9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2018 - Ideen

Im Welt-Interview spricht der amerikanische Politologe Francis Fukuyama, der vor dreißig Jahren durch die These, mit der liberalen Demokratie sei der Endpunkt der Geschichte erreicht, schlagartig bekannt wurde, über Donald Trump, Identitätspolitik und seinen Bruch mit den Neokonservativen: "In meinen Augen drehen wir uns immer wieder im Kreis. Die Politik an den Universitäten hat sich kaum weiterentwickelt. Eine Menge alter Ideen kommt wieder an die Oberfläche. Dieses Mal ist die Reaktion, die sie hervorrufen, jedoch weniger produktiv, weil sie von Rechten übernommen wurden, die keine Intellektuellen sind. In den Achtzigern gab es eine Menge ernst zu nehmende, konservative Intellektuelle. Heute gibt es solche Figuren auf der Rechten nicht mehr, was ich schade finde, weil wir auf beiden Seiten reflektierte Menschen mit guten Ideen brauchen."

Die NZZ bringt einen Auszug aus einem große autobiografischen Gespräch zwischen Hans Ulrich Gumbrecht und Rene Scheu, das in Gumbrechts neuem Buch "Der Weltgeist im Silicon Valley" abgedruckt ist. Der deutsch-amerikanische Romanist spricht über Lyotard, Foucault und den Drogenkonsum von Derrida, kommunistische Desillusion und seine frühe Amerika-Begeisterung: "Ich glaube, es war in der Tat die kindliche Begeisterung aus den 1950er Jahren, die mich zusammen mit der Begeisterung für die großen amerikanischen Universitäten - vor allem nach zwei Gastprofessuren in Berkeley 1980 und 1983 - nach Amerika getragen hat. Die Entdeckung und Kritik Amerikas durch europäische Intellektuelle im 20. Jahrhundert - und da schließe ich Tocqueville natürlich aus - kam mir immer wie an den Haaren herbeigezogen vor, spätkolonialistisch, von Ressentiment und Neid getrieben. Natürlich gibt es immer einige Highlights - so Baudrillards Beschreibung des Fahrstils auf amerikanischen Freeways. Aber das allermeiste ist europäischer Intellektuellen-Provinzialismus."

Weitere Artikel: In der NZZ schreibt der Soziologe Hans-Peter Müller zum hundertsten Todestag von Georg Simmel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2018 - Ideen

Heute berichten auch die deutschen Medien über Ian Burumas Kündigung als Chefredakteur der "New York Review of Books" (Unser Resümee). Hannes Stein kann die Kritik an Buruma in der Welt nachvollziehen: "Es geht einzig und allein darum, ob ein bedeutendes Magazin, in dem jeder Intellektuelle von Rang und Namen gern veröffentlichen würde, ausgerechnet Jian Ghomeishi Platz für einen Text einräumen sollte. Zweitens: Ian Buruma sagte im Interview mit 'Slate', es sei nicht seine Sorge, ob Ghomeishi schuldig ist oder nicht. Es ist aber sehr wohl seine Sorge. Denn es macht einen gewissen Unterschied, ob sich ein Schuldiger oder ein Unschuldiger dagegen wehrt, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden."

Und in der SZ berichtet Christian Zaschke: "Dem niederländischen Magazin Vrij Nederland sagte Buruma: 'Ich hatte starke Reaktionen erwartet. Meine Hoffnung war, dass sich eine Diskussion darüber entwickelt, wie wir mit Leuten umgehen, die sich falsch verhalten haben, aber vor Gericht freigesprochen worden sind.' Die heftige Kritik an ihm selbst empfindet er als 'ironisch', wie er sagt: 'Ich habe ein Themenheft über Menschen gemacht, die nicht von der Justiz, sondern von sozialen Medien verurteilt worden sind. Jetzt stehe ich selbst am Pranger.'"

Im Tagesspiegel erklärt der Chemnitzer Politologe und Extremismusforscher Eckhard Jesse, weshalb Rechts- und Linksextremismus nicht unterschiedlich wahrgenommen werden sollten: "Gewalt, moralisch legitimiert, sei nur verständliche Gegengewalt gegen die strukturelle Gewalt des Staates oder gegen die konkrete der Polizei. Es mache einen riesigen Unterschied aus, ob ein wehrloser 'Fremder' attackiert wird, ein Schwacher, oder ein bewaffneter Polizist, ein Starker. Im ersten Fall sei dies feige, im zweiten Fall mutig. Aber: Das Leben eines jeden Menschen ist gleich viel wert. Und: Ist ein 'Fremder' immer schwach, ein Polizist immer stark? Wenn eine strafrechtlich relevante Verschiedenheit besteht, dann die zwischen einer 'vorsätzlichen' und einer 'fahrlässigen' Tat, unabhängig von der Ethnie des Opfers."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2018 - Ideen

Ian Buruma hat Hals über Kopf die Leitung der New York Review of Books aufgegeben, berichtet Cara Buckley in der New York Times. Er hat einen Essay des kanadischen Autors und prominenten Radiomoderators Jian Ghomeshi veröffentlicht, der sich mit den zahlreichen Anklagen von Frauen wegen sexueller Belästigung auseinandersetzt (er ist vor Gericht freigesprochen worden). "Der Essay hat sofort für Aufruhr gesorgt, einige kritisierten den als selbstmitleidig empfundenen Ton, und die Beschönigung von Anklagen, die immerhin von Schlägen und Würgen sprachen. Es waren über zwanzig Frauen und nicht 'einige', wie Ghomeshi schrieb. Buruma zog weiteren Zorn auf sich, weil er ein Interview gegeben hatte, dem vorgeworfen wurde, dass er kein Interesse an den Beschuldigungen gegn Ghomeshi zeige." Ob Buruma aus eigenen Stücken gegangen ist oder gefeuert wurde, konnte die New York Times nicht in Erfahrung bringen.

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari skizziert im Interview mit der Zeit die großen Gefahren, die uns drohen: Ein Nuklearkrieg, Klimawandel und die Digitalisierung. Letztere vor allem können unsere Gesellschaften fast unbemerklich verändern - freier Wille, Individualität war mal. "Das Individuum war mächtig, solange es eine Blackbox war, solange kein äußerer Beobachter meine individuellen Präferenzen, Wünsche und Gedanken kennen konnte. Die gesamte liberale Ordnung gründet auf dieser Annahme: Keiner weiß es besser als der Wähler, keiner weiß es besser als der Kunde. Aber wenn wir ein System haben, das tatsächlich in die alte Blackbox Individuum reinschauen und entsprechend dessen tiefste Bedürfnisse vorhersagen und manipulieren kann, dann gibt es das klassische Individuum nicht mehr."

Tilman Baumgärtel schreibt den Nachruf auf Paul Virilio in der taz: "Wer den Fortschritt analysieren will, muss auch die Unfälle verstehen, die er ausgelöst hat, fand Virilio, und hatte auch dafür einen griffigen Slogan: 'Die Erfindung des Autos war auch die Erfindung des Autounfalls.'" Und in der Welt schreibt Ulf Poschardt: "Gegen den Eskapismus, das Eckenstehertum, die Orchideen-Akademie setzte Virilio ein radikales, unverschämtes 'Denken, was ist'. Er ahnte die geistige Leere der neuen Lenker der Welt voraus und versorgte sie mit jenen Begrifflichkeiten, die erhellten, auf welche disruptiven Herausforderungen die Menschheit zuraste."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2018 - Ideen

Vier Schriftstellerinnen diskutieren morgen in Berlin über die Möglichkeit eines linken Populismus (mehr hier). Ihre Positionen, die in der taz vorabgedruckt sind, klingen eher skeptisch. Tanja Dückers schreibt: "Linker Populismus funktioniert tatsächlich nur von oben nach unten - und zwar innerhalb der eigenen Bewegung. Kaum eine linkspopulistische Strömung, die sich nicht irgendwann in einen autoritären Apparat verwandelt hätte (Venezuela mit Chávez, Perón in Argentinien). Ausgerechnet die populistischen Postmarxisten, die für sich doch gerne in Anspruch nehmen, zu neuen Ufern aufbrechen zu wollen, orientieren sich am traditionellen linken Dogmatismus."

Paul Virilio, der im Alter von 86 Jahren gestorben ist, war einer der ersten, die über den Kontext von Medien und Krieg nachdachten, auch wenn er seine Theorie der Beschleunigung später kaum an der Digitalisierung überprüfte. Harry Nutt schreibt den Nachruf in der Berliner Zeitung: "Der 'reine Krieg' ist einer, der nicht mehr endet und der letztlich in den beschleunigten Informationsmedien, die immer auch Kriegsmedien sind, fortgeführt wird.  So ging der Virilio-Sound in jener Zeit, und er löste eine neue Lust an der Theorie aus, die nicht auf Begriff und Definition versessen war, sondern auf Assoziationsreichtum und intellektuelle Sprunghaftigkeit setzte." Im FAZ.Net gibt's kurze Anmerkungen von Helmut Mayer, und im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer den Nachruf auf den "Propheten des Untergangs".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2018 - Ideen

In der NZZ diagnostiziert der Literaturwissenschaftler Uwe C. Steiner eine "moralische Epidemie" um den Vorwurf des Rassismus: "Immer niedriger sinkt die Schwelle zum sanktionsbedürftigen Verhalten und zum skandalösen Sprachgebrauch. Auf einmal versündigt sich schon, wer 'Flüchtlinge' statt 'Geflüchtete' sagt. Man maßt sich an, als Stimme der unterstellt Erniedrigten zu sprechen, um milieukonform um moralische Distinktionsgewinne zu rivalisieren. Es stellt sich ein, was René Girard mimetische Rivalität genannt hat. Man steckt sich gegenseitig mit seiner Erregung an. Bald eskaliert der Konflikt und heischt Sündenböcke, Opfer, denen das sonst allerorten geforderte Opferprestige verweigert wird. Kommt doch schon die Anklage dem Schuldspruch gleich und mündet in die soziale Ächtung."

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin und seine Frau, die Filmwissenschaftlerin Nathalie Weidenfeld plädieren im SZ-Gespräch über künstliche Intelligenz für einen "digitalen Humanismus", der sich dem chinesischen System der Normierung ebenso widersetzt wie amerikanischem Libertarismus. Ein optimistisches Wort immerhin am Ende des Gesprächs zu den Chancen digitaler Kommunikation: "Es kann sich ... fast jeder mit den digitalen Möglichkeiten zu fast jedem Thema informieren. Es gibt ein Problem mit der Unterscheidung von seriösen und nicht serösen Inhalten, aber insgesamt ist das ideal für die Demokratie. Alle haben Zugang. Und wir haben die Möglichkeit, Argumente und Thesen in einen offenen Prozess der Beteiligung einzubringen. Das funktioniert aber nur, wenn man es nicht zum Ersatz macht, sondern als eine Art ständig begleitende, digitale Beratungsfunktion für die politischen Entscheidungsträger. Man bindet die professionelle Politik auf diesem Weg enger an die Meinungsbildung der Bürgerschaft. Das ist ein noch unausgeschöpftes Potenzial."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2018 - Ideen

Die Philosophin Christina Hoff Sommers bezeichnet sich als klassische Feministin. Mit dem Gender-Feminismus hat sie ein Problem, erklärt sie im Interview mit der NZZ, weil er an Fakten nicht interessiert ist, sondern alles bisher Erreichte abwertet: "Bei den Fortschritten für Frauen kommt man doch kaum noch mit. Frauen können nicht nur Karriere im Top-Management machen, sie machen sie. Frauen sind als CEO und auf höchster Ebene in der Corporate Leadership tätig. Im US-Erziehungssystem sind Frauen, einschließlich Afroamerikanerinnen und Latinas, eine einzige Erfolgsgeschichte. Frauen sind Männern auf Bachelor-, Master- und PhD-Ebene zahlenmäßig weit überlegen. In der Schule stellen Mädchen die Jungs mit besseren Noten, mehr Auszeichnungen, höherer Wahrscheinlichkeit auf einen Hochschulabschluss überall in den Schatten."

Im Interview mit der FR glaubt der Kognitionswissenschaftler Douglas Hofstadter nicht, dass Computer je wirklich denken lernen werden. Sie sind dafür einfach zu linear, Analogien können schon kleine Kinder besser: "Zum Beispiel wenn ein zweijähriges Mädchen sehr stolz sagt: 'Ich habe die Banane ausgezogen!' Man sieht, dass sie eine süße und sehr gute Analogie gemacht hat. In der Vergangenheit hat sie ihre Puppe ausgezogen und ist sie von ihrer Mutter ausgezogen worden. Sie weiß also sehr genau, was sie unter 'ausziehen' zu verstehen hat. Und wenn sie sieht, was sie selbst bei der Banane macht, erkennt sie, dass das etwas Vertrautes und Ähnliches ist. Die Auswahl jedes Wortes hängt mit einer Analogie zusammen."

Hin- und hergerissen zwischen den Verfechtern des Sachzwangs und der Hyperindividualisierung zieht der Philosoph Dieter Thomä in der SZ in einen "Zweifrontenkrieg": "Politiker, die sich hinter dem Sachzwang verstecken, müssen als Demokratiefeinde bloßgestellt werden, denn sie entziehen Entscheidungen der Willensbildung von unten. Manager, die Mitarbeiter in die Spirale der Alleinstellungsmerkmale treiben, müssen als Saboteure der Demokratie angegriffen werden, denn sie zerstören die Bereitschaft der Menschen zur Kooperation. Nur wenn das demokratische Wir wieder flott gemacht wird ... kann die Demokratie ihre Abwehrschwäche überwinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2018 - Ideen

Künstliche Intelligenz kennt keine Neugierde, darum wird sie auch nie ein echtes Bewusstsein entwickeln, meint der Nuklearphysiker Hans Widmer in der NZZ: "Der Urantrieb auch des Bewusstseins ist der Lebenswille des menschlichen Organismus, dem es aufgesetzt ist. Es spukt nicht, wie bisweilen der Eindruck entsteht, im Leerlauf durch das Gehirn. Das Geistige und das Körperliche sind keineswegs unabhängige Entitäten, womit sich nebenbei der von Platon und Descartes postulierte Dualismus als fundamental unhaltbar erweist. ... Die unauflösbare Koppelung von Bewusstsein an Lebenswillen und zugleich das Unvermögen, Leben zu synthetisieren, nehmen der künstlichen Intelligenz von vornherein jede Chance, Bewusstsein zu erzeugen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2018 - Ideen

Die Sowjetunion ist untergegangen, aber der Homo sovieticus lebt weiter. In der Ukraine versucht man seit der Maidan-Revolution, sein Gespenst endlich auszutreiben, erzählt die ukrainische Kulturwissenschafterin Kateryna Botanova in der NZZ. Dazu braucht es vor allem neue Institutionen im Land. Während der Kampf gegen die Korruption kaum Erfolge zeigt, haben sich sich Bildung und Gesundheitswesen stark reformiert: "Sie verändern heute, natürlich gegen starke Widerstände und nicht ohne viele andere Probleme, jene Mechanismen des früheren sowjetischen Systems, die tagtäglich für Erniedrigung und Repression sorgten. Damit schaffen sie einen Raum, in dem sich Menschen mit einem offenen und kritischen Geist frei und ohne Furcht entfalten können. Das ist eine nahezu unbemerkte moralische Revolution ohne Farbe in der Ukraine. ... Aber sie ist es, die das zerstört, was der ukrainische Soziologe Jewhen Holowacha meint, wenn er von einer 'unmoralischen Mehrheit' spricht, also vom Selbstbild einer Gesellschaft, die von sich glaubt, sie bestehe überwiegend aus unehrlichen, korrumpierbaren Menschen."

Rechtes Denken habe heute kein Zentrum, schreibt Thomas E. Schmidt in einem Zeit-Essay: "Es gelangt viral in die Gesellschaft, indem es die Gestalt eines politischen Kontinuums annimmt. Rechte Sympathien stuften sich in ihrer Radikalität fein ab, sie überlappten und ergänzten einander. Die meisten der Menschen, die den Rechtsruck mitgestaltet haben, würden sich wahrscheinlich noch immer nicht als rechts bezeichnen. Entsprechend sahen die meisten Liberalen Sympathien für rechtes Gedankengut als eine kurzfristige Erkrankung der Zivilgesellschaft an: Irgendwann werde die Grippe schon wieder verschwinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2018 - Ideen

Die Begriffe Faschismus und Antifaschismus kommen in der aktuellen Debatte wieder in Mode und werden besonders von Akteuren benutzt, die gegenüber der AfD ihre richtige Gesinnung unterstreichen wollen. Aber beide Begriffe sind äußerst problematisch, schreibt Tobias Blanken in einem lesenswerten Essay für die Salonkolumnisten. Zum Begriff des Antifaschismus schreibt er: "Die kommunistischen Denker beließen es bei ihrer Theoriebildung nicht bei einer Aufzählung der gemeinsamen Wesensmerkmale der von ihnen in den jeweiligen Ländern ausgemachten faschistischen Bewegungen, sondern machten die Faschismus-Theorie mit ihrem marxistischen Weltbild kompatibel, indem sie den 'klassenmäßigen Inhalt' beziehungsweise den 'Klassencharakter' des Faschismus bestimmten, was darauf hinauslief, dass der Faschismus als eine Herrschaftsform zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Herrschaft gedeutet wurde. "

Gestern dachten Houssam Hamade und Viola Nordsieck auf Zeit online über Bedeutungsrahmen in der politischen Diskussion nach. Gleiches tut heute der Politikwissenschafter und Extremismusforscher Eckhard Jesse, der in der NZZ eine Schieflage bei der Behandlung von Links- und Rechtsextremismus in der Wissenschaft sieht: "Ein Teil der Wissenschaft tabuisiert den Vergleich zwischen Rechts- und Linksextremismus, weil der Terminus 'Linksextremismus' nicht als akzeptiert gilt. Es gibt in Deutschland schon seit längerem eine bemerkenswerte Schieflage zwischen der Stärke der extremistischen Szenen und ihrer Wahrnehmung. Rechtsextremismus wird, zumal in öffentlichrechtlichen Medien, mitunter hoch-, Linksextremismus dagegen eher heruntergespielt. ... Gegenüber links dominiert Inklusion, gegenüber rechts Exklusion. Der Umgang - bereits in der Sprache: hier 'Aufmarsch', da 'Demo' - ist ein anderer."

Im Augenblick häufen sich in den Medien Warnungen, dass wir sehenden Auges in die nächste Finanzkrise hineinschlittern. In der NZZ möchte der Kulturtheoretiker Dirk Baecker das nicht so stehen lassen. In den letzten zehn Jahren sei doch einiges gelernt worden: "Es scheint gelungen zu sein, den engen Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Kapitalstrukturen ansatzweise zu lockern und mit Blick auf die gesellschaftlichen Strukturen, in denen jede Kapitalrechnung sich bewähren muss, kontingent zu setzen. Das ist in drei Hinsichten geschehen, die nicht zufällig auch in anderen Diskussionen als Megatrends der gesellschaftlichen Entwicklung zitiert werden: Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel."

Weiteres: Ebenfalls in der NZZ denkt Thomas Ribi darüber nach, warum wir von Gewalt so besessen sind, obwohl wir sie kaum noch erleben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2018 - Ideen

Regelrechtes Gekabbel auf der Leserbriefseite der FAZ. Thilo Sarrazin antwortet auf eine Kritik des FAZ-Redakteurs Rainer Hermann an seinem neuen Buch "Feindliche Übernahme" (unser Resümee). "Dass ihm mein Vorgehen bei der Interpretation des Korans nicht gefällt, macht er deutlich. Aber es gelingt ihm nicht, mir ein falsches Zitat nachzuweisen", so Sarrazin. Hermann repliziert auf den Leserbrief ungewöhnlicher Weise genauso lang - und genauso erregt: "Ihre Unkenntnis in Sachen Islam zeigt sich auch bei Ihrer 'Auslegung' von Koran-Sure 3, Vers 110. Sie werfen mir 'Gaukelei' vor, wenn ich das Auserwähltsein erst in dritter Linie auf den Glauben beziehe. Auch an dieser Stelle haarsträubend, mit welcher Unkenntnis Sie den Passus 'auslegen'. Er liegt mir auf Arabisch vor." Sarrazins Leserbreif steht bei achgut.de online.

Houssam Hamade und Viola Nordsieck denken auf Zeit online darüber nach, welche Bedeutungsrahmen man beim Reden über rechtsradikale Ausschreitungen wie in Chemnitz verwendet. Ob man Hetzjagd sagt, Pogrom, Ausschreitung, ob man von angegriffenen Ausländern spricht, von Flüchtlingen oder von Menschen mit Migrationshintergrund ist ein Unterschied und prägt die Debatte, so die zwei: "Wenn es eine Debatte zu einem Thema gibt, so sind die dabei verwendeten Deutungsrahmen weder zufällig noch notwendig vorgegeben. Sie werden immer ausgewählt, und man kann jederzeit danach fragen, wie diese Auswahl zustande kommt. Entscheiden wir uns, über Chemnitz als eine 'Hetzjagd auf Ausländer' zu sprechen, oder reden wir von 'rechtsradikalen Ausschreitungen', die 'ein Viertel der deutschen Bevölkerung' zum Ziel haben? Gerade in einem aufrichtigen Gespräch wird genau diese Auswahl immer auch ein Element der Debatte sein. Anderenfalls wird sie fremdbestimmt."