9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2282 Presseschau-Absätze - Seite 167 von 229

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2018 - Ideen

Man soll nicht so viel Aufhebens um Simon Strauß machen, antwortet Marko Martin in der taz auf Alem Grabovac, der den FAZ-Redakteur Strauß beschuldigte, eine neurechte Agenda zu bedienen (unser Resümee). Strauß wolle nur spielen: "Der selbsterklärte Außenseiter und Zwischen-den-Stühlen-Sitzer (mit der uneingestandenen Hoffnung auf einen Ohrensessel) ist dabei sowohl eine linke als auch eine rechte Figur, trotz aller Unterschiede verbunden in der Manie des permanenten Unter-Verdacht-Setzens, einer gewissen Nöligkeit und einsamen Grübelei, deren Referenztexte ebenso gut von Ernst Jünger wie von Bret Easton Ellis stammen können."

Georg Diez attackiert in Spiegel online direkt Jürgen Kaube, Nachfolger Frank Schirrmachers als Herausgeber und Feuilletonfürst in der FAZ, dem er vorwirft, auf die Attacke auf Strauß aus der taz nicht geantwortet, sondern nur mit einer Betrachtung (unser Resümee) reagiert zu haben. Insgesamt charakterisiert Diez Kaube im Gegensatz zum Aufreger Schirrmacher als Abwinker: "Bei Kaube nun ist das Pendant zu geschichtsrevisionistischen Grenzverschiebungen die Gelangweiltheit, mit der noch jeder Streit beiseite gewunken wird, ein andauerndes Luftrauslassen, mit dem Ziel, den Mangel an Sauerstoff dann selbst kritisch zu beschreiben..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2018 - Ideen

In der taz stellt Jan Feddersen den schwulen Aktivisten und Theoretiker Martin Dannecker vor, der die orthodoxe Psychoanalyse von der Überzeugung befreite, das Homosexualität eine Störung sei. Die Internationale Psychoanalytische Universität in Berlin widmet Dannecker gerade eine Tagung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2018 - Ideen

Begriffe wie "faktengestützt", "gefährdet", "wissenschaftlich erwiesen" oder auch "Fötus" sollen auf Geheiß der Trump-Regierung nun in allen Finanzierungsanträgen der staatlichen amerikanischen Gesundheitsbehörde verboten werden. In der SZ nennt der Geologe und Evolutionsbiologe Jared Diamond unter anderem den großen Einfluss religiöser Fundamentalisten als Erklärung für die Wissenschaftsskepsis: "Das Glaubenssystem der Mormonen und anderer fundamentalistischer Religionen steht natürlich im Konflikt mit einer auf Tatsachen beruhenden wissenschaftlichen Weltsicht. Dennoch haben diese Religionen viele Anhänger, und deren politischer Einfluss ist viel höher als ihre Zahl, weil sie sehr motiviert, gut organisiert und engagiert sind. Fundamentalistische Religionen stellen daher eine weitere starke Strömung gegen Wissenschaft und Rationalität und gegen die Evolutionslehre im Besonderen dar."

"Nudging" oder auch "libertärer Paternalismus" ist nichts anderes als politische Propaganda und subtile Manipulation des Bürgers, meint in der NZZ der Philosoph Martin Rhonheimer: "Statt zu informieren - auch über die Folgen nichtrationalen Verhaltens - und Bürgern dabei zu helfen, selbstverantwortete Entscheidungen zu treffen, schubst der libertär-paternalistische Staat seine Bürger in die richtige Richtung. Er will nicht nur ein helfender, sondern auch ein besonders effizienter Staat sein. Individuelle Fehlentscheidungen sind deshalb durch staatliche Maßnahmen auf ein Minimum zu reduzieren."

Die Nase voll von Bevormundungen hat auch Bill Wirtz vom Consumer Choice Center in der Welt. Schluss mit Sündensteuern für Alkohol, Zucker, Zigaretten oder kohlensäurehaltigen Getränken wie etwa in Irland und Frankreich, fordert er.

Die FAZ druckt die Rede ab, die Ranga Yogeshwar vor der Berliner Leibniz-Gemeinschaft hielt. "Sind Maschinen oder Algorithmen, die zwar in der Bilanz häufig richtigliegen, akzeptabel, wenn wir Menschen ihre Wirkungsweise weder genau verstehen noch kausal erklären können?", fragt Yogeshwar und befürchtet eine Gegenaufklärung: "Wenn wir Maschinenentscheidungen, die wir nicht mehr nachvollziehen, zur neuen Basis erklären, dann öffnen wir die Tür in ein Zeitalter digitaler Orakel und willkürlicher Entscheidungen. Demokratie braucht eine Rechenschaftspflicht, und die muss auch für unsere Werkzeuge gelten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2018 - Ideen

Der amerikanische Politologe Mark Lilla bekräftigt im Interview mit der Zeit nochmal seine Kritik an der Identitätspolitik der Linken, die an einer konkreten Veränderung der Verhältnisse überhaupt nicht interessiert sei: "Wenn europäische linke Bewegungen sich radikalisieren, werden sie gewalttätig, sie bekämpfen den Staat, wie die RAF. Wenn linke amerikanische Gruppen sich radikalisieren, werden sie zu evangelikalen Sekten. Sie bekämpfen nicht den Staat - die wollen deine Seele. Die wollen, dass du niederkniest und deine Sünden beichtest. Das ist, was Identitätspolitik letztlich will. Nicht eine Änderung der Machtverhältnisse."

War es der taz-Text über FAZ-Redakteur Simon Strauß, der die "Agenda der Rechten" bediene (unser Resümee), neulich, der den FAZ-Feuilletonchef Jürgen Kaube zu diesem Ausbruch getrieben hat? Er erwähnt ihn nicht, und die intellektuelle Schlichtheit vieler Debatten hierzulande geht ihm ja vielleicht schon länger auf die Nerven. Links oder rechts - das ist für Kaube jedenfalls heute nur noch nostalgischer Budenzauber: "Links und rechts werden insofern als Unterscheidungen künstlich und um den Preis gewaltiger Manipulationen am Leben gehalten, um der tatsächlichen Bedeutungslosigkeit des bloßen Meinens nicht ins Auge blicken zu müssen. Es durchzieht genau darum ein ungeheurer Moralismus all die Meinungstexte, die uns täglich Werte mit dem Hinweis um den Kopf hauen, ihre Verwirklichung werde gerade aufgrund böser Gesinnung verhindert."

Außerdem: In der Zeit wägt Ijoma Mangold die Debattenvorstöße von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, der eine konservative Revolution fordert, und der Philosoph Guillaume Paoli, der den linken Kosmopolitismus kritisiert, gegeneinander ab. Ebendort ermuntert der Osteuropahistoriker Philipp Ther die EU, in ihrem Engagement für Flüchtlinge nicht nachzulassen. Er erinnert daran, wie gut das hier und in den USA schon mal geklappt hat: Bei der Auffnahme und Integration der Boatpeople Ende der siebziger Jahre.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2018 - Ideen

Der Autor Simon Strauß ist bei den Jungs vom Feuilleton schwer in Mode, sicher auch, weil er der Sohn von Botho und Feuilletonredakteur der FAZ ist. Alem Grabovac wirft ihm auf der Meinungsseite der taz vor, die Agenda der "neuen Rechten" um die Zeitschrift Tumult und Götz Kubitschek zu bedienen, den er auch schon in den von ihm betriebenen "Jungen Salon" eingeladen hat: "Interessant nun, was Kubitschek über diesen Abend im Strauß'schen Salon zu berichten hat. In seiner hauseigenen Zeitschrift Sezession schreibt er: 'Der Plan sei gewesen, uns - die Rechtsintellektuellen - den Teilnehmern des 'Jungen Salons' vorzustellen und zugleich auszusetzen. Ein Impulsreferat sollte in eine Diskussion über unsere metapolitische Haltung und Denkweise münden.'" Die Frage, ob wir hier eine neue Generation von "Romantikern" vor uns haben, stellte seltsamerweise zuerst der Guardian (hier), der sich nebenbei auf eine Kolumne des konservativen Publizisten Wolfram Weimer in The European bezog.

FAZ-Redakteur Patrick Bahners kann mit der in diesem Fall allerdings vom CSU-Politiker Alexander Dobrindt herbeigesehnten "konservativen Revolution" nichts anfangen. Begündung - das Bürgertum ist eigentlich eher links: "Dobrindts konterrevolutionäre Kulturkritik macht die Rechnung ohne den Wirt: das bürgerliche Publikum. Die bürgerliche Mehrheit Dobrindts ist entweder nicht so richtig bürgerlich oder gar nicht die Mehrheit. Analoges gilt für die Medien: Die 'Meinungsverkünder' sind auf Meinungsabnehmer angewiesen."

In der NZZ denkt der Philosoph Damiano Cantone über die Bewegung der Antispeziesisten nach, die Tiere mit den Menschen gleichstellen wollen. Aber was heißt schon Gleichstellung, wenn die "radikale Andersheit" von Tieren geleugnet und sie auf eine Stufe mit einer Spezies gestellt werden, auf der sie nie als Gleiche bestehen können? "Der Antispeziesismus ist ein verzweifelter Versuch, den Primat des Menschlichen über das Tierische zu bewahren, wenn auch völlig anders als in der Vergangenheit. ... Unsere höchste Macht zeigt sich darin, dass wir der Natur das nicht antun, was sie uns antäte, wenn sie könnte. Wir versichern uns so unserer eigenen Überlegenheit. Es geht nicht mehr um Anthropozentrismus, sondern um vollständigen Anthropismus: Die Tiere sind wie die Menschen".

Die Briten wussten jahrhundertelang, was ihre Verfassung bedeutet, und welche Aufgabe ein Abgeordneter hat, obwohl es keine geschriebene Verfassung gibt. Der Brexit und Theresa Mays Regierung haben das nun zum ersten Mal in Frage gestellt, meint der britische Germanist Jeremy Adler in der SZ. Die Rolle des Abgeordneten habe im 18. Jahrhundert der Begründer des britischen Konservatismus, Edmund Burke, definiert: Danach ist der Abgeordnete nur seinem Gewissen verpflichtet, nicht dem Wähler. "Dieses Prinzip ist tief in der Struktur des Lebens Britanniens verankert. Die jetzige Regierung hat mit dem Grundsatz gebrochen. May beschwört stets 'den Willen des Volkes'. Damit maßt sie sich etwas an, was als 'Tyrannei der Majorität' bezeichnet wurde, anstatt eine gewissenhafte Legislative zu leiten. Ihr Begriff des 'allgemeinen Willens' widerspricht dem britischen System. Die im Gewissen des Einzelnen verankerte Macht verlagert sich dadurch auf den schwer zu definierenden Willen des Volkes. Das ist die Aporie der heutigen Verfassung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2018 - Ideen

Im Interview mit der Welt erklärt der amerikanische Schriftsteller und Journalist Thomas Chatterton Williams, warum er die linke Identitätspolitik für absolut kontraproduktiv hält: "Vor Kurzem habe ich Richard Spencer interviewt, den prominentesten Vertreter der amerikanischen Alt-Right. Er sagte, dass es das Verdienst der Linken sei, dass sich die weißen Amerikaner heute wieder als ethnische Gruppe begreifen. Die Linken, so Spencer, hätten die Weißen wieder mit rassistischem Denken versöhnt, auf eine Art und Weise, wie es die Rechten nie gekonnt hätten. Wenn dieses Denken von rechts gekommen wäre, hätte sofort jeder gemerkt, wie toxisch es ist. Jetzt aber sei er zuversichtlich, weil er glaube, dass es einfacher wird, diese Leute umzudrehen."

Der CSU-Politiker Alexander Dobrindt hat in einem fatalen Gastbeitrag für die Welt, den diese aber dankenswerter Weise nicht online streut, zur "konservativen Revolution" aufgerufen, ein aus der Weimarer Zeit kontaminierter Begriff. Johanna Roth schreibt dazu in der taz: "Dobrindts Plädoyer für mehr geistige Freiheit will ja in Wahrheit das Gegenteil: identitäre Vereinfachung und antipluralistische Engstirnigkeit. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Aber wer sind 'wir'?  Die Rhetorik spricht für sich: 'Heimat und Vaterland sind Wurzeln unserer Identität', 'wenn wir unsere Volksfeste feiern (…), dann spüren wir, dass wir zusammengehören', in diesem Duktus geht das in einem fort, Migranten tauchen höchstens als Islamisten auf. Da, jetzt fühl mal die Vaterlandsliebe in dir, und wenn da keine ist, dann gehörst du nicht dazu: Das erinnert an den neurechten Ethnopluralismus."

Ebenso als Beitrag zu "Identitäten" lässt sich Ingo Arends taz-Besprechung von Dennis Altmanns und Jonathan Symons' Buch "Queer Wars" lesen - die beiden Autoren fordern dort einen "kultursensiblen" Umgang mit dem Thema Homosexualität.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2018 - Ideen

Dass die Ideen der Identitätspolitik in die Linke wanderten, wo sie nun einiges Unheil anrichten, hat laut dem britischen Soziologen Frank Furedi in der NZZ mit einem Versagen der klassischen Linken nach dem Krieg angesichts neuer sozialer und antikolonialer Bewegungen zu tun: "Trotz ihrem formellen Bekenntnis zu universellen Werten hatte sich die Linke mit ihnen immer schwergetan. Ihr Leistungsausweis bei der Unterstützung der Frauenrechtlerinnen oder von antikolonialistischen und antirassistischen Bewegungen war bestenfalls lückenhaft; das zwang die Befreiungsbewegungen der sechziger Jahre, eigene Strategien zur Durchsetzung ihrer Anliegen zu entwickeln. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2018 - Ideen

Die NZZ druckt einen Auszug aus einem Buch ihres ehemaligen Feuilletonchefs Martin Meyer, der der Zeit nachtrauert, in der kaputte Dinge repariert wurden: "Denn kaputt, das war in der Regel nicht hoffnungslos kaputt, zerstört, zu Ende. Es war ein Schwebezustand der Aberration, eines verletzten Innenlebens, eines Bruchs oder Unterbruchs, wie man in der Schweiz ganz treffend sagt, ein vorläufiges Unwohlsein, mitunter eine Frechheit, die dafür zu bezahlen hätte, ein böser Zufall, eine Stockung, etwas Verrenktes oder Verrostetes, Ermüdung von Material, das gesprungene Teil, eine gelöste Verbindung, der Riss im Ganzen, was weiß ich."

Außerdem: Die Zeit druckt einen bisher unveröffentlichten Essay von Hannah Arendt über das Wesen der Revolution: Egal wie sie ausgeht, so Arendt, ihr Wesen ist die "Verwirklichung eines der größten und grundlegendsten menschlichen Potenziale, nämlich die unvergleichliche Erfahrung, frei zu sein für einen Neuanfang".
Stichwörter: Arendt, Hannah

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2018 - Ideen

Gütig oder tapfer kann jeder sein. Um "Werte" hochzuhalten, braucht man allerdings in der Regel Geld. Und so verstärkt ausgerechnet die "Werte"-Fixiertheit die sozialen Unterschiede, überlegt Wolfgang Ullrich in der NZZ. Heute haben wir auf der einen Seite eine Moralaristokratie, auf der andere ein Moralproletariat. Ausdruck dieses "moralischen Wohlstandsgefälles" sind die erstarkten populistischen Bewegungen: "In ihnen könnte man sogar eine neoprotestantische Mentalität erkennen, geht es doch heute nicht anders als vor fünfhundert Jahren darum, dass sich Menschen dagegen wehren, nur deshalb als moralisch schlechter qualifiziert zu gelten, weil es ihnen an äußeren Voraussetzungen dazu fehlt, als gut anerkannte Werke zu tun. Wie damals vor allem der Ablasshandel Widerstände auslöste, sind es heutzutage Crowdfunding-Projekte, Bio-Supermärkte, traditionsbewusste Do-it-yourself-Szenen oder der politische Kunstaktivismus, die den Argwohn wecken, einigen zu viel und allen anderen viel zu wenig Chancen auf ein gutes Gewissen zu gewähren."

Eine neue Frauenbewegung wie #metoo reicht nicht, die Gesellschaft muss sich insgesamt verändern, meint im Interview mit der Berliner Zeitung die marxistisch-feministische Philosophin Frigga Haug: "Befreit man auf der einen Seite, zieht man auf der anderen Seite die Herrschaftslinien fester. So etwa, wenn man die Vollzeiterwerbsarbeitsplätze schützt und gerade damit, bei sprunghafter Erhöhung der Produktivität von Arbeit, die Arbeitslosigkeit vergrößert. ... Ich finde es zu wenig, zu sagen: Auch ich. Im sozialistischen Frauenbund war unsere Losung: Jammere nicht, leiste Widerstand! Wie verallgemeinert man das, dass die Menschen sich als Gemeinwesen begreifen und ihre Fragen und Initiativen, ihre Bewegungen und ihren Veränderungswillen und ihren Zorn umbauen in ein Projekt für alle?"

Ausgerechnet der Wirtschaftsteil der Sonntags-FAZ macht unter dem Titel "Die Precht-AG" den wirtschaftlichen Erfolg eines Autors zum Argument gegen seine Relevanz. Sebastian Balzter, Wirtschaftsredakteur, hat das unvorteilhafte Porträt über Richard David Precht verfasst: "Im Nachhinein lässt sich leicht erkennen, was für Prechts steilen Aufstieg alles zusammenkommen musste. Es verhält sich damit so ähnlich wie mit dem iPhone von Apple, das auch erst vor zehn Jahren auf den Markt kam, heute vielen aber schon wie ein Teil der öffentlichen Grundversorgung vorkommt. Hinter dem Gerät steckt keine brillante Erfindung, die Grundlagen hatten andere schon entwickelt. Aber ein derart nutzerfreundliches Design hatte außer Apple keiner im Angebot. Die Kundschaft war reif dafür - und hatte genug Kleingeld in der Tasche für ein neues Statussymbol."

Außerdem: Angeregt von Papst Franziskus' Vorschlag zur Abänderung des Vater unsers liest Slavoj Zizek das Buch Hiob (NZZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2018 - Ideen

Im Gespräch mit Arno Widmann (Berliner Zeitung), erzählt Richard David Precht von der Arbeit an seiner vierbändigen Philosophiegeschichte, von der zwei bereits erschienen sind und die komplizierter ist als man annimmt. Man nehme nur Kopernikus: "Seine Kritik am geozentrischen Weltbild gewann er nicht aufgrund seiner Himmelsbeobachtungen. Er hatte ja kein Fernrohr, sondern benutzte nur den Dreistab. Die Kopernikus-Forscher streiten darüber, wie viele eigene Beobachtungen er gemacht hat, aber sie sind sich einig darüber, dass er sich bei seiner umstürzlerischen Theorie, dass die Erde sich wie die anderen Planeten um die Sonne drehe, in erster Linie auf antike Daten stützte. Die Wende kam aber von Kopernikus und nicht erst von Galilei, der dann über ein Fernrohr verfügte, aber oft falsch interpretierte, was er sah. Je näher man sich an die Ereignisse zoomt, umso unübersichtlicher wird die Entwicklung insgesamt. Die wirklichen Menschen passen nicht in die Schubladen der Geschichtsschreibung."

Daniel Steinmetz-Jenkins ist im Guardian zwar überhaupt nicht einverstanden mit der Gender-Forscherin Joan Wallach Scott, die in ihrem Buch "Sex and Secularism" glatt behauptet, dass der Säkularismus die Ungleichheit der Geschlechter vertieft habe, aber ein paar Punkte macht sie seiner Meinung nach doch, etwa über das 19. Jahrhundert: "Die Zurückweisung der Religion in dieser Zeit, argumentiert Scott, basierte auf idealisierten Unterscheidungen zwischen dem, was in die Öffentlichkeit gehört (Männer, Markt, Politik, Bürokratie) und der privaten Sphäre (Frauen, Familie, Religion, sexuelle Intimität). 'Diese Unterscheidungen hatten keinen Aspekt von Gleichheit zwischen den Geschlechtern', merkt Scott richtig an, 'sie basierten auf der Annahme von Ungleichheit der Geschlechter.' Sie wurden etwa als Rechtfertigung benutzt, den Frauen das Wahlrecht nicht zu geben, was im säkularen Frankreich - aus Angst, dass Frauen für die Kirchenpartei stimmen - erst 1944 geschah." Das einzig Störende an Scotts Argumentation, so Steinmetz-Jenkins, ist, dass heute mit Blick auf religiöse und säkulare Länder alle Indizien gegen Scotts These sprechen.

Wozu sich auch mit störender Realität befassen, wenn man bereits die zutreffende Meinung hat? "50 Prozent, die Hälfte der Gesellschaft, wird ärmer und ärmer", hatte neulich Georg Diez in seiner Spiegel online-Kolumne mit Blick auf den "World Inequality Report" behauptet. Aber leider zeigt ein genauerer blick auf den Bericht das fast schon diametrale Gegenteil hat Tobias Blanken bei Medium herausgefunden, den im Bericht steht: "Dank des hohen Wachstums in Asien (insbesondere in China und Indien) sind die Einkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung deutlich gestiegen." Nur die Zuwächse für die Reichen sind überproportional gestiegen, so dass die Differenz sich gleichzeitig vergrößert hat.

Stephan Wackwitz sucht in einem längeren Essay für die taz nach Einflüssen Goethes und Schillers bei amerikanischen Denkern wie Ralph Waldo Emerson und  Henry David Thoreau: "Man muss im Grunde auch gar keine philosophiegeschichtlich aufwendige Zeitreise unternehmen, um ein konkretes Gefühl für das Langstrecken-Frisbee hin und her über den Atlantik zu bekommen, das im 19. Jahrhundert zwischen Deutschland und Amerika gespielt worden ist."

Der Politologe Franz Walter legt auf der Gegenwartsseite der FAZ einen ganzseitigen Artikel zum Niedergang der SPD vor, den er den Hartz IV-Reformen zuschreibt. Nun rät er der Partei zu einem milden Konservatismus in Form einer "umsichtigen Verknüpfung weisen Fortschreitens mit den geerdeten Bewahrungs-, Tradierungs-, Überschaubarkeits-, Sicherheits- und Innehaltensbedürfnissen derjenigen Menschen, die das als modern ausgegebene Nomadentum der globalen Klasse nicht unbedingt für einen universell erstrebenswerten Glückszustand halten. In der Krise des zur Phrase ausgedünnten Neuliberalismus und in der durch die Merkelisierung der CDU hinterlassenen Leerstelle des klassischen Wertekonservatismus könne darin ja auch eine politische Chance bestehen."