Didier Eribon, der mit seiner
"Rückkehr nach Reims" zum Orakel des deutschen Feuilletons wurde, nimmt im Gespräch mit Andreas Kilb und Mark Siemons von der
FAS mal wieder die
Bevölkerung Osteuropas in Geiselhaft für die fehlgelaufene Entwicklung seit 1989: "Die gemeinsame Erklärung für die Ereignisse in Deutschland und in Frankreich lautet, dass die linken Parteien den vom Neoliberalismus Abgehängten keine politische und kulturelle Identität mehr bieten. Die politische Kultur der Linken wurde durch den
Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa zerstört." Interessant im Gespräch ist die Distanzierung von
Sahra Wagenknecht, die sich mit ihrer Bewegung "Aufstehen!" ebenfalls auf Eribon bezieht: "Ich habe persönlich nichts gegen Sahra Wagenknecht, ich würde ihr
keinen Schokoladenkuchen ins Gesicht werfen, wie es ein Antifa-Aktivist getan hat. Aber wenn die politische Offenheit ihrer neuen Bewegung den
Ausschluss von Migranten bedeutet, sind mir die alten Parteien lieber."
Viel retweetet wird im Augenblick ein
kleiner Essay des Journalisten Jonas Schaible von
t-online.de, der eine kulturalistisch-genderistische Erklräung für den
Rechtsruck in den Gesellschaften sucht: "Aus der Welt, in der es normal war,
unbewusst Privilegien zu genießen, weil man weiß, heterosexuell oder männlich war oder
aus dem Westen kam, ist eine geworden, in der man zunehmend mit der Frage konfrontiert wird, ob das so gerecht ist. Das heißt dann: 'Check your privilege'". Mach dir mal klar, welche Privilegien du hast! Und arbeite daran, anderen nicht im Weg zu stehen. Und hier formt sich nun eine
neue gesellschaftliche Konfliktlinie."
Die
NZZ hat zwei weitere Beiträge ihres Wochenenddossiers zum
Liberalismus online freigestellt: Der Historiker
Jörg Baberowski erklärt im
Interview, warum er sich heute als Liberal-Konservativer sieht. Das schließt Veränderungen nicht aus, aber: "
Schmerzfreie Veränderungen gibt es nur, wenn sie sich im Gewand der Sprachen, Sitten und Gewohnheiten derer vollziehen, die sie ertragen müssen. Und wenn die Bürger von der Notwendigkeit, dass sich ihr Leben ändert, selbst überzeugt sind. Konservative würden sagen: Veränderungen müssen tatsächlich als
Verbesserung des Lebens wahrgenommen werden. Es gibt keinen Lebensvollzug, der zum endgültigen Abschluss kommen kann. Man kann nur zur Einsicht kommen, dass es die beste aller Gesellschaften nicht geben wird und auch nicht geben kann."
Der Liberalismus kann nicht überleben, wenn unsere Daten von Regierungen und den Internetriesen kontrolliert werden,
meint in einem zweiten NZZ-Text
Slavoj Zizek.
Auch
Bhaskar Sunkara, Gründer des linken amerikanischen Magazins
The Jacobin, nimmt im
Interview mit dem
Standard eine Definition von
Liberalismus vor: "Wir nehmen den Platz links vom Liberalismus ein, der die sozialen Probleme nicht lösen konnte. Diese Kritik am Liberalismus sollte jedoch nicht antiliberalistisch ausgelegt werden. Uns geht es mehr darum zu demonstrieren, dass dieser nicht weit genug ging. Die Alternative ist ein
demokratischer Sozialismus, der die Linke erweitern kann." Dabei steht für ihn die
Klassenfrage im Vordergrund: "Wenn man es ernst meint mit der Umverteilung von Ressourcen, kann man die Klassenfrage nicht umgehen. Wer hat die Position, die Macht? Ich denke nicht, dass der weiße Arbeiter die primäre Machtposition gegenüber schwarzen Arbeitern hat, sondern der Kapitalist."
Weiteres: Der Publizist und
Zeithistoriker Walter Laqueur ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Eily Langer
schreibt den Nachruf in der
Washington Post.