9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2279 Presseschau-Absätze - Seite 152 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2018 - Ideen

Im Gewand eines Fakten-Checks verteidigt Markus Schär in der NZZ die biologistischen Thesen des kanadischen Sozialpsychologen Jordan Peterson, der im Namen des gesunden Menschenverstand und natürlich auch des Forschungsstands den ganzen Gender-Kram austreiben will: "Der klinische Psychologe mit 25.000 Stunden Einzeltherapie kann als Koryphäe gelten. Dass sich seine Arbeit bewährt, bezeugen Fälle, die er im Buch oder in Gesprächen erzählt, gerade mit Frauen, die er mehr Selbstbewusstsein lehrt."
Stichwörter: Peterson, Jordan, Gender

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2018 - Ideen

Der Historiker Walter Laqueur ist vergangene Woche im Alter von 97 Jahren gestorben. In der Welt erinnert Jacques Schuster in einem sehr persönlichen Nachruf an einen bis zuletzt hellwachen Denker, der schon früh vor dem Terrorismus als "globalem Problem" warnte und an einen "Wanderer zwischen den Welten", "der in Washington zu Hause war, aber nie aufgegeben hatte, nach Deutschland zu schauen; einen, der seine früheren Landsleute kannte, der sie - trotz allem - schätzte und gleichzeitig mit mildem Pessimismus betrachtete. Die Deutschen neigen bis zur Fahrlässigkeit dazu, sich am Klang des eigenen Echos zu erfreuen. Menschen wie George Mosse, Fritz Stern, Peter Gay oder Walter Laqueur erinnerten sie zuweilen daran, wie gefährlich es ist, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen. Leider fehlen diese Menschen heute."
Stichwörter: Laqueur, Walter, Pessimismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2018 - Ideen

Ein universelles Recht auf Gastfreundschaft kann es nicht geben, widerspricht in der Zeit der Philosoph Burkhard Liebsch Etienne Balibar und plädiert stattdessen für Gastlichkeit - als humanitäre Selbstverständlichkeit. Gastlichkeit bedeutet laut Liebsch aber auch: "Wenn wir überhaupt ein (europäisches) Volk sind, dem das deutsche Parlament und die Regierung verpflichtet sind, dann nicht ohne die Achtung jedes Anderen als eines Fremden - nicht ohne die unteilbare Achtung, heißt das, die wir auch all jenen schulden, die ihr nicht gerecht werden, indem sie die in weiten Teilen Europas nach wie vor praktizierte Gastlichkeit missverstehen oder missbrauchen. Das schließt ausdrücklich auch diejenigen ein, die sich durch kulturelle, ethische und moralische Ignoranz auszeichnen oder den Rechtsstaat nicht achten."
Stichwörter: Balibar, Etienne, Rechtsstaat

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2018 - Ideen

Gefühle müssen heute rituell sichtbar gemacht werden - das ist neu und gleichzeitig sehr alt, versichert leicht amüsiert der Historiker Volker Reinhardt in der NZZ. "So brachten die Königinnen von Frankreich ihre Kinder öffentlich zur Welt; das erinnert nicht zufällig an B-Prominente, die sich vor, während und nach 'Schönheitsoperationen' filmen und im Fernsehen mit frischen Narben und neu aufgeplusterten Lippen vorführen lassen. Besonders intensiv musste Mitleid zelebriert werden: Päpste, die nicht aus Mitgefühl krank wurden, wenn ihre Untertanen Hunger litten, mussten sich kritischen Fragen nach ihrer Legitimität stellen. Wenn sie wie Innozenz X. 1648/49 in der schlimmsten Versorgungskrise des Jahrhunderts in Rom auf der Piazza Navona einen Prunkbrunnen vor dem Palast ihrer Nepoten errichten liessen, galten sie sogar des Teufels. Heute eilen Politiker, je nach Anlass adäquat gewandet, an Unglücksorte, um dieselbe Betroffenheit zu manifestieren - einem deutschen Bundeskanzler in betont bürgernaher Regenkleidung sicherte das bei den Überschwemmungen des Jahres 2002 sogar die vorher mehr als fragliche Wiederwahl."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2018 - Ideen

Didier Eribon, der mit seiner "Rückkehr nach Reims" zum Orakel des deutschen Feuilletons wurde, nimmt im Gespräch mit Andreas Kilb und Mark Siemons von der FAS mal wieder die Bevölkerung Osteuropas in Geiselhaft für die fehlgelaufene Entwicklung seit 1989: "Die gemeinsame Erklärung für die Ereignisse in Deutschland und in Frankreich lautet, dass die linken Parteien den vom Neoliberalismus Abgehängten keine politische und kulturelle Identität mehr bieten. Die politische Kultur der Linken wurde durch den Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa zerstört." Interessant im Gespräch ist die Distanzierung von Sahra Wagenknecht, die sich mit ihrer Bewegung "Aufstehen!" ebenfalls auf Eribon bezieht: "Ich habe persönlich nichts gegen Sahra Wagenknecht, ich würde ihr keinen Schokoladenkuchen ins Gesicht werfen, wie es ein Antifa-Aktivist getan hat. Aber wenn die politische Offenheit ihrer neuen Bewegung den Ausschluss von Migranten bedeutet, sind mir die alten Parteien lieber."

Viel retweetet wird im Augenblick ein kleiner Essay des Journalisten Jonas Schaible von t-online.de, der eine kulturalistisch-genderistische Erklräung für den Rechtsruck in den Gesellschaften sucht: "Aus der Welt, in der es normal war, unbewusst Privilegien zu genießen, weil man weiß, heterosexuell oder männlich war oder aus dem Westen kam, ist eine geworden, in der man zunehmend mit der Frage konfrontiert wird, ob das so gerecht ist. Das heißt dann: 'Check your privilege'". Mach dir mal klar, welche Privilegien du hast! Und arbeite daran, anderen nicht im Weg zu stehen. Und hier formt sich nun eine neue gesellschaftliche Konfliktlinie."

Die NZZ hat zwei weitere Beiträge ihres Wochenenddossiers zum Liberalismus online freigestellt: Der Historiker Jörg Baberowski erklärt im Interview, warum er sich heute als Liberal-Konservativer sieht. Das schließt Veränderungen nicht aus, aber: "Schmerzfreie Veränderungen gibt es nur, wenn sie sich im Gewand der Sprachen, Sitten und Gewohnheiten derer vollziehen, die sie ertragen müssen. Und wenn die Bürger von der Notwendigkeit, dass sich ihr Leben ändert, selbst überzeugt sind. Konservative würden sagen: Veränderungen müssen tatsächlich als Verbesserung des Lebens wahrgenommen werden. Es gibt keinen Lebensvollzug, der zum endgültigen Abschluss kommen kann. Man kann nur zur Einsicht kommen, dass es die beste aller Gesellschaften nicht geben wird und auch nicht geben kann."

Der Liberalismus kann nicht überleben, wenn unsere Daten von Regierungen und den Internetriesen kontrolliert werden, meint in einem zweiten NZZ-Text Slavoj Zizek.

Auch Bhaskar Sunkara, Gründer des linken amerikanischen Magazins The Jacobin, nimmt im Interview mit dem Standard eine Definition von Liberalismus vor: "Wir nehmen den Platz links vom Liberalismus ein, der die sozialen Probleme nicht lösen konnte. Diese Kritik am Liberalismus sollte jedoch nicht antiliberalistisch ausgelegt werden. Uns geht es mehr darum zu demonstrieren, dass dieser nicht weit genug ging. Die Alternative ist ein demokratischer Sozialismus, der die Linke erweitern kann." Dabei steht für ihn die Klassenfrage im Vordergrund: "Wenn man es ernst meint mit der Umverteilung von Ressourcen, kann man die Klassenfrage nicht umgehen. Wer hat die Position, die Macht? Ich denke nicht, dass der weiße Arbeiter die primäre Machtposition gegenüber schwarzen Arbeitern hat, sondern der Kapitalist."

Weiteres: Der Publizist und Zeithistoriker Walter Laqueur ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Eily Langer schreibt den Nachruf in der Washington Post.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2018 - Ideen

Das NZZ-Feuilleton bringt heute ein kleines Dossier zum Liberalismus. Rene Scheub feiert den Liberalismus als Tugend. Und Karen Horn warnt: Ein Wirtschaftsliberalismus, der gegenüber der sozialen Frage blind ist, schafft sich selbst ab. Das konnte man schon 1938 am Colloque Walter Lippmann in Paris lernen: "Gegen linke Rufe nach immer noch mehr Regulierung wissen wir mit guten Argumenten zu protestieren. Nach rechts gelingen oft nur schwache Lippenbekenntnisse. Es gehört zur Tragik der Liberalen, in der Konzentration auf die wirtschaftlichen Aspekte der Freiheit und im Zorn auf die Linken schon allzu oft unselige Allianzen mit den Rechten eingegangen zu sein."

Außerdem in der Literarischen Welt: Ein Dossier mit Texten sehr junger Autoren über die Frage, wie sie sich die Zukunft vorstellen.
Stichwörter: Liberalismus, Regulierung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2018 - Ideen

Im SZ-Interview mit Max Tholl wirft der Politologe Mark Lilla der deutschen Linken einen Mangel an Identifikation mit ihrem Land und der internationalen Linken zu viel Interesse für Minderheiten vor: "Menschen sehnen sich nach einem Nationalgefühl, sie wollen stolz sein auf ihr Land. Ohne dieses Gefühl der Zugehörigkeit gibt es keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Minoritäten in unserer Gesellschaft, die mehr Rechte für sich beanspruchen, müssen die Mehrheitsgesellschaft dazu bringen, sich mit ihnen zu identifizieren. Dazu braucht es eine gemeinsame Identifikationsgrundlage, damit aus Randgruppen Mitbürger werden. Die amerikanische Geschichte ist geprägt von Kämpfen nach gleichberechtigter Staatsbürgerschaft, weil diese der Weg zur Emanzipation ist. Die Linke muss das endlich begreifen, ansonsten ist sie impotent. Aber die Linke liebt es, machtlos zu sein. Linker Widerstand muss scheitern, um das eigene Dasein zu rechtfertigen."

In der Jungle World kommentiert Jörn Schulz eine Studie, die herausgefunden hat, dass die "die extreme Rechte von einer Finanzkrise profitiert, nicht aber von einer Rezession oder wirtschaftlichen Einbrüchen". Für ihn liegt darum die Vermutung nahe, "dass eine Finanzkrise ein Trigger für latenten Antisemitismus ist... Den dubiosen Geschäften der 'globalistischen Elite' stellte die Tea Party die eigene, von schweißtreibender Arbeit und ehrlichem Mittelstand geprägte Bodenständigkeit entgegen: Wall Street versus Main Street. Im rechtslibertären Milieu der USA misstraut man sogar dem Papiergeld und fordert eine Golddeckung der Währung. Ein solcher ökonomischer Primitivismus ist nicht zwangsläufig antisemitisch, aber offen für den Einfluss von Verschwörungsideologien."

Kollektive Entschuldigungen, wie sie verschiedene amerikanische Städte, die im Sklavenhandel eine besondere Rolle spielten, gegenüber den schwarzen Nachkommen vorbringen, sind "unwillentlich rassistisch", denn sie beruhen auf einer Vorstellung von "Sippenhaftung", schreibt der Philosoph Jason Hill, selbst Nachkomme von Sklaven und Immigranten aus der Karibik, in der NZZ: "Sie fordert, dass man die moralische Verantwortlichkeit für Verbrechen übernimmt, die man selbst nicht begangen hat, und dass man die Sünden der Vorväter tragen muss. Aber wie können wir wissen, ob die Vorfahren eines oder einer Weißen Sklavenhalter waren, und nicht vielmehr - vielleicht - Gegner der Sklaverei, oder ganz einfach bescheidene Arbeiter? Wenn Kollektivschuld, so wie ich sie dargestellt habe, eine kaschierte Form kodifizierter kollektiver Schuld der Vorfahren ist, dann gründet diese Art Kollektivschuld - und damit auch ihre Umkehrfunktion, der kollektive Anspruch auf Entschuldigung - auf der krudesten Form von Rassismus: auf biologischem Kollektivismus."

Colin Marshall wundert sich in einem etwas zu ausufernden Essay für Quillette darüber, wie prompt Ian Buruma bei der New York Review of Books gehen musste - Buruma hatte bekanntlich einen Essay des kanadischen Entertainers Jain Ghomeshi publiziert, in dem dieser sich mit den #MeToo-Vorwürfen gegen seine Person auseinandersetzt. Stimmen die Gerüchte, dass die mächtigen Universitätsbuchverlage mit Anzeigenentzug drohten? "Dass die Review einen solchen Druck trotz des Mangels an Beweisen für einen bevorstehenden Boykott der Uni-Verlage verspürte, offenbart eine verblüffende Schwäche der Zeitschrift, die in den letzten Jahren für ihre vergleichsweise robuste finanzielle Gesundheit, besonders im Vergleich mit Amerikas kränkelnden General-Interest-Magazinen bekannt war." Nachzutragen ist, dass eine Gruppe prominenter Autoren, darunter Joyce Carol Oates und Ian McEwan in einem offenen Brief gegen Burumas Weggang protestiert haben, wie der Guardian vorgestern meldete.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2018 - Ideen

Ian Burumas Entlassung oder Weggang bei der New York Review of Books ist ein Schlag für die intellektuelle Auseinandersetzung, schreibt Laura Kipnis, Autorin der Zeitschrift und eines Buchs über sexuellen Missbrauch an Universitäten, in der New York Times. Sie fürchtet, dass bestimmte Themen immer mehr mit Tabus umstellt werden und dass RedakteurInnen sich nicht mehr trauen, publizistische Risiken einzugehen. Buruma musste gehen, weil er den kanadischen Entertainer Jian Ghomeshi schreiben ließ, der beschuldigt wird, Frauen sexuell missbraucht zu haben (vor Gericht aber freigesprochen wurde). Kipnis dazu: "Es ist unmöglich zu sagen, ob ein anderer Artikel einer Person, die des Missbrauchs bezichtigt wird, die gleichen Reaktionen auslösen würde wie Ghomeshis Essay, oder ob die Reaktionen spezifisch waren für bestimmte Fehlstellen in dem Artikel. Bekenntnisartikel sind ein schwieriges Genre. Aber selbst wenn sein Plädoyer unehrlich oder selbstmitleidig ist, bin ich interessiert zu hören, was der Beschuldigte in eigener Sache zu sagen hat, auch bei jenen, die ich für schuldig und verachtenswert halte und die nicht die richtige Lektion aus ihren Verbrechen gelernt haben."

Die Rettung bedrohter Tier- und Pflanzenarten winkt in der Stadt, meint der Biologe Josef Reichholf in einem langen Interview mit dem Tagesspiegel:  "Weil die Bevölkerung dort toleranter ist, was Tiere und wild wachsende Pflanzen betrifft. Wo die Menschen es sich leisten können, streben sie außerdem nach Lebensqualität. Es gibt Trends wie Urban Gardening und Dachbegrünungen, in London soll man bald überall innerhalb von zehn Minuten die nächste Grünfläche erreichen können. Erst gestern habe ich bei einem Spaziergang ein Kartoffelbeet am Ku'damm entdeckt. Draußen auf dem Land ruft es schon einen Aufstand der Bauern hervor, wenn man die kleinste Fläche von der agrarischen Nutzung frei bekommen möchte."

Außerdem: In der NZZ denkt Hans Ulrich Gumbrecht über die Vorliebe Hitlers für Disneyfilme nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2018 - Ideen

Der Schriftsteller Jan Böttcher hat eine Petition von 290 "Kulturschaffenden" gegen Horst Seehofer lanciert, die in wenigen Tagen von 5.000 Menschen unterschrieben wurde. Jaja, Elite eben, war dann der häufigste Vorwurf, auf den er heute in Zeit online mit einem schönen sehr persönlichen Text antwortet, der das so gar nicht elitäre Leben eines deutschen Schriftstellers aus Lüneburg beschreibt. Und "an die wütenden Kommentatoren: Ich versichere, dass wir nicht das geringste Interesse daran haben, mit unserer Erklärung diese Gesellschaft zu spalten. Künstler und Kulturschaffende agieren im Dialog mit Menschen, sie machen Angebote für Menschen. Sie sind friedfertig und mögen die Demokratie. Das ist eigentlich zu blöd, um es noch hinzuschreiben, aber ich lasse jetzt nichts mehr unversucht. Und es darf schon protestieren, wer regionale wie internationale Kontexte schätzt und wer der Ansicht ist, dass auch die Luft nach 2015 hierzulande noch Sauerstoff zum Atmen enthält."

Rassismus und Antisemitismus hat's in Deutschland gegeben, seit die Kulturwissenschaftlerin Stella Hindemith denken kann, erklärt sie im Zeit-Blog 10 nach 8. Aber so richtig gesellschaftsfähig wurde der Rechtspopulismus mit der Friedenspreisrede Martin Walsers 1998, meint sie: "Der Rechtspopulismus wurde nicht auf der Straße erfunden, auch nicht von den viel zitierten Wutbürgern. Er kommt auch nicht allein aus dem Osten oder von den Wendeverlierern, auch wenn er hier vielleicht besonders viel Resonanz erfährt. Der Rechtspopulismus ist lange und hartnäckig erdacht, nicht zuletzt von Intellektuellen und Politikern aus dem Westen. Seine bürgerlichen ArchitektInnen heißen Walser, Hohmann, Möllemann, Sarrazin oder Steinbach. Und er ist verwurzelt in der Abwehr der Verantwortung für den Nationalsozialismus und dem damit einhergehenden Antisemitismus. Der Erfolg des Rechtspopulismus - auf der Straße wie in den Parlamenten - wird nicht verstehbar werden, wenn seine Entstehung nicht beachtet wird." Übrigens sollte man auf dem Foto, das den Artikel garniert, das strahlende Gesicht Frank Schirrmachers notieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2018 - Ideen

"Illiberale Demokratie" ist nicht mehr Demokratie, sondern ein demokratisch illegitimes, manipuliertes Regime, das diesen beschönigenden Namen nicht verdient, schreibt Jan-Werner Müller in einem Essay für die Gegenwartsseite der FAZ: "Wer meint, zum empirischen Nachweis einer Demokratie genüge es, zu zeigen, dass die Regierung nicht am Wahltag die Urnen mit gefälschten Zetteln füllen ließe, der übersieht, dass es keine Demokratie ohne ergebnisoffenen demokratischen Willensbildungsprozess geben kann. Die jüngsten Wahlen in Ungarn wurden von internationalen Beobachtern zwar als noch frei bewertet - zur Stimmabgabe für Orbán wurde wohl keiner gezwungen -, aber in keiner Weise als fair. Noch unfairer - und in vieler Hinsicht auch gar nicht mehr frei - ging es bei den türkischen Präsidenten- und Parlamentswahlen im Juni zu."