Vorgeblättert

Leseprobe zu Lee Yaron: Israel, 7. Oktober Protokoll eines Anschlags

An Simchat Tora im Oktober 1941 wurde Moshe Ridler aus seinem Zuhause in Herza an der Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine deportiert. Moshe war das jüngste Kind von Pearl und Zelig Ridler und ging damals, zehn Jahre alt, in die dritte Klasse. Ein Jahr zuvor waren sowjetische Truppen in die Stadt einmarschiert, und die Judenverfolgungen begannen. Zunächst wurden nur die bürgerlichen Juden enteignet und deportiert. Aber nachdem die rumänischen Truppen die Macht übernommen hatten, bekamen alle Juden die Folgen unmittelbar zu spüren. Am 5. Juli 1941 wurden ein neuer Bürgermeister und eine Bürgerwehr eingesetzt, die einen klaren Auftrag hatten: die Juden von Herza loszuwerden.

Fast die gesamte jüdische Bevölkerung wurde auf einem Platz im Stadtzentrum zusammengetrieben. Männer, Frauen, Kinder und Senioren wurden voneinander getrennt, mussten sich nackt ausziehen, wurden geschlagen und gefoltert. Dutzende mussten ihr eigenes Massengrab ausheben, bevor sie erschossen wurden.

Drei Wochen nach der rumänischen Besatzung wurden die meisten der 1.600 überlebenden Juden der Stadt in das Durchgangslager Edintz deportiert. Die letzte Gruppe, zu der auch die fünfköpfige Familie Ridler gehörte, wurde auf einen dreihundert Kilometer langen Todesmarsch zu Übergangsghettos und -lagern in Transnistrien geschickt. Die dreifache Mutter Pearl Ridler war 46 Jahre alt und erlag auf diesem Todesmarsch dem Typhus. Der Rest derFamilie schaffte es in ein Übergangsghetto, aber die fünfzehnjährige Mina starb kurz darauf an Auszehrung. Moshes Vater Zelig wurde von dort in ein Arbeitslager nach Odessa geschickt, seine älteste Schwester Feige in ein Arbeitslager in Tultschyn. So blieb Moshe Ridler mit nicht einmal elf Jahren allein im Ghetto zurück.


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Der Name Ridler war in den 1960ern der Schrecken aller Kriminellen in Tel Aviv. Diebe, Drogendealer, Sexualstraftäter – Master Sergeant Moshe Ridler von der zentralen Ermittlungseinheit der städtischen Polizei führte einen Bewohner der Unterwelt Tel Avivs nach dem anderen zum Bezirksgerichtsgebäude. Zwei Männer hatten versucht, Schulmädchen mit Marihuana gefügig zu machen. Ridler fand es in einer Blumenvase bei einer unangekündigten Hausdurchsuchung und verhaftete die beiden. Vier maskierte Männer brachen in die Werkstatt eines Diamantschleifers ein, bedrohten ein älteres Ehepaar mit Schusswaffen und stahlen Edelsteine im Wert von 50 000 Dollar – Ridler erhielt einen Tipp von einem Informanten und fand nicht nur die Beute, sondern auch weitere gestohlene Edelsteine im Wert von mehr als 100 000 Dollar. Im Jahr 1965 überführte er den Eigentümer eines Hotels wegen Tabakschmuggels und wurde als bester Polizeifahrer ausgezeichnet – er erhielt dafür eine Urkunde, die der Polizeipräsident persönlich unterzeichnet hatte.

Master Sergeant Moshe Ridler war ein schlanker junger Mann mit dichtem schwarzem Haar und einem erkennbar rumänischen Akzent. Er lebte mitten unter den Kriminellen, die er verfolgte, in einer bescheidenen Wohnung in einem Gebäude, in dem nur Polizisten wohnten, mit seiner Frau Pia – ebenfalls eine rumänische Immigrantin, die nach dem Krieg nach Israel geflohen war – , ihrem Sohn und zwei Töchtern.

Seine erste Tochter nannte er Pnina, nach dem hebräischen Wort für Pearl, dem Namen seiner Mutter. Weder die Kriminellen noch die Polizisten von Tel Aviv, noch nicht einmal seine eigenen Kinder, wussten über die ersten Jahre im Leben von Master Sergeant Moshe Ridler Bescheid.


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Nachdem er wenige Monate allein im Übergangsghetto verbracht hatte, erpresste er eine Gruppe älterer Jungen, die er belauscht hatte, als sie ihre Flucht planten. Er drohte, sie an den Lagerkommandanten zu verraten, wenn sie ihn nicht mitnahmen.

Nach den informellen Gesetzen des Ghettos drohte einem »Moser« – einem Juden, der einen anderen Juden bei den Behörden verrät – die Todesstrafe. Dass der Junge dies riskierte, bewies, dass er es ernst meinte, und so nahmen die Jungen ihn in die Gruppe auf, nachdem sie ihn zunächst abgewiesen hatten. Wenige Tage später schnitten die Jungen im Schutz der Dunkelheit ein kleines Loch in den Zaun um das Ghetto und rannten ohne Ziel los. Am folgenden Tag erwachte Ridler auf einem Ofen in einem fremden Haus. Ein Ehepaar aus einem ukrainischen Dorf etwa dreißig Kilometer vom Ghetto entfernt hatte ihn halb erfroren gefunden.

Die Familie nahm ihn bei sich auf. Er bearbeitete gemeinsam mit den Kindern der Familie das Land und melkte die Kühe. Eineinhalb Jahre blieb er dort, bis er hörte, dass Juden nach Herza zurückkehrten. Von den 1940 Juden, die vor dem Krieg in Herza gelebt hatten, hatten nur vierhundertfünfzig überlebt. Moshe ging in die Synagoge, die er mit seiner Familie besucht hatte, setzte sich auf die Stufen, wartend und hoffend. Irgendwann tauchte sein Vater Zelig dort auf. Auch seine Schwester Feige fanden sie wieder. Ihre Familie bestand nun aus drei Personen.


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Moshe wanderte 1951 nach Israel aus, Zelig und Feige folgten ihm erst zehn Jahre später. In den ersten Jahren wohnte Moshe in Neve Yarak, einem Moschaw in Zentralisrael, den Holocaust-Überlebende aus Rumänien gegründet hatten. Die Gründer stellten dazu einen Antrag beim ersten Präsidenten Israels, Chaim Weizmann, mit der Begründung, sie könnten eine neue Gemeinschaft aufbauen und »als Beispiel für Immigranten im mittleren oder höheren Alter dienen« (die typischen Moschaw-Bewohner damals waren unter dreißig).

Neve Yarak war einer der wenigen Kibbuzim oder Moschawim, den Holocaust-Überlebende gründeten. Nachdem Moshe den Polizeidienst verlassen hatte, eröffnete er eine Privatdetektei in Tel Aviv und spezialisierte sich auf Finanzkriminalität. Er betrieb auch umfangreiche Ermittlungen im Auftrag der Jewish Agency zu Personen, die die Einwanderungsbehörde des Landes betrogen hatten. In all den Jahren sprach er nie über seine Vergangenheit.

Mit 90 Jahren, nach dem Tod seiner Schwester und seiner Frau, zog Moshe Ridler in den Kibbuz Holit, weil er in der Nähe seiner Tochter Pnina sein wollte. Jahrelang hatte Pnina ihren Vater bekniet, zu ihr in den Kibbuz zu kommen, und ihm versichert, es gebe keinen besseren Ort, um alt zu werden, als diese ruhige und friedvolle Gegend. Pnina unterrichtete Englisch an der örtlichen Schule und leitete ehrenamtlich das Kommandozentrum des Kibbuz, wo sie dafür verantwortlich war, die Mitglieder bei Notfällen – die trotz der Nähe zur Grenze nach Gaza zum Glück nur selten eintraten – mit Informationen zu versorgen.

Im Jahr 2019 willigte Moshe schließlich ein und wurde zum ältesten Bewohner des Kibbuz Holit, ein physisch starker, wenn auch zunehmend seniler Großvater emeritus. Sein neues Zuhause war eine noch kleinere jüdische Gemeinde, als die, in der er in Osteuropa aufgewachsen war. Holit war ursprünglich im Sinai gegründet worden, dann aber umgesiedelt worden, als Israel das Gebiet im Rahmen des Friedensvertrags an Ägypten abgetreten hatte. DerName (hol bedeutet »Sand« auf Hebräisch) verweist immer noch auf den ursprünglichen Standort, aber die meisten Gründungsmitglieder hatten den Kibbuz inzwischen verlassen. Zwischenzeitlich gab es nur noch fünfundzwanzig Mitglieder, neue Bewohner waren schwer zu finden.

Schließlich rettete in den 2000er Jahren eine Gruppe junger städtischer Idealisten, vom Gemeinschaftssinn der ursprünglichen Kibbuzniks inspiriert, Kibbuz Holit vor dem Untergang. Sie zogen nach Holit, belebten die Obstplantagen und vor allem die Milchwirtschaft neu, stets getreu ihrem Leitbild: die Erschaffung »einer kooperativen Gemeinschaft, die gemeinsam lernt, sich in der Sozialarbeit engagiert und eine enge Verbindung zu Land und Landwirtschaft pflegt«.

Moshe konnte in Holit auch wieder Rumänisch sprechen, denn sein Pfleger, der ihm beim Kochen, beim Anziehen und anderen Aufgaben des Alltags half, kam aus der Republik Moldau. Petro Bushkov hatte mit 35 Jahren seine Frau Aliona und ihre drei kleinen Töchter in Moldau zurückgelassen, um in Israel Geld zu verdienen. Er hatte mehrere Tausend Dollar für die Vermittlung einer Arbeitserlaubnis bezahlt, weil er sicher war, dass er die Investition in der Altenpflege mehr als wettmachen konnte.

Alle im Kibbuz kannten das seltsame Paar: der ältere, aber energiegeladene Ridler mit seinem Rollator und der ruhige Bushkov, der stets neben ihm ging und sich bemühte, den alten Mann zu bremsen. Sie machten täglich dieselbe Runde: Erst gingen sie zur Post, dann zum Lebensmittelladen und schließlich – das Highlight des Tages – spazierten sie zum Schwimmbad. Jeden Abend besuchte Moshe Pnina, die auf der anderen Straßenseite gegenüber wohnte. So ließ es sich gut alt werden.


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Am jüdischen Feiertag Simchat Tora im Oktober 2023 wurde Moshe Ridler in seinem Haus im Kibbuz Holit im Alter von 92 Jahren ermordet. Wenige Tage zuvor hatte seine Tochter Pnina angekündigt, sie werde den Tag mit ihrem ältesten Kind und den Enkelkindern in Tiberias feiern. Moshe wollte aus zwei Gründen nicht mitfahren. Erstens schlief er am liebsten im eigenen Bett. Und zweitens war am 7. Oktober sein geliebtes Schwimmbad zum letzten Mal geöffnet, bevor es über den Winter geschlossen würde. Moshe ging am Freitag, dem 6. Oktober, mit dem Plan zu Bett, nach dem Aufwachen schön lange zu schwimmen.

In Tiberias wurde Pnina Ridler um halb sieben Uhr morgens durch Warnanrufe überrascht, durch die sie er fuhr, dass ein großer Raketenangriff auf den Kibbuz begonnen hatte. Als Leiterin des Kommandozentrums im Kibbuz informierte sie von Tiberias aus die Bewohner: »Unser Kibbuz und andere sind unter schwerem Beschuss. Bitte geht in einen Schutzraum und haltet die Türen verschlossen.«

Unterdessen schlief ihr Vater in Holit immer noch, merkte nichts von den Sirenen und den Raketeneinschlägen. Pnina rief ihn an, um sicherzugehen, dass er informiert war und sich im Schutzraum befand. Peter Bushkov war bereits wach und versicherte ihr, es gehe ihnen beiden gut, aber die zweiundsechzigjährige Nachbarin Lily Keisman war überzeugt, dass der Lärm, den sie hörte, nicht nach einem normalen Raketenangriff klang, wie sie ihn früher schon erlebt hatte. Lily teilte ihre Sorge mehrfach im Gruppenchat des Kibbuz – bis ihre Nachrichten abrupt abbrachen.

Aus dem Haus neben dem von Lily, das Shahar und Shlomi Mathias gehörte, 47 Jahre alten Musikern und Lehrern, wurden Gewehrschüsse gemeldet. Ihr sechzehnjähriger Sohn Rotem konnte noch in den Gruppenchat schreiben, er sei verletzt und seine Eltern
seien ermordet worden.

Neben dem Haus der Mathias' wohnten Ronit und Roland Sultan. Ronit, 56, hatte einen einen Doktortitel in Kunst aus Argentinien, und Roland, 68, war der in Tunesien geborene Leiter des Kibbuz. Beide wurden ermordet – Ronit im Haus und Roland auf dem Balkon.

Eine Querstraße weiter stand das Haus der Elharars, wo die siebenjährige Adi als Einzige überlebte. Sie hatte sich im Schrank versteckt.

Die Fotografin und zweifache Mutter Judy Torgman schrieb in den Gruppenchat des Kibbuz, Terroristen hätten ihr Haus in Brand gesteckt, während die Familie noch darin war: »Helft uns – das Haus brennt – Hilfe!«

Anani Kaploun, der die Plantage mit Zitrus- und tropischen Früchten leitete, und seine Frau Adi Vital-Kaploun, eine Expertin für Cybersicherheit, gehörten zu den bekannteren jüngeren Berufstätigen im Kibbuz, gemeinsam mit Ananis Bruder Ahuvia und dessen Freundin Tahila Katbi. An jenem Morgen hatten Anani und Ahuvia den Kibbuz früh zu einem Männerausflug verlassen. Die Frauen waren zu Hause geblieben. Als die ersten Schüsse fielen, rief Adi ihren Mann an und fragte ihn, wie man das Gewehr bediente. Sie wurde vor den Augen ihrer zwei kleinen Söhne ermordet: dem vier Monate alten Eshel und dem vier Jahre alten Negev. Die Terroristen brachten Sprengstoff an ihrer Leiche an und filmten dann, wie sie die beiden Jungs mit Milch fütterten.

Das nächste Haus gehörte Hayim Katsman, dem jungen Doktor der Soziologie, der die Auswirkungen des Abzugs aus dem Gazastreifen auf die religiöse zionistische Bewegung untersuchte. Im Wohnzimmer stand ein kaputter Fernseher, auf dem mit roter Sprühfarbe stand: »Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen.« Er war außerdem DJ für arabische elektronische Musik und Friedensaktivist – und Barkeeper, Automechaniker und der Gärtner des Kibbuz. Am Abend vor dem Massaker war Dr. Katsman beim Lesen eines Buches über die Hamas, das deren Weg von religiöser Ideologie zum Terrorismus beschreibt, eingeschlafen.

Von den Sirenen am nächsten Morgen geweckt, sah er nach seinen Nachbarn und fand Tahila Katbi erschossen. Er rannte zum Haus seiner anderen Nachbarin, einer Lehrerin für Pilates und Yoga namens Avital Aldjem, und versteckte sich mit ihr im Schrank. Als die Hamas-Terroristen in Avitals Haus eindrangen, schützte er sie mit seinem Körper und wurde erschossen.

Die Hamas-Terroristen holten Avital aus dem Schrank, zogen ihr drei Röcke an und entführten sie mit den beiden Kaploun-Kindern nach Gaza. Nachdem sie die Grenze zu Fuß überquert hatten, befahl einer der Terroristen Avital und den Kindern plötzlich, sie sollten umkehren und nach Israel zurückgehen. Diese »Begnadigung« filmten die Terroristen für den Social-Media-Auftritt der Hamas. Avital führte die Kaploun-Kinder nach Hause – den Kleinsten trug sie, während der Ältere wegen eines Granatsplitters in seinem Bein über das steinige Ödland kriechen musste.

Fünfzehn Bewohner des Kibbuz Holit wurden am 7. Oktober ermordet. Vierzehn Kinder wurden zu Waisen. Mehrere von Pninas Schülern aus dem benachbarten Kibbuz Be'eri wurden, wie schon beschrieben, getötet, manche verschleppt: Emily Hand aus der dritten Klasse, Hila Rotem aus der siebten und die Zwillinge Liel und Yanai Hetzroni aus der sechsten Klasse.

Gegen Mitternacht erfuhr Pnina vom Tod ihres Vaters. Hamas-Terroristen hatten den Schutzraum, in dem sich Moshe Ridler und Petro Bushkov versteckten, mit Panzerfäusten beschossen. Danach hatten sie Granaten geworfen und die Tür eingetreten. Petro hatte mehrere Schusswunden und starb. Mosche wurde später in seinem Bett vorgefunden: als wäre er noch nicht aufgewacht und alles wäre nur ein böser Traum.

Mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlags

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