9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 78 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2022 - Ideen

In der taz führt Astrid Kaminski in die Ideen der "Rechte-der-Natur-Bewegung" ein, die Ozeane oder Tiergattungen die Rechtssubjekten machen will. Ein Buch stellt die Ansätze der Bewegung dar. "Die Tatsache, dass in Europa dieses Denk-Wegenetz noch weniger ausgebaut ist als in anderen Kontinenten, hat Gründe. Bei den Panels zur Buchvorstellung erinnerte sich die in Indien aufgewachsene Radha D'Souza: 'Wenn ich als Kind ein Bad nahm, musste ich sämtliche Flussnamen der Region aufsagen.' In nichteuropäisch geprägten Kulturen ist oder war das Verhältnis zwischen Mensch und Natur oft weniger auf Ausbeutung als auf Zusammenleben ausgerichtet. Von daher wurzelt die 'Rights for Nature'-Bewegung in der Emanzipation vom Kolonialismus."

Außerdem: Jürgen Kaube gratuliert Klaus Theweleit in der FAZ zum Achtzigsten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2022 - Ideen

In der NZZ analysiert Helwig Schmidt-Glintzer, Professor für Sinologie in Tübingen, die Bedeutung des chinesischen Schriftzeichensystems für das Land: "Die Beibehaltung des Schriftzeichensystems verklammert die Gegenwart mit der gesamten schriftlichen Überlieferung Chinas und vermag sich auf zurückreichende Systeme der Anspielungen und des Tabubruchs und eine geradezu grenzenlose Ermöglichung von Allegorese zu beziehen. So bleibt prinzipiell ein grosser Resonanzraum für Distanznahmen erhalten. Dass dieser aktuell immer wieder beschnitten zu werden droht, ändert nichts an dem Fortbestand solcher Möglichkeitsräume."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2022 - Ideen

Der amerikanische Linguist John McWhorter setzt sich in seinem Buch "Die Erwählten: Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet" mit den schlimmsten Lügen und Selbsttäuschungen der woken Linken auseinander. Dazu gehört für ihn die Überzeugung, wenn man nur in jeder Lage seinen Antirassismus demonstriert, hätte man schon alles wesentliche getan, erklärt er im Interview mit der SZ. Ein Beispiel: "Du sprichst dich dagegen aus, gewalttätige schwarze junge Männer von der Schule zu werfen, weil sie in Armut und ohne Väter aufgewachsen sind. Was aber natürlich passiert, wenn diese Jungs in der Schule bleiben, ist, dass sie andere schwarze Jungs verprügeln, denn solche Dinge kommen ja nicht in einer glücklichen integrierten Schule vor, sondern eher in einer vorwiegend schwarzen öffentlichen Schule. Also schaden die Erwählten schwarzen Kindern, die lernen wollen, aber das ist ja egal, weil sie gezeigt haben, dass sie strukturellen Rassismus erkannt haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2022 - Ideen

Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout hat ein Buch über Nerds geschrieben. Im Interview mit dem Tagesspiegel erzählt sie, was sie an dieser Figur interessiert: Erst war er ein technikbesessener Außenseiter, in den Siebzigern und Achtzigern wurde er mit Personen wie Bill Gates, Steve Jobs oder Steve Wozniak zu einer positiven Projektionsfläche. "Der Außenseiter wurde zum Helden, aber er verkörperte keine neuen Werte. Deshalb ist es schwer für Frauen oder PoC sich mit dieser Figur zu identifizieren. Das ist von Bedeutung, weil der Nerd mittlerweile wichtige Positionen in der Gesellschaft inne hat. Es gibt etliche Studien, die belegen, dass die Popularität des Nerds und der Rückgang von Frauen in der IT-Branche parallel verliefen. Ursprünglich war die Informatik ein Frauenberuf. Das hat sich durch den Nerd gewandelt und zeigt, wie einflussreich solche Sozialfiguren sind. Deshalb ist die Kritik an ihm berechtigt, wenngleich es viele weibliche Nerds in der Popkultur gibt."

Im Interview mit der FR erklärt der Soziologe Armin Nassehi, warum wir heute zwar mehr wissen als je zuvor, aber zugleich immer handlungsunfähiger scheinen: "Es ist ja nicht so, dass man der Gesellschaft es so erklärt: CO2 muss reduziert werden, macht das mal, sondern man stellt fest, dass man mit dieser Forderung auf ein weitverzweigtes System trifft, in dem diese Information ganz unterschiedlich verarbeitet wird. Das eindeutige Wissen ist aus der Perspektive der Politiker mit der Frage verknüpft: Kann ich das meinen eigenen Wählerinnen und Wählern verkaufen oder nicht? Für die Medien ist es die spannende Frage, ob sich daraus ein toller Konflikt herstellen lässt, indem man feststellt, wer die Guten und wer die Bösen sind. Für Unternehmen geht es darum, ob sich das in Geschäftsmodelle übersetzen lässt. Und für Wissenschaftler gibt es erst einmal neuen Forschungsbedarf. Wir sind ja nie fertig. Das hat man ja in der Pandemie genau gesehen. Man hat tolle Ergebnisse, und morgen stellt man fest, da gibt es eine Studie, die auch noch eingearbeitet werden muss. Das ist das Spannende, selbst wenn wir ein so eindeutiges Wissen hätten, können wir das nicht so einfach umsetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2022 - Ideen

Der Klimawandel erfordert neue, nicht kapitalistische Wirtschaftsweisen, findet die Theologin Gudula Frieling in der taz. Und was hindert uns daran? "Die deutsche Gesellschaft hält sich zwar für aufgeklärt, trägt jedoch bis heute schwer daran, dass seit Kriegsende der Antikommunismus als Teil der nationalsozialistischen Ideologie nicht problematisiert und bekämpft wurde. Als Deutschland im Kalten Krieg vom Feind der USA zu deren Verbündetem avancierte und infolgedessen seine Wiederbewaffnung anstand, wurde das antikommunistische Feindbild der Nazis unreflektiert auf die kommunistisch regierte Sowjetunion übertragen."

Im Guardian erinnert Kenan Malik daran, dass der Kampf für Meinungsfreiheit immer auch ein Kampf für soziale Gerechtigkeit war, der geraden den Unterprivilegierten helfen sollte. Und heute? Ist es oft andersherum: "Eine Ironie des Schicksals ist es, dass viele Argumente, mit denen heute Redebeschränkungen als Schutz für die Machtlosen verteidigt werden, oft dieselben sind, die einst von den Mächtigen verwendet wurden, um ihre Interessen vor Angriffen zu schützen. Als der amerikanische abolitionistische Zeitungsredakteur Elijah Lovejoy 1837 von einem sklavereifreundlichen Mob in Illinois ermordet wurde, gab ihm eine Südstaatenzeitung die Schuld an seinem eigenen Tod, da er 'die Gefühle einer großen Mehrheit der Bevölkerung dieses Ortes völlig missachtet' habe. Anderthalb Jahrhunderte später hörten wir dieselben Argumente in den Forderungen nach einem Verbot der 'Satanischen Verse' oder in der Behauptung, die Karikaturisten von Charlie Hebdo seien für ihren eigenen Tod verantwortlich, weil auch sie 'die Gefühle' vieler Muslime missachtet hätten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2022 - Ideen

Der israelische Soziologe Natan Sznaider kann dem Postkolonialismus nichts abgewinnen und empfiehlt im taz-Interview mit Till Schmidt aber, seine Aktivisten nicht zu ernst zu nehmen. Wissenschaftlich sei das ja alles nicht: "Ich glaube, dass ich mir den Luxus der Gelassenheit in diesen Debatten erlauben kann. Es gibt hier in Israel existenzielle Probleme wie die Bedrohung durch den Iran und wie man mit der Besatzung umgehen soll. Ich nehme die Debatten, wie auch die aktuelle um die Documenta aber natürlich ernst - und betrachte mit Sorge, wie Teile der sich weltoffen verstehenden deutschen Kulturelite ein doch sehr geschlossenes Weltbild haben."

In einem Text in der FR zum Historikerstreit 2.0 pocht die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann (die sich als Initiatorin des Weltoffen-Aufrufs von Sznaider angesprochen fühlen muss) einerseits auf den Unterschied zwischen Geschichtswissenschaft und Erinnerungkultur, andererseits auf die unterschiedlichen Stoßrichtungen der Polemiken von Dirk Moses und Wolfgang Reinhard: "Moses spricht vom 'deutschen Katechismus', Reinhard von 'Holocaust-Orthodoxie' und 'politischer Rechtgläubigkeit'. Doch Reinhard geht es nicht um die Aufnahme der Kolonialgeschichte in einen erweiterten Erinnerungsrahmen. Er plädiert tatsächlich für eine Abschaffung der Holocaust-Erinnerung. Dieses Plädoyer entspringt einer unter Historikern und Historikerinnen verbreiteten Aversion gegenüber der Erinnerungskultur, in der sie nichts anderes sehen als eine fatale Verfälschung und Verformung der Geschichte. Hier gilt es unbedingt zu unterscheiden zwischen einer allgemeinen Abwehr der Geschichtserinnerung einerseits und einer legitimen Kritik an der Art, wie sie betrieben wird, wenn zum Beispiel eine Erinnerung als Bollwerk gegen eine andere Erinnerung eingesetzt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2022 - Ideen

Eva Menasse nimmt in der Zeit die jüngste Debatte um die documenta zum Anlass, um noch mal zornig auf den Streit um Antisemitismus und BDS zurückzukommen, der ihrer Meinung nach aus dem Ruder gelaufen ist. Das Übel kommt für sie ursprünglich aus "trüb-digitalen Quellen", wo sich ein "völlig irregegangener Moralismus" Bahn gebrochen habe: "Kleine Gruppen von rigorosen Einpeitschern haben den Diskurs in weiten Teilen unter ihre Kontrolle gebracht und ihr Publikum infiziert." Schlimm sei, dass dann auch die Feuilletons "fast geschlossen" auf diesen Diskurs eingeschwenkt seien. Zu den "hiesigen Priester gegen den Antisemitismus" zählt sie neben dem FAZ-Feuilleton und "der islamophoben Springer-Presse mit ihrer Redaktionspräambel, die Israel und 'die Juden' so unsauber vermischt", viele in Online-Redaktionen "verteilte sogenannte Antideutsche (etwa Perlentaucher und Ruhrbarone - Letztere machen Witze über die Vernichtung von Gaza)". Opfer sind die Chefs der größten und vornehmsten deutschen Kulturinstitutionen: "Öffentlich ein Antisemit genannt zu werden, weil ein eingeladener Künstler früher mal für BDS war oder darüber diskutieren will, ist in Deutschland gleichbedeutend mit dem Vorwurf der Kinderschändung. Nein, ich übertreibe nicht. Einer ruft BDS, und alle anderen kreischen, so gerade wieder in Sachen Documenta." (Klarstellung zum hier angesprochenen Perlentaucher: Er hat mit den "Antideutschen" nicht das geringste zu tun, und er hat keine/n der IntendantInnen, die sich im "Weltoffen"-Papier äußerten, als Antisemiten bezeichnet.)

"Es ist erstaunlich, dass ein solch abenteuerlicher und bösartiger Unsinn in deutschen Feuilletons ernsthaft diskutiert wird", schreibt in seinem im März erscheinenden Buch "Diese Vergangenheit nicht zu kennen, heißt sich selbst nicht erkennen" der Historiker und einstige Verleger Ernst Piper über A. Dirk Moses' These vom "Katechismus der Deutschen" (Unsere Resümees). Die Welt bringt heute einen Auszug aus Pipers Buch, in dem Piper unter anderem nochmal den Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus und die Singularität des Holocaust betont: "Auschwitz ist eine zentrale Signatur der deutschen Geschichte im Zeitalter der Extreme. Man verkleinert nicht Gräueltaten anderer totalitärer oder kolonialer Regime, wenn man feststellt, dass dieser Versuch, eine ganze Ethnie systematisch auszulöschen, ein einzigartiger Vorgang war. Jede Zeit hat ihre Deutungen, und das Ringen um die Erinnerung wird immer wieder neue Formen annehmen und immer wieder zu anderen Ergebnissen führen. Aber für die Gemeinschaft der Deutschen, die in der Tradition der deutschen Geschichte steht, wird auch weiterhin gelten, dass es zur Erinnerung an Auschwitz keine Alternative gibt."

Für den Tagesspiegel bespricht Piper außerdem die beiden zum Thema erschienenen Bücher "Natan Sznaider: Fluchtpunkte der Erinnerung. Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus" (hier) und "Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher, Dan Diner: Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust" (hier).

Voltaire würde sich impfen lassen, meint im NZZ-Gespräch mit Thomas Ribi der Historiker Volker Reinhardt, der gerade eine große Voltaire-Biografie veröffentlicht hat. Aber auch die Meinungsfreiheit fasste er "viel grundsätzlicher, als wir das heute in Europa tun. Und auch deutlich weiter, als sie in den USA verstanden wird. Voltaire versteht Toleranz für uns unerträglich weit. Einschreiten würde er wirklich erst da, wo es vom Reden und Schreiben ins Handeln übergeht. Wir setzen der Meinungsfreiheit ja Grenzen, aus moralischen Gründen. Für Holocaust-Leugner oder für rassistische Theorien beispielsweise lassen wir sie mit guten Gründen nicht gelten. (…) Voltaire wäre der erbittertste Feind jeder Form von Cancel-Culture."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2022 - Ideen

Die NZZ publiziert einen Auszug aus Johann Haris neuem Buch "Stolen Focus. Why You Can't Pay Attention - and How to Think Deeply Again", das sich mit unserem durchs Internet und die sozialen Medien verursachten Konzentrationsmangel auseinandersetzt: "Wir brauchen jetzt, wie ich glaube, eine Aufmerksamkeitsbewegung, die unser Denken zurückfordert. Ich glaube, wir müssen dringend handeln, weil es vielleicht so ist wie bei der Krise des Klimas oder der Fettleibigkeit - je länger wir warten, desto schwieriger wird es."
Stichwörter: Hari, Johann, Soziale Medien

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2022 - Ideen

Weiteres: In der SZ schreibt Thomas Meyer den Nachruf auf den Philosophen Gernot Böhme. In der FAZ schreibt Thomas Thiel.
Stichwörter: Böhme, Gernot, Meyer, Thomas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2022 - Ideen

Felix Heidenreich prüft für die NZZ die Schriften Bruno Latours, der den Kyoto-Preis erhalten hat, eine Art Nobelpreis für Philosophie, auf taugliche Ideen in Zeiten des Klimawandels und lernt bei ihm, dass die Gesellschaft nicht nur aus Menschen besteht, "die Dinge benutzen, sondern aus unendlichen Ketten von Aktanten, die teils menschlich, teils technisch, teils medial sein können - ein gigantisches Netzwerk voller Knoten, Loops, Verkettungen und Interaktionen".

Soll Wissenschaft objektives Wissen schaffen? Oder ist sie zuvörderst da, Identitäten zu stärken? In der NZZ bittet der Philologe Jonas Grethlein zu differenzieren: "Wissenschaft als rettender Lieferant von Fakten für die Politik contra Wissenschaft als solipsistischer Ausdruck von Identität - der Unterschied könnte kaum größer sein. Auf den ersten Blick erscheint es verführerisch, die erste Tendenz den Natur- und Lebenswissenschaften, die zweite den Geistes-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften zuzuweisen. Die alte These, dass diese erkennen und jene verstehen, wäre dabei zugespitzt. Doch sind die Wissenschaften bei allen Unterschieden zu sehr verzahnt miteinander, als dass sie sich auf diese Weise sauber voneinander trennen ließen." Auch in diesem Konflikt hilft die Lektüre von Latour, meint Grethlein.