9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Art kosmisches Ungleichgewicht

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.01.2021. Der New Yorker beschreibt den emotionalen Mix aus aufrührerischer Wut und hämischer Freude, der Trumps Anhänger zum Sturm aufs Kapitol trieb. In der FAZ untersucht Philipp Felsch Ähnlichkeiten und Unterschiede von Verschwörungstheorie und spekulativem Denken. Die NZZ liest mit Entsetzen Jean-Pierre Obins Report über den Islamismus an Frankreichs Schulen. Die taz durchlebt die fünf Phasen der Corona-Bewältigung. Und in der SZ nimmt uns Slavoj Zizek auch noch die letzte Freude: unschuldigen Sex.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2021 finden Sie hier

Politik

Der New Yorker hat eine riesige Reportage von Luke Mogelsen über den Sturm auf das Kapitol online gestellt, ein wahres Großwerk an journalistischer Unmittelbarkeit: "'Bullshit! Bullshit!', skandierte die Menge. Seit Donald Trump die Wahlen verloren hat, ist der eigenartige Mix aus Emotionen geläufig geworden, der die Demonstrationen seiner Anhänger beherrscht: halb aufrührerische Wut, halb hämische Freude, endlich handeln zu dürfen. Der Kraftausdruck war das Signal, fallen zu lassen, was an politischen Normen die letzten vier Jahre überstanden hatte. Vor mir tönte ein Mann mittleren Alters, der eine Trump-Flagge über die Schultern trug, zu einem jüngeren Mann neben ihm: 'Es wird Krieg geben.' Sein Ton war resigniert, als würde er im letzten Moment eine Wahrheit annehmen müssen, der er sich bis zuletzt verweigert hatte. 'Ich bin bereit zu kämpfen', meinte er. Der junge Mann nickte. Er hatte einen dünnen Schnurrbart und hielt eine lebensgroße Schaufensterpuppe in den Armen, mit Klebeband über den Augen, 'Verräter'auf die Brust gekritzelt und einer Schlinge um den Hals. 'Wir wollen so nett sein, rief Trump, 'wir wollen respektvoll zu jedem sein, auch zu schlechten Menschn. Wir werden viel härter kämpfen müssen. Und Mike Pence wird für uns einspringen müssen."

In der FAZ entdeckt Schriftsteller Ilija Trojanow in dem Neonazi-Roman "The Turner Diaries" von William Luther Pierce die Blaupause für den Sturm aufs Kapitol: "Unbekannte hatten am Tag des Sturms auf das Kapitol einen Galgen in dessen Nähe errichtet. Das Bild des baumelnden Stricks beschwört 'The Day of the Rope' herauf, eine Schlüsselszene des Romans: 'Heute war der Tag des Stricks, ein grimmiger und blutiger Tag, aber ein unvermeidlicher.' Der Tag, an dem die heldenhaften Nazis in Kalifornien endgültig 'Frieden schaffen', nach ausdauernden Protesten ihrer Gegner."

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"Was ökonomisch falsch ist, kann nicht gerecht sein", dekretiert Wirtschaftskorrespondent Nikolaus Pieper im Feuilleton der SZ und warnt mahnend vor einer Vermögensabgabe für Reiche: "Zweifellos sind die Vermögen der Reichen und Superreichen gewachsen, weltweit und auch in Deutschland. Nach dem Milliardärsreport der Schweizer Großbank UBS und der Unternehmensberatung PwC wurden die deutschen Dollar-Milliardäre von März 2019 bis Juli 2020 um 95 Milliarden Dollar reicher. Aber warum? Das Jahr 2020 war ein historischer Wendepunkt. Covid 19 beschleunigte die Digitalisierung so, wie sich das bis dahin niemand vorstellen konnte. Profitiert hat, wer jetzt richtig investierte, zum Beispiel in Technologie- und Pharmaaktien. Das ist vorausschauend, nicht ungerecht."

Und über den laufenden CDU-Parteitag twittert Dlf-Korrespondent Stephan Detjen die Beobachtung: "Kein persönliches Wort Angela Merkels an AKK. Kein Dank. Kein Gruß. Keine Anerkennung. Keine guten Wünsche."
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Ideen

Der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch testet in der FAZ aus, welche Parallelen sich zwischen den Verschwörungstheoretikern von heute und den Anhänger der kritischen Theorie ziehen ließen. Stichwort: Verblendungszusammenhang. Aber dann sieht Felsch doch einige Unterschiede zwischen QAnon und Adorno: "Die Apokalyptiker unserer Tage agieren ihr Unbehagen in der Zivilisation bevorzugt auf der Ebene der Tatsachenwahrheit aus. Das führt auf der einen Seite zu jener gefährlichen Politisierung der Fakten, die wir seit einigen Jahren beobachten, und auf der anderen Seite zum Blühen von Verschwörungstheorien, die zwischen den Punkten Linien ziehen. Bei aller Tendenz zur dogmatischen Verhärtung hatte spekulatives Denken den Vorzug, für Argumente zugänglich zu sein. Zwar muss man von Tatsachen nicht schweigen - darüber zu streiten ist aber nahezu ein Ding der Unmöglichkeit."

Im SZ-Interview mit Andreas Tobler möchte Slavoj Zizek mit der Vorstellung vom genußvollen Sex aufräumen, der den anderen nicht zum Objekt degradiert. Zizek hat gerade das Buch "Sex und das verfehlte Absolute" geschrieben: "Was mich aber an politisch korrekten Leuten stört, ist, dass sie Macht und Sex auf abstrakte Weisen trennen: Sie gehen davon aus, dass Sex ohne Patriarchat reiner, unschuldiger Spaß sein könnte. Und Macht alles ruiniere. Aber es gibt keinen unschuldigen Sex. Sex ist extrem exklusiv, eine Art kosmisches Ungleichgewicht: Sie ziehen jemanden vor, um den sich dann alles dreht."
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Europa

Lucien Scherrer empfiehlt in der NZZ die Lektüre von Jean-Pierre Obins Report "Comment on a laissé l'islamisme pénétrer l'école", der die französische Linke beschuldigt, dem Islamismus in den öffentlichen Schulen keinen Einhalt zu gebieten. Obin hat jahrelang als Schulinspektor die schlimmsten Vorkommnisse untersucht, mittlerweile besucht nur noch jedes dritte jüdische Kind eine öffentliche Schule: "Neben dem verbalen und gewalttätigen Antisemitismus fallen islamistisch inspirierte Schüler und Eltern durch eine offene Verachtung demokratischer Werte und Prinzipien auf. Sie lehnen es ab, bestimmte Bücher zu lesen, historische Fakten wie den Holocaust zur Kenntnis zu nehmen oder dem Biologieunterricht zu folgen. Sie protestieren gegen gemischten Turnunterricht, und sie weigern sich, Frauen oder Homosexuellen die Hand zu geben. Dazu gibt es Berichte von Jungen, die Mädchen und 'Ungläubige' drangsalieren. Ein Lehrer berichtet, er unterrichte nur noch mit dem Koran auf dem Pult. Eine Schule im Departement Drôme verzichtet darauf, die französische Trikolore zu hissen, weil diese regelmäßig verbrannt wird. Und in Marseille, wo an manchen Schulen jeder zehnte Schüler schon einmal im Knast war, haben Jugendliche ein Mädchen verfolgt und getötet, das sie der Sittenlosigkeit bezichtigten."
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Gesellschaft

In der taz erkennt Michael Brake analog zu den fünf Phasen der Trauer auch fünf Phasen der Corona-Bewältigung: "1. Daran wachsen wir als Gesellschaft! 2. Alle scheiße, außer mir! 3. Irgendwann ist es geschafft! 4. Das hört niemals auf! 5. Lalala, ich schaue Serien und tue so, als wäre nix passiert." Brake plädiert für mehr Gelassenheit gegenüber den Schwächen der anderen: "Seit Beginn der Pandemie sind Misstrauen und Missgunst, Beurteilung und Belehrung unsere selbstgerechten Begleiter. Wir blicken auf Nachbarn und Kneipengäste, beurteilen Instagram-Feeds, analysieren die Bevölkerungsdichte von Liegewiesen und Fußgängerzonen, und unsere Reaktionen oszillieren zwischen 'Wenn die das dürfen, will ich aber auch' und 'Schau, die reißen mit dem Arsch ein, was wir über Wochen aufgebaut haben'."
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Stichwörter: Corona, Pandemien

Medien

In der SZ bemerkt Kurt Kister, dass sich New York Times und Washington Post an Donald Trump gesund gestoßen haben mögen, aber nicht die anderen Zeitungen des Landes: "Eine Untersuchung des Reuters Institute ergab, dass nahezu 70 Prozent aller Amerikaner, die für den Zugang zu einer Nachrichten-Website Abo-Gebühren bezahlen, dies 2019 für die Angebote der Washington Post beziehungsweise der New York Times taten.

Nach der blockierten Erhöhung des Rundfunkbeitrags hat das Deutschlandradio beschlossen, eine geplante Gehaltserhöhung zu streichen, meldet Zeit Online mit dpa: "Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) kritisierte den Sender dafür. 'Das könnte eine Vorreiterrolle mit sich bringen, die zu einem Flächenbrand führt', sagte der Bundesvorsitzende Frank Überall."
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Geschichte

In der FR setzt der Historiker Volker Ullrich die Reihe zur Reichsgründung 1871 mit einem Essay zu den außenpolitischen Konstellationen fort: "Das zeitweise Desinteresse sowohl Russlands als auch Großbritanniens an Mitteleuropa erleichterte es Bismarck, den Krieg mit Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland 1866 und den Krieg mit Frankreich um die deutsche Einheit 1870/71 zu begrenzen. Überdies hatte er es verstanden, den französischen Kaiser Napoleon III. in die Rolle des Aggressors zu manövrieren. In Europa war man schockiert über das Vorgehen der französischen Regierung, die scheinbar ohne Grund den Krieg vom Zaun gebrochen hatte. Die Sympathien der europäischen Öffentlichkeit lagen ganz überwiegend beim Norddeutschen Bund und den mit diesem verbündeten süddeutschen Staaten."
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