Eva Menasse nimmt in der
Zeit die jüngste Debatte um die
documenta zum Anlass, um noch mal zornig auf den Streit um
Antisemitismus und BDS zurückzukommen, der ihrer Meinung nach aus dem Ruder gelaufen ist. Das Übel kommt für sie ursprünglich aus "trüb-digitalen Quellen", wo sich ein "
völlig irregegangener Moralismus" Bahn gebrochen habe: "Kleine Gruppen von
rigorosen Einpeitschern haben den Diskurs in weiten Teilen unter ihre Kontrolle gebracht und ihr Publikum infiziert." Schlimm sei, dass dann auch
die Feuilletons "fast geschlossen" auf diesen Diskurs eingeschwenkt seien. Zu den "hiesigen Priester gegen den Antisemitismus" zählt sie neben dem
FAZ-Feuilleton und "der islamophoben Springer-Presse mit ihrer Redaktionspräambel, die Israel und 'die Juden' so unsauber vermischt", viele in Online-Redaktionen "verteilte
sogenannte Antideutsche (etwa
Perlentaucher und
Ruhrbarone - Letztere machen Witze über die Vernichtung von Gaza)". Opfer sind die Chefs der größten und vornehmsten deutschen Kulturinstitutionen: "Öffentlich ein Antisemit genannt zu werden, weil ein eingeladener Künstler früher mal für BDS war oder darüber diskutieren will, ist in Deutschland gleichbedeutend mit dem
Vorwurf der Kinderschändung. Nein, ich übertreibe nicht. Einer ruft BDS, und alle anderen kreischen, so gerade wieder in Sachen Documenta." (
Klarstellung zum hier angesprochenen
Perlentaucher: Er hat mit den "Antideutschen" nicht das geringste zu tun, und er hat keine/n der IntendantInnen, die sich im "Weltoffen"-Papier äußerten, als Antisemiten bezeichnet.)
"Es ist erstaunlich, dass ein solch abenteuerlicher und
bösartiger Unsinn in deutschen Feuilletons
ernsthaft diskutiert wird", schreibt in seinem im März erscheinenden Buch "Diese Vergangenheit nicht zu kennen, heißt sich selbst nicht erkennen" der Historiker und einstige Verleger
Ernst Piper über
A.
Dirk Moses' These vom "Katechismus der Deutschen" (
Unsere Resümees). Die
Welt bringt heute einen Auszug aus Pipers Buch, in dem Piper unter anderem nochmal den Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus und die
Singularität des Holocaust betont: "Auschwitz ist eine zentrale Signatur der deutschen Geschichte im Zeitalter der Extreme. Man verkleinert nicht Gräueltaten anderer totalitärer oder kolonialer Regime, wenn man feststellt, dass dieser Versuch, eine ganze Ethnie systematisch auszulöschen, ein einzigartiger Vorgang war. Jede Zeit hat ihre Deutungen, und das Ringen um die Erinnerung wird immer wieder neue Formen annehmen und immer wieder zu anderen Ergebnissen führen. Aber für die Gemeinschaft der Deutschen, die in der Tradition der deutschen Geschichte steht, wird auch weiterhin gelten, dass es zur Erinnerung an Auschwitz
keine Alternative gibt."
Für den
Tagesspiegel bespricht Piper außerdem die beiden zum Thema erschienenen Bücher "Natan Sznaider: Fluchtpunkte der Erinnerung. Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus" (
hier) und "Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher, Dan Diner: Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust" (
hier).
Voltaire würde sich
impfen lassen, meint im
NZZ-
Gespräch mit Thomas Ribi der Historiker
Volker Reinhardt, der gerade eine große
Voltaire-Biografie veröffentlicht hat. Aber auch die
Meinungsfreiheit fasste er "viel grundsätzlicher, als wir das heute in Europa tun. Und auch deutlich weiter, als sie in den USA verstanden wird. Voltaire versteht Toleranz für uns
unerträglich weit. Einschreiten würde er wirklich erst da, wo es vom Reden und Schreiben ins Handeln übergeht. Wir setzen der Meinungsfreiheit ja Grenzen, aus moralischen Gründen. Für
Holocaust-
Leugner oder für rassistische Theorien beispielsweise lassen wir sie mit guten Gründen nicht gelten. (…) Voltaire wäre der erbittertste Feind jeder Form von
Cancel-
Culture."