Heute ist
Auschwitz-Gedenktag. Henryk Broder wirkt in der
Welt eher resigniert: "Die
deutsche Erinnerungskultur ist ein seltsames Wesen, fast so rätselhaft wie die Willkommenskultur. Sie dient nicht einer Erinnerung, die in die Zukunft wirkt, sondern einem verklärenden Blick zurück, voller Verlangen nach Absolution und Anerkennung." Die Rede von der "
Singularität" des Holocaust erscheint Broder übrigens eher wie eine Ausrede: "Wenn Auschwitz, wie immer wieder festgestellt wird, ein 'einzigartiges' Verbrechen war, etwas, das es vorher in der Geschichte der Menschheit nicht gegeben hat, dann muss man sich auch keine Sorgen machen, dass es sich
wiederholen könnte. Etwas, das einzigartig, 'singulär', ist, kann sich nicht wiederholen."
Welt-Thomas Schmid
erzählt zum Gedenktag drei
Geschichten aus Lodz, unter anderem die von den Nazis eingesetzten Bürgermeisters der Stadt,
Werner Ventzki, der die Vernichtung des Ghettos überwachte und später als Vertriebenenfunktionär eine prächtige Karriere machte.
Michael Wuliger, ehemals Redakteur der
Jüdischen Allgemeinen, schreibt bei
Facebook: "
Im Frühjahr 1944 wurden die mehr als 7000 Juden aus Kisvárda und Umgebung von der ungarischen Gendarmerie in einem provisorischen Ghetto zusammengetrieben. Von dort deportierten die Deutschen sie zwei Wochen später, an Schawuot, nach Auschwitz. Dort starben Armin Wulliger, Berta Wulliger, Charlotte Wulliger, Ethel Wulliger, Jenni Wulliger und Wilma Wulliger."Bernd Müllender
erzählt in der
taz die Geschichte des SS-Manns
Hans-Ernst Schneider, der als Mitglied von Heinrich Himmlers "Ahnenerbe" etwa für die Plünderung der Bibliothek Lion Feuchtwangers verantwortlich war und nach dem Krieg als vermisst galt. In Wirklichkeit hat er seinen Namen in
Hans Schwerte geändert und seine Scheinwitwe neu geheiratet. Ein Fall erfolgreicher Vergangenheitsbewältigung! "1965 kam er nach Aachen und avancierte endgültig vom Germanen zum Germanisten. Schwerte war Faust-Fachmann mit, ach, zwei Seelen in der Brust. Er gab sich ausgewiesen
fortschrittlich und linksliberal, galt als Grandseigneur des Fachbereichs, absolut integer, bei den Studierenden überaus beliebt. 1995 flog die Doppelidentität auf."
Angesichts eines erstarkenden Antisemitismus
zeigt sich Rüdiger Mahlo von der Jewish Claims Conference in Deutschland erfreut, dass die Bundesregierung 2020 die Ahndung von Holocaustleugnung verschärft hat. Aber es braucht mehr, vor allem
mehr Unterricht in den Schulen zum Thema, meint er: "Als größter Förderer von Projekten zur Erforschung und Vermittlung der Schoah hat die Claims Conference in mehreren Ländern Studien in Auftrag gegeben, die das
Wissen über den Holocaust unter Jugendlichen abfragen sollten. Das erschreckende Ergebnis: Ein großer Teil kann bereits mit dem Begriff Auschwitz nichts mehr anfangen. Auf der anderen Seite sagen etwa drei Viertel der Befragten, dass das Lernen über den Holocaust wichtig sei und 82 Prozent begrüßen die Vermittlung des Holocausts in der Schule. Das
Schicksal des Gedenkens an die Schoah in unserer Gesellschaft und der daraus ableitenden Haltungen, gegen Antisemitismus und Rassismus einzustehen, liegt in unser aller Hand."
Dabei gibt es gute Ansätze,
erzählt Steffi Hentschke auf
Zeit online, vor allem
im Netz die Erinnerung zu bewahren: "
Michael Löffelsender weiß, was an diesem Tag vor 76 Jahren geschah. Für das Projekt #otd1945 hat der Historiker einzelne Geschehnisse im Konzentrationslager Buchenwald und der Außenstelle Mittelbau-Dora recherchiert. Seit Anfang Januar veröffentlicht er
täglich einen Ausschnitt auf dem Blog
liberation.buchenwald.de. ... 2005 erklärten die Vereinten Nationen den 27. Januar zum internationalen Holocaust-Gedenktag. In diesem Jahr finden die Veranstaltungen dazu
erstmals und fast überall auf der Welt ausschließlich online statt. Die
Stadt Freiburg lädt zur
Podiumsdiskussion über Antisemitismus damals und heute, das
Holocaust-Museum in Skokie in Illinios bietet ein
Gespräch mit zwei Überlebenden an. Das
Goethe-
Institut Israel debattiert über 'das Monster der Erinnerung', inspiriert vom Roman Monster von Yishai Sarid. In dem Buch untersucht der israelische Schriftsteller, warum das Geschichtsbewusstsein trotz Erinnerungspolitik schwindet. Die Feststellung treibt auch Gedenkstätten und Holocaustforscherinnen um und lässt sie fragen: Kann
digitales Erinnern gelingen?" (Im
Tagesspiegel verweist Simone Reber noch auf eine
Online-Schau im Willy-Brandt-Haus mit rund
200 Porträts von Überlebenden des Holocaust.)
Wenn die
letzten Überlebenden der Schoah gestorben sind, wer erbt dann ihre Autorität,
fragt in der
FR Aleida Assmann, die die Frage der neuen Deutungshoheit umtreibt, vor allem was die
Definition von Antisemitismus angeht: "Wenn sie nicht mehr mit- und widersprechen können,
wem gehört dann der Holocaust, wer übernimmt die Verantwortung und
Deutungshoheit? Die Politiker? Sicher nicht allein, denn die Verantwortung tragen wir alle. Als eine
problematische Form der Politisierung erfahre ich zurzeit eine neue Antisemitismusdefinition, die sich vom klassischen Antisemitismus zunehmend auf den sogenannten modernen Antisemitismus verlagert, womit
Kritik an der israelischen Regierung gemeint ist. Problematisch ist diese Verschiebung des Begriffs vor allem deshalb, weil denen, die ihn forcieren, das Schmieden rechter politischer Allianzen offensichtlich mehr bedeutet als der gerade jetzt so wichtige gemeinsame Kampf gegen Antisemitismus."