9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2278 Presseschau-Absätze - Seite 128 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2020 - Ideen

"Wir brauchen keinen Gott, um zu wissen, was Gut und Böse ist", schreibt der Journalismus und Religionsexperte Hugo Stamm bei watson.ch und begründet seine These naturwissenschaftlich: "Psychologen und Neurologen sind sich weitgehend einig, dass ethische und moralische Werte nicht primär durch Erziehung vermittelt werden, sondern genetisch verankert sind. Jeder Mensch wird mit einem Sinn geboren, der zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Man kann auch von einem Moralinstinkt sprechen."

Bernd Scherer, Leiter des Hauses der Kulturen der Welt, legt auf der Seite 1 des FAZ-Feuilletons einen ambitionierten Essay zum Begriff des "Anthropozäns" vor, in dem der Mensch zum Akteur in der Geohistorie wird und sich die Begriffe von Natur und Kultur neu konstellieren. Am Ende läuft's auf das Haus der Kulturen hinaus: "Da es darum gehen muss, die Welt neu zu sehen, spielen künstlerisch-ästhetische Verfahren eine herausgehobene Rolle. Neben der sinnlichen Unterscheidbarkeit der neuen Phänomene spielt ihre ethische Einordnung eine bedeutende Rolle, die in sozialen und politischen Praxen eingeübt werden muss... Ein neuer Typ von Kulturinstitutionen könnte diese Probebühne für das 21. Jahrhundert sein."

Jan Küveler ist für die Welt nach Aarhus gefahren, um den dort lehrenden Professor für Islamwissenschaften Mark Sedgwick zu treffen, dessen Buch "Gegen die moderne Welt", eine "geheime Geistesgeschichte" rechter Ideologien im 20. Jahrhundert, im Herbst erschienen ist. Von ihm lernt er, dass der rechte Traditionalismus von einem gewissen René Guénon (1886-1951) begründet wurde, einem privatgelehrten Metaphysiker, "der vom Christentum über die Freimaurerei und den Okkultismus den Weg zum Sufismus gefunden hatte. ... Guénon brauchte die Moderne, um sich in ihr Spiegelbild zu verlieben. 'Das ist wohl der Grund', sagt Sedgwick, 'warum der Traditionalismus überall eine Rolle spielt, nur im Mittleren Osten nicht.' Dort, wo man der Tradition ohnehin verhaftet ist, braucht man keine zu konstruieren. So ist die Konjunktur, die die Erben Guénons zurzeit erleben, von Bannon über die Identitären hin zu Dugin, zweifellos Symptom einer Krise der modernen Welt. Aber eben nicht zwangsläufig im traditionalistischen Sinn verstanden als ihr Scheitern. Liberale Beobachter erkennen darin nur Verunsicherung, einen Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, einen Moment der Reflexion und Selbstbefragung mit unklarem Ausgang."

Außerdem: In der NZZ erzählt Hans Maier, wie stark Philosophen in Frankreich in die Politik hinein wirken. Und Kumiko Ahr-Okutomo überlegt, ebenfalls in der NZZ, ob nicht demnächst eine Frau den japanischen Kaiserthron besteigen könnte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2020 - Ideen

In der NZZ ärgert sich die Philosophin Dagmar Fenner über pauschale Kritik an technikbasierten oder biomedizinischen Selbstoptimierungspraktiken wie Hirn-Doping oder Self-Tracking: "Weder lässt sich anhand brauchbarer Unterscheidungskriterien nachweisen, dass moderne technologische Selbstverbesserungsmethoden im Gegensatz zu traditionellen wie Bildung oder Training per se ethisch verwerflich sind, noch dass es irgendwann zu einem qualitativen Umschlag von 'guten' in 'schlechte' Technologien kam. (...) Offen oder verdeckt stehen hinter der Verwerfung von Selbstoptimierung und Enhancement häufig auch religiöse Überzeugungen und Kontingenzargumente, gemäß denen Menschen ihre unvollkommene natürliche Ausstattung dankbar anerkennen sollen und nicht 'Gott spielen' dürfen.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2019 - Ideen

Pessimismus und mürrisches Apokalypsedenken ade! Die nächsten zehn Jahre könnten uns einen neuen Green Deal bringen, freut sich der Zukunftsforscher Matthias Horx im Tagesspiegel. "Verzicht und Vermeidung mögen vorübergehend notwendige Antworten sein. Aber der wahre green deal tritt erst in Kraft, wenn das Ökologische zu einer Befreiungs- und Gestaltungsidee wird. Ökologie berührt nicht nur die Frage der stofflichen Kreisläufe, der Gestaltung der Mensch-Natur-Zusammenhänge. Sie betrifft auch Eigentums- und Demokratiefragen. Kommunikationsstile und Selbstbilder, Wertedimensionen und Lebensweisen, nicht zuletzt auch das Verhältnis der Geschlechter. Die besondere Attraktivität des Ökologischen besteht darin, dass es uns als Menschen, als Erdbewohner, auf neue Weise in Beziehung setzt. Kein Wunder, dass der populistische Nationalismus diese Idee mit jeder Faser bekämpft!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2019 - Ideen

Jan Ross feiert in der Zeit den postkolonialen Publizisten Pankaj Mishra, der die Schuld für die Probleme der Welt vor allem und immer wieder beim Westen sieht (unsere Resümees): "Für die Vorstellung, dass die speziellen Pathologien der muslimischen Welt das Hauptproblem der Gegenwart seien, hat Mishra nur Verachtung übrig. Es ist eine Deutung, die nach den Anschlägen von 9/11 besonders viele Anhänger fand - die aber immer noch umgeht, wenn man an die Rolle der Islam-Angst in den heutigen Flüchtlingsdebatten denkt. Mishra hält die Fixierung auf das angebliche Muslim-Problem für offenkundig unhaltbar, seit jeder sehen kann, dass die USA und Europa ihre eigenen Dämonen hervorbringen."

Technologiedebatten  - vor allem über KI  - sind die neuen Systemdebatten, konstatiert der Technikphilosoph Achim Grunwald in der SZ. Statt zu digitaler Mündigkeit aufzurufen, beschwören die Debatten allerdings einen "gefährlichen Technikdeterminismus", dem sich Mensch und Gesellschaft widerstandslos anzupassen haben: "Damit verleihen sie den 'Machern' der Technik und deren Interessen und Werten eine ungeheure Macht. Hingegen lassen sie die Frage, wie denn der technische Fortschritt durch KI und Digitalisierung in den Dienst der Menschheit gestellt werden kann, etwa zur Realisierung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, komplett verschwinden. Keine Rede von demokratischer Mitgestaltung der KI und ihrer Nutzung oder von regulatorischer Einhegung der Macht weniger Personen und Konzerne. Dominanz und Omnipräsenz der großen Technikdebatten in den Medien und der Öffentlichkeit verhindern den Blick auf die Möglichkeiten aktiver Gestaltung, und zwar unabhängig davon, ob Erlösungshoffnungen fantasiert oder die Apokalypse an die Wand gemalt wird. Beiden haftet ein Determinismus bis hin zum Fatalismus an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2019 - Ideen

Öl und Erdgas sind Russlands Verderben, meint in der NZZ der russische Kulturwissenschafter Alexander Etkind. In allen von ihren Rohstoffen abhängigen Ländern nicht nur in Russland, beobachtet er die Entstehung einer Ständestruktur: "Das politökonomische Prinzip der Demokratie, 'no taxation without representation', funktioniert in Ölstaaten nicht, weil diese eben nicht von Steuern abhängig sind. Allein das Öl vermag es, Finanzströme zu generieren, die den Steuereinnahmen ganzer Staaten entsprechen. ... Insgesamt entstehen so zwei Klassen von Bürgern: eine privilegierte Minderheit, welche die kostbare Ressource fördert, schützt und mit ihr handelt - und alle anderen, deren Existenz von der Umverteilung der Rente aus diesem Handel abhängt. Diese Situation schafft starre, fast schon ständische Strukturen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2019 - Ideen

Der Trägerverein der Begegnungsstätte Thomas-Mann-Haus in Los Angeles hat Thomas Manns Idee einer Radioansprache für die Demokratie wieder aufgenommen und für dieses Jahr den amerikanischen Historiker Timothy Snyder vors Mikrofon gebeten. Die SZ hat den Text übernommmen. Snyder macht die Krise der Demokatie heute an einer mangelnden Zukunftsvision fest: "Die Demokratie braucht die Zukunft, ja, sie kreiert sie. Wenn wir fest daran glauben, dass unsere Stimme zählt und jede noch so kleine Partizipation einen Unterschied macht, gestalten wir in unseren Köpfen ein Zukunftsbild, das eine Wechselwirkung zwischen der Demokratie und unserem Zeitverständnis entstehen lässt. Wenn wir unsere Demokratie wiederhaben wollen, liegt der erste Schritt daher darin, an die Zukunft zu denken. Uns in die Zukunft hineinzudenken. Uns zu überlegen, wie wir die Zukunft zurück in die Politik bringen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2019 - Ideen

Die taz betreibt eine Serie, die sich eine Zukunft nach der nicht abgewendeten Klimakatstrophe ausmalt. In der Einführung heißt es: "Um die Mitte des Jahrhunderts ist Schluss. Planet und Menschheit haben den Point of no Return erreicht, eine unbewohnbare Erde führt zum Zusammenbruch von Zivilisation und internationaler Ordnung - wenn wir nicht radikal umsteuern. So steht es in dem Bericht, den der australische Thinktank Breakthrough National Centre for Climate Restoration im Sommer 2019 veröffentlicht hat."

Der Text von Eva-Maria Tepest und Lynn Musiol liest sich dann eher wie aus der taz von 1979: "Der Kapitalismus konnte uns schon seit Jahrzehnten nichts mehr geben. Also pflanzten wir an. Als Grundversorgung für die Kommune, im ersten Frühjahr und aufgrund ihrer Haltbarkeit, zunächst deutsche Klassiker: Kartoffeln und Kohl. Gleich danach Medizinalpflanzen: Salbei (Halsschmerzen), Johanniskraut (Depression), Kamille, Ringelblume und Arnika (Antiseptikum und Antibiotikum) sowie Wermut (entwurmend). Zuletzt sortenreines Gemüse wie Kürbis, Pastinake, Möhren, Zwiebeln. Und Obstbäume: Apfel, Zitronen, Feigen. Keine Hybride."

Kurator Diedrich Diederichsen spricht in der SZ über seine Hubert-Fichte-Ausstellung "Liebe und Ethnologie" in Berlin, die von einem groß angelegten Journal online flankiert wird. In dem SZ-Gespräch verteidigt Diederichsen "Fichtes Konzept der Empfindlichkeit" vor dem Vorwurf, lediglich queeren Sextourismus zu bedienen: "Fichte hielt das globale schwule Netzwerk, das er in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren erkundete, für eine Mischung aus einer Art utopischem, schwulen Underground Railroad - ähnlich dem Netzwerk für entflohene Sklaven in den USA - und dem beginnenden Massentourismus. ... In welchen Milieus ist das organisiert und wieso überschneidet es sich oft mit religiösen, rituellen Gegenkulturen? Die brasilianische Candomblé-Kultur, zum Beispiel, hat nicht nur schwule Komponenten, es gibt da ja auch ganz starke lesbische Traditionen, eine Art weiblichen Nepotismus, wo von Tante zu Nichte das Wissen weitergegeben wird. In der Casa das Minas in São Luís do Maranhão, dem Ort, wo Fichte am ausgeprägtesten 'ethnologisch' gearbeitet hat, war das ein ganz wichtiger Punkt. An dem Homosexualität oder 'Verschwulung', wie er es nannte, sind so zugleich schwärmerische, fast hippiehafte Menschheitsutopien geknüpft, aber sie sind auch Gesellschaftsformen, andere Organisationen von Sex in Gesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2019 - Ideen

Die Philosophin und Bioethikerin Mary Rorty spricht im Interview mit der NZZ über dies und das, ihren verstorbenen Mann Richard Rorty, Relativismus und die Frage, was das Internet mit unserer Sprache macht: "Was wir erleben, ist eine Demütigung, ja ein Verschwinden der Sprache, wie wir sie kennen. Sie versagt zunehmend darin, ihre ureigene Funktion wahrzunehmen, nämlich Kommunikation unter Menschen zu ermöglichen. Es findet kein Austausch von Gedanken und Gefühlen mehr statt. Stattdessen wird Sprache in den sozialen Netzwerken bloß noch als Ausdruck menschlicher Bedürfnisse verstanden, die sich monetisieren lassen. Längst hat dieses Verständnis auch die Sprachbenutzer erfasst, vor allem die jüngeren. Sie gebrauchen die Sprache immer mehr als Ausdrucks- und immer weniger als Kommunikationsmedium."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2019 - Ideen

Im Interview mit der Welt warnt der Verfassungsrechtler Udo Di Fabio vor einer langsamen Aushöhlung des Rechtsstaats, die von rechts aber auch von links betrieben wird, wenn mit Begriffen wie "Klimanotstand" und "ziviler Ungehorsam" hantiert wird: "Die Rhetorik des Notstandes will ein 'Mainstreaming', eine suggestive Wirkkraft erzeugen. Das ist im Ansatz legitim, kann am Schluss jedoch die verhandelnde und rechtsgebundene Demokratie als Versager dastehen lassen. Das wiederum mindert dann das Vertrauen in die Fähigkeit der Politik und schmälert deren Spielräume für eine die Interessen ausgleichende, ordnungspolitisch durchdachte Gesetzgebung. In Deutschland reagieren viele auch im Blick auf die eigene Geschichte irritiert.

Der Populismus-Begriff ist unscharf, findet Michael Meyer-Resende von der Politikberatungsagentur "Democracy Reporting International" (Website) im Aufmacher des FAZ-Feuilletons. Wichtiger sei die Frage, "ob eine Partei antidemokratisch oder verfassungsfeindlich ist oder nicht. Forscher und Journalisten sollten sich die Mühe machen festzustellen, ob Parteien undemokratische Programme oder Politikvorschläge haben, und sie dementsprechend 'autoritär' oder 'antidemokratisch' nennen. In Deutschland wird es der Öffentlichkeit dabei leichter gemacht, als in anderen Ländern, da der Verfassungsschutz offiziell erklärt, wo Parteien die grundgesetzlichen Grenzen in Frage stellen."

In der FAS wirft Kolja Reichert einen poptheoretischen Rückblick auf die nun zu Ende gehenden zehner Jahre des 21. Jahrhunderts, findet die Nuller aber alles in allem interessanter: "Die Neunziger waren aus Erde und Asphalt. Die Nuller waren aus Holz, Touchscreens und rollbaren Office-Möbeln. Alles sollte sich bewegen. Man trank den Kaffee jetzt im Gehen und hörte Musik aus minimalistisch weißen Stöpseln. Die Technik war zum Anfassen. Internet war was Gutes. Irre. Wie vorbei das ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2019 - Ideen

In Frankreich ist die Freimaurerei recht einflussreich. Zugleich gründet sich der "Grand Orient de France " auf Werte der Aufklärung, insistiert dessen Vorsitzender Jean-Philippe Hubsch im Gespräch mit Mara Delius von der Welt. Den Devisen der Republik fügt er noch Laizimus und Solidarität hinzu. Und mit den Frauen geht's angeblich auch voran: "In unseren Logen gibt es Menschen verschiedenster Herkunft, aller Religionen, jeder Hautfarbe. In Deutschland hat man vielleicht die Vorstellung von einer elitären Freimaurerei, weil man dort vor allem die reguläre Freimaurerei findet, von Männern geprägt und wenig durchmischt. In Frankreich hingegen ist die Freimaurerei außerhalb des Grand Orient de France schon seit mehreren Jahren gemischt. Wir haben eine sehr wichtige weibliche Freimaurerei mit der Grande Loge Féminine de France."
Stichwörter: Freimaurerei, Hautfarbe, Orient