Der
Hannah-
Arendt-
Preis wird nach dem Masha-Gessen-Skandal (
mehr hier) in diesem Jahr nicht verliehen,
meldet Benno Schirrmeister in der
taz. Der Verein hinter dem Preis will erst mal "neue Sicherungen" einbauen: Keine Überrumpelungsvorschläge mehr wie bei Gessen, bessere Kommunikation und neue Jury-Mitglieder. "Tatsächlich war
Gessen keineswegs die erste Person, die den Arendt-Preis trotz oder sogar wegen Dämonisierung des Staates Israel erhalten hatte. Judenhass bis hin zu Vernichtungsfantasien hatte der 2023 gestorbene italienische Bücherschreiber
Gianni Vattimo, Preisträger 2002, artikuliert, allerdings in exzessiver Form erst Jahre nach seiner Auszeichnung.
Tony Judt, Historiker, der geradezu obsessiv Kritik an der Existenz Israels übte, erhielt ihn 2007. Étienne Balibar, BDS-Unterstützer, 2017. Dagegen nimmt sich die Preisträgerin von 2006, Julia Kristeva, die zuletzt zur EU-Wahl Europa zur Geschlossenheit gegen Antisemitismus aufrief, fast wie ein Ausrutscher aus. Grigori Pantijelew, Stellvertretender Vorsitzender der Bremer Jüdischen Gemeinde setzt jedenfalls kein Vertrauen in die bisherigen Reformbemühungen des Arendt-Preis-Vereins: 'Wenn
das schon der Neuanfang gewesen sein soll, dann will ich Hannah heißen', sagt er."
Claudia Roths Vorschlag, künftig auch Humperdincks "Hänsel und Gretel" in
Bayreuth aufzuführen, ist wahrlich kein Skandal, winkt Judith von Sternburg in der
FR ab: "Es ist wirklich auch ein eigenartiger, rührender Vorschlag, zumal in Verbindung mit Roths Appell, die Festspiele müssten sich einem jüngeren Publikum stärker öffnen und Bayreuth solle insgesamt 'vielfältiger, bunter und jünger' werden. Eigenartig und rührend deshalb, weil 'Hänsel und Gretel' vielleicht doch
zuletzt 1950 herangezogen worden wäre, um irgendetwas im deutschen Musiktheaterbetrieb 'vielfältiger, bunter und jünger' zu machen."
Bei den
Ruhrbaronen fragt sich Thomas Wessel, wie eine
Brandmauer gegen rechts eigentlich mit einer Kulturszene gebaut werden soll, die fast vollständig von
staatlichen Geldern abhängig ist. Eine solche Kultur unterstützt auch die AfD, denn dann kann sie das Feld von unten aufrollen: Vor fünf Jahren schon habe die Enquete-Kommission des Bundestages "Kultur in Deutschland" hiesigen Kultureinrichtungen einen "Mentalitätswechsel" empfohlen und als Beispiel auf
Britannien gezeigt, wo Kultureinrichtungen nur gefördert werden, wenn sie
40 Prozent ihres Etats selbst erwirtschaften. Auch inhaltlich sind die hiesigen Kulturinstitutionen von der AfD oft nicht so weit weg wie sie glauben, meint Wessel: "In den Formen, in denen 'Identität' behauptet wird, fallen sich AfD und weite Teile des Kulturbetriebs in die Arme:
Carsten Brosda (SPD) beispielsweise, Hamburger Kultursenator und Mitbegründer von 'Die Vielen', tischt immer wieder ein Zitat von Heinrich Böll aus dessen 'Wuppertaler Rede' von 1966 auf: Kunst müsse 'zu weit gehen, um herauszufinden, wie weit sie gehen darf'. Die Provo-Pose, in der Brosda
Böll erstarren lässt, unterscheidet sich nicht von der, die Höcke einnimmt, wenn der die Grenzen des Sagbaren verschiebt. Nur dass Böll in seiner 'Rede für die Freiheit der Kunst' gleich dreimal klargestellt hat: Wer mit der Kunst zu tun habe, 'braucht keinen Staat'. Damit hat Böll der Kunst die rote Linie eingezogen: dass sie nichts braucht, nicht einmal Freiheit, was sie 'einzig und allein' brauche, sprach Böll, 'ist Material - Freiheit braucht sie nicht, sie ist Freiheit'. Brosda dagegen wischt Böll ausdauernd weg, er will - und wäre beinahe Staatsminister geworden damit im Kanzleramt - die
Provo-
Pose mit Tarifvertrag."