9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2017 - Ideen

Durch immer neue Opfergruppen, die die Mehrheitsgesellschaft mit dem Vorwurf der Diskriminierung anklagen, höhlt sich dieser Begriff aus, schreibt der Soziologe Rainer Paris in der NZZ: "Heute .. wird der Begriff systematisch trivialisiert und ausgeweitet, so dass jede - tatsächliche oder auch nur gefühlte oder unterstellte - Benachteiligung, Abwertung oder Geringschätzung als Diskriminierung gebrandmarkt wird. Diskriminiert ist jetzt, wer etwas als Diskriminierung empfindet und andere der Diskriminierung bezichtigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2017 - Ideen

Die Flüchtlinge sind nicht die wahren Opfer des globalen Kapitalismus, meint Slavoj Žižek in der NZZ, sondern die Zurückgelassenen. "Sollen die linken Intellektuellen also das humanitäre Spiel blind mitspielen und sich allein um die Flüchtlinge kümmern? Oder sollten sie sich vielmehr darauf konzentrieren, das System zu unterminieren, das diese Flüchtlinge erst hervorbringt? Sollten sie sich zu gefühlter Solidarität mit den exotischen anderen bekennen? Oder sollten sie zeigen, wie das System, das die Zurückgebliebenen überflüssig macht, irgendwann auch die Mehrheit von uns allen überflüssig macht? Ohne einen Wandel unserer ökonomischen Ordnung wird unsere Situation immer irrationaler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2017 - Ideen

Im Gespräch mit Kai Schlieter von der Berliner Zeitung erklärt Thomas Wagner, Autor des Buchs "Die Angstmacher - 1968 und die Neuen Rechten", was die neue Rechte ist (ein Intellektuellenzirkel mit Einfluss auf die AfD) und wie Politiker wie Helmut Kohl und Angela Merkel halfen, den AfDlern ein Terrain zu geben: "Merkel verfolgt erfolgreich die Strategie, möglichst alle gesellschaftlichen Strömungen einzubinden, sodass sie ihrem Machterhalt dienen. Im Bundestag spielen Auseinandersetzungen eine viel geringere Rolle als in den siebziger und achtziger Jahren. Da ging es hoch her. Heute gibt es meist nur noch Scheingefechte, weil man sich in den wesentlichen Punkten einig ist. Deswegen hat die AfD mit ihrem Parteinamen: 'Die Alternative' einen klugen Schachzug gemacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2017 - Ideen

Dirk Knipphals liest in der taz François Julliens Büchlein "Es gibt keine kulturelle Identität", ein Plädoyer dafür, seine Identität nicht aus der Herkunft abzuleiten, und wendet seine Ideen auf die kulturalistischen Diskurse der neuen Rechten (aber seltsamerweise nicht der Multikulti-Linken) in Deutschland an: "Die Neue Rechte hat sich in dem kulturellen Feld einen aus ihrer Warte, wenn man nicht aufpasst, ziemlich attraktiven Platz für gesellschaftliche Auseinandersetzungen ausgesucht. Auch bürgerliche Kreise setzen bei Identitätsstiftung auf Kultur. Wie ernst man es, staatstragend, mit der Selbsthinterfragung meint, wird demnächst etwa das Humboldt-Forum in Berlin zeigen. Es könnte für die Spannungen innerhalb des Kulturellen ein gutes Beispiel werden. Oder auch nicht."

Warum ist die Linke so unermüdlich darin, Minderheiten zu verteidigen und dabei Kritik am Umgang der Minderheit mit ihren eigenen Minderheiten als rechts zu denunzieren? "Leider verwechseln auch viele Linke Kritik am Islam und an dessen patriarchalem System mit Bigotterie gegenüber Muslimen", beschwert sich der in Zürich lebende marokkanische Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ. "Dabei entstammen die meisten Islamkritiker der muslimischen Welt aus dem linken Spektrum. Doch die regressive westeuropäische Linke schenkt den Stimmen der Minderheiten innerhalb der Minderheiten - also Ex-Muslimen, Feministinnen, Homosexuellen, Liberalen -, die unter dem Tugend- und Suizidterror des politischen Islam und ihrer konservativen Gemeinschaften zu leiden haben, kein Gehör. Schlimmer noch: Islamkritiker müssen nicht nur wegen 'Blasphemie und Ketzerei' mit Todesdrohungen und Angriffen der Islamisten rechnen, sondern auch mit Verleumdungen, Unterstellungen und Rufschädigungen."

Außerdem: In einem ungeheuer wortreichen Essay, den die Welt aus dem Guardian übernimmt (hier das Original) erklärt Jonathan Franzen, wie in ihm, nachdem er mit dem Rauchen  aufhörte, die Ideen des Klima- und des Naturschutzes in Konflikt gerieten, und er dann in einem Essay für letzteren plädierte und kritisiert wurde. Und im Logbuch Suhrkamp erinnert Philipp Felsch an Niklas Luhmann, der in diesen Tagen neunzig Jahre alt würde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2017 - Ideen

In der Zeit warnen Maximilian Probst und Daniel Pelletier vor "Fake News", mit denen Energiekonzerne und konservative Medien Zweifel am Klimawandel säten. Das sie dabei so erfolgreich sind, wie die Autoren meinen, "hat auch mit der Schwäche der liberalen Öffentlichkeit zu tun. Sie ahnt nichts vom Informationskrieg, der über sie hereingebrochen ist. Während man bei Fox News auf Klimaleugnung geschaltet hat, meint man von der New York Times über die Washington Post bis hin zu CNN, 'ausgewogen' berichten zu müssen, und lässt auch die Protagonisten der Desinformationskampagnen ausführlich zu Wort kommen. Das Ergebnis ist eine katastrophale Verzerrung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2017 - Ideen

In der NZZ fragt Norbert Bolz zum neunzigsten Geburtstag des Gesellschaftstheoretikers Niklas Luhmann: Was bleibt? Die Systemtheorie natürlich, auch wenn die mit dem Menschen ihre Schwierigkeiten hatte. Aber damit war Luhmann in der Soziologie keine Ausnahme: "'Der Mensch' erwies sich für die Soziologie schon früh als zu unscharfer Begriff - er wurde deshalb von Max Weber durch 'Handlung' ersetzt. Aber auch der Begriff 'Handlung' erwies sich dann als zu unscharf und wurde von Luhmann durch 'Kommunikation' ersetzt. Die Humanität seiner Systemtheorie bewährt sich nun aber gerade in diesem methodischen Antihumanismus. Denn nur eine radikal antihumanistische Theorie kann konkrete Individuen ernst nehmen. Die Austreibung des Menschen aus der Soziologie schafft Platz für die vielen konkreten Individuen."

Ebenfalls in der NZZ ermuntert der Philosoph Otfried Höffe dazu, sich wieder mit der philosophische Anthropologie zu beschäftigen: "Vielleicht waren ihre beiden Grundaussagen, die politische Natur des Menschen und die Sprach- und Vernunftbegabung, zu selbstverständlich geworden. ... Neuere Entwicklungen in der Forschungslandschaft legen nun jedoch dringend nahe, sich wieder mit ihr zu beschäftigen. Einerseits erwacht nämlich im Zeitalter der Biotechnik der Gedanke einer Selbsterzeugung des Menschen, der den stolzen Anspruch, die Krone der Schöpfung zu sein, gar noch übertrumpft. Andererseits läuft die von prominenten Hirnforschern vorgetragene Fundamentalkritik am Prinzip Freiheit auf das Gegenteil heraus, auf eine Selbstzerstörung des traditionellen Selbstbewusstseins."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2017 - Ideen

Wir leben heute in der Postmoderne, sagt man allgemein. Der Historiker Volker Reinhardt würde zustimmen: Wir haben uns so weit von Aufklärung und Moderne entfernt, dass wir fast schon wieder im 16., 17. Jahrhundert gelandet sind, schreibt er in der NZZ. Symptome sind für ihn die Diskreditierung der Naturwissenschaften, die Konjunktur der Esoterik, die Rückkehr des Prangers und die Heiligsprechung der Familie: "Das war noch vor wenigen Jahrzehnten ganz anders: Die ältere Generation galt als korrumpiert und unheilbar reaktionär; wer selbstbestimmt leben wollte, musste sich von allen Banden der Herkunft so schnell wie möglich frei machen. Im 21. Jahrhundert ist die Suche nach den Wurzeln, nach unbekannten Vätern und Müttern, Tränendrücker in allen Trivialmedien und, existenziell überhöht, in der höheren Belletristik unabdingbare Voraussetzung zur Selbsterkenntnis. Damit ist die Familie wieder geworden, was sie früher selbstverständlich war: die Matrix des Individuums und der Schlüssel zu seiner Beurteilung."

Es läuft gerade sehr gut auf der Welt, Asien und Afrika blühen auf, neue große Infrastrukturprojekte wie die von China angeschobene "Neue Seidenstraße" verknüpfen immer mehr Länder, die miteinander Handel treiben können, meint der Politikwissenschaftler Parag Kkanna im Interview mit der FR. Nur der Westen, der "steckt in einer Krise. Ein Kapitel meines Buches heißt 'Politik als Prozess ohne Ergebnisse'. Wir kümmern uns zu sehr um die Verfahren, statt um die Ergebnisse. Das Herumreiten auf von uns 'demokratisch' genannten Verfahren, die nur die bestehenden, Weiterentwicklungen behindernden Verhältnisse zementieren, wird uns nicht weiterhelfen. Manche werfen mir vor, ich sei undemokratisch, weil ich die Effizienz Singapurs lobe. Aber welcher Antidemokrat ist für eine allgemeine Wahlpflicht?"

André Versaille, Autor des Buchs "Les musulmans ne sont pas des bébés phoques" (Muslime sind keine Robbenbabys) hält die Verdrängung, die er heute Linksintellektuellen gegenüber dem Islamismus vorwirft, im Gespräch mit  Gil Mihaely von Le Causeur für ein altes Symptom und bringt sie in einen Zusammenhang mit der besonders in Frankreich beliebten Leugnung kommunistischer Verbrechen: "Wir haben alles abgestritten: die sowjetischen Konzentrationslager, die Schauprozesse in Moskau, Prag und anderswo, die Schrecken des Maoismus. Und dann leugneten wir den diktatorischen Charakter der Regimes, die aus den kolonialen Befreiungsbewegungen hervorgegangen waren. Man sagt gemeinhin, dass Donald Trump der Erfinder der 'alternativen Fakten' sei. Was für ein Irrtum, wir, die 'Progressiven', waren hundert Jahre vor ihm da..."

Außerdem: In der NZZ denkt der Autor Jonas Lüscher mit Robert Walser und Judith Shklar über Ungerechtigkeit nach. In der SZ berichtet Jörg Häntzschel von der Berliner Ausstellung "1948 Unbound", in der 40 Wissenschaftler und Künstler über die Zukunft nachdenken. In der FAZ unterhält sich Fridtjof Küchemann mit der Ko­gni­ti­ons­psy­cho­lo­gin Rakefet Acker­man, die herausgefunden hat, dass man auf Bildschirmen schlechter lernt als mit Büchern. Und der Historiker Martin Aust polemisiert ebenfalls in der FAZ gegen seinen Kollegen Timothy Snyder, der in seiner Verteidigung der Ukraine übers Ziel hinausschieße.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2017 - Ideen

Fake News, also Lügen, haben eine lange Tradition, erklärt die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig auf Zeit online. Heute kann jeder Lügen im Netz verbreiten und sie "alternative Fakten" nennen. Ist die Wahrheit damit abgeschafft? "Die Auffassung, dass es die Wahrheit gar nicht gebe, sondern jeder so seine eigene Wahrheit habe, ist gerade in der modernen, pluralistischen Demokratie verbreitet. Die verhängnisvolle Erfahrung mit dem totalen Wahrheitsanspruch des Nationalsozialismus und Kommunismus hat den Anspruch auf Wahrheit insgesamt in Verruf gebracht. Doch muss man der Opferung von Menschen in diesen Regimen auch noch die Opferung der Wahrheit folgen lassen? Dass der Verzicht auf die Wahrheit logisch nicht haltbar ist, zeigt sich schon daran, wie selbstverständlich ausgerechnet die Relativisten sie für ihren Standpunkt reklamieren. Und wie kann die Wahrheit in Abrede gestellt werden, ohne auch die Lüge zu verneinen?"

In der NZZ denkt der Philosoph Thomas Metzinger über eine künstliche Superintelligenz nach, die uns nicht nur an Sachverstand überlegen ist, sondern auch unsere Weltwahrnehmung mit all unseren Selbsttäuschungen besser versteht als wir selbst. Und was würde sie feststellen? Dass das Vermeiden von Schmerz und Leiden unser wichtigster Antriebsmotor ist: "Auf begrifflicher Ebene weiß sie natürlich seit langem, dass kein Wesen unter seiner eigenen Nicht-Existenz leiden kann. Die Superintelligenz schließt daraus, dass Nicht-Existenz im eigentlichen Interesse aller zukünftigen selbstbewussten Wesen auf diesem Planeten liegt. Empirisch weiß sie: Die natürlich evolvierten biologischen Lebewesen können diese Tatsache nicht erkennen, weil sie unter einem fest verankerten Überlebenstrieb leiden, unter dem, was die buddhistischen Philosophen den 'Durst nach Dasein' genannt haben. Die Superintelligenz entscheidet sich, wohlwollend zu handeln."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2017 - Ideen

Arno Widmann erlebt in der FR bei einem Besuch in Bornhagen das vom Zentrum für Politische Schönheit aufgestellte Mahnmal-Imitat als "geradezu intime Schenkung", für die der AfD-Politiker Björn Höcke dankbar sein solle: "Das Zentrum hat ihm einen exklusiven Blick beschert, der ihn tagtäglich daran erinnert, was er kleinreden oder gar leugnen, woran er jedenfalls aber nicht erinnert werden möchte: die millionenfache Ermordung von Juden durch Deutsche.

In Deutschland scheint man nun den Widerstand gegen das Dritte Reich nachholen zu wollen, meint in der Welt hingegen Henryk M. Broder mit Blick auf Aktionen gegen Rechts und Sprachzensur: "Wenn es so weitergeht, wird der Faschismus nicht auferstehen, dafür aber der Antifaschismus in seine Fußstapfen treten. Mit Denk- und Sprechverboten, mit dem Ausrufen von Schicksalsfragen, mit Ausgrenzungen und Denunziationen, mit Kunstaktionen, die den Tatbestand der Nötigung erfüllen - alles, damit sich die Geschichte nicht wiederholt."

Dass der amerikanische Verhaltensökonom Richard Thaler den Nobelpreis für die Erkenntnis, der Mensch sei nur "beschränkt rational", bekommen hat, kommt Befürwortern des "Nudgings" wie gerufen, meint der Philosoph und Unternehmensberater Reinhard K. Sprenger in der NZZ: "Auch die mannigfachen Forschungsanstrengungen zur sogenannten künstlichen Intelligenz leben von der These, dass Algorithmen 'besser' entscheiden als Menschen. Gesellschaftliche Sprengkraft aber gewinnt diese Sichtweise durch die Politik. Sie wittert die Chance, ihre Umerziehungsneigung 'wissenschaftlich' zu legitimieren ('nudging'). Der gemeine Bürger, er wisse ja gar nicht, was gut für ihn sei. Das wissen nur anonyme Behörden. Gütig und vor allem: ganz rational."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2017 - Ideen

Der Islamwissenschaftler Ulrich Rudolph greift ein in die NZZ-Debatte um Aufklärung und Islam und macht darauf aufmerksam, dass es aufklärerische Autoren auch in nicht westlichen Kulturen gegeben hat. Wichtig ist ihm auch der Punkt, "dass man die europäischen Denker des 17. und 18. Jahrhunderts nicht ideologisch überhöhen sollte, sondern kritisch fragen muss, wie sie selbst mit intellektuellen Traditionen jenseits von Europa umgegangen sind. ... Die intellektuellen Traditionen der islamischen Welt sind im Europa der Spätaufklärung markant abgewertet worden, und diese Abwertung wirkt noch heute nach, wenn im Europa der Gegenwart von manchen behauptet wird, der Islam sei nicht zur Aufklärung fähig. Es besteht also kein Grund, einseitige Forderungen an die Muslime zu stellen. Die Debatte über die Aufklärung betrifft uns alle, wenn auch auf verschiedene Weise. "

Mit Schaudern betrachtet Thomas Assheuer in der Zeit das neue Sozialkreditsystem in China, das tugendhaftes Verhalten belohnt und asoziales Verhalten bestraft. Westliches kyberne­tisches Denken mag ihm zugrunde liegen, aber es sind die Chinesen, die daraus gerade "den Prototyp einer nachliberalen Moderne [entwickeln] - eine Art Remix aus platonischer Erziehungsdiktatur und mao­istischem Cäsarismus (der Kult um Xi), eine Gift­mischung aus Neoliberalismus und kommunistischer Einparteien-Zwangsherrschaft. Ergänzt wird die paradoxe Synthese durch ein Medley aus Verhaltens­ökonomie, kalifornischer Kybernetik und der Digital­religion des Silicon Valley; überzuckert und mit einer original chinesischen Note versehen durch eine Cover­ver­sion von Konfuzius."