Im
Gespräch mit Arno Widmann (
Berliner Zeitung), erzählt
Richard David Precht von der Arbeit an seiner vierbändigen
Philosophiegeschichte, von der zwei bereits erschienen sind und die komplizierter ist als man annimmt. Man nehme nur
Kopernikus: "Seine Kritik am geozentrischen Weltbild gewann er nicht aufgrund seiner Himmelsbeobachtungen. Er hatte ja
kein Fernrohr, sondern benutzte nur den Dreistab. Die Kopernikus-Forscher streiten darüber, wie viele eigene Beobachtungen er gemacht hat, aber sie sind sich einig darüber, dass er sich bei seiner umstürzlerischen Theorie, dass die Erde sich wie die anderen Planeten um die Sonne drehe, in erster Linie auf antike Daten stützte. Die Wende kam aber von Kopernikus und nicht erst von
Galilei, der dann über ein Fernrohr verfügte, aber oft falsch interpretierte, was er sah. Je näher man sich an die Ereignisse zoomt,
umso unübersichtlicher wird die Entwicklung insgesamt. Die wirklichen Menschen passen nicht in die Schubladen der Geschichtsschreibung."
Daniel Steinmetz-Jenkins ist im
Guardian zwar überhaupt nicht einverstanden mit der Gender-Forscherin
Joan Wallach Scott, die in ihrem
Buch "Sex and Secularism" glatt behauptet, dass der
Säkularismus die
Ungleichheit der Geschlechter vertieft habe, aber ein paar Punkte macht sie seiner Meinung nach doch, etwa über das 19. Jahrhundert: "Die Zurückweisung der Religion in dieser Zeit, argumentiert Scott, basierte auf idealisierten Unterscheidungen zwischen dem, was in die
Öffentlichkeit gehört (Männer, Markt, Politik, Bürokratie) und der
privaten Sphäre (Frauen, Familie, Religion, sexuelle Intimität). 'Diese Unterscheidungen hatten keinen Aspekt von Gleichheit zwischen den Geschlechtern', merkt Scott richtig an, 'sie basierten auf der Annahme von Ungleichheit der Geschlechter.' Sie wurden etwa als Rechtfertigung benutzt, den Frauen
das Wahlrecht nicht zu geben, was im säkularen Frankreich - aus Angst, dass Frauen für die Kirchenpartei stimmen - erst 1944 geschah." Das einzig Störende an Scotts Argumentation, so Steinmetz-Jenkins, ist, dass heute mit Blick auf religiöse und säkulare Länder
alle Indizien gegen Scotts These sprechen.
Wozu sich auch mit störender Realität befassen, wenn man bereits die zutreffende Meinung hat? "50 Prozent, die Hälfte der Gesellschaft, wird
ärmer und ärmer",
hatte neulich Georg Diez in seiner
Spiegel online-Kolumne mit Blick auf den "World Inequality Report" behauptet. Aber leider zeigt ein genauerer blick auf den Bericht das fast schon
diametrale Gegenteil hat Tobias Blanken bei
Medium herausgefunden, den im Bericht steht: "Dank des hohen Wachstums in Asien (insbesondere in China und Indien) sind die Einkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung
deutlich gestiegen." Nur die
Zuwächse für die Reichen sind überproportional gestiegen, so dass die Differenz sich gleichzeitig vergrößert hat.
Stephan Wackwitz sucht in einem längeren Essay für die
taz nach Einflüssen Goethes und Schillers bei amerikanischen Denkern wie
Ralph Waldo Emerson und
Henry David Thoreau: "Man muss im Grunde auch gar keine philosophiegeschichtlich aufwendige Zeitreise unternehmen, um ein konkretes Gefühl für das
Langstrecken-Frisbee hin und her über den Atlantik zu bekommen, das im 19. Jahrhundert zwischen Deutschland und Amerika gespielt worden ist."
Der Politologe
Franz Walter legt auf der Gegenwartsseite der
FAZ einen ganzseitigen Artikel zum
Niedergang der SPD vor, den er den
Hartz IV-Reformen zuschreibt. Nun rät er der Partei zu einem
milden Konservatismus in Form einer "umsichtigen Verknüpfung weisen Fortschreitens mit den geerdeten Bewahrungs-, Tradierungs-, Überschaubarkeits-, Sicherheits- und
Innehaltensbedürfnissen derjenigen Menschen, die das als modern ausgegebene Nomadentum der globalen Klasse nicht unbedingt für einen universell erstrebenswerten Glückszustand halten. In der Krise des zur Phrase
ausgedünnten Neuliberalismus und in der durch die Merkelisierung der CDU hinterlassenen Leerstelle des klassischen Wertekonservatismus könne darin ja auch eine politische Chance bestehen."