders, Beppe Grillo, Nigel Farage, Norbert Hofer, Heinz-Christian Strache und Frauke Petry. Die zweite Gruppe derer, die im Namen des Volkes gegen das Establishment kämpfen, bilden Milliardäre oder schlicht Oligarchen, wie in den USA Donald Trump, bei uns Andrej Babiš oder vor einiger Zeit in Österreich Frank Stronach. Also die Spitze des kapitalistischen Establishments selbst. (…) Der Aufstand des Volkes gegen die Eliten ist ein Märchen", schließt Pehe.

Magazinrundschau vom 22.11.2016 - Novinky.cz

Den tschechischen Philosophen Václav Bělohradský lässt die Frage nicht los, inwieweit sein Land und die anderen mitteleuropäischen Staaten zum "Westen" gehören, mit dem für ihn auch die Fähigkeit verbunden ist, immer wieder kritische (Selbst)Bilder zu entwerfen. "Die Integration in bestimmte Strukturen ist nicht sogleich die Integration in 'gemeinsames Wahrnehmen und Fühlen'. Einer der Hauptgründe, weshalb wir keine Klubmitglieder im tieferen Fühlen des Westens sind, ist eine enttäuschte Erwartung: Statt nach 1989 zu seinem kritischen Selbstbild beizutragen, übernahmen die postkommunistischen Länder die Rolle der sklavischen Nachahmer. Es ist paradox, aber am ehesten 'gehörten wir zum Westen' in den sechziger Jahren, als wir zwar Teil des sozialistischen Blocks waren, doch diverse Neue Wellen in Film und Literatur als Beitrag zum 'goldenen Schatz des Westens' wahrgenommen wurden. (…) Im Jahr 1956 schrieb der (tschechische, im Exil lebende Journalist) Ferdinand Peroutka über die kollektive Vertreibung tschechoslowakischer Bürger deutscher Sprache: 'Was mich am schmerzlichsten berührt, ist, dass sich unsere Nation mit dieser Massenvertreibung und der Art, wie sie durchgeführt wurde, zum ersten Mal in ihrer modernen Geschichte vom moralischen Fühlen des Westens entfernt hat.'" - "Heute", so Bělohradský weiter, "entfernt sich ganz Mitteleuropa erneut vom moralischen Fühlen des Westens. Grund dafür sind die egoistische antieuropäische Reaktion auf die Flüchtlingskrise und die Einführung der 'nichtliberalen Demokratie' im ethno-nationalistisch verstandenen Nationalstaat, besonders in Ungarn und Polen."

Magazinrundschau vom 25.10.2016 - Novinky.cz

Anlässlich des Prager Autorenfestivals hat sich Marek Toman mit dem algerischen Schriftsteller Kamel Daoud unterhalten, der derzeit zwischen allen Stühlen sitzt: Wegen seiner islamkritischen Äußerungen einerseits in der Heimat mit der Fatwa belegt, wurde er andererseits von westlichen Intellektuellen als islamophob kritisiert. Dabei betont Daoud nachdrücklich die Wichtigkeit, zwischen Islamismus und Islam zu unterscheiden und dass die meisten Opfer der Islamisten immer noch Muslime seien. "Wissen Sie, warum Frankreich eines der Hauptziele der Terroristen ist? Weil dort drei bis vier Millionen Muslime leben. Die Selbstmordattentäter haben bei ihren Pariser Anschlägen syrische Pässe zurückgelassen. Haben Sie schon mal einen Selbstmordattentäter gesehen, der zu seiner Aktion einen Pass mitnimmt? Eine Absurdität! Die Organisatoren der Anschläge wussten genau, was sie taten, sie wussten genau, wie der Westen funktioniert und dass die Leute angesichts der Flüchtlingspässe sagen würden: Ja, diese Attentate wurden von Flüchtlingen begannen. Der Islamismus provoziert absichtlich Islamophobie, um einen Krieg hervorzurufen. Es geht im Grunde gar nicht um Religion, das ist ein politisches Projekt." Ein Schlüsselthema im Kampf gegen den Islamismus sind für Daoud nach wie vor die Frauenrechte: "Die Frau in der islamischen Welt leidet. Der Mann leidet mit ihr, weil er sich ihr gegenüber ungesund verhält. Was ist das für eine Ehe, wenn der Mann seine Frau nicht liebt? Wo die wahre sexuelle Erfüllung erst nach dem Tod kommen soll? Das ist nicht normal, das ist pathologisch! (…) Glauben Sie, ein siebzehnjähriger junger Kerl, der eine vollwertige Liebesbeziehung erlebt, der seine Auserwählte küsst, ihr Liebesbriefe schreibt, würde sich in die Luft sprengen? Nein. Das Glück verlässt man nicht."

Magazinrundschau vom 27.09.2016 - Novinky.cz

Die Sängerin Ida Kelarová, die selbst halb Romni ist, musste auf einem ihrer Musiksommerkurse für Roma-Kinder Anfeindungen und Aggressionen aus der Nachbarschaft miterleben und beklagt im Gespräch den zunehmenden tschechischen Rassismus gegen Roma: "Ja, die Roma-Kinder sollen sich integrieren, aber verlangt nicht von ihnen, dass sie sich assimilieren. Integration bedeutet, dass ich darauf stolz bin, wer ich bin. Assimilierung bedeutet, dies alles zu zerstören und vorzugeben, jemand anders zu sein. Das hat mein Vater gemacht. Er hat sich so dafür geschämt, ein Rom zu sein, dass er früh gestorben ist." Auch vermisst Kelarová gezielte Integrationsangebote: "Nehmen Sie die Sprache. Oft sprechen diese Kinder zu Hause Romani, verstehen kein Tschechisch, scheuen sich aber, es zuzugeben. Wenn sie in der ersten Klasse in Romani unterrichtet werden könnten, bräuchten sie keine spezielle Förderschule, da hätten sie lauter Einsen. Oder welcher tschechischer Lehrer kennt ein Romalied? Ich unterrichte auch Schulklassen, und noch nie habe ich erlebt, dass die [tschechischen] Kinder ein Romalied singen könnten. Die Roma haben ausgezeichnete Musikgruppen, großartige Künstler, aber alle gehen ins Ausland, um Musik zu machen. Nicht mal meine Lieder werden hier gespielt, im Ausland bekomme ich Preise und so weiter, aber hier im hiesigen Radio wird es nicht gespielt, weil es nicht tschechisch ist. Die Roma sind nicht Teil der tschechischen Gesellschaft. Fahren Sie auf den Balkan und dort hören Sie sagen 'Unsere Roma'. Das kommt hier nicht vor."

Hier singt sie "Mamo Na Birinav":


Magazinrundschau vom 02.08.2016 - Novinky.cz

Wunderbare Anekdoten weiß der tschechische Regisseur und Drehbuchautor Ivan Passer zu erzählen, der zu den Begründern der Tschechischen Neuen Welle gehörte und 1968 gerade noch rechtzeitig vor dem Einmarsch der Russen gemeinsam mit Miloš Forman zuerst nach Frankreich, dann in die USA floh, wo er seither arbeitet und lebt. "Um vier Uhr morgens erreichten wie einen kleinen österreichischen Grenzposten. Ein Offizier kam aus dem Häuschen und hörte sich von uns an, dass wir ein Wochenende in Wien verbringen wollten, kontrollierte unsere Pässe und stellte natürlich fest, dass wir keine Ausreisegenehmigung hatten. Darauf ich, die Papiere müssen im Koffer sein, und obwohl wir keine hatten, tat ich so, als würde ich sie suchen. Und dabei hörte ich plötzlich diesen absurden Dialog: 'Sind Sie Miloš Forman, der Filmregisseur?' - 'Ja.' - 'Wissen Sie, dass ich alle Ihre Filme gesehen habe?' - 'Ich nehme mal an, dass Ihnen keiner davon gefallen hat.' Ich dachte schon, jetzt packt der mich gleich, aber dieser Offizier begann, seine Lieblingsszenen aus 'Die Liebe einer Blondine' vorzuspielen, und sagte schließlich, wir sollten nicht weiter nach den Papieren suchen. Als wir losfuhren, sah man ihm an, dass er wusste, dass wir nicht zurückkehren würden." Seine neue Heimat USA sieht Passer trotz Rassenkonflikten und Trump-Kampagne optimistisch. Als er in den 60er-Jahren in New York einen Taxifahrer auf ein Bier einladen wollte, "entgegnete der mir, er dürfe nicht mit, weil er schwarz sei. Für mich war das ein Schock, dass es so etwas nicht nur im amerikanischen Süden gab, wo ich es von Faulkner her kannte, sondern in einer Metropole wie New York. Das war auch ein Grund dafür, weshalb ich in meinen Filmen dann so viele Rollen mit Schwarzen besetzt habe. Aber wissen Sie was, Karl Marx würde Amerika lieben, er hat ja gesagt, jenes Land sei das beste, wo eine permanente Revolution stattfindet. Und ich habe in den Staaten gleich mehrere miterlebt. Vor allem in der Rassenfrage. Zur der Zeit meiner Einwanderung hätte ich nie gedacht, dass ich einmal den Tag erlebe, an dem ein Schwarzer Präsident wird."

(Bei Youtube kann man zwei Filme von Passer sehen: "Stalin" von 1992 und "Born to Win" von 1971 mit George Segal als drogenabhängiger Friseur, Karen Black und Paula Prentiss. Und bei Arte spricht er über einige seiner Filme.)

Magazinrundschau vom 14.06.2016 - Novinky.cz

Der im Berliner Exil lebende syrische Schriftsteller Nihad Siris erinnert im Gespräch mit Štěpán Kučera daran, dass auch Syrien in der Vergangenheit immer wieder Flüchtlinge aufnahm: "Im Jahr 2003, während der amerikanischen Invasion im Irak, waren es Zehntausende Iraker, in den Siebziger- und Achtzigerjahren waren es Zehntausende Kinder aus dem Libanesischen Bürgerkrieg, im Jahr 1948 Zehntausende Palästinenser, die ihre Heimat verloren hatten. Nun, und im Jahr 1915 kamen Hunderttausende Armenier nach Syrien, die vor den Massakern in der Türkei flohen. Viele dieser armenischen Christen wurden von meiner Heimatstadt Aleppo aufgenommen, bis heute leben dort deren Nachkommen. Die Syrer brachten ihnen Lebensmittel, Kleider und andere Dinge. Es waren Christen, sie waren in ein islamisches Land gekommen, aber niemand sagte zu ihnen: 'Geht weg, wir wollen euch hier nicht, wir fürchten, dass ihr unsere Kultur verändert.' Und dabei errichteten die Armenier in Aleppo ihre Kirchen und auch ihre Schulen, in denen ihre Kinder Unterricht auf Armenisch hatten." Leider können die Jesiden heute im Irak ein ganz anderes Lied singen.

Magazinrundschau vom 24.05.2016 - Novinky.cz

Die tschechische Schriftstellerin Kateřina Tučková, Mitinitiatorin des Brünner Festivals "Meeting Brno", das dieses Jahr unter dem Motto "Verlorene /Gefundene Heimaten" steht, spricht im Interview über die positive kulturelle Entwicklung der mährischen Metropole, aber auch über ihr eigenes Stadtviertel Cejl, das als No-go-Area und "Brünner Bronx" gilt: "Ich habe festgestellt, wie sehr die Vergangenheit dort noch gegenwärtig ist, wie spürbar es ist, dass von dort zuerst die jüdischen, dann die deutschen Einwohner vertrieben wurden - und zu Beginn der 60er-Jahre schließlich auch die Tschechen in die neu erbauten Siedlungen am Stadtrand wegzogen. Die Häuser haben in kurzer Zeit dreimal oder öfter ihre Besitzer gewechselt, bis dort schließlich Roma angesiedelt wurden. Cejl, das ist im Grunde die Geschichte der Sudeten mitten in Brünn." Tučková, die nicht nur die Vertreibung der Deutschen zu ihrem Thema gemacht hat, sondern sich auch aktuell in der Flüchtlingskrise engagiert, begegnet in diesen Fragen allerdings häufig dem Widerwillen ihrer Mitbürger. Wie sie sich die Ressentiments erklärt? "Es heißt immer, es liege daran, dass wir zu lange in einer so homogenen Gesellschaft gelebt hätten, aber andererseits sind wir doch in den 50er-Jahren mit den griechischen Zuzüglern ausgekommen, es gab im letzten Regime Russen hier, und während des Jugoslawienkriegs kamen bosnische Muslime zu uns. Warum ist dann ausgerechnet diese Flüchtlingswelle, bei der doch niemand zu uns kommt, das größte Problem? Ich bin zum Schluss gekommen, dass zumindest teilweise die Medien daran schuld sind, die die Situation künstlich aufbauschen und boulevardisieren."