Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2023 - Film

Überaffirmativ zur Kenntlichkeit verzerrt: The Weeknd und Lily-Rose Depp in "The Idol" (HBO)

Schon seit Monaten kündigt sich Sam Levinsons HBO-Serie "The Idol" als Skandalaufreger der Saison an. Darin spielt Lily-Rose Depp den von der Branche nach Strich und Faden drangsalierten und ausgebeuteten, aufstrebenden Teenie-Star Jocelyn nach Britney-Spears-Art. Daneben gibt der Popstar The Weeknd einen Nachtclubbesitzer als sardonisch-düstere Gestalt. Chris Schinke zeigt sich in der Jungle World trotz einiger Schwächen von der Serie fasziniert: "Zu tief scheinen die Phänomene, die den Kulturbetrieb derzeit umtreiben, die Serie zu prägen. All die Obsessionen mit Schönheit, Ruhm, Prominenz, Sex, Konsum und Social Media werden hier satirisch verhandelt. Nicht im Modus negativer Kritik, sondern vielmehr in einer durchgehend überaffirmativ anmutenden Ästhetik, die ihren Gegenstand bis zur Kenntlichkeit verzerrt und in satte, betörende Bilder übersetzt. Als Grundgefühl der Serie bleibt eine gewisse Abgestumpftheit zurück, eine numbness, die ihren Ausdruck auch in Jocelyns leerem, gleichgültigem Gesichtsausdruck findet, während sie eine Zigarette nach der anderen wegraucht. Sam Levinsons 'The Idol' ist keine Serie, die gemocht werden will. Darin steckt vielleicht ihre größte Anziehungskraft."

NZZ-Kritiker Daniel Haas vermisst die Haltung: "Die Serie zitiert in notorisch-koketter Weise die pathologischen Evergreens der Entertainmentgeschichte. ... Fragt sich nur, ob die Serie nicht selbst in jene Falle tappt, die sie den Unrechtsverhältnissen und deren Akteuren stellen will. Aus welcher Perspektive wird 'The Idol' eigentlich erzählt? Wie ist die moralische Agenda verfasst, die jede schlüssige (Film-)Narration implizit bewegen und lenken muss? Bekommen wir Jocelyns Entwicklungsroman zu sehen, der den Wandel vom Medienopfer zum Sinn- und Schaffenssouverän über die eigenen Werke nachzeichnet? Oder doch wieder die Krankengeschichte eines Talents, die die Grausamkeit des Business glamourös bestätigt?"

Weiteres: Kurt Sagatz plaudert für den Tagesspiegel mit dem Schauspieler Tom Wlaschiha. Besprochen werden James Mangolds "Indiana Jones und das Rad des Schicksals" (Tsp, mehr dazu hier), die auf Disney+ gezeigte Serie "About Sasha" über eine intersexuelle Jugendliche (eine der "sehenswertesten und erstaunlichsten Serie der vergangenen (mindestens) anderthalb Jahre", schwärmt Patrick Heidmann in der taz), Tuki Jencquels "Jackie the Wolf" (Filmdienst), Kamila Andinis "Before, Now & Then" (Filmdienst) und der auf Netflix gezeigte Animationsfilm "Nimona" nach dem gleichnamigen Comic (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2023 - Film

"The Padilla Affair" läuft beim Filmfest München

Pavel Girouds beim Filmfest München gezeigter Dokumentarfilm "The Padilla Affair" zeigt das fünfzig Jahre unter Verschluss gehaltene und wohl auf klandestinem Wege außer Landes geschaffte Filmmaterial, das während der Haft und Vernehmung Heberto Padillas in Kuba 1971 entstanden ist, welche schließlich in eine öffentliche "Selbstkritik" des Schriftstellers mündete. Wahrscheinlich ist das brisante Material für Fidel Castro entstanden, schreibt Marie Pohl in der SZ. "Der Abend soll zeigen, wie die kubanische Revolution einen vorlauten Schriftsteller bekehrt, einen gefährlichen Wilden zähmt, einen Verlorenen zur Besinnung bringt, einen Verblendeten durch sorgsame Einzelgespräche in Einzelhaft zur Erleuchtung führt. 'Als Castro das Filmmaterial sah, dachte er sich wahrscheinlich, das schadet mir mehr, als dass es mir nützt,' sagt Pavel Giroud am Telefon. ... So kann man nun mitansehen, wie Padilla beim Sprechen immer mehr ins Schwitzen gerät, wie er sich biegt, windet, krümmt wie ein geschundenes Tier, und krampfhaft die Revolution verteidigt in einer Art Performance, die darauf ausgerichtet ist, dass man seine Übertreibungen als eine Art Code versteht, eine Geheimsprache, mit der er eigentlich um Hilfe fleht."

Außerdem: Cosima Lutz denkt in einem Filmdienst-Essay über Filme über Trans-Menschen nach. Marius Nobach freut sich im Filmdienst auf die Stummfilmtage Bonn im August. Andreas Scheiner erinnert in der NZZ an Timothy Wiseaus vor 20 Jahren veröffentlichtes Drama "The Room", das mit seinen unfreiwillig skurrilen Eigenheiten und grenzenlos ins Kraut geschossenen Ambitionen zum Kultfilm der "so bad it's good"-Meute avanciert ist.

Besprochen werden die ZDF-Serie "Der Schatten" (FAZ), die auf Disney+ gezeigte Serie "Marie Antoinette" (taz), die Marvel-Serie "Secret Invasion" mit Samuel L. Jackson (Zeit) und Stephen Frears' beim Filmfest München gezeigtes Archäologinnendrama "The Lost King" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2023 - Film

Ikone aus und in den Achtzigern: Harrison Ford als Indiana Jones

Kommenden Donnerstag erscheint der neue Indiana-Jones-Film. Es ist Teil 5 der Reihe, der mittlerweile 80-jährige Harrison Ford wird mitunter einer radikalen Digital-Botox-Kur unterzogen, um wieder wie er selbst in den Achtzigern (des 20. Jahrhunderts wohlgemerkt) auszusehen. Die Regie führte erstmals nicht Steven Spielberg, sondern Hollywood-Routinier James Mangold. Bei all der Sause, die den legendären Archäologen von den Vierzigern in die Sechziger und dann bis in die Antike verschlägt, stellt Jan Küveler von der Welt "erstaunt fest, wie viel uns die Actionfilmreihe darüber erzählt, wie die Zeit vergeht und wir uns selbst historisch werden. ... Paradoxerweise betont gerade die Technologie von George Lucas' Special-Effects-Firma Industrial Light and Magic, die das Gesicht des Recken zu Beginn digital verjüngt hat, die Kluft, die die Jahre geschlagen haben." Filmdienst-Kritiker Rüdiger Suchsland hat merklich viel Freude an der "Spirale der Verrücktheit", in die ihn dieser Film mit seinen "magisch-ungesehenen Bildern" zieht: "Es ist ein Kino, das nie belehren oder alles richtig machen will, das mutig und keineswegs beflissen ist und den Jahrmarktscharakter des Mediums gegen seine postmodernen Verächter verteidigt, womit es seinem Idealismus treu bleibt und weder neokonservativen oder traditionalistischen Versuchungen nachgibt."

In einem flankierenden Filmdienst-Essay zeigt sich Lucas Barwenczik hingegen genervt vom nostalgischen Bohei, das um die Indiana-Jones-Filme veranstaltet wird: "Das Kino ist in Teilen zu einer geriatrischen Kunstform verknöchert. ... Die verzweifelt an die Kindheit geklammerte Popkultur akzeptiert kaum noch neue Helden. ... Man kann sich auch zu sehr am Poptimismus der Gegenwart berauschen." Ebenfalls keinen Spaß hatte NZZ-Kritiker Andreas Scheiner: "Die Spezialeffekte sind für so eine Großproduktion erstaunlich krumm. Genießen kann man nichts. Die Raserei reißt nie ab. ... Hollywood hat ADHS."

Außerdem: Im filmischen wie literarischen Western hat sich in den letzten Jahren einiges getan, versichert Oliver Pöttgen im 54books-Essay. Im Filmdienst schreibt Jutta Brückner einen Nachruf auf den Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden die marxistische Amazon-Serie "I'm a Virgo" (Tsp, mehr dazu hier), die Verfilmung des Take-That-Musicals "Greatest Days" (NZZ), die auf Sky gezeigte, queere Serie "Somebody, Somewhere" (taz), der neue Pixar-Film "Elemental" (TA) sowie die Serien "The Dry" (Tsp, FAZ) und "The Crowded Room" (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2023 - Film

Riesensache: Boots Rileys kapitalismuskritische Serie "I'm a Virgo"

Der als kapitalismuskritisch bislang eher nicht verdächtige Amazon-Konzern zeigt die neue, kapitalismuskritische Serie "I'm a Virgo" des kommunistischen Rappers und Aktivisten Boots Riley. Caspar Shaller von der taz ficht dieser Widerspruch nicht an, er freut sich darüber, "dass ein linker Kulturmacher eine große Bühne bekommt. Und es geht dann auch um die ganz großen Dinge: Rassismus, Kapitalismus, Polizeistaat, Liebe, supersize Burger." Auch der Protagonist, ein fünf Meter großer schwarzer Junge, der die "Abgründe, die sich im Leben der Schwarzen Arbeiterklasse auftun", erkundet, ist definitiv supersize. "Riley verwebt dabei gekonnt Mietrechtskämpfe, die horrenden Kosten des US-Gesundheitssystems oder die schwierige Entscheidung, zwischen legal wenig oder gesetzeswidrig bisschen mehr Knete zu machen, mit der Geschichte einiger hipper junger Leute, die durch die Stadt turnen. Sogar Monologe über Kommunismus und warum der cool ist, sind relativ harmonisch in die Szenen eingebettet."

Auch Arabella Wintermayr staunt auf ZeitOnline: "So eine allumfassende Systemkritik" hat es bei den Streamern noch nicht gegeben. Doch leider verzettele sich Riley in Nebenschauplätzen. Erst am Ende gelingt es ihm, "seine großen Ideen in einem noch größeren Ganzen aufgehen zu lassen. Und sei es nur durch einen wenig galant eingeflochtenen Monolog einer Aktivistin", der "auch in einem Marx-Lesebuch stehen könnte. Einer, der dafür aber umso effektvoller inszeniert ist und direkt einer Brecht-Aufführung entlehnt sein könnte."

Besprochen werden Christoph Hochhäuslers Thriller "Bis ans Ende der Nacht" (SZ, mehr dazu bereits hier), die zweite Staffel der "Sex and the City"-Nachfolgeserie "And Just Like That" (Tsp, Welt), der Pixar-Film "Elementals" (Standard, Welt), die auf Netflix gezeigte Polizeiserie "Schlafende Hunde" mit Max Riemelt (FAZ), die TrueCrime-Serie "Das Licht im Flur" (Tsp), Franck Duboscs Komödie "Die Rumba-Therapie" (SZ) und Maryam Keshavarz' "The Persian Version", der heute das Filmfest München eröffnet (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2023 - Film

Undurchsichtiges Spiel: Timocin Ziegler und Thea Ehre schmusen "bis ans Ende der Nacht"

Die Feuilletons besprechen Christoph Hochhäuslers Noir-Thriller "Bis ans Ende der Nacht", in dem der schwule Cop Robert (Timocin Ziegler) als verdeckter Ermittler seinen Ex-Lover Lennart als Lockvogel einzuschleusen versucht, aber damit klarkommen muss, dass Lennart seit einer Haftstrafe Leni heißt und eine Frau ist (Thea Ehre). Perlentaucherin Stefanie Diekmann hat hier und da zwar Probleme mit dem Film und dessen Anhäufung von "generischem Material". Doch "das Geschenk, das Christoph Hochhäusler den Zuschauer:innen seines Films macht, ist neben der Kameraarbeit von Reinhold Vorschneider (choreografisch, eigenständig, der Erzählung immer nur zum Teil verpflichtet) die Besetzung. Die Anmut und Gelassenheit von Thea Ehre, die auf der Berlinale einen Silbernen Bären erhielt. (Warum den für die beste Nebenrolle, bleibt das Geheimnis der Jury). Die Erschöpfung der Figuren von Timocin Ziegler (Robert) und Michael Sideris (Victor). Die harsche, wache Intelligenz von Ioana Iacob (Nic), die im deutschsprachigen Kino der letzten Jahre häufiger gecastet wurde, aber immer noch nicht angemessen sichtbar ist."

Katja Nicodemus ist in der Zeit von diesem Noir sehr begeistert: Hochhäusler "holt dieses Genre der Nachtschwärmer, verlorenen Existenzen und urbanen Irrlichter ins deutsche Kino" und dreht es "weiter, erweitert ihn zur nachtdunklen condition humaine. Hier ist das ganze Leben ein Undercover-Einsatz in eigener Sache." In der FAS (aber heute online) dankt Peter Körte, trotz kleinerer Einwände, dem Filmemacher für dieses in Deutschland gewagte Unternehmen, den Sonntagabendkrimi-Standard hinter sich zu lassen und "nicht nur ein weiteres graues Beamtenfernsehspiel" vorzulegen, sondern Noir und Genre zu umarmen: "Neben Dominik Graf scheint er im deutschen Kino fast der Einzige zu sein, der die Tradition von Polizeifilm, Noir oder Gangsterepos nicht für museal hält. ... 'Bis ans Ende der Nacht' ist ein Film mit einem weiten Möglichkeitshorizont."

Als einer der wenigen Kritiker spricht Daniel Kothenschulte von der FR die eigenwillige Musikauswahl des Films an: "Unterlegt ist das fast nur bei Kunstlicht spielende Drama von Schlagerplatten aus den 40ern (von Zarah Leander und Evelyn Künnecke), 60ern und 70ern (Esther Ofarim, Howard Carpendale, Hildegard Knef), von denen man oft nicht weiß, ob sie nun in der Szene laufen oder eine kommentierende Ebene repräsentieren." Auf Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche wirkt der Film "konzeptuell oft schlüssiger als in der Umsetzung", tazlerin Barbara Schweizerhof schätzt den Reiz des Undurchsichtigen in den Figurenkonstellationen, doch dieser verliere sich "leider, weil der Film seiner so schön mit melodramatischen Unmöglichkeiten angefütterten Liebesgeschichte zu wenig Zeit widmet, um sie wirklich widerhallen zu lassen".

Weitere Artikel: Der Streik der amerikanischen Drehbuchautoren und die Sorge vor K.I. erschüttern Hollywood, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Joachim Huber wirft für den Tagesspiegel einen Blick auf die neue Zählmethode von Netflix zur Ermittlung der eigenen Quote: Nicht mehr die gesehenen Stunden, sondern die Abrufe sind nun maßgeblich.

Besprochen werden Gene Stupnitskys Sommer-Teenagersexkomödie "No Hard Feelings" mit Jennifer Lawrence (Perlentaucher, Filmdienst, taz), Franck Duboscs "Die Rumba-Therapie" (Freitag), der Pixar-Animationsfilm "Elemental" (taz) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Marie Antoinette" (FAZ). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2023 - Film

Jan Brachmann hat sich für die FAZ nach Demmin in Mecklenburg-Vorpommern gewagt, wo Hans-Jürgen Syberberg erstmals öffentlich seinen Film "Demminer Gesänge" zeigte. Es geht in ihm um jene Tragödie der letzten Kriegstage, bei der sich Hunderte Frauen aus Angst vor der Roten Armee das Leben nahmen (mehr dazu beim NDR). Die Berlinale hatte den Film abgelehnt, auch Brachmann bemerkt, Syberberg keine Fragen von Moral und Schuld stellt, sondern die Trauer um die Toten in den Mittelpunkt stellt. Aber er fordert die Demminer, die sich ihm stellen: "Hier steht ein zartes Charisma des Künstlers, der so etwas Unheroisches wie ein Café in die Welt setzt und jetzt als Gastgeber eines sommerlichen Festes auftritt, gegen das Regelwerk eines demokratisch organisierten Gemeinwesens mit der Verwaltung von Anträgen und Genehmigungsverfahren. Syberberg träumt nicht nur von der Wiedererstehung der Demminer Marktsüdseite, er will, dass der Traum zur Tat wird. Doch da stoßen nicht nur Charisma und Demokratie gegeneinander, sondern ebenso Kunstanspruch und Massengeschmack: 'Was hier den Ton angibt, ist eine Mischung aus Supermarktkultur und Schlagerdomäne. Da liegen die Prioritäten; dafür setzt man sich ein', sagt (Kunsthandwerker Wolfram) Esch. 'Wenn da nun ein Künstler wie Syberberg auftaucht, der nicht so gleitfähig ist, der scharfe Ecken und Kanten hat, dann ist die Stadt damit überfordert.'"

Besprochen wird Gene Stupnitskys Teenagerkomödie "No Hard Feelings" mit Jennifer Lawrence (NZZ, Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2023 - Film

Der Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler ist überraschend gestorben: Lange Zeit war er Direktor des Berliner Filmmuseums und leitete als solcher auch die Retrospektive der Berlinale. Seit geraumer Zeit im Ruhestand, besprach er bis zuletzt auf seiner Website aktuelle Filmbücher und DVDs. Das Filmhaus am Potsdamer Platz war zum großen Teil Prinzlers Verdienst, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Die deutsche Filmgeschichte, so wie sie sich das Kino selbst erzählt, ist eine Geschichte der Geschichtslosigkeit", schreibt Claudius Seidl in der FAZ. "In dieser Lage ist die Beschäftigung mit deutscher Filmgeschichte fast schon heroischer Widerstand - zumal wenn einer wie Hans Helmut Prinzler sie betrieb, der an Urteilen und Hierarchien weit weniger interessiert war als an der Frage, unter welchen materiellen Bedingungen welche Filme entstehen können."

Prinzler "war das, was man einst - ein starkes, bombastisches Wort - einen Mentor nannte", seufzt Fritz Göttler in der SZ in Erinnerung an die Zusammenarbeit mit Prinzler, "ein Mentor, der das Kino liebte, auch das Spektakuläre an ihm, das deutsche natürlich, von Berufs wegen, aber auch Hollywood. ... Prinzler war ein Filmliebhaber ohne rigiden Kanon, er ging gern ins Kino, auch ins neue Actionkino, er ließ sich verführen und sah die Bilder auf der Leinwand doch immer im Kontext ihrer Gesellschaft, ihrer Geschichte."

Außerdem schreibt Marius Nobach im Filmdienst zum Tod der Schauspielerin Glenda Jackson.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2023 - Film

Die Autobiografie "Nicht jugendfrei" des Berliner Underground-Regisseurs Jörg Buttgereit lässt das Westberlin der frühen Achtziger vor dem geistigen Auge des Jungle-World-Kritikers Magnus Klaue wieder auferstehen: Das "Buch verleitet dazu, statt über ihn über andere, vergessene Protagonisten des Westberliner Underground-Milieus des achtziger Jahre zu sprechen. Die Digression ist ein Grundprinzip seines Erinnerungsalbums. Ob er anlässlich der Premiere seines vierzigminütigen Films 'Hot Love' 1985 im vergleichsweise repräsentativen Kino 'Sputnik' in Berlin-Wedding an die von Grenzsoldaten bewachten Geisterbahnhöfe zurückdenkt, die man bei der Benutzung der U-Bahnlinie 6 in Westberlin durchfahren musste", oder "ob er Erinnerungen an von ihm gestaltete Kinonächte im Xenon mit Filmen von Russ Meyer und John Waters zum Anlass für Rückblenden in die schwule Subkultur Berlin-Schönebergs nutzt." Stets "lässt sich Buttgereit durch das Sprechen über sich selbst zum Sprechen über andere und durch das Sprechen über andere wieder zu sich zurück führen." Und "überreich bestückt mit Notizen, Fotografien, Brief- und Zeitungsausschnitten, alten Filmplakaten, Markenlogos und Schallplatten-Cover, findet es seinen adäquaten Leser nicht im Filmgelehrten, der es vom Anfang bis zum Ende durcharbeitet, sondern im faszinierten Blätterer." Seit einiger Zeit inszeniert Buttgereit Hörspiele für den WDR - eine kleine Auswahl davon ist in der ARD Audiothek zu finden.

Außerdem: Im Tages-Anzeiger beklagt sich Michael Marti darüber, dass er auf Netflix zu viel Schrott schaue. Besprochen wird Stephen Williams' auf Disney+ gezeigtes Biopic "Chevalier - The Untold Story" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2023 - Film

Filme schaut Esther Kinsky nur im Kino, nicht zuhause, sagt die Schriftstellerin im Filmdienst-Gespräch über ihren Romanessay "Weiter sehen. Von der unwiderstehlichen Magie des Kinos", in dem sie ihre Kinopassion umkreist und darüber nachdenkt, ein leerstehendes Kino in Ungarn wiederzubeleben. "Wir erleben aktuell einen Verlust des öffentlichen Raums und eine enorme Privatisierung des Lebens, die auch die Kinokultur betrifft", sagt sie weiter. "Man redet den Zuschauern heute ein, aus welchen Gründen auch immer, dass es ein Vorzug ist, dass man die Herrschaft hat über den Ablauf dieser visuellen Prozesse. Dabei sind Filme Kunstwerke, die man respektieren lernen sollte, weil sie einen Zusammenhang haben, der nicht unterbrochen werden sollte. Sich dem Bildprozess auszusetzen und ihn zu respektieren, ist auch ein Lernprozess. Die Idee, per Knopfdruck die Kontrolle über das Gesehene zu haben, ist mir zu sehr vom Konsumenten her gedacht, der sich das allerdings auch einreden lässt. Diese Vorstellung von Beliebigkeit wird als Freiheit verkauft und sie macht den Blick nur enger, nicht weiter."

Eine latent magische Welt: Masahiro Shinodas "Demon Pond" (Rapid Eye Movies/Shochiku)

Hin und weg ist FAZ-Kritiker Bert Rebhandl von Masahiro Shinodas japanischem, auf einem Kabuki-Stück basierenden Geisterfilm "Demon Pond" aus dem Jahr 1979, der nun im Rahmen einer Jahresretrospektive des Kölner Verleihs Rapid Eye Movies wieder in die Kinos gebracht wird. Man "kann man dabei die vielen interessanten Implikationen eines zunehmend stärker auf Retrospektivität abhebenden Kulturbetriebs sehr schön beobachten. Es handelt sich eindeutig um ein Objekt mit Patina. Die Tricktechnik steckt noch deutlich in den Zeiten fest, in denen das japanische Kino so etwas wie Blockbuster-Kompetenz hatte (mit 'Godzilla' und anderen Monstern). Auch die Metaphysik, der Geisterglaube des Shintoismus, wirkt altmodisch, verbindet sich aber mit der gewollten Naivität von Shinodas Kinophantastik zu einem interessanten Hybriden." Zu erleben ist "die langsame Bewegung durch eine latent magische Welt, das vorsichtige Ertasten eines Begegnungspunkts zwischen Zauberei und Technik. Diese Szenen verdienen jede Projektion auch auf den größten Leinwänden." Im Filmdienst bespricht Lukas Foerster den Film.

Weitere Artikel: Für den Standard porträtiert Bert Rebhandl die Schauspielerin Vicky Krieps, die für ihre Rolle als "Sisi" im Film "Corsage" (unsere Kritik) mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Christoph Gurk zeigt sich in der SZ genervt von den vielen Gelbstichen im Gegenwartskino.

Besprochen werden Wes Andersons "Asteroid City" (Artechock, mehr dazu bereits hier, dort und da), Malte Wirtz' "Nur eine Nacht in Tel Aviv" (Artechock), Andy Muschiettis Blockbuster "The Flash" (Filmdienst, unsere Kritik) und die auf ZDFNeo gezeigte Serie "Bonnie & Clyde" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2023 - Film

Die verschwundene Kamera formt das Reale: "Coûte que coûte" von Claire Simon

Das Berliner Kino Arsenal zeigt Filme der Dokumentaristin Claire Simon. Deren "großes Geheimnis besteht darin, wie sie sich und ihre Kamera zum Verschwinden bringen", schreibt Perlentaucherin Thekla Dannenberg. Den Auftakt macht heute Abend ihr Film "Notre Corps", der in einer Pariser Frauenklinik den weiblichen Körper in den Blick nimmt (unsere Berlinale-Kritik) und den Dannenberg ebenso empfiehlt wie Simons "Coûte que coûte" von 1995, der den Überlebenskampf eines kleinen Betriebs in Nizza dokumentiert, der frische Fertiggerichte für Supermärkte produziert: "Vom ersten Moment an frappiert die freundliche Sachlichkeit, mit der die Angestellten ihre Forderungen gegenüber ihrem Chef vorbringen. ... Mitunter erkennt man, dass sich hier schon Claire Simons menschenfreundlicher Geist über die Situation legt. Dass Simon die Realität formt, spürt man an dem Ton, den der Film anschlägt. Schnitt, Tempo und Musik erinnern eher an eine heitere Angestelltenkomödie als an eine Tragödie aus dem Inneren des Kapitalismus. Auch in einem Dokumentarfilm kommen die Erzählmuster aus dem Fiktionalen." Im Tagesspiegel empfiehlt Esther Buss die Reihe.

Außerdem: Maria Wiesner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Glenda Jackson. Besprochen werden Wes Andersons "Asteroid City" (NZZ, mehr dazu bereits hier, dort und da), Andy Muschiettis "The Flash" (Standard, unsere Kritik), Stephen Williams' auf Disney+ gezeigtes Biopic "Chevalier" über den schwarzen Geiger und Komponisten Chevalier de Saint-Georges (Tsp) und Sam Levinsons neue Serie "The Idol" (Freitag).