9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1627 Presseschau-Absätze - Seite 73 von 163

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2021 - Geschichte

Der bekannte Historiker Jan Tomasz Gross äußert sich in einem kurzen Interview mit Gabriele Lesser in der Jüdischen Allegemeinen zum Urteil gegen die Holocaustforscher Barbara Engelking und Jan Grabowski in Polen. Die beiden haben zu polnischer Kollaboration geforscht und wurden wegen eines Fehlers im Detail verurteilt, sich zu entschuldigen (mehr hier und hier): "Es ist skandalös, dass das Gericht den Fall überhaupt angenommen hat", so Gross. "Es liegt nicht in der Kompetenz von Richtern, ein Urteil über die Geschichte zu fällen." Gross hofft auf ein Berufungsverfahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2021 - Geschichte

Gabriele Lesser erzählt in der taz, wie die beiden Holocaustforscher Barbara Engelking und Jan Grabowski in Polen wegen eines tatsächlichen kleinen Irrtums in ihrem monumentalen Werk "Dalej jest noc - Losy Zydów w wybranych powiatach okupowanej Polski" (Und immer noch ist Nacht - Die Schicksale von Juden in ausgewählten Landkreisen des besetzten Polens, mehr hier) gerichtlich unter Druck gesetzt werden, auch um fromme offizielle Geschichtsversionen über Polen und den Holocaust durchzusetzen: "Als besonders schmerzlich erwies sich für viele die durch historische Quellen belegte Tatsache, dass es unter den Polen auch Täter und sogar Nazi-Kollaborateure gab, ebenso wie unter den Ukrainern, Russen, Franzosen, Litauern, Letten und anderen Nationen. Die Pogrome, die katholische Polen 1941 an ihren jüdischen Nachbarn verübten, sind ein besonders schwarzes Kapitel in der Geschichte Polens. Zugleich bestreitet niemand, dass es Deutsche und Österreicher waren, die den Massenmord an sechs Millionen Juden Europas verübten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2021 - Geschichte

In der SZ kann Alexander Menden schon verstehen, dass in ehemaligen Sklavenhalter- oder Sklavenhändlergesellschaften wie Britannien und den USA Denkmäler gestürzt werden, aber in Deutschland sei das doch unnötig, meint er: "Die Kolonialgeschichte wird derzeit zu Recht im Rahmen von Restitutionsdebatten auch in Deutschland wissenschaftlich aufgearbeitet. Dies wird vermutlich noch lange im Schatten der Verbrechen der Nazizeit geschehen. Über deren Bedeutung aber besteht trotz revisionistischer Töne de facto ein weitaus breiterer gesellschaftlicher Konsens als es ihn etwa in den USA über das rassistische Erbe der Sklaverei gibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2021 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Peter Reichel daran, welche Chance am 28. Oktober 1918 verpasst wurde, als die Sozialdemokraten, allen voran Friedrich Ebert, sich nicht dazu durchringen konnten, den Kaiser an der Flucht zu hindern und die Macht zu ergreifen, die ihnen zu Füßen lag. Hätten sie nur etwas mehr Mut gehabt, dann "hätte wahr werden können, wenn auch nach einem verlorenen Krieg, was der deutsche Jakobiner Rebmann im Vormärz gefordert hatte: Ein Volk muss seine Freiheit selbst erobern. Wir besäßen das Bild, das unserem Gedächtnis fehlt: Der Kaiser wäre spät doch noch politisch erwachsen geworden, das Reich vor dem Friedensvertrag eine Republik." Reichel hofft, dass diese Geschichte "bald plausibel und anschaulich" im neu aufgebauten Berliner Schloss gezeigt wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2021 - Geschichte

Die Deutschen rühmen sich ihrer Vergangenheitsbewältigung und haben von ihrer Geschichte keine Ahnung. Erst die polnische Historikerin Agnieszka Pufelska muss in der FAZ daran erinnern, dass der von feierlich-preußisch gestimmten Kreisen betriebene Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam auch von Polen aus gesehen ziemlich problematisch ist. Preußen war nur so schön riesig und großartig, schreibt sie, weil es auf Teilungen Polens beruhte, das im 18. Jahrhundert als Beute Preußens, Russlands und Österreichs spurlos von der Landkarte verschwunden war: "Besonders diejenigen Nationalisten und Militaristen, denen die deutschlandweit bekannte Potsdamer Garnisonkirche als politische Bühne diente, waren bemüht, die deutsche Repressionspolitik gegenüber der polnischen Minderheit zu rechtfertigen. Zu ihren bekanntesten Vertretern gehört sicherlich der Historiker und Redakteur der Preußischen Jahrbücher Heinrich von Treitschke. In seinem Aufsatz 'Das deutsche Ordensland Preußen' von 1862 stellte er Polen und andere Slawen grob abwertend dem nach seiner Auffassung positiven, kultur- und staatsbildenden Einfluss der Deutschen des Deutschen Ordens gegenüber."

Außerdem: In der NZZ erinnert Claudia Mäder daran, wieviele Menschen noch in den 1870er Jahren an Pocken starben, bevor die Impfung obligatorisch wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2021 - Geschichte

In den juristischen Auseinandersetzungen mit den Hohenzollern spielt nur eine Rolle, ob Kronprinz Wilhelm als Chef des Hauses dem Aufstieg der Nazis erheblichen Vorschub leistete (mehr hier). Für die Historikerin Karina Urbach ist aber auch interessant, wie die Frauen agierten. Gestützt auf die geheimdienstberichte der amerikanischen Journalistin Sigrid Schultz schreibt sie in der taz etwa über Kronprinz Wilhelm und seine Frau Cecilie: "Seit Ende der 1920er Jahre führte das Paar in Berlin ein großes Haus, und Cecilie engagierte sich in vaterländischen Frauenverbänden, unter anderem übernahm sie die Schirmherrschaft des 1923 gegründeten Königin-Luise-Bundes. Der Bund schloss 'Jüdinnen und andere Fremdrassige' von der Mitgliedschaft aus, 'um die Reinheit der Rasse' zu gewährleisten. Im Mai 1933 schwor Cecilie 20.000 Zuhörerinnen ihres Bundes mit markigen Worten auf den Führer ein: 'So bringen wir nationalen Frauen … die sich von nun an in breiter Front zusammengeschlossen haben, unserem Reichskanzler Adolf Hitler unseren von Herzen kommenden Dank dafür, daß wir unter seinem Schutz unsere vaterländischen Aufgaben ungehemmt erfüllen dürfen.' Ihre Rede wurde mit begeisterten Heilrufen aufgenommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2021 - Geschichte

Im Tagesspiegel begrüßt der Historiker Mischa Honeck Joe Bidens Entscheidung die von Trump eingesetzte 1776-Kommission, die einen "patriotischen Geschichtsunterricht" in den USA durchsetzen sollte, zu liquidieren. Über die konservativen Verteidiger, die "von einem fairen Wettbewerb zweier Denkschulen" sprechen, kann er nur den Kopf schütteln: "Es ist der eklatante wissenschaftliche Regelbruch, der das Vorgehen von Trumps Weißwäschern kennzeichnet. Ihr propagandistisches Pamphlet enthält keine einzige Fußnote. Hinzu kommt, dass sich unter den Autoren kein einziger professioneller Historiker befindet. ... Trumps Präsidentschaft, so könnte man mit einer Prise Sarkasmus resümieren, hatte ihren logischen Endpunkt erreicht: von Fake News zu Fake History."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2021 - Geschichte

Heute ist Auschwitz-Gedenktag. Henryk Broder wirkt in der Welt eher resigniert: "Die deutsche Erinnerungskultur ist ein seltsames Wesen, fast so rätselhaft wie die Willkommenskultur. Sie dient nicht einer Erinnerung, die in die Zukunft wirkt, sondern einem verklärenden Blick zurück, voller Verlangen nach Absolution und Anerkennung." Die Rede von der "Singularität" des Holocaust erscheint Broder übrigens eher wie eine Ausrede: "Wenn Auschwitz, wie immer wieder festgestellt wird, ein 'einzigartiges' Verbrechen war, etwas, das es vorher in der Geschichte der Menschheit nicht gegeben hat, dann muss man sich auch keine Sorgen machen, dass es sich wiederholen könnte. Etwas, das einzigartig, 'singulär', ist, kann sich nicht wiederholen." Welt-Thomas Schmid erzählt zum Gedenktag drei Geschichten aus Lodz, unter anderem die von den Nazis eingesetzten Bürgermeisters der Stadt, Werner Ventzki, der die Vernichtung des Ghettos überwachte und später als Vertriebenenfunktionär eine prächtige Karriere machte.

Michael Wuliger, ehemals Redakteur der Jüdischen Allgemeinen, schreibt bei Facebook: "Im Frühjahr 1944 wurden die mehr als 7000 Juden aus Kisvárda und Umgebung von der ungarischen Gendarmerie in einem provisorischen Ghetto zusammengetrieben. Von dort deportierten die Deutschen sie zwei Wochen später, an Schawuot, nach Auschwitz. Dort starben Armin Wulliger, Berta Wulliger, Charlotte Wulliger, Ethel Wulliger, Jenni Wulliger und Wilma Wulliger."

Bernd Müllender erzählt in der taz die Geschichte des SS-Manns Hans-Ernst Schneider, der als Mitglied von Heinrich Himmlers "Ahnenerbe" etwa für die Plünderung der Bibliothek Lion Feuchtwangers verantwortlich war und nach dem Krieg als vermisst galt. In Wirklichkeit hat er seinen Namen in Hans Schwerte geändert und seine Scheinwitwe neu geheiratet. Ein Fall erfolgreicher Vergangenheitsbewältigung! "1965 kam er nach Aachen und avancierte endgültig vom Germanen zum Germanisten. Schwerte war Faust-Fachmann mit, ach, zwei Seelen in der Brust. Er gab sich ausgewiesen fortschrittlich und linksliberal, galt als Grandseigneur des Fachbereichs, absolut integer, bei den Studierenden überaus beliebt. 1995 flog die Doppelidentität auf."

Angesichts eines erstarkenden Antisemitismus zeigt sich Rüdiger Mahlo von der Jewish Claims Conference in Deutschland erfreut, dass die Bundesregierung 2020 die Ahndung von Holocaustleugnung verschärft hat. Aber es braucht mehr, vor allem mehr Unterricht in den Schulen zum Thema, meint er: "Als größter Förderer von Projekten zur Erforschung und Vermittlung der Schoah hat die Claims Conference in mehreren Ländern Studien in Auftrag gegeben, die das Wissen über den Holocaust unter Jugendlichen abfragen sollten. Das erschreckende Ergebnis: Ein großer Teil kann bereits mit dem Begriff Auschwitz nichts mehr anfangen. Auf der anderen Seite sagen etwa drei Viertel der Befragten, dass das Lernen über den Holocaust wichtig sei und 82 Prozent begrüßen die Vermittlung des Holocausts in der Schule. Das Schicksal des Gedenkens an die Schoah in unserer Gesellschaft und der daraus ableitenden Haltungen, gegen Antisemitismus und Rassismus einzustehen, liegt in unser aller Hand."

Dabei gibt es gute Ansätze, erzählt Steffi Hentschke auf Zeit online, vor allem im Netz die Erinnerung zu bewahren: "Michael Löffelsender weiß, was an diesem Tag vor 76 Jahren geschah. Für das Projekt #otd1945 hat der Historiker einzelne Geschehnisse im Konzentrationslager Buchenwald und der Außenstelle Mittelbau-Dora recherchiert. Seit Anfang Januar veröffentlicht er täglich einen Ausschnitt auf dem Blog liberation.buchenwald.de. ... 2005 erklärten die Vereinten Nationen den 27. Januar zum internationalen Holocaust-Gedenktag. In diesem Jahr finden die Veranstaltungen dazu erstmals und fast überall auf der Welt ausschließlich online statt. Die Stadt Freiburg lädt zur Podiumsdiskussion über Antisemitismus damals und heute, das Holocaust-Museum in Skokie in Illinios bietet ein Gespräch mit zwei Überlebenden an. Das Goethe-Institut Israel debattiert über 'das Monster der Erinnerung', inspiriert vom Roman Monster von Yishai Sarid. In dem Buch untersucht der israelische Schriftsteller, warum das Geschichtsbewusstsein trotz Erinnerungspolitik schwindet. Die Feststellung treibt auch Gedenkstätten und Holocaustforscherinnen um und lässt sie fragen: Kann digitales Erinnern gelingen?" (Im Tagesspiegel verweist Simone Reber noch auf eine Online-Schau im Willy-Brandt-Haus mit rund 200 Porträts von Überlebenden des Holocaust.)

Wenn die letzten Überlebenden der Schoah gestorben sind, wer erbt dann ihre Autorität, fragt in der FR Aleida Assmann, die die Frage der neuen Deutungshoheit umtreibt, vor allem was die Definition von Antisemitismus angeht: "Wenn sie nicht mehr mit- und widersprechen können, wem gehört dann der Holocaust, wer übernimmt die Verantwortung und Deutungshoheit? Die Politiker? Sicher nicht allein, denn die Verantwortung tragen wir alle. Als eine problematische Form der Politisierung erfahre ich zurzeit eine neue Antisemitismusdefinition, die sich vom klassischen Antisemitismus zunehmend auf den sogenannten modernen Antisemitismus verlagert, womit Kritik an der israelischen Regierung gemeint ist. Problematisch ist diese Verschiebung des Begriffs vor allem deshalb, weil denen, die ihn forcieren, das Schmieden rechter politischer Allianzen offensichtlich mehr bedeutet als der gerade jetzt so wichtige gemeinsame Kampf gegen Antisemitismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2021 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Theologe Jan-Heiner Tück an einen Erlass Albrechts V., der vor 600 Jahren die Vernichtung der Juden befahl. Es war das erste große Trauma der Juden in Österreich: "Herzog Albrecht V. (1397-1439) knüpfte zunächst an die moderate Judenpolitik seiner Vorgänger an, vollzog in den Jahren 1420/21 aber eine radikale Kehrtwende, als er die Inhaftierung, Vertreibung und Vernichtung der Juden anordnete, wenn diese die Taufe verweigerten. Die antijüdische Barbarei erreichte ihren Kulminationspunkt, als am 12. März 1421 die letzten in Wien verbliebenen Juden auf einer Wiese nahe der Donau auf einem Scheiterhaufen zusammengetrieben und bei lebendigem Leibe verbrannt wurden. 92 Männer und 120 Frauen. Die Asche der Verbrannten soll anschließend nach Gold und Schmuck durchsucht worden sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2021 - Geschichte

Der Historiker Mischa Meier feiert mit einer riesigen Studie über die Völkerwanderung einen großen Erfolg auf dem Buchmarkt. Im Gespräch mit Jürgen Kaube und Andreas Kilb von der FAZ erklärt er, dass das Reich Risse zeigte, als die Eliten den Zugriff darauf verloren: "Das Römische Reich war ja von vornherein ein Gebilde, das aus sehr heterogenen Regionen bestand. Und das in den Phasen, in denen es gut funktioniert hat, Mittel und Möglichkeiten besaß, diese Regionen durch übergreifende Elemente wie den Herrscherkult, die Infrastruktur, das Militär, die Sprache, die Verwaltung zusammenzuhalten. In dem Moment, in dem diese Elemente aus ganz verschiedenen Gründen nicht mehr funktionieren, ist klar, dass die unterschiedlichen Regionen ihre eigene Identität wiederentdecken."