Die
NZZ übernimmt aus
Foreign Affairs Francis Fukuyamas vieldiskutierten Artikel zur
destruktiven Macht von Identitätspolitik, die er bei der Linken ebenso wie bei der Rechten sieht. Am Beispiel von Barack Obamas
Afforcable Care Act etwa zeigt er, wie ein politisches Projekt, das allen Amerikanern zugute kommen sollte, von den Gegnern zu einer Angelegenheit eines schwarzen Präsidenten umgemünzt wurde. Der europäische Linke dagegen wirft er den
Multikulturalismus vor, der Assimilation unmöglich mache: "Demokratische Gesellschaften zersplittern in Segmente mit immer enger gefassten Identitäten, was die Möglichkeiten gesamtgesellschaftlicher Erwägungen und kollektiven Handelns zunehmend bedroht. Eine solche Entwicklung führt unweigerlich zum Kollaps und zum
Scheitern des Staates. Wenn die liberalen Demokratien es nicht schaffen, die Menschenwürde wieder universaler zu begreifen, verdammen sie sich selbst - und die Welt - zu
ständigem Konflikt." Die Lösung sieht Fukuyama allerdings nicht in der Abkehr von jeglicher Identitätsidee: "Vielmehr gilt es, größere und einheitlichere
nationale Identitäten zu definieren, welche die Mannigfaltigkeit liberaler demokratischer Gesellschaften berücksichtigen."
"Wenn es um
Feminismus geht, so erscheint es mir als Frau, haben die Deutungshoheit immer die anderen - und nie bin ich gut genug. Ich muss damit rechnen, auf offenem Feld
zerpflückt und bloßgestellt zu werden",
klagt die Publizistin Caroline Rosales im 10-nach-8-Blog auf
Zeit online. Und während die Feministinnen Erbsen zählen, besetzten die Rechten den Feminismusbegriff. Geht's noch? "Warum werden wir in unserer ewigen Diskussionstoleranz nie konkret? Warum gründet niemand eine
feministische Partei? Warum setzen wir uns nicht alle flächendeckend für die
Abschaffung des Paragraphen 219a ein, der ein Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche bedeutet? Warum finden wir nicht Kompromisse untereinander und konzentrieren uns darauf, die Motive der Rechtsnationalen zu zerpflücken? ... Wenn wir nicht klar formulieren,
was wir für unsere Zukunft wollen, Bündnisse schließen und den feministischen Bullshit von rechten Rednerinnen entlarven, entmachten wir uns selbst."
Fritjof Küchemann wünscht sich - ausgerechnet! - in der FAZ eine
differenzierte Diskussion über das
Lesen im digitalen Wandel: "Auf die Frage, was eine informierte Debatte über Lesen und Digitalisierung am dringendsten brauche, lautet eine Antwort aus der Forschung: die Entwicklung und Vermittlung von
Strategien der Selbstkontrolle - für Kinder wie für Erwachsene."
Wenn morgen vormittag die Gedächtnisforscher
Jan und Aleida Assmann in der Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegennehmen, wird wohl mancher an die Rede denken, mit der
Martin Walser eben dort vor 20 Jahren "seine
Selbstentpflichtung aus dem von ihm inzwischen nachgerade verachteten 'Erinnerungsdienst'" bekannt gab. Der Historiker
Norbert Frei jedenfalls sieht in der
SZ die Walser-Rede bis heute nachwirken, auch wenn Walser und der entsetzte Ignatz Bubis Wochen später einige versöhnlichere Worte tauschten: "Halbwegs einig zeigten sich die Kontrahenten damals - Helmut Kohl war gerade abgewählt, Rot-Grün frisch an der Macht, die Bonner Republik auf dem Weg nach Berlin -, dass die Sprache des Erinnerns einer 'Erneuerung' bedürfe. Zwei Jahrzehnte später wirkt diese Diagnose wie ein vorzeitiges Signal aus ferner Vergangenheit. Jetzt gilt es, das Erreichte zu verteidigen: gegen Forderungen nach einer '
erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad' und gegen ein neurechtes Begriffsrecycling ('
Denkmal der Schande'), das sich bis heute bei Martin Walsers fataler Paulskirchenrede zu bedienen weiß."
Die Verleihung des Friedenspreises an die Assmanns ist ein gutes Signal,
freut sich Micha Brumlik in der
taz, der die beiden Preisträger würdigt: Hier "werden zwei
innigst miteinander kooperierende Intellektuelle geehrt, die wie nur wenige andere lebenslang für Moral, politische Verantwortung und humanes Engagement eingestanden sind - radikal gegen jede Form nationalistisch bornierten Denkens".