9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2278 Presseschau-Absätze - Seite 127 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2020 - Ideen

Der moderne westliche Staat steckt in einer Legitimationskrise, wieder mal, meint Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ. Obwohl er das nicht dramatisieren will, sieht er doch Diskussionsbedarf: "Neue, nicht nur umgebaute Begriffe von Staatlichkeit sind bisher - selbst auf der vorpolitischen Ebene von Diskussionen - diffus und formlos geblieben. Wie soll man sich einen grünen Zukunftsstaat vorstellen, der zum Ziel hat, die nachhaltige Existenz der Menschheit auf dem Planeten zu sichern - und doch nicht in eine Art moralisch erhabener Ökodiktatur abdriften will? Existiert eine Möglichkeit, libertäre Phantasien von der Privatisierung vieler Staatsfunktionen umzusetzen, ohne dass sie zur Aushöhlung von Staatlichkeit als solcher und also zu chaotischen Verhältnissen führen?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2020 - Ideen

Gestern machte sich ein Ökologe noch Hoffnung auf einen kommenden Kollektivismus, mit dem sich die Klimakrise bewältigen ließe (unser Resümee). Aber für Jörg Phil Friedrich in Telepolis, der eine ganze Serie mit Szenarien vorlegt, ist die Katastrophe kaum mehr abwendbar: "Es gibt Regionen auf der Erde, auf denen der Großteil der dort lebenden Menschen tatsächlich wenig Chancen auf ein Überleben im Klimachaos haben wird. Die ansteigenden Meeresspiegel, verbunden mit Sturmfluten und extremen Überschwemmungen, werden weite Gebiete Ozeaniens und andere Inselgruppen unbewohnbar machen, die Menschen werden dort ertrinken, diejenigen, die die Überschwemmungen überleben, werden sich vom unfruchtbar gewordenen Land nicht ernähren können und werden an Hunger und Krankheiten sterben. Kein Konjunktiv und kein relativierender Einschub, dass dies 'zu befürchten' oder 'als Risiko anzunehmen' sei, darf uns davor bewahren, diesem Zukunftsszenario in die Augen zu sehen." Nächste Folge: "Wie die Hochtechnologie im Klimawandel versagt."

In einem etwas umständlich formulierten Artikel für die SZ plädiert die Medienwissenschaftlerin Petra Grimm für mehr Ethik bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenz: "In der KI-Forschung und -Entwicklung bedeutet es, dass ethische Überlegungen von vornherein angestellt sowie Nachhaltigkeit und ethische Grundsätze eingehalten werden. Dieses Vorgehen ist keine einmalige oder punktuelle Angelegenheit. Vielmehr begleitet die Reflexion die Entwicklung und ist auch nach Marktreife eines Produkts, Dienstes oder Systems nicht abgeschlossen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2020 - Ideen

Schuld am Klimawandel ist ganz klar unser unverantwortlicher Individualismus, schreibt der Ökologe Tom Oliver im Guardian. Nicht nur ist die Idee, man sei eine individuelle Person laut Oliver illusorisch - sie schädigt auch die Umwelt: "Neue Forschungen zeigen, dass Menschen mit einem breiteren Sinn für Gruppenidentität (zum Beispiel wenn sie sich selbst als Weltbürger betrachten und nicht als Nationalisten) sich eher für umweltfreundliches Verhalten wie etwa die Reduzierung ihrer Kohlenstoffemissionen einsetzen und sich ehrenamtlich engagieren. Ein neues Zeitalter des Kollektivismus scheint zu beginnen - und das nicht einen Moment zu früh." Wo darf ich mich verkriechen?

Die Schweden haben einen neuen Sport erfunden: die Normkritik, berichtet Thomas Steinfeld in der SZ. Normkritik bedeutet, das, was man für normal hält, in Frage zu stellen, um es dann "integrierend" aufzulösen. Alle machen mit, lesen wir, Schulen, Universitäten Museen und die Wirtschaft. Diese Institutionalisierung der Normkritik erscheint Steinfeld als ein befremdlicher Auswuchs schwedisch-sozialdemokratischen Denkens, wonach "sich die Gesellschaft mit einer Art von Ingenieurwesen verändern lasse: In ihr wurde zuerst die Idee kultiviert, Normen stellten so etwas wie einen ideellen Apparat dar, den man mithilfe überlegenen Wissens (und guten Willens) so justieren könne, dass keine Störungen mehr auftreten. Wobei man sich allerdings fragt, was aus den von ihren (falschen) Normen befreiten Menschen werden soll: Sind sie dann um ihr Fehlverhalten reduzierte, gleichsam gereinigte Wesen, also ideale Staatsbürger?"

In der NZZ geht Simon M. Ingold der neue Moralismus, der jedes Einkaufen bei Amazon und jede Autofahrt verdammt, gewaltig auf die Nerven. Man nennt diese Hypermoral jetzt "woke", also besonders wach sein. Für Ingold nimmt das teilweise perverse Formen an, die umso besser von Rechten (die Ingold ebenfalls kritisiert) ausgenutzt werden können: "So ist es im angelsächsischen Raum mittlerweile üblich, dass Redner im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen aufgefordert werden, ihre angeblichen Privilegien offenzulegen. Eine junge Ärztin würde sich beispielsweise als weiße, heterosexuelle Europäerin und Einzelkind vorstellen (im Weltbild der Wokeness-Bewegung alles Attribute, die einer Entschuldigung bedürfen). Unter dem Deckmantel der Transparenz wird damit ein Bonus-Malus-System weitgehend angeborener Eigenschaften etabliert, das Vorurteile bestätigt, statt sie zu beseitigen. Aufseiten der Privilegierten forciert es zudem eine heuchlerische Selbstkasteiung, die einer reichlich verqueren Logik folgt: Man werte sich ab, um sich den vermeintlich Benachteiligten auf Augenhöhe zu nähern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2020 - Ideen

In der taz schreibt Matthias Lohre, Autor des Buchs "Das Opfer ist der neue Held - Warum es heute Macht verleiht, sich machtlos zu geben", über den Begriff der "Mikroaggression", der Form einer alltäglichen Diskriminierung, die nur in einem Blick liegen kann und derer sich der "Täter" gar nicht bewusst ist. Lohrer findet zwar, das der von dem Psychologen Derald Wing Sue entwickelte Begriff ein Problem beschreibt, aber auch eine Gefahr enthält: "Wir alle sagen oder tun Dinge, die andere verletzen, ohne dass wir es wollen. Was ist daran auszusetzen, wenn die Betroffenen darauf hinweisen? Nichts, sofern wir die Wahl haben: Wenn wir unsere Absicht erläutern können. Wenn wir darüber diskutieren dürfen, welche Formulierungen wir als beleidigend ansehen und welche nicht. Oder wenn wir um Entschuldigung bitten können. Aber all das ist hier unmöglich. Denn Vertreter dieser Form der Identitätspolitik sprechen anderen die Fähigkeit, moralisch 'richtig' zu empfinden, ab. Sie erklären nicht verletzende Äußerungen zum Problem, sondern Menschen. Sie suchen keine Lösungen, sondern Täter. Sich selbst erklären sie zu Opfern."

Helden sind - jedenfalls in den westlichen Ländern - völlig out. Aber gerade die Demokratie braucht Helden, ruft der Philosoph Dieter Thomä in der NZZ, die die Fackel der Freiheit hochhalten. "Helden testen Grenzen und verstoßen gegen Spielregeln. Edward Snowden taugt als Beispiel dafür, Hans Magnus Enzensberger, der sonst mit Pathos knausert, hat ihn als 'Helden des 21. Jahrhunderts' bezeichnet. Snowden hat das Gesetz mit seinem Geheimnisverrat gebrochen, um die USA an ihr ureigenstes Ideal zu erinnern: den Schutz der individuellen Freiheit - in diesem Fall den Schutz vor staatlicher Überwachung. Übrigens gibt Snowdens Geschichte auch Anlass für die Schweizer, sich an die eigene Nase zu fassen. Beim Umgang mit Whistleblowern wie Christoph Meili hat sich dieses Land nicht mit Ruhm bekleckert. Nach den Skandalen, die sie aufgedeckt hatten, waren viele von ihnen beruflich - und oft auch persönlich - einfach erledigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2020 - Ideen

Die Parteiendemokratie wird immer skeptischer beäugt. Aber welche Art von Demokratie könnte Probleme wie Klimawandel, Migration oder Digitalisierung lösen helfen, überlegt in der Welt der Zukunftsforscher Daniel Dettling und macht, dem belgischen Historiker Reybrouck folgend, einen Vorschlag: "Die Bürger sollen mitreden und sich nicht nur regieren lassen. Demokratie muss wieder erlebbar werden! ... Es geht um ergänzende, nicht ersetzende Formen der Partizipation, welche die Demokratie beleben. Europaweit gibt es inzwischen - vor allem auf lokaler Ebene - eine neue Bewegung der 'Bürgerversammlungen'. Ihre Grundidee: Wo alle ausreichend Zeit und Informationen haben, komplexe Fragen zu diskutieren, entstehen gute und akzeptierte Lösungen. Emotional aufgeladene Fragen werden versachlicht, gesellschaftliche Konflikte entschärft. Irland hat mit Unterstützung einer Bürgerversammlung Referenden zur 'Ehe für alle' und zum Abtreibungsrecht vorbereitet, der französische Präsident Emmanuel Macron will in diesem Jahr mit einem Bürgerkonvent einen nationalen Konsens in der Klimapolitik erreichen und hat dazu vor wenigen Tagen ein Referendum vorgeschlagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2020 - Ideen

Die Zukunft sieht gut aus, meint Steven Pinker in einem Essay, den die NZZ von der Financial Times übernommen hat. Nicht zuletzt dank einiger westlicher Obsessionen: "Im Bereich der Ethik gewinnt die Idee der Menschenrechte wie von selbst an Boden, da die willkürliche Benachteiligung und Misshandlung von Bevölkerungsgruppen unter dem geschärften Blick der Öffentlichkeit keinen Rückhalt mehr hat. ... Mittlerweile werden auch sexuelle Belästigung, die Misshandlung von Transgendern oder die repressive Gesetzgebung illiberaler Staaten im Zeichen der Menschenrechte bekämpft; allein in der vergangenen Dekade wurde Homosexualität in dreizehn Staaten entkriminalisiert. Auch die rückständigsten Weltgegenden geraten zunehmend unter Druck, archaische Praktiken wie den Ausschluss von Mädchen aus dem Bildungssystem oder das Fahrverbot für Frauen zu liquidieren."

Auf Zeit online hält Christian Bangel nichts davon, Links- und Rechtsradikalismus gleichzusetzen: "Die Linke hat sich in ihrer überwiegenden Mehrheit seit 1989 mit wachsendem Erfolg in die bundesdeutsche Demokratie integriert, ohne ihre Spielregeln grundlegend infrage zu stellen. ... Auf der anderen Seite gibt es die AfD, deren Vorstellungen von Demokratie denen Viktor Orbáns ähneln. Bürger nichtweißer Hautfarbe, nichtchristlichen Glaubens oder nichtrechter Einstellung sind in ihrem Weltbild keine richtigen Bürger, sondern der innere Feind. Dementsprechend müssen die Öffentlich-Rechtlichen sowie Kultur- und Bildungseinrichtungen von nichtrechten Einflüssen befreit werden. Die AfD fügt sich nicht ins demokratische Spektrum ein, sondern sie radikalisiert sich immer weiter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2020 - Ideen

Die taz veranstaltet ein von Sabine am Orde und Stefan Reinecke moderiertes Streitgespräch zwischen dem Politologen Wolfgang Merkel (der der Sozialdemokratie nahesteht) und der Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, über die Frage, ob die urbanen Eliten die ärmeren Schichten in die Arme der AfD treiben. Merkel meint ja und argumentiert dabei von einer klassisch linken Position: "Das soziale Unten bleibt unten. Das ist meine Kritik: Die Linke hat sich kulturell progressiv definiert und nicht mehr ökonomisch. Weil es schwierig war, in einer entgrenzten ökonomischen Welt noch linke Steuerungsimpulse einzupflanzen, hat man sich auf das leichtere Feld der kulturellen Modernisierung verlegt. Auch sozialdemokratische Parteien entgrenzten und deregulierten, stets in der Hoffnung, dass es einen Trickle-Down-Effekt gibt, dass langfristig auch Mittel- und Unterschichten von dieser Entfesselung profitieren. Die Klassenfrage wurde ausgeblendet. Ein Fehler."

Foroutan sagt das erwartbare Gegenteil: "Es gibt in der Gesellschaft einen historisch und strukturell verankerten Rassismus und Sexismus. Klimapolitik oder Forderungen von Frauen und Minderheiten, in Sprache und Struktur repräsentiert zu sein, erfordern nun, diese eingeschliffenen Muster zu ändern. Das löst Aggressionen aus. Es ist keine moralische Hybris, für Klima- oder Migrationsgerechtigkeit und geschlechtergerechte Sprache einzutreten. Soll man jetzt sagen, die Erde ist eine Scheibe, weil sich jemand bevormundet fühlt, wenn man ihm sagt, dass die Erde rund ist?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2020 - Ideen

"Es gibt keinen Ort der Welt, an dem wir Afrikaner willkommen sind, nicht einmal in Afrika", sagte der afrikanische Historiker und Politologe Achille Mbembe bei einem Vortrag. Im großen SZ-Gespräch mit Jörg Häntzschel erklärt Mbembe, wie er sich ein postkoloniales Afrika ohne Grenzen vorstellt: "Wir sollten die Tendenz des Westens zu Feindseligkeit und Abschottung nicht auf unserem eigenen Kontinent nachahmen. Unser Kontinent ist gigantisch. Es gibt genug Platz für alle in Afrika. Wir sollten Afrika zu einem riesigen Labor für Versuche machen, wie wir die Welt gerecht teilen, reparieren und widerstandsfähig machen können. Jeder soll sich frei bewegen dürfen. Dazu müssen wir uns gegen Europas Übergriffe auf Afrikas Souveränität, seine Bewohner und sein Territorium zur Wehr setzen. Europa hat kein Recht, den Afrikanern in Afrika zu diktieren, wie, wann und ob sie sich bewegen dürfen. Es hat dieses Recht vielleicht in Europa, aber nicht hier." (Wie genau die Europäer die Afrikaner in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken, hätte man im Interview allerdings schon gern erfahren.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2020 - Ideen

Der Historiker Michael Ignatieff wirft in der Zeit der aktuellen Philosophie vor, die Idee des Trostes über den Verlust von Mitmenschen und den eigenen Tod verabschiedet zu haben und plädiert dafür, auch als Säkularer die alten religiösen Texte wiederzulesen, die er seltsamerweise mit der Musik von Bach und Mahler gleichsetzt: "Was uns tröstet, mag nicht mehr der Glaube an das Paradies sein, sondern etwas ganz anderes, ein Glaube an die Menschheit aus dem Bewusstsein heraus, dass andere Menschen, so wie wir, wussten, was es heißt, existenzielle Ängste und Einsamkeit zu empfinden, und sich von ihnen trotzdem nicht unterkriegen ließen." Der indische Autor Sudhir Kakar hält dagegen "die Vorstellung, dass das persönliche Selbst Teil eines kosmischen Selbst ist, aus dem es bei der Geburt hervorgeht und in das es sich beim Tod auflöst".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2020 - Ideen

Nicht ohne Spott - aber auch nicht ohne Anerkennung - bespricht Uli Krug in der Jungle World die Neuausgabe von Klaus Theweleits epochaler Studie über "Männerfantasien". Er erinnert daran, dass das Buch seinerzeit achtseitig von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein gefeiert wurde, auch weil der Ursprung des Faschismus, damaligen Trends folgend, ins Psychologische verlegt wurde: "Schon in dieser Hinsicht können die 'Männerphantasien' als epochal gelten - im Sinne der Prägung des Denkens und Sprechens kommender Jahrzehnte -, weil sie sich gut benutzen ließen, um das Signalwort 'Mann' als jedem spezifisch sozialgeschichtlichen Kontext enthobene quasi psycho-ontologische Erklärung von allerlei Missliebigem zu etablieren und damit auch gleich - für den ehemaligen SS-Mann Augstein auch persönlich nicht unwichtig - den Faschismus als rein therapeutisch-pädagogisch zu behandelnde Fehlentwicklung und Reifungsstörung zu universalisieren und somit zu entsorgen."