Wir leben heute in der
Postmoderne, sagt man allgemein. Der
Historiker Volker Reinhardt würde zustimmen: Wir haben uns so weit von Aufklärung und Moderne entfernt, dass wir fast schon wieder im 16., 17. Jahrhundert gelandet sind,
schreibt er in der
NZZ.
Symptome sind für ihn die Diskreditierung der Naturwissenschaften, die Konjunktur der Esoterik, die Rückkehr des Prangers und die
Heiligsprechung der Familie: "Das war noch vor wenigen Jahrzehnten ganz anders: Die ältere Generation galt als korrumpiert und unheilbar reaktionär; wer selbstbestimmt leben wollte, musste sich von allen Banden der Herkunft so schnell wie möglich frei machen. Im 21. Jahrhundert ist die
Suche nach den Wurzeln, nach unbekannten Vätern und Müttern, Tränendrücker in allen Trivialmedien und, existenziell überhöht, in der höheren Belletristik unabdingbare Voraussetzung zur
Selbsterkenntnis. Damit ist die Familie wieder geworden, was sie früher selbstverständlich war: die
Matrix des Individuums und der Schlüssel zu seiner Beurteilung."
Es läuft gerade sehr gut auf der Welt, Asien und Afrika blühen auf,
neue große Infrastrukturprojekte wie die von China angeschobene "Neue Seidenstraße" verknüpfen immer mehr Länder, die miteinander Handel treiben können, meint der
Politikwissenschaftler Parag Kkanna im
Interview mit der
FR. Nur
der Westen, der "steckt in einer Krise. Ein Kapitel meines Buches heißt 'Politik als Prozess ohne Ergebnisse'. Wir kümmern uns zu sehr um die Verfahren, statt um die Ergebnisse. Das
Herumreiten auf von uns '
demokratisch'
genannten Verfahren, die nur die bestehenden, Weiterentwicklungen behindernden Verhältnisse zementieren, wird uns nicht weiterhelfen. Manche werfen mir vor, ich sei undemokratisch, weil ich die
Effizienz Singapurs lobe. Aber welcher Antidemokrat ist für eine allgemeine Wahlpflicht?"
André Versaille,
Autor des Buchs "Les musulmans ne sont pas des bébés phoques" (Muslime sind keine Robbenbabys)
hält die Verdrängung, die er heute Linksintellektuellen gegenüber dem
Islamismus vorwirft, im Gespräch mit Gil Mihaely von
Le Causeur für ein altes Symptom und bringt sie in einen Zusammenhang mit der besonders in Frankreich beliebten
Leugnung kommunistischer Verbrechen: "Wir haben
alles abgestritten: die sowjetischen Konzentrationslager, die Schauprozesse in Moskau, Prag und anderswo, die Schrecken des Maoismus. Und dann leugneten wir den diktatorischen Charakter der Regimes, die aus den kolonialen Befreiungsbewegungen hervorgegangen waren. Man sagt gemeinhin, dass
Donald Trump der Erfinder der 'alternativen Fakten' sei. Was für ein Irrtum, wir, die 'Progressiven', waren
hundert Jahre vor ihm da..."
Außerdem: In der
NZZ denkt der Autor
Jonas Lüscher mit Robert Walser und Judith Shklar über
Ungerechtigkeit nach. In der
SZ berichtet Jörg Häntzschel von der Berliner
Ausstellung "
1948 Unbound", in der 40 Wissenschaftler und Künstler über die Zukunft nachdenken. In der
FAZ unterhält sich Fridtjof Küchemann mit der Kognitionspsychologin
Rakefet Ackerman, die herausgefunden hat, dass man auf Bildschirmen
schlechter lernt als mit Büchern. Und der Historiker
Martin Aust polemisiert ebenfalls in der
FAZ gegen seinen Kollegen
Timothy Snyder, der in seiner Verteidigung der Ukraine übers Ziel hinausschieße.