Die Ukraine wurde von Russland zwar überfallen, weil sie zum Westen gehören will. Die Nato hat durch den Krieg zu alter Stärke zurückgefunden, aber für den Literaturwissenschaftler
Albrecht Koschorke ist der Krieg vor allem ein Zeichen für den
Niedergang des Westens, wie er in einem Essay in der
Zeit darlegt. Symptom dafür ist für ihn die mangelnde Kriegsbegeisterung im "globalen Süden", der in der Geografie des Postkolonialismus nun mal den Gegenpol zum Westen bildet. "Dass der Westen sich einmal mehr in ein
womöglich auswegloses militärisches Engagement verstrickt, wird in Ländern der früheren Dritten Welt als ein Symptom für das nahende Ende einer von den USA dominierten internationalen Ordnung gelesen. Ohnehin begegnet man dort der moralischen Parteinahme des Westens für die Ukraine mit dem Verdacht, dass dem Leiden von Weißen mehr Gewicht beigemessen wird als dem Elend in südlicheren Weltregionen. " Koschorke kritisiert dann auch, dass "aus der berechtigten Empörung heraus in Deutschland und anderen Ländern eine
nachgerade kriegstreiberische Stimmung entstanden ist".
Reinhard Veser hingegen betont in der
FAZ die
Isolation, in die sich Russland selbst verschuldet begeben hat; zwar halte China weiterhin zu
Putins Regime und auch aus einigen Entwicklungs- und Schwellenländern blieben Proteste zum mit aller Gewalt geführten Krieg aus, "doch in dem Teil der Welt, zu dem Russland kulturell gehört und an dem sich eine große Mehrheit seiner Bewohner noch immer orientiert,
Europa nämlich, ist sein Ansehen in einen Abgrund gefallen."
Unterdessen tobt der Krieg mit unverminderter Gewalt.
taz-Redakteur Dominic Johnson
sieht die Schlacht um die völlig zerstörte Stadt
Bachmut als Entscheidungskampf: "Bachmut hat an sich wenig strategischen Wert.
Es geht um Symbolik. Wenn Russland die Stadt erobert, erringt es seinen
ersten klaren Sieg seit der Einnahme der Industriestadt Sewerdonezk im Juni 2022 - um den Preis
mehrerer Toter pro Meter bei zwei Kilometern Geländegewinn im Monat. Wenn die Ukraine Bachmut hält, zeigt sie, dass sie auch den massivsten Angriffen widerstehen kann - beste Voraussetzung für die geplante Großoffensive gegen die russische Besatzung insgesamt."
Russland ist ein "
Pariastaat", die russische Wirtschaft schrumpft - und Putin wird innerhalb des Sicherheitsapparates nur noch von einer
sehr kleinen Fraktion unterstützt, sagt die britische Journalistin
Catherine Belton im von uns gestern übersehenen
Tagesspiegel-Interview. Zudem habe Putin offenbar
Angst ermordet zu werden: "Putin fürchtet ganz offensichtlich jeden direkten Kontakt. Erstmals war er nicht in der Weihnachtsmesse in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau. Er blieb im Kreml, nur für ihn allein wurde dort in der Verkündigungskathedrale eine Messe abgehalten. Er vertraut nicht einmal dem
eigenen Regierungskabinett. Die Sitzungen mit den Ministern werden immer öfter virtuell abgehalten. Zu ihm persönlich kommt man nur nach mehreren Sicherheitschecks durch. Bei seiner Neujahrsansprache sah man ihn umgeben von
Menschen in Militäruniform. Als man die Fotos genauer untersuchte, stellte sich heraus, dass einige dieser Leute auch schon mit ihm bei anderen Gelegenheiten
in diversen Rollen fotografiert worden waren."
Bevor der
Bundestag verkleinert wird, würde Ronen Steinke in der
SZ gern erstmal wissen, was die Parlamentarier dort eigentlich so treiben. Denn: "Das allermeiste, was der Bundestag heute beschließt, kommt
mundgerecht vorbereitet aus der Regierung zu ihm, ob es schmeckt oder nicht. Und dann beschränken sich die Abgeordneten in aller Regel darauf, diese Gesetzentwürfe 'zu überprüfen', so formuliert es
Norbert Lammert, der langjährige Bundestagspräsident - 'wie eine
Produktkontrolle'. Lammert fügt hinzu: 'Dabei findet sicher noch eine
Politur statt.' Konkret: Vielleicht zehn Prozent des Textes, den die Regierung vorgibt, werden noch umgeschrieben. 'Aber dass da in der zweiten oder dritten Lesung noch mal eine wirkliche Kurskorrektur vorkommt, ist eher die Ausnahme.' Das bedeutet auch: Angenommen, von der Exekutive käme einmal gar nichts mehr, keine Gesetzesvorlage, kein Formulierungsvorschlag - unter der Reichstagskuppel würde es
ganz schnell still. Eine sonderbare Vorstellung."