9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2017 - Ideen

Der Historiker Andreas Rödder stimmt im Gespräch mit Hans Monath im Tagesspiegel Sigmar Gabriels These zu, dass die Postmoderne die SPD und die Diskurse der klassischen Moderne unterminiert hätten, und das gilt für ihn ganz besonders für die Gender-Debatte: "Die Postmoderne sagt, dass alle Ordnungen diskursiv erzeugte Machtkonstrukte sind. Wenn das so ist, dann geht es auch bei den Forderungen nach Anti-Diskriminierung, Diversität und Gleichstellung um Macht. .... Der Soziologe Talcott Parsons hat schon in den fünfziger Jahren die Einsicht formuliert, dass jede Inklusion neue Exklusionen nach sich zieht. Leider verweigern sich viele AktivistInnen von Gender Mainstreaming oder der 'Queer Theory' dieser Einsicht, sondern erheben einen unreflektierten, verbindlichen Geltungsanspruch für ihren eigenen Ordnungsentwurf. Mit dieser moralischen Aufladung und Ideologisierung entzieht sich die Kultur des Regenbogens der Debatte - und löst die Gegenbewegung aus, auf die Gabriel hinweist."

Manfred Schneider kann in der NZZ das Klagen darüber, dass Politik so langweilig geworden sei, nicht mehr hören: "Woran mag es liegen, dass die dauernde Zunahme an Information, Belustigung und Kritik doch immer weiter Missstimmung und Gemütsödnis hervorbringt? Ist es eine Sucht, die uns wie Abhängige dazu treibt, immer mehr politische Unterhaltung zu dealen? Oder ist es das hohe Aufklärungsniveau unserer Zeit, das die Ansprüche wachsen lässt, wie wir regiert und informiert werden wollen? Dabei war es doch im Rückblick der Wille der bürgerlichen Reformer, den Prunk, den Überfluss und die leeren Rituale der aristokratischen Herrschaft zu beenden. Erst die Abrüstung der Privilegien, Paraden, Hofämter und die Durchleuchtung der Macht brachten das moderne politische System hervor, das aus Wahlen, Debatten, Programmen, Entscheidungen, Gesetzen und Verträgen besteht."

Außerdem: Der linke Soziologe Thomas Wagner, Autor des Buchs "Die Angstmacher - 1968 und die Neuen Rechten", fordert in der taz, dass die Linke von der Rechten lernt, die von der Linken gelernt hat. Hans Ulrich Gumbrecht, Professor für Literaturwissenschaften an der Stanford University und 1948 geboren, denkt in der NZZ über den Begriff des "in Würde alterns" nach und verkündet, dass er zum Ende des Studienjahres sein Campus-Büro räumen wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2017 - Ideen

Im Interview mit der FR über sein Buch "Geschichte der Zukunft" erklärt der Historiker Joachim Radkau, dass Zukunftserwartungen oft im Zick-Zack verlaufen: "In den 50er Jahren gab es eine ganz große Angst vor kommenden Atomkriegen, das ist heute völlig vergessen. Ab 1955 gab es eine Welle der Euphorie für das friedliche Atom, an der Spitze hier übrigens Ernst Bloch, der Philosoph der Utopie. Dabei gab es kaum Atomkraftwerke. Die wenigen, die es gab, waren Anhängsel der Militärapparate, die keineswegs rentabel gewesen wären. Es war eine merkwürdige, unbegründete Euphorie. Ich kann das nur psychologisch deuten, dass man nach all der Angst neue Hoffnungshorizonte benötigte. Wie es dann Mitte der siebziger Jahre in das Gegenteil umschlug, kam auch für mich überraschend. Ich habe 1973 mit meinen Recherchen begonnen, als ich noch selber Fan der Atomenergie war. Und ich war selber verblüfft, wie die Bewegung eskalierte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2017 - Ideen

Dass nicht nur Anhänger von Rechtspopulisten "Fake News" aufsitzen, zeigt für Brigitte Werneburg in der taz die Geschichte des gefälschten Necla-Kelek-Zitats, an das viele "Linke" wie Jakob Augstein oder Daniel Bax auch heute noch fest glauben (unsere Resümees). Der Gedanke kommt ihr bei der Lektüre des von Wolfgang Tillmans mit herausgegebenen Buchs "Jahresring 64", das sich mit dem Thema Fake News befasst. Sie greift dabei auch eine These des Philosophen Philipp Hübl über Lagerbildung und den neuen Populismus auf, der das Netz nicht eigentlich als Medium der Fake News sehe: "Wichtiger sei, dass das Internet unseren Hang zum Tribalismus bestärke. Denn im virtuellen Raum findet jeder Vertreter von noch so bizarren und abstrusen Thesen Gleichgesinnte. Man ist immer Mitglied einer Wissensgemeinde und als solches kaum geneigt, eigene Thesen zu überdenken, gar zu revidieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2017 - Ideen

Auf T-Online reagiert Lamya Kaddor auf die Vorwürfe von Thierry Chervel im Perlentaucher und Jörg Metes bei den Ruhrbaronen, Necla Kelek mit einem gefälschten Zitat über die Sodomie muslimischer Männer desavouiert zu haben. Kaddor nennt dies ihrerseits "absurd und bösartig" und fragt, warum niemand mit ihr gesprochen hat. Sie bleibt bei ihrer Darstellung und zitiert zur Bekräftigung aus dem Buch "Himmelsreise", um das es in dem ZDF-Gespräch ging. Kelek nimmt darin die Sexualisierung der Sprache in den Blick, in der mit Worten alles "gefickt" werde, die Mutter, das Auto, der Staat: "Im unmittelbar anschließenden Absatz verweist Kelek auf eine Veröffentlichung des Psychotherapeuten Halis Cicek aus Berlin-Kreuzberg. Demnach hätten vier von fünf Migranten aus der ländlichen Türkei ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit Tieren gemacht und hielten dies für 'selbstverständlich'. Kelek spricht also ganz eindeutig über Sodomie als reale Handlung im muslimischen Kontext. Es geht ihr nicht nur um eine abstrakte Überlegung, einen theoretischen Diskurs über eine irgendwie geartete muslimische Sexualmoral oder ein Menschenbild im Islam."

Gegen die Zumutungen der Moderne reagieren die Deutschen mit einer Beschwörung der Heimat, stellt Gustav Seibt in der SZ fest, das geht sein dem 19. Jahrhundert so, als in den Städten die Industrialisierung tobte und die Literatur sich nach der Dorfgemeinschaft sehnte: "Die Heimat ist also größer als die Familie und kleiner als das Vaterland. Damit beschreibt sie eine Sphäre von 'Gemeinschaft' vor dem Abstraktum der modernen 'Gesellschaft', eine weitere spezifisch deutsche Unterscheidung. 'Heimat' wird so zu einer eigentümlich vorpolitischen Sphäre, die mit allerlei Gefühls- und Erinnerungswerten aufgeladen wird. Dieser zunächst so unpolitisch wirkende Raum aber ist eben doch politisierbar, und dann können gute Gefühle giftig werden. Wer die Nation der Staatsbürger organisch aus Heimat und Gemeinschaft erwachsen lässt, überträgt die Forderung nach Vertrautheit und Homogenität auf ein politisches Großgebilde. Völkisches Denken orientiert sich an den kleinen Gemeinschaften auf dem Land, nicht an Städten. Das Vaterland, 'la patrie', wird dann zum familiären "Land der Väter", das sich nicht verändern soll."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2017 - Ideen

Sigmar Gabriel scheint ein bisschen Mark Lilla gelesen zu haben und macht jetzt die Postmoderne verantwortlich für den Niedergang der SPD (für den sie ja eventuell auch selbst verantwortlich sein könnte). Robin Detje nimmt ihm das in Zeit online nicht ab: "Gabriel verkauft Kapitalismuskritik als Weg zurück in die moralischen Grenzen von 1937, und zwar weil die Menschen 'Sicherheit und Orientierung' brauchen, denn sie befürchten den 'Verlust jeglicher Ordnung'. Früher, mit etwas weniger Freiheit und Individualismus, so Gabriels Versöhnungsangebot an die sogenannten Abgehängten, war es doch auch schön."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2017 - Ideen

Wo man hinguckt, überall Retro. Und besonders pflegen die Jungen ihren inneren Nostalgiker, meint Simona Pfister in der NZZ. Leider meinen sie es nicht wirklich ernst damit: "Man konsumiert eifrig teure Retro-Produkte aus dem Supermarkt und will damit stolz an eine Zeit erinnern, als man noch nicht in Massen in Supermärkten konsumierte. Mit Phrasen ruft man nach Qualitäten, sagt aber gleichzeitig, es gehe nicht, sie durchzusetzen; man kritisiert die Welt, sagt aber gleichzeitig, die Umstände müssten halt so sein; man fordert Handeln, sagt aber gleichzeitig, jedes konkrete Engagement sei lächerlich. Mit dieser Art von Nostalgie mögen sich die Einzelnen vielleicht stabiler fühlen, vor allem aber wollen sie sich von der Verantwortung befreien, für irgendetwas konkret einzustehen und danach zu handeln. Folge: keine. Nichts hält stand, nichts wird durchgesetzt, nichts ändert sich."

Und übrigens: "Ta-Nehisi Coates löscht sein Twitter-Konto nach Streit mit Cornel West", meldet die New York Times über einen Streit der prominenten schwarzen Intellektuellen. Die beiden hatten sich auf Twitter gestritten, nachdem Cornel West Coates im Guardian als das "neoliberale Gesicht des schwarzen Freiheitskampfes" bezeichnet hatte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2017 - Ideen

In der taz erklären die beiden Gender-Forscherinnen Mona Motakef und Jana Cattien im Gespräch mit Peter Weissenburger, dass sie sich mit ihren Gender Studies vor allem von "Rechten" verfolgt fühlen. Es gebe einen Diskurs der Anti-Political-Correctness. Die beiden kritisieren auch, dass ein Reporterpreis jüngst an den Zeit-Journalisten Hanno Rauterberg ging, der die Debatte um Dana Schutz und um "kulturelle Aneignung" kritisiert hatte: "Er beruft sich auf aufklärerische Ideale von Kunstfreiheit - die basierten aber von Anfang an auf kolonialistischen, rassistischen und sexistischen Ausschlüssen. Es ist interessant, wie die Anti-Political-Correctness versucht, den Westen als Zentrum von Kultur und Werten zu verteidigen; 'Vor 30 Jahren, bevor die People of Color und die Frauen uns alles kaputtgemacht haben, haben wir so tolle Kunst produziert.' Ich finde diese Rhetorik problematisch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2017 - Ideen

Überhaupt nicht begeistert ist Marko Martin bei den Salonkolumnisten von der Ausstellung "Parapolitik - Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg" im Berliner Haus der Kulturen, die aus der Tatsache, dass sich die CIA nach dem Krieg kulturpolitisch engagierte, ein Argument gegen den Antitotalitarismus mache. Es sei, stehe tatsächlich auf der Webseite zur Ausstellung in aller Unschuld und bester DKP-Prosa, nur darum gegangen, die "hegemonialen Interessen der USA in einem Kalten Krieg der Kultur zu befördern". Die CIA hatte bekanntlich Zeitschriften wie den Monat finanziert, in denen Intellektuelle wie Raymond Aron oder Hannah Arendt publizierten. Martin dazu: "Das insinuierte Zerrbild der CIA-gekauften Verräter gewinnt zusätzlich Kontur, wenn Kurator Anselm Franke in forschem Neonationalismus behauptet: 'Es ging darum, Kulturförderung in großem Maßstab zu betreiben, um einen bestimmten Freiheitsbegriff amerikanischer Herkunft durchzusetzen.' Nun ja, die 1933 aus Nazi-Deutschland vertriebenen Hans Sahl und Walter Mehring schrieben ihre 'Kulturbriefe' tatsächlich aus New York."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2017 - Ideen

Mit Blick auf die Bedrohung durch Terroristen und Selbstmordattentäter fragt sich Herfried Münkler in der NZZ, ob postheroische Gesellschaften nicht doch auf Heldenerzählungen a la Hollywood angewiesen sind: "Vielleicht ist es auch eine lebensnotwendige Selbsttäuschung über die unmittelbare Wehrlosigkeit gegen die, denen ihr Leben nichts wert ist und die es für irgendwelche Ideen und häufig auch nur aus Verzweiflung zu opfern bereit sind. Postheroische Gesellschaften können diese Art der Verwundbarkeit nicht ertragen. Weil sie jedoch keine eigenen Erzählungen haben, die ihnen die Bedrohung erträglich machen, müssen sie Anleihen bei den Narrativen des Heroischen machen. Das ist eine Art kollektiver Schizophrenie. Man könnte sagen, dass wir Augenzeugen eines politischen Großexperiments sind, nämlich desjenigen der systematischen Verweigerung von Selbstaufklärung als Voraussetzung politischer Selbstbehauptung - ein starkes Stück bei Gesellschaften, die sich selbst gern als aufgeklärt feiern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2017 - Ideen

Durch immer neue Opfergruppen, die die Mehrheitsgesellschaft mit dem Vorwurf der Diskriminierung anklagen, höhlt sich dieser Begriff aus, schreibt der Soziologe Rainer Paris in der NZZ: "Heute .. wird der Begriff systematisch trivialisiert und ausgeweitet, so dass jede - tatsächliche oder auch nur gefühlte oder unterstellte - Benachteiligung, Abwertung oder Geringschätzung als Diskriminierung gebrandmarkt wird. Diskriminiert ist jetzt, wer etwas als Diskriminierung empfindet und andere der Diskriminierung bezichtigt."