9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2022 - Ideen

Joseph Croitoru beschreibt in der FAZ ein seit einigen Jahren betriebenes Projekt des israelischen Holocaust-Forschers Amos Goldberg und des palästinensischen Politikwissenschaftlers Bashir Bashir, die Intellektuelle beider Seiten auffordern sich über ihre respektiven Katastrophen Holocaust und Nakba auszutauschen, ohne sie gleichzusetzen. In mehreren Publikationen präsentierten sie die Früchte ihrer Arbeit: "Als hilfreich erachteten die beiden Wissenschaftler hier das Konzept der 'empathischen Verstörung' ('empathic unsettlement') des amerikanischen Historikers Dominick LaCapra. Demnach soll Empathie für die Empfindlichkeiten des Gegenübers entwickelt werden, ohne jedoch dessen Positionen übernehmen zu müssen."

Außerdem wenden sich Shimon Stein und Moshe Zimmermann ebenfalls in der FAZ gegen Wolfgang Reinhards Artikel zur "deutschen Holocaust-Orthodoxie". Sie, so die Autoren über sich selbst, "standen und stehen in Israel kritisch der Instrumentalisierung der Schoa und der daraus resultierenden israelischen Politik gegenüber und plädieren deswegen für einen anderen Umgang mit der Geschichte. Daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Deutschland nun die Erinnerung an die Schoa 'ausdünnen' dürfe, ist ein Versuch der Täuschung." Ist zu A. Dirk Moses' fast gleichlautender Rhetorik eigentlich ein ähnlicher Artikel der beiden überliefert?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2022 - Ideen

Die ukrainische Essayistin Kateryna Mishchenko fühlt sich selbst wie in dem Netflix-Film "Don't look up", erzählt sie in der SZ, so wenig real scheint für Nicht-Ukrainern die Kriegsgefahr zu sein. Wollten sich diese Menschen wirklich der Realität stellen, dann wäre jetzt vielleicht "ein guter Moment, um die Konjunktive der Vergangenheit zu analysieren und eigene politische Positionen in Frage zu stellen. Wie könnte die postsowjetische Landschaft heute aussehen, wenn man die Annexion der Krim damals nicht zugelassen hätte? Wäre die russische Besetzung des Donbass vermeidbar gewesen? Der Abschuss der Passagiermaschine MH17, die Niederschlagung der Proteste in Belarus, die Vernichtung der russischen Zivilgesellschaft? Ich schreibe diesen Text im Lesesaal der Nationalbibliothek am Europäischen Platz in Kiew. Das Bibliotheksgebäude sieht aus wie ein Palast und liegt an einem der ehemaligen Brennpunkte der Majdan-Proteste. Am Eingang hängt ein Banner mit Porträts von 107 erschossenen ukrainischen, belarussischen und georgischen Bürgerinnen und Bürgern. Ihre physische Präsenz erinnert mich daran, dass wir in der Ukraine den letzten demokratischen Umbruch im postsowjetischen Raum erleben."

Philipp Sarasin unterhält sich bei geschichtedergegenwart.ch mit Mark Honigsbaum, Autor des Buchs "Jahrhundert der Pandemien". Er skizziert zwei Neuerungen im 20. Jahrhundert: eine neue Vernetzung, die zur Globalisierung von Krankheiten führt, aber auch neue Medien, die es erlauben, die Bevölkerung zu informieren, bevor die Pandemien überhaupt eintreffen. Zum ersten Mal passiert sei das noch vor der Spanischen Gruppe, nämlich bei der russischen Grippepandemie von 1889 bis 92, "die auf die Verlegung des transatlantischen Telegrafenkabels zwischen den Vereinigten Staaten und England folgte und mit dem Boom billiger, massenhaft verbreiteter Zeitungen und der raschen Expansion von Reuters und anderen Nachrichtenagenturen zusammenfiel, die die neuesten telegrafischen Kommunikationstechnologien nutzten. Das Ergebnis ist eine neue, moderne gesellschaftliche Realität, in der sich Informationen über neue Krankheitserreger schneller verbreiten als die Viren selbst, wodurch biopolitische Diskurse und die Fähigkeit, Pandemien mit rationalen wissenschaftlichen Methoden zu bewältigen, gestört werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2022 - Ideen

In einem Essay für DeskRussie erklärt der französische Politiologe Nicolas Tenzer, warum die Auflösung von Memorial auch die Demokratien betrifft: "Der Kontinuität der Geschichte unter dem Zeichen der Wahrheit setzt Putin die Kontinuität der Geschichte unter dem Zeichen des Verbrechens entgegen. Er versucht, die schwarzen Seiten der Geschichte von gestern zu löschen, um die von heute zu schreiben." Vielleicht auch interessant im Kontext des Historikerstreits 2.0, wo die Fraktion um A. Dirk Moses das Gedenken an den Holocaust als deutsche Spezialmarotte darstellt, Tenzers Ausführungen zur weltweiten Bedeutung des Memorial-Verbots: "Die Geschichte des Stalinismus gehört ebenso wie die des Nationalsozialismus, des Maoismus und aller weltweit begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht nur zu dem Land, in dem sie stattgefunden hat. Sie ist Teil unseres gemeinsamen Erbes. Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Völkermord gehen die gesamte Menschheit an und sind nicht nur Sache der Opfer und der Henker." Hier die englischsprachige Version des Artikels.

In der Berliner Zeitung erklärt die Philosophin Corine Pelluchon im Gespräch mit Georg Diez ihren Kampf für Tierrechte und einen neuen Begriff der Aufklärung: "Die grenzenlose Ausbeutung von Tieren und ihr industrieller Tod verdeutlichen die Kultur des Todes, in der wir leben. Auch wenn die meisten Menschen diese Kultur leugnen, verursacht die Gewalt, die Tieren angetan wird, ein kollektives Trauma. Ich fordere eine neue Aufklärung nach Zusammenbruch der alten. Das erfordert die Anerkennung unserer Zerstörungswut, die auf das Vergessen unserer Sterblichkeit und die Verdrängung der Schicksalsgemeinschaft, die wir mit den Tieren teilen, zurückzuführen ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2022 - Ideen

Impfgegner und Klimaskeptiker treiben der demokratischen Wissensgesellschaft Woche für Woche die Tränen in die Augen. In der NZZ warnt Urs Hafner allerdings vor dem Glauben an eine Evidenz-basierte Politik. Sie wäre das Ende aller Politik. Und Wissenschaft ist heute so komplex, dass sich aus ihr nicht zwangsläufig politisches Handeln ergebe: "Einem Besserwisser zuzuhören, ist nie lustig, aber Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, bringen die Aufgeklärten zur Verzweiflung. Dass heute so viele verschwörerische Theorien wuchern, ist nicht nur auf Bildungsmangel und die Bubbles der sozialen Netzwerke zurückzuführen, sondern auch auf den imperialen Auftritt der Wissenschaften und ihrer Sekundanten in der Politik. Sie präsentieren die Ergebnisse ihrer Arbeit als Wahrheit (statt als vorläufige Erkenntnisse, die morgen überholt sein können) und bezeichnen die Handlungsanleitungen, die sie daraus ableiten, als zwingend und alternativlos."

Ein neues "Patriarchat in Frauenkleidern" sieht NZZ-Autorin Sarah Pines im Transgender-Aktivismus, der daran arbeite, die Frau als biologisch und sozial basierte Kategorie abzuschaffen und sie zu einem menstruierenden Wesen zu degradieren und der Feministinnen wie Kathleen Stock oder J.K. Rowlings gnadenlos terrorisiert: "Der Feminismus anerkennt die Frau und ihre Unterschiede zum Mann. Weiblichkeit ist keine männliche Projektion, die Welt funktioniert nicht immer phallozentrisch. Phallozentrischer als 'menstruierende Person' kann ein Begriff allerdings gar nicht mehr sein. Die Öffnung der Kategorie 'Frau' reduziert den Unterschied zwischen Mann und Frau auf eine identitäre Kategorie, nach dem Grundsatz: Wenn ich mich als Frau fühle, bin ich auch eine. Außer für die 'menstruierende Person' ist die Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gruppe nicht länger ausgrenzend, im Gegenteil: 'Frausein' ist befreiend und ermächtigend."

In der Jungle World schreibt dagegen Kirsten Achtelik, als etwas schwer verständliche Antwort auf einen Text von Vojin Saša Vukadinović, der ebenfalls die Transgender-Aktivisten angegriffen hatte (unser Resümee): "Es ist fast komisch, dass die Idee, es gäbe nur zwei Geschlechter und diese seien an den Genitalien zu erkennen - bis vor wenigen Jahren ein nahezu unhinterfragtes Dogma -, als philosophisch Dissidenz und erfrischende Auflehnung gegen den vorgeblich autoritären Diskurs um Gender gelabelt wird. Wenn alte Dogmen an Wirkmacht verlieren, werden diejenigen, die sie vertreten, nach Wegen suchen, sie zu verteidigen. Die Behauptung, dass die Wissenschaftsfreiheit gefährdet sei, ist ein solcher Versuch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2022 - Ideen

Zwei Ethnologen forderten in der SZ neulich, ethnologische Museen von Vertretern der ausgestellten Kulturen kuratieren zu lassen - ihr Beispiel sind die Maori und die Darstellung ihres Wissens in neuseeländischen Museen (unser Resümee). Perlentaucher Thierry Chervel stimmt ihnen in einem Twitter-Thread zu. Da wäre etwa das Maori-Wissen über menschliche Hybris und Zerstörung von Natur. "Als die Maori im 13. Jahrhundert Neuseeland besiedelten, ein paar hundert Jahre vor den Weißen, stießen sie nämlich auf eine einzigartige Fauna, vor allem Vögel, kaum Raubtiere. Die Moas waren die größte Laufvogelart, die die Erde je besiedelt hat... Innerhalb von 150 Jahren hatten die Maori die Vögel aufgegessen. Dies gilt als das 'das schnellste vom Menschen verursachte Aussterben einer Großtierart, das bis heute dokumentiert wurde'."

Heute existieren nur noch wenige Überreste, die von der Existenz der Moas zeugen. Hier posiert der britische Naturforscher Richard Owen mit dem Skelett eines Moas.
Stichwörter: Neuseeland, Maori, Moas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2022 - Ideen

Die Europäer haben nicht nur als Kolonialisten die Erde verwüstet, sondern auch als umweltverschmutzende Kapitalisten, die für den Klimawandel verantwortlich sind, lernt Bert Rebhandl unter anderem aus dem Buch "A Billion Black Anthropocenes or None" von Kathryn Yusoff, "einer Professorin für 'inhumane Geografie' in London", das er für den Standard gelesen hat: "Ihre These lautet zugespitzt: In der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen durch die reichen Länder waren nicht nur die Rohstoffe 'schwarz' wie das Öl, auch große Teile der Menschheit wurden darin rassistisch zu schwarzer Materie abgewertet, zu einem inhumanen Gut. ... Die europäischen Ideale, mit denen ja auch häufig eine wertegeleitete Außenpolitik begründet wird, stehen nun aber doppelt infrage: durch die Kolonialverbrechen der Neuzeit, die jeden moralischen Anspruch diskreditiert haben, und durch geokoloniale Praktiken, die aus dem Emissionseintrag des Westens eine Art zweiter Versklavung des Südens werden lässt. Kein Wunder, dass es vor diesem Hintergrund inzwischen auch Befürchtungen gibt, die menschliche Zivilisation würde angesichts der klimapolitischen Herausforderungen zu keinem Übereinkommen finden. Stattdessen könnte sich ein 'fossiler Faschismus' entwickeln, eine weiße Reaktion auf den drohenden Verlust von Klimaprivilegien."

In der NZZ überlegt der Jurist Filippo Contarini angesichts der Coronamaßnahmen, ob Freiheit in der Risikogesellschaft, die das Kollektiv nicht mehr erkennt, möglich bleibt. "Vereinfacht gesagt, geht es bei den kollektiven Interessen im Gesundheitssystem heute um die synchrone Sicherheit der Teilnehmenden, als Individuen im Notfall in einem Spital untergebracht und gepflegt zu werden. So unangenehm es tönen kann, gilt daher Freiheit in der Risikogesellschaft nicht mehr als Recht, selbstbestimmt das eigene Leben zu führen, sondern als Sicherheit, im Fall eines Risikoeintritts von einer Rettungsinstitution Hilfe zu empfangen. Die Grundrechte dienen denn auch nicht mehr primär dazu, die Bürger vor übermäßigen staatlichen Angriffen zu schützen, sondern sie sorgen im Gegenteil dafür, dass der Staat weiterhin versprechen kann, dass er versuchen wird, seine Bürger zu retten. Es stellt sich die Frage, ob unser Recht langfristig auch weiterhin in der Lage sein wird, uns vor eventuellen Exzessen staatlicher Eingriffe zu schützen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2022 - Ideen

In Italien hat der Philosoph und Impfgegner Giorgio Agamben mit "weiteren Männern aus dem akademischen Milieu, dem Turiner Jura-Professor Ugo Mattei, Massimo Cacciari, Ex-Bürgermeister von Venedig und Philosophie-Professor wie Agamben, und dem früheren Chef des öffentlichen Fernsehsenders Rai 2 Carlo Freccero" die "Kommission Zweifel und Vorbeugung" gegründet, berichtet Andrea Dernbach im Tagesspiegel. "Während die Zweifel - am Virus und den Maßnahmen - klar sind, wurde der Teil 'Vorbeugung' auf der kruden Gründungsveranstaltung nur angedeutet: Es sei jetzt nicht die Zeit für Kongresse, sagte Agamben während des Treffens, das auf Youtube gestreamt wurde. 'Was wäre wohl gewesen, wenn man den Widerstand gegen Hitler auf Kongressen organisiert hätte? Angesichts einer Regierung, die das Recht missachtet, scheint mir das sinnlos; es gibt keine Legalität mehr.' ... Sein Mitstreiter Ugo Mattei begründete kurz darauf sein Nein zum Impfen als soziale Erfahrung: Er habe keine Angst davor, aber als privilegierter weißer Mann, so der 61-Jährige, könne er nun mal 'nicht schwarz werden und auch keine Frau. Aber so kann ich auch zum Ausgeschlossenen werden'." Das ist so gaga, dass man nicht mal mehr aua schreien kann.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2022 - Ideen

In der Welt fordert der in London lehrende Jurist Kai Möller eine juristische Aufarbeitung der Lockdowns in Deutschland. England könnte dafür Vorbild sein, meint er. Gründe wie den Schutz des Lebens oder die drohende Überlastung des Gesundheitssystems lässt er nicht als absolute Gründe gelten. Alles müsse unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismäßigkeit betrachtet werden, meint er. Selbst das Leben sei nie absolut geschützt: "Tausende Menschen sterben jedes Jahr an der Grippe, ohne dass dies bisher als ein Problem gesehen wurde, das auch nur milde Maßnahmen wie etwa eine Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln gerechtfertigt hätte. ... Das vermeintliche Prinzip, nach dem Lockdowns zulässig sind, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, ist nicht rechtfertigbar. Das Hauptproblem dieses Arguments ist, dass das Individualinteresse, bei einer Erkrankung im Krankenhaus maximal behandelt zu werden, gewichtig ist, es aber - dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz entsprechend - nicht absolut gesetzt werden darf, sondern mit anderen wichtigen Interessen abzuwägen ist. So wäre es keineswegs offensichtlich richtig, einen nationalen Lockdown zu verhängen, durch den vielleicht Millionen von Kindern traumatisiert werden, damit ein paar Tausend Menschen im Krankenhaus maximal behandelt werden können. Richtigerweise ist dies eine Frage der Abwägung, nicht eine von absoluten Standards."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2022 - Ideen

Éric Zemmour ist nicht der erste Franzose, der sein Land am Ende sieht. Ähnlich empfand es beispielsweise auch der Royalist Joseph de Maistre, dem die Restauration nach 1814 nicht weit genug ging, erzählt in der NZZ Claudia Mäder, die den gerade erschienenen Briefwechsel "Europa auf dem Pulverfass" zwischen de Maistre und dem Adeligen Louis de Bonald gelesen hat, in einem sehr lesenswerten Essay. Nach Ansicht der beiden war der Mensch vor Gott nicht berechtigt, etwas Neues - wie beispielsweise eine Verfassung - zu schaffen. Und auch das linke Konzept des Universalismus war ihnen zuwider: "Das universalistische Konzept des Menschen etwa, dem grundlegende Rechte unterschiedslos zukommen sollten, war für de Maistre ein reines Hirngespinst. Denn in der Realität konnte der Denker keinen Menschen als solchen, sondern nur Menschen erkennen, die sich erheblich voneinander unterschieden. Oder wie es in der meistzitierten Passage seines Werkes heißt: 'Ich habe in meinem Leben Franzosen, Italiener, Russen gesehen. Ich weiß dank Montesquieu sogar, dass man Perser sein kann. Was jedoch den Menschen anbelangt, so erkläre ich, dass ich ihm nie im Leben begegnet bin.' Dem philosophiedurchtränkten 18. Jahrhundert habe es an dem gesunden Menschenverstand gemangelt, der frühere Zeiten geprägt habe, schrieb de Maistre an seinen Freund. Und dieser wiederum fand Frankreich derart weit von allen alten Zuständen entfernt, dass er sich dort, wo er lebte, kaum noch zu Hause fühlte: 'Man macht uns unser eigenes Land zuwider', hielt de Bonald 1819 fest und bedauerte im Jahr darauf, dass er und de Maistre einsam gegen die größten Verirrungen kämpften: 'Das Unglück der gerechten Sache ist die Isolation. Die Wölfe wissen sich zu versammeln, der Wachhund aber ist immer allein.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2022 - Ideen

Eine Impfpflicht widerspricht nicht liberalen Prinzipien, schreibt Charles E. Schildge in der taz: "Staaten, andere Institutionen und Personen dürfen dann und nur dann die Freiheit des Einzelnen beschneiden, wenn er oder sie anderen Menschen Schaden zufügt. Dieses Prinzip geht auf den britischen Philosophen John Stuart Mill zurück, der 1859 schrieb: 'Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf: die Schädigung anderer zu verhüten.' In Anbetracht dieser liberalen Grundüberlegung, die einige Liberale und Konservative heutzutage vielleicht vergessen haben, stellt eine Impfpflicht keine 'unzulässige Einschränkung der Freiheit' dar."

In der Welt hat Kaja Klapsa indes ihre Zweifel an einer Impfpflicht. Für wieviele Impfungen soll die Pflicht denn gelten?, fragt sie. Und neben "sozialen Verwerfungen" scheint ihr die Umsetzung kaum möglich: "Um die Ungeimpften zum Pieks aufzufordern - etwa per Brief, wie es in Österreich geplant ist - wäre ein Impfregister nötig, also eine Übersicht über den jeweiligen Impfstatus aller Bürger in Deutschland. Vertreter der Ampel-Parteien äußern sich jedoch zurecht kritisch zu solch einer riesigen staatlichen Sammlung sensibler Gesundheitsdaten, darunter auch Gesundheitsminister Lauterbach. Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung, geht sogar davon aus, dass es Monate, wenn nicht Jahre dauern würde, eine solche Datensammlung logistisch aufzubauen. Bleibt also die Abfrage des Impfstatus über Stichprobenkontrollen der Polizei, etwa auf der Straße. Allerdings arbeiten die Beamten bereits jetzt am Limit und könnten diese zusätzliche Aufgabe zeitlich nur sehr bedingt stemmen."