Schuld am
Klimawandel ist ganz klar unser
unverantwortlicher Individualismus,
schreibt der Ökologe Tom Oliver im
Guardian. Nicht nur ist die Idee, man sei eine individuelle Person laut Oliver illusorisch - sie schädigt auch die Umwelt: "Neue Forschungen zeigen, dass Menschen mit einem breiteren
Sinn für Gruppenidentität (zum Beispiel wenn sie sich selbst als Weltbürger betrachten und nicht als Nationalisten) sich eher für umweltfreundliches Verhalten wie etwa die Reduzierung ihrer Kohlenstoffemissionen einsetzen und sich ehrenamtlich engagieren. Ein neues
Zeitalter des Kollektivismus scheint zu beginnen - und das nicht einen Moment zu früh." Wo darf ich mich verkriechen?
Die Schweden haben einen neuen Sport erfunden: die
Normkritik,
berichtet Thomas Steinfeld in der
SZ. Normkritik bedeutet, das, was man für normal hält, in Frage zu stellen, um es dann "integrierend" aufzulösen. Alle machen mit, lesen wir, Schulen, Universitäten Museen und die Wirtschaft. Diese Institutionalisierung der Normkritik erscheint Steinfeld als ein befremdlicher Auswuchs schwedisch-sozialdemokratischen Denkens, wonach "sich die Gesellschaft mit einer Art von
Ingenieurwesen verändern lasse: In ihr wurde zuerst die Idee kultiviert, Normen stellten so etwas wie einen ideellen Apparat dar, den man mithilfe überlegenen Wissens (und guten Willens) so justieren könne, dass
keine Störungen mehr auftreten. Wobei man sich allerdings fragt, was aus den von ihren (falschen) Normen befreiten Menschen werden soll: Sind sie dann um ihr Fehlverhalten reduzierte, gleichsam
gereinigte Wesen, also ideale Staatsbürger?"
In der
NZZ geht Simon M. Ingold der neue Moralismus, der jedes Einkaufen bei Amazon und jede Autofahrt verdammt, gewaltig auf die Nerven. Man nennt diese Hypermoral jetzt "
woke", also besonders wach sein. Für Ingold nimmt das teilweise perverse Formen an, die umso besser von Rechten (die Ingold ebenfalls kritisiert) ausgenutzt werden können: "So ist es im angelsächsischen Raum mittlerweile üblich, dass Redner im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen aufgefordert werden, ihre
angeblichen Privilegien offenzulegen. Eine junge Ärztin würde sich beispielsweise als weiße, heterosexuelle Europäerin und Einzelkind vorstellen (im Weltbild der Wokeness-Bewegung alles Attribute, die einer Entschuldigung bedürfen). Unter dem Deckmantel der Transparenz wird damit ein
Bonus-
Malus-
System weitgehend angeborener Eigenschaften etabliert, das Vorurteile bestätigt, statt sie zu beseitigen. Aufseiten der Privilegierten forciert es zudem eine
heuchlerische Selbstkasteiung, die einer reichlich verqueren Logik folgt: Man werte sich ab, um sich den vermeintlich Benachteiligten auf Augenhöhe zu nähern."