Magazinrundschau - Archiv

Rolling Stone

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Magazinrundschau vom 16.12.2014 - Rolling Stone

Nach Ferguson, nach dem Tod von Eric Garner und anderen Opfern polizeilicher Gewalt ist es endlich an der Zeit, die Nulltoleranzstrategie der Polizei zu beerdigen, fordert Matt Taibbi in einem sehr lesenswerten Kommentar. "Diese Politik des ständigen Piesackens wegen Bagatellen führt mit größter Effizienz zu einer entsetzlichen Wut in Problemvierteln. Und dann geschieht so etwas wie der Garner-Fall und alles kommt zusammen: Sechs bewaffnete Polizisten überwältigen und töten einen Mann, weil er eine 75-Cent-Zigarette verkauft hat. Eine ökonomische Regulierung, die tödlich endete. Eine Situation, die umso lächerlicher ist, als wir in dieser Stadt zahllose ernsthafte Wirtschaftsverbrechen überhaupt nicht mehr anklagen. Eine Fähre entfernt von Staten Island, auf der Wall Street, wird die reine, uneingeschränkte Freiheit, auszunehmen wen immer man will, als heiliges Geburtsrecht jedes Halunken mit einer Brieftasche betrachtet."

Magazinrundschau vom 09.12.2014 - Rolling Stone

Nach dreizehn Jahren Afghanistankrieg zieht Matthieu Aikins eine bittere Bilanz: das Land wird beherrscht von Drogenbossen, die soviel Opium exportieren wie nie. Mitverantwortlich dafür ist - neben korrupten afghanischen Politiker - ausgerechnet Obamas Wunsch, die US-Truppen so schnell wie möglich aus Afghanistan abzuziehen: "Obama hat dem Militär nur vier Jahre Zeit gegeben, mit 100.000 Mann in das Land rein- und rauszugehen, die Taliban zu besiegen und eine stabile afghanische Armee und Polizei aufzubauen. Am Boden siegten die kurzfristigen Erfordernisse für Kampfhandlungen und Logistik jederzeit über langfristige Anliegen wie Bekämpfung der Korruption, des Drogenhandels und der Menschenrechtsverletzungen. Notorische Figuren wie der Bruder des Präsidenten, Ahmed Wali galten als zu wichtig für den Krieg, um sie zur Verantwortung zu ziehen oder zu ersetzen."

Magazinrundschau vom 24.06.2014 - Rolling Stone

Gibt es so etwas wie Nazi Hipster oder Nipster? Oder ist dieser angeblich modisch ausstaffierte Nazi eine Medienerfindung? Ganz klar wird das weder aus Internetrecherchen noch aus dem großen Artikel von Thomas Roger, der zwar in Deutschland junge Neonazis trifft, aber eigentlich nur solche, die sich in den klassischen Strukturen dieser Strömung bewegen. Sie machen sich den Begriff des "Nipsters" nun aber zu eigen, etwa Andy Knape der Chef der Jungen Nationaldemokraten, der im Sächsischen Landtag residiert. "Für Knape, der mit amerikanischer Popkultur aufwuchs, wäre es eine dumme Politik, den Leuten vorzuschreiben, was sie hören oder sehen sollen - er möchte es sich lieber aneignen und nutzen, um Leute für die Szene zu gewinnen. Michael Schaefer, der leicht nervöse 31-jährige Pressesprecher der Jungen Nationaldemokraten, stimmt aufgeregt ein: "Wir haben den Nipster übernommen", sagt er, bevor er sich wieder dämpft: "Damit meine ich den nationalistischen Hipster, nicht den Nazi-Hipster." In die Welt gesetzt wurde der Begriff wohl im Netz-gegen-Nazis, wo man bei einem Naziaufmarsch einen Hipster mit Jutetasche gesichtet hatte.

Magazinrundschau vom 25.04.2014 - Rolling Stone

In Amerika ist erstmals seit Jahren der Heroinkonsum wieder deutlich gestiegen, meldet David Amsden. Und nicht nur in New York oder anderen großen Städten, sondern auch in so dünn besiedelten und relativ wohlhabenden Staaten wie Vermont. Hier werden jede Woche für zwei Millionen Dollar Opiate gehandelt, bei 626.000 Einwohnern. Inzwischen kennt fast jeder jemanden, der an der Nadel hängt. Einer der Gründe, so Amsden in seiner Reportage, ist die bis vor kurzem noch fast unkontrollierte Verschreibung von Schmerzmitteln. So geriet auch die junge Eve, die Probleme hatte mit Eltern und Lehrern, an die Nadel: "Ihr Großvater war gerade an einem Hirntumor gestorben, er hinterließ einen Medizinschrank voll mit dem starken Opiat OxyContin, eine Substanz, die nach Eves Verständnis von den Ärzten verschrieben wurde, "um den Schmerz zu vertreiben". Sie schluckte eine Pille. Die Sensation, die sie fühlte, war verführerischer als alles, was sie jemals gefühlt hatte. Zu Hause, dachte sie. Das ist zu Hause. "Ich konnte mit mir allein sein", sagte sie, "ohne auszuflippen."" Einige Zeit später lernte sie einen Jungen kennen, der Heroin spritzte. "Junkies, dachte sie, sind Leute die an Orten leben wie der Bronx oder Baltimore, nicht mitten in Vermont. Aber bald kannte sie mehr Leute, die spritzten und Eves Schock verwandelte sich in Neugier. Die ätzende Reputation des Heroins schrumpfte durch die Tatsache, dass jeder es mit einer Droge verglich, die sie schon ausprobiert hatte: "Es ist wie Oxys", hörte sie immer wieder, "nur billiger.""

Magazinrundschau vom 10.12.2013 - Rolling Stone

Janet Reitman schreibt ein Doppelporträt über Glenn Greenwald und Edward Snowden, in dem man tatsächlich noch Neues über die beiden erfährt - besonders über ihre Motive. Greenwald beschreibt sich etwa als Enkel eines typischen jüdischen Sozialisten bescheidener Herkunft aus Florida, der ihm beibrachte, dass es eine Ehrenmedaille wert sei, sich die Mächtigen zu Feinden zu machen. Er startete eine brillante Karriere als Anwalt und gründete dann lieber - bevor er ganz nach Brasilien ausrückte - eine Kanzlei, die sich auf Bürgerrechte spezialisiert hatte: "Fünf Jahre verbrachte er damit, das Recht von Neonazis auf Meinungsfreiheit zu verteidigen. Dies war einer der stolzeren Siege in seiner Anwaltskarriere: 'Auch an einem Prinzip zu hängen, wenn es nicht so einfach ist, gehört für mich zu den heroischen Eigenschaften', sagt er: 'wenn du eine Position verteidigst, die nicht deine ist und Leute schützt, die nicht sind wie du - sondern die du gerade hasst.'"

Magazinrundschau vom 15.10.2013 - Rolling Stone

Christliche Privatschulen in den USA sacken viel Geld vom Staat ein. Das hindert sie nicht daran, schwule oder lesbische Schüler der Schule zu verweisen, erzählt Alex Morris in einer Reportage, bei der man sich manchmal fragt, ob diese Geschichten wirklich in einem westlichen Land spielen. Der christliche Schulpolitiker Earl Ehrhart hat sogar vorgeschlagen, dass Schwule und Lesben einfach eigene Schulen gründen sollen. Ein Vorschlag, der bei den Ausgegrenzten nicht gut ankommt. "'Von außen erscheint der Vorschlag vernünftig: Ach, wechselt doch einfach die Schule', sagt Noah. 'Aber es ist sehr schwierig, einfach die Schule zu wechseln.' Für Tristan würde es bedeuten, dass er seinen Eltern eine Erklärung geben müsste, was ihn verzweifelt fürchten lässt, dass er sich dann outen müsste. Er sagt, dass er viel weniger Angst vor dem Schulverweis selbst hat als davor, dass dieser Verweis seiner Familie seine Sexualität enthüllen könnte. Wenn dies passieren sollte, hat er einen Plan B: 'Ich habe einen Freund, dessen Eltern mich aufnehmen würden', sagt er. Er zweifelt nicht daran, dass er zu Hause nicht mehr willkommen wäre, würde seine Familie von seiner sexuellen Orientierung erfahren."

Außerdem: Schlagzeuger Ginger Baker, demnächst auf Tournee, gibt im Interview ganz hervorragend den grumpy old man.

Magazinrundschau vom 08.10.2013 - Rolling Stone

Folkliebhaber wissen, dass der Song "The Lion Sleeps Tonight", mit dem die Tennieband The Tokens 1962 einen Welthit hatte, auf "Wimoweh" von Pete Seeger und seinen Weavers basiert. Weniger bekannt ist jedoch, dass "Wimoweh" wiederum von dem Song "Mbube" abgeleitet ist, der 1939 von der südafrikanischen Band Solomon Linda and The Evening Birds aufgenommen wurde. Anhand der bekanntesten Melodie, die jemals aus Afrika kam, erzählt Rian Malan in einem 13 Jahre alten Text, den longform jetzt online gestellt hat, ein faszinierendes und zeitlos beispielhaftes Stück räuberischer Popmusikgeschichte: "Vor langer, langer Zeit, trat ein Zulu an ein Mikrofon und improvisierte eine Melodie, die um die 15 Millionen Dollar einspielte. Dass Solomon Linda davon nichts abbekam, war wohl unvermeidlich. Er war ein Schwarzer im von Weißen regierten Südafrika, und seinen amerikanischen Genossen erging es kaum besser. Robert Johnsons Beitrag zum Blues blieb weitgehend unbelohnt. Leadbelly verlor die Hälfte seiner Veröffentlichungsrechte an seine weißen 'Förderer'. Led Zeppelin klauten 'Whole Lotta Love' von Willie Dixon. Alle Musiker waren kleine Fische in der Nahrungskette der Popmusik, aber Schwarze waren besonders angreifbar, und Solomon Linda, ein ungebildeter Wanderarbeiter aus einem wilden und rückständigen Land, war völlig wehrlos gegen versierte Raubfische."

Hier das Original von Solomon Linda and The Evening Birds:



Magazinrundschau vom 03.09.2013 - Rolling Stone

Senator Ron Wyden hat sich vom Saulus zum Paulus gewandelt: Der einstige Unterstützer des Patriot Act zählt nun zu den zentralen Kritikern von dessen intransparenten Methoden. Janet Reitman hat sich mit dem NSA-kritischen Politiker unterhalten: "Die digitalen Technologien haben sich so rasant ausgebreitet, dass wir es noch nicht immer nicht völlig begriffen haben. ... Wir sitzen hier mit Computern in unseren Taschen, mit Smartphones, mit der Möglichkeit, die Leute rund um die Uhr überwachen zu können. Das sind Probleme von äußerster Relevanz. Und die Amerikaner haben ein Anrecht auf eine echte Debatte darüber, wie wir mit dem verfassungstechnischen Spagat zwischen Freiheit und Sicherheit umgehen. Es fällt wirklich schwer, sich irgendetwas auszumalen, was für unser Land und seine grundlegenden Werte wichtiger sein könnte. Und ich denke, was die Leute heute schützen wird, sind neue Gesetze, um diesen allgegenwärtigen, immer weiter um sich greifenden Überwachungsstaat zu bremsen. Und wenn wir das jetzt nicht tun, wenn wir nicht begreifen, dass dies tatsächlich ein einzigartiger Moment in der Geschichte von Amerikas Verfassung ist, wird es unsere Generation auf ewig bedauern."

Magazinrundschau vom 10.09.2013 - Rolling Stone

Alexander Zaitchik porträtiert den 32-jährigen Barrett Brown, dem 105 Jahre Gefängnis drohen, weil er einen Link auf ein vom FBI mitgeleaktes Dossier gesetzt hat. Er kommt aus einer dieser schrägen Familien, die es nur in Amerika zu geben scheint, und die die interessantesten, verstörendsten Außenseiter zu produzieren scheinen. Brown, der seit seiner Teenagerzeit ein gravierendes Drogenproblem hat, ist kein Hacker, war aber einer der Sprecher von Anonymous. Er hat außerdem als Journalist für Vanity Fair, Daily Kos, McSweeney's, die Huffington Post und den Guardian geschrieben. 2011 setzte er einen Link auf die Dokumente des Stratford-Hacks, in deren Tiefen einigen tausend Kontodaten verborgen waren, die Brown weder bemerkt noch interessiert hatten. Dies wurde ihm zum Verhängnis: "Was an Browns Fall am meisten besorgt macht, ist die Verbindungslosigkeit zwischen seinem Verhalten und der angeklagten Straftat', sagt sein Verteidiger Ghappour. "Er hat einen öffentlich erreichbaren Link kopiert und gesetzt der öffentlich zugängliche Daten enthielt, die er in seiner Eigenschaft als Journalist durchsucht hat. ... Browns Fall ist ein Paradebeispiel für die Pressefreiheit in diesem neuen Jahrhundert, wo Hacks und Leaks uns einige Einblicke geben in die Technologien und Methoden eines zunehmend privatwirtschaftlich organisierten Sicherheits- und Überwachungsstaates. Brown hat versucht, diese Einblicke zu erweitern. Er tat das, indem er eine Gruppenuntersuchung in die Welt privater Sicherheitsverträge anführte, eine 56-Milliarden-Dollar-Industrie, die 70 Prozent des amerikanischen Geheimdienstbudgets umfasst."

Magazinrundschau vom 23.07.2013 - Rolling Stone

In Amerika ist eine Debatte über das neue Cover des Rolling Stone ausgebrochen. Es zeigt den jüngeren der beiden Boston-Attentäter, Dschochar Zarnajew, in einem träumerischen, fast poetischen Bild. Nicht zuletzt weil der junge Mann inzwischen eine riesige Fangemeinde hat, fanden viele das Bild täterverherrlichend und geschmacklos. Die Reportage von Janet Reitman widerlegt diesen ersten Eindruck gründlich. Das Bild zeigt Zarnajew genau so, wie ihn alle, die ihn gekannt haben, beschreiben: als sanften, träumerischen Golden Boy, dessen Radikalisierung niemand bemerkt hat. ""Ich fragte ihn, wo er herkommt, und er sagte: Tschetschenien. Und ich: Tschetschenien, willst du mich verarschen?", erzählt Larry Aaronson, Zarnajews Nachbar und Geschichtslehrer. "Ich sagte: Mein Gott, wie bist du mit dem ganzen Stress fertiggeworden? Und er sagte: Larry, deshalb sind wir nach Amerika gekommen, und was für ein Glück, dass wir ausgerechnet nach Cambridge gekommen sind!" Er liebte die Stadt, die Schule, die ganze Kultur und war dankbar für ihre Annehmlichkeiten. Das hat mir so an ihm gefallen: Er war das typische Kriegskind, das alle Angebote nutzte, die unsere Welt zu bieten hatte, um sein Leben neu zu gestalten. Und er war bildschön", fügt Aaronsen hinzu." Die Reportage ist aber vor allem lesenswert, weil Reitman doch verschiedene Risse in Zarnajews glatter Oberfläche aufzeigen kann.