Ein Batman aus früheren Zeiten, zurück dank Multiversum. "The Flash" Das "Multiversum" ist der letzte Schrei im auch schon in die Jahre gekommen Superheldenkino, schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher zum Kinostart von Andy Muschiettis "The Flash": Das Blockbusterkino greift (in Anlehnung auf eine in den Comics bereits in den Achtzigern erprobte Erzählstrategie) auf aufgesprengte, sich überlappende Dimensionen zurück und inkorporiert dabei seine losen Erzählfäden und früheren Franchises. So tauchen mitunter drei Batmänner aus unterschiedlichen Franchise-Generationen wieder auf. "Bislang ist nicht abzusehen, ob es sich bei der aktuell tatsächlich ... grassierenden Multiversumswelle um eine neue Eskalationsstufe der nach wie vor kaum zu stoppenden Superheldisierung des Gegenwartskinos handelt, oder womöglich doch um den von nicht wenigen herbeigesehnten Anfang seines Endes. Es hat sich in den letzten Jahren jedenfalls selten gelohnt, gegen das Superheldenkino zu wetten. In Bezug auf 'The Flash' lässt sich dennoch feststellen: Je tiefer der Film in das Multiversum vordringt, desto öder wird es." Ähnlich sieht es Andreas Busche im Tagesspiegel: Anders als im aktuellen, sehr beeindruckenden "Spider-Man"-Animationsfilm schlägt dieser Film keine Funken aus der Multiverse-Idee, "diese 144 Minuten fühlen sich quälendlang an".
Außerdem: Chris Schinke spricht für die taz mit dem Filmemacher MarcelMettelsiefen über dessen (in der FRbesprochenen) Dokumentarfilm "Tanja - Tagebuch einer Guerillera" über die Holländerin TanjaNijmeijer, die sich als junge Frau der kolumbianischenGuerillaFarc angeschlossen hatte. Für die Zeit wirft Christina Pausackl einen Blick darauf, wie die österreichischeFilmbranche ihr Missbrauchs- und Übergriffsproblem in den Griff zu kriegen versucht. Im ZeitMagazin berichtet Khuê Phạm von ihren Begegnungen und Gesprächen mit KevinSpacey.
Besprochen werden WesAndersons "Asteroid City" (FR, taz, mehr dazu bereits hier, dort und da), die neue Netflix-Animationsserie des linken italienischen Zeichners Zerocalcare (tazler Ambros Waibel beobachtet "altlinke Romantik" und "wunderschöne Abschweifungen"), Masahiro Shinodas japanischer Fantasyfilm "Demon Pond" aus dem Jahr 1979 (SZ), Lori Evans Taylors Schwangeren-Horrorfilm "Bed Rest" (SZ), die DVD-Ausgabe von Tereza Nvotovás Horrorfilm "Nightsiren" (tazler Ekkehard Knörer bezeugt einen "nur zu wirklichen inneren und äußeren Schrecken") und die Westernserie "1923" mit HelenMirren und HarrisonFord (TA). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche wirklich lohnen und welche nicht.
Erkennt man auf den ersten Blick: Ein Stil aus einem Wes-Anderson-Film Die Feuilletons diskutieren weiter über WesAnderson, dessen neuer Film "Asteroid City" morgen startet - kein Wunder, schließlich ist der amerikanische Autorenfilmer mit seiner sehr spezifischen Ästhetik "der Filmemacher der frühen Millennials", schreibt in der SZ Max Scharnigg, der (wie zuvor Non-Millennial Hanns-Georg Rodek in der Welt) sich sorgt, dass Andersons Stil dank KI-Inflation zum Klischee gerinnt: "Für diese Proliferation kann Anderson nichts, aber irgendwie wirkt seine liebenswerte Retro-Psychose im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit doch ein bisschen gewöhnlich und plötzlich auch: gähn, immergleich. Andere große Ausstatter-Regisseure - Visconti, Altman, Ozon, Sorrentino - haben ja trotz aller Lust am Einrichten schon auch glaubhaft eine gute Story als Vorwand." Solche Sorgen macht sich Bert Rebhandl im Standard trotz KI-Schwemme nicht: Für ihn ist der Regisseur vielmehr ein gutes Beispiel dafür, wie man mit "ausgeprägter Individualität sehr populär werden kann, ohne deswegen Kompromisse eingehen zu müssen. Im Gegenteil nützt Anderson die Freiräume, die er sich erarbeitet hat, für durchaus radikale Experimente. In 'Asteroid City' geht es nicht nur darum, dass ein Witwer (Schwartzman) und eine Witwe (Johansson) vielversprechende, dabei aber immer skeptische Blicke austauschen. Anderson bettet das in eine Art Medienarchäologie des mittleren 20. Jahrhunderts ein. ... Anderson macht aus diesem Spiel der Ebenen seine eigene Relativitätstheorie, findet aber innerhalb dieses Settings so viele Momente wahrer Empfindung, dass man von einem Meisterwerk sprechen muss." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und in der FAZ.
Weitere Artikel: Jacqueline Krause-Blouin wirft für ZeitOnline einen Blick auf die Forderungen der diversen Gewerke-Gilden, die in Hollywood gerade mit den Studios verhandeln. Morticia Zschiesche befasst sich für den Filmdienst mit dem Genre des Wanderbühnenfilms. Franka Klaproth spricht in der Berliner Zeitung mit KarolineHerfurth über Geschlechterrollen und männliche Perspektiven. Andreas Scheiner notiert in der NZZ die Skandale und Skandälchen um EzraMiller, der im aktuellen Superhelden-Blockbuster "The Flash" die Titelfigur spielt. In der FAZgratuliert Andreas Kilb der Filmemacherin JeanineMeerapfel zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden LoriEvansTaylors Schwangeren-Horrorfilm "Bed Rest" (Filmdienst) und AndreasMalms "How to Blow Up a Pipeline" (Jungle World, unsere Kritik hier),
Verloren und gerettet im Klischee: Körperliche Abziehbilder in Wes Andersons "Asteroid City" Zum Kinostart von WesAndersons "Asteroid City" geht Georg Diez auf ZeitOnline der Ästhetik von Andersons Kino nach. Es sind die ganz großen Begriffe, die er wählt: Der Ironiebegriff der Neunziger, ohne den Andersons Kino nicht zu haben ist ("Ironie als Lebenspraxis" auf dem "Gebiet des Politischen"), Zusammenbruch des Sowjet-Kommunismus, Ideologiekritik, die große Frage "Was war der Westen?". Was angesichts der Puppenhaus-Filme, die Anderson dreht, fast eine Nummer zu groß wirkt. "In vielem ist Anderson eine Art Anti-David-Lynch, der ähnlich geschlossene und anders obsessive Kosmen oder Kosmologien wie Anderson erschaffen hat, die jedoch von den Achtzigerjahren geprägt wurden - in den Jahren des späten Kalten Krieges, als nicht die Ironie, sondern die Paranoia der passende Weltzugang war. ... Andersons Filme zeichnen sich demgegenüber aus durch die radikale Abwesenheit jeder Form von Körperlichkeit, was seinen Figuren immer etwas sehr Zweidimensionales gibt, sie wirken wie Abziehbilder ihrer selbst, verloren, gefunden und gerettet im Klischee, Heidegger für das Popzeitalter, Sein und Zitat. Wes Andersons Filme sind damit zugleich Nachrufe auf die Moderne wie die Postmoderne, aus deren Geist sie geboren sind, entropische Endspiele im Sinn von Samuel Beckett."
Besprochen werden die Wiederaufführung von MasahiroShinodas japanischem Fantasyfilm "Demon Pond" aus dem Jahr 1979 (Lukas Foerster beobachtet im Filmdienst den "Weltuntergang als filmtechnisch brillanten Sturm im Wasserglas") und die ZDF-Thriller-Serie "Der Schatten" (FAZ).
Auf Distanz zu all dem Trubel in der Welt: Verena Altenberger im "Polizeiruf 110" (ARD) Die österreichische Schauspielerin VerenaAltenberger (35) gibt ihre Rolle als Ermittlerin Eyckhoff im bayerischen "Polizeiruf 110" auf: Nach ihrem sechsten Fall ("Paranoia", hier in der Mediathek - erneut "herrlich sonderbar", findet Sylvia Staude in der FR) tritt sie ab. Es waren "sechs Filme, die einzigartig sind: eigenwillig, mäandernd, mitassoziativerLogik erzählt", schreibt Heike Hupertz in der FAZ. Ihre Ermittlerinnenfigur "bleibt ungelöst, unvollendet", seufzt Elmar Krekeler in der Welt. Dieser Krimi-Zyklus" war geprägt durch eine verführerische Distanz zur Welt", schreibt Matthias Dell auf ZeitOnline: "Dass da inmitten des Trubels um die Figur herum auf deren Gesicht immer das Warten, Beobachten, Abwägen ablesbar war, wie sich zum Trubel verhalten werden soll. ... 'Ära' ist für sechs Filme in vier Jahren vielleicht ein großes Wort, aber bei allen Eckigkeiten und Unvollkommenheiten dieses Polizeiruf-Kapitels genau das richtige."
Weitere Artikel: Im Filmdienstverneigt sich Patrick Holzapfel vor dem Schauspieler MichaelCera, der in den Nuller- und Zehnerjahren eine "Ikone der Jugendlichkeit" war und aktuell in Dustin Guy Defas "The Adults" (besprochen in der Jungle World) zu sehen ist. Pascal Blum ist im Tages-Anzeiger skeptisch, was die HiTech-Brille VisionPro betrifft, mit der Apple den stagnierenden Virtual-Reality-Markt aufmischen will. In der Welt deutet Slavoj Zizek das Ende der HBO-Serie "Succession".
Besprochen werden MarioMartones "Nostalgia" (Tsp, Standard), SteveMcQueens essayistischer Dokumentarfilm "Grenfell Tower" (Standard) und die Serie "The Crowded Room" (Zeit).
Hanns-Georg Rodek sorgt sich in der WamS um das Kino von WesAnderson: Die auf strenge Symmetrie setzende, pastellfarbene Retro-Puppenstubenhaftigkeit seiner Ästhetik drohe, seine allzu oft auf diesen Aspekt reduzierte Filme allmählich zu ersticken. Zumal die leichte Wiedererkennbarkeit dieses Stils im Netz schon seit langem zu nicht mehr überschaubaren Wucherungen führt: Auf Websites wie Accidentally Wes Anderson einerseits, aber auch in den Myriaden von KI-Bildergalerienund -Videos, die sich Blockbuster und Filmklassiker im Anderson-Stil imaginieren. "Der Parodien ist kein Ende", seufzt Rodek. "Der Stil eines Künstlers wird auf den kleinsten gemeinsamen Nenner banalisiert." Und "vielleicht wird man es in Zukunft das 'Wes-Anderson-Syndrom' nennen, sollte er der erste prominente Künstler werden, der von KI-Klonen zu Tode umarmt wird. ... Welch Perverversität, den möglicherweise individuellsten aller Filmemacher in ein paar von einem Algorithmus gezimmerte Schubladen zu sperren." Bis dahin läuft jetzt aber erstmal Andersons neuer Film "Asteroid City", der kommenden Donnerstag startet und von Karsten Munt im Filmdienstbesprochen wird, der viel Freude hat an "Szenen, die prall gefüllt sind mit Ideen, PointenundNebenhandlungen". Und wir haben viel Freude mit einem Fake-Trailer zu Wes Andersons "Star Wars":
Weitere Artikel: "Die Kinos werden nicht sterben", ruftDianeIljine, die ihren letzten Jahrgang als Leiterin des FilmfestsMünchen bestreitet, im FAZ-Gespräch mit Jörg Seewald. Dunja Bialas gibt auf Artechock eine Wasserstandsmeldung vom Münchner Underdox-Festival, das sich diesmal besonders den Filmen von MichaelSnow widmet. Im Filmdienstfragt sich Dietrich Leder, was die Allgegenwart von Mobiltelefonen in aktuellen Fernsehfilmen bedeutet. Anlässlich der Fernseh-Debüts von SylvesterStallone (in der Mafia-Serie "Tulsa Kings") und ArnoldSchwarzenegger (in der Serie "Fubar") erinnert Andreas Scheiner in der NZZ an die legendäre Fehde, die zwischen den beiden (längst befreundeten) Actionstars in den Achtzigern herrschte. Die Welt-Filmredaktion empfiehlt uns Serien fürs Wochenende, die Filmkritiker des Standardsgeben Notizen zu den aktuellen Kinostarts.
Besprochen werden Jean-LucGodards wiederaufgeführter Klassiker "Die Verachtung" von 1963 (Artechock), AndreasMalms "How to Blow Up a Pipeline" (critic.de, unsere Kritik hier), der ukrainische Animationsfilm "Mavka - Hüterin des Waldes" (taz), MarioMartones "Nostalgia" (Artechock, critic.de), ThomasHardimans "Medusa Deluxe" (critic.de), Dustin Guy Defas "The Adults" (Artechock), die BluRay-Ausgabe von YûichirôHirawakas "Stimme des Herzens" (Filmdienst), MarkMylods Serie "Succession" (Filmdienst) und die Autobiografie "Pageboy" des Schauspielers Ellen Page (WamS).
Filmemachen als therapeutischer Akt: Lina Lužytės "Picknick in Moria" LinaLužytės Dokumentarfilm "Picknick in Moria" zeige "einmal mehr die widerwärtige, entmenschlichende Art, auf die mit Geflüchteten und Migranten auf diesem Kontinent umgegangen wird", schreibt Philipp Stadelmaier in der SZ. Der Film begleitet den afghanischen Filmemacher Talibshah Hosini und dessen Familie, die im Lager Moria unter widrigen Bedingungen ein Asylgesuch zu stellen versuchen. Doch "erschöpft sich der Film nicht im mitleidigen Blick der europäischen Filmemacherin auf die Geflüchteten, sondern diese erzählen von sich aus ihr Leben, machen ihre eigenenBilder. Lužytė filmt Hosini, wie dieser versucht, einen Film zu machen, mit Hilfe seines Kameramannes, eines iranischen Kurden. ... Die Zufälle des Wirklichen, die den Zauber des Kinos ausmachen, haben keinen Platz bei ihm. Aber wie könnten sie auch. Für Hosini geht es darum, Kontrolle zurückzugewinnen. Das Filmemachen wird zum therapeutischen Akt inmitten totalerMachtlosigkeit."
Weitere Artikel: In der Weltporträtiert Elmar Krekeler die aus der Ukraine stammende Schauspielerin JaninaElkin, die in der ARD-Komödie "Sayonara Loreley" eine Frau aus dem Donbass spielt. Besprochen werden MarioMartones "Nostalgia" (FAZ), eine DVD-Ausgabe von IngemoEngströms "Fluchtweg nach Marseille" aus dem Jahr 1977 mit KatharinaThalbach (Filmdienst), der neue "Transformers"-Blockbuster (Filmdienst, unsere Kritik hier), die Netflix-Dokuserie "Tour de France" (Tsp) und die bei Paramount+ laufende Serie "Kohlrabenschwarz" (FAZ).
Medusa Deluxe Wunderbar witzig findet im Tagesspiegel Katrin Hillgruber den Whodunit "Medusa Deluxe" des britischen Regisseurs Thomas Hardiman, der in einem Friseursalon spielt. Das Ensemble seines Spielfilmdebüts "umschwebt ebenfalls den schmalen Grat zwischen Talent und Wahnsinn, es würde aber niemals die Arbeit verweigern oder die Kundschaft bewusst malträtieren. Dafür lieben die Friseurinnen Divine, Cleve und Kendra ihren Beruf zu sehr. An den Köpfen duldsamer Modelle laufen sie zu Höchstleistungen auf, erschaffen Haarskulpturen wie 'Inverted Pear' (umgedrehte Birne) oder einen ghanaischen Mehrfachdutt. Es gilt einen regionalen Friseurwettbewerb zu gewinnen", würde da nicht ein skalpierter Friseur entdeckt. Auch taz-Kritiker Tim Caspar Boehme erliegt den "optischen Exzessen" des Films: "Sämtliche Haarkreationen stammen von Eugene Souleiman, der unter anderem schon Frisuren für Lady Gaga entwarf."
"How to blow up a pipeline?"
Würde Gewalt mehr Tempo bei Maßnahmen gegen den Klimawandel machen? Interessante Fragen werden in Daniel Goldhabers "How to Blow Up a Pipeline" diskutiert, meint ein faszinierter Michael Meyns in der taz: Es geht um eine handvoll linker Aktivisten, die sich darauf vorbereitet, eine Pipeline in die Luft zu sprengen. "Ein naiver Plan? Vielleicht. Aber angesichts einer Extremsituation wie dem Klimawandel möglicherweise der einzige Weg, die Trägheit des Systems in den Grundfesten zu erschüttern. Oder würden solche Anschläge eher das Gegenteil bewirken und die hehren Ziele diskreditieren? Immer wieder lässt Goldhaber die Figuren diese Fragen diskutieren, werden Zweifel angedeutet, ohne dass es schließlich zu einem um Ausgleich bemühten, oberflächlich betrachtet 'vernünftigen' Ende kommt." Der Kritiker hat jedenfalls durchaus Sympathien für die Aktivisten, in deren Radikalisierung "tatsächlich die einzige Hoffnung liegen" könnte. Im Perlentaucher bleibt Karsten Munt distanzierter: "'How to Blow Up a Pipeline' weiß den Zorn dieser Generation geschickt in seine Genre-Mechanik zu bündeln. Gleichzeitig ist er als Film über die große Frage unserer Zeit nicht frei von den dazugehörigen Ärgernissen: Betont beiläufig finden die Klimakatastrophen der jüngsten Jahre in den Film. Der brennende Regenwald beim Doomscrolling auf dem Laptop-Bildschirm, die Flutkatastrophe in Pakistan auf dem Fernsehbildschirm: Die Gegenwart schreit sich leise in den Film hinein."
In der Türkei wird die Kritik Konservativer an der Dankesrede der Schauspielerin Merve Dizdar für die Goldene Palme in Cannes lauter, berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel: Dizdar hatte sich dabei mit den Frauen in der Türkei solidarisiert, die unter der frauenfeindlichen Politik Erdogans leiden. Beispielhaft für die Kritik "steht Serdar Cam, ein hoher Angestellter im Kulturministerium, der Dizdar vorwarf, ihr Heimatland zu "verfluchen" und ihre Haltung mit der einer "Terroristin" verglich, die die Türkei zu zerstören versuche. Als die Frau des Kulturministers Mehmet Nuri Ersoy Dizdar zu gratulieren wagte, wurde prompt der Ehemann zur Ordnung gerufen. Die patriarchalen Strukturen in der Türkei erleben schon seit einigen Jahren eine Renaissance. Diese Politik ist inzwischen existenzgefährdend."
Besprochen werden Mario Martones "Nostalgia" über einen Emigranten, der in seine Heimatstadt Neapel zurückkehrt ("ein echtes Stück Kino, mit atmosphärischen Bildern und einer sich prozesshaft entwickelnden Geschichte, die fast ohne Plot auskommt" und einem wunderbaren Hauptdarsteller, schwärmt Barbara Schweizerhof in der taz), Steven Caples neues Transformers-Prequel "Aufstieg der Bestien" (Perlentaucher, Tsp), Dustin Guy Defas melancholischer Slacker-Komödie "The Adults" (Tsp) und die Dokuserie "Familiy of Choice" auf RTL+ (Zeit online).
Für den Tagesspiegelunterhält sich Andreas Busche mit OlenaGoncharouk und MariaGlazunova vom Oleksandr Dovzhenko Film Center in Kiew. Die beiden Archivarinnen sind als Gäste für das Jubiläumsprogramm zum 60-jährigen Bestehen des Kinos Arsenal in Berlin. Sie sprechen über die beschwerliche Archivarbeit, während Granaten einschlagen - und über einen neuen Hunger der Bevölkerung nach ukrainischer Kultur: "Den Ukrainern ist klarer geworden, dass die Frage des Filmerbes an unseren kulturellen Ursprüngen rührt", sagt Goncharouk. "Der Krieg hat den Wunsch, die eigene Geschichte besser zu verstehen - und sich diese auch wieder anzueignen - befördert. ... Es herrschte noch lange ein post-sowjetischerGeist vor, ganz anders als etwa in den Staaten des Baltikums. Es ging um die Bewahrung von Privilegien. Diesen Geist müssen wir hinter uns lassen, um unsere Identität zu finden. Wir sind also zerrissen zwischen dem Gestern und dem Morgen. Der Zugang zu den Filmen ist darum unerlässlich, es ist heutzutage die wichtigste Aufgabe eines jeden Archivs."
Weitere Artikel: In der FRgibt Daniel Kothenschulte Tipps aus dem Programm des Frankfurter FestivalsNipponConnection zum japanischen Film. Besprochen werden Daniel Goldhabers fiktionale Adaption von AndreasMalmsgleichnamigem Klimabuch "How to Blow Up a Pipeline" ("Propaganda, clever gemachte sogar", findet Lukas Hermmeier auf ZeitOnline), die Netflix-Dokuserie "Arnold", in der ArnoldSchwarzenegger Auskunft über sein Leben gibt ("eine Hagiografie, die Story eines Wildentschlossenen, der sich mit Charme und Arbeitswut den amerikanischen Traum verwirklicht", schreibt Nina Rehfeld in der FAZ), ThomasHardimans durchchoreografierte Krimi-Frisuren-Groteske "Medusa Deluxe" ("es wirkt alles doch auch recht angestrengt", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR), der ukrainische Kinder-Animationsfilm "Mavka" (Standard, FAZ), DanielGoldhabers "How to blow up a Pipeline" (Filmdienst), ein neuer Blockbuster der "Transformers"-Reihe (NZZ) und ThorstenErnsts Dokumentarfilm "All inclusive" (Filmdienst). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Dass die in Cannes ausgezeichnete, türkische Schauspielerin MerveDizdar sich in ihrer Dankesrede feministisch äußerte, wird ihr nun in ihrem Land von wutschäumenden Männern krumm genommen, berichtet Raphael Geiger in der SZ: "Ein falsches Wort, und du bist der Feind, eine Verräterin. In Dizdars Fall ... ging es um einen sehr türkischen Vorwurf: Du hast im Ausland schlecht über uns geredet." Die Angriffe "erzählen davon, wie sich die politische Polarisierung inzwischen gegen die Realität richtet. Eine Schauspielerin, die kritische Gedanken ausspricht, kann keine gute Schauspielerin sein. Die Menschen im Erdoğan-Lager schauen ihre eigenen Serien und Filme, abgekoppelt von der türkischen Kultur, zu der Künstlerinnen wie Merve Dizdar gehören. Fern von Regisseuren wie Nuri Bilge Ceylan, von Autorinnen wie Elif Shafak oder dem Pianisten Fazıl Say. All sie sind keine Fans des wiedergewählten Präsidenten. Weswegen ihnen manche von dessen Fans sogar vorwerfen, sie seien keine echten Türken."
Weiteres: Vor 90 Jahren wurde in den USA das ersteAutokino eröffnet, erinnert Arno Widmann in der FR. Besprochen werden LauraCitarellas "Trenque Lauquen" (taz, mehr dazu bereits hier), TiWests Horrorfilm "Pearl" (SZ, hier unsere Kritik), der ukrainische Animationsfilm "Mavka - Hüterin des Waldes" (Filmdienst, mehr dazu hier), BettinaBlümners und RonaldVietz' Kuba-Filme "Vamos a la Playa" und "Ernesto's Island" (ZeitOnline) und Saara Saarelas "Memory of Water" (Filmdienst).
"Mavka" ist der bislang erfolgreichste ukrainische Animationsfilm Mitten im Krieg haben OlegMalamuzh und OleksandraRuban mit "Mavka - Hüterin des Waldes" allen Widrigkeiten zum Trotz einen ukrainischen Animationsfilm fertiggestellt, berichtet Moritz Baumstieger in der SZ. Obendrein handelt der Film noch von einer Märchengeschichte, in der Waldbewohner sich gegen Eindringlinge wehren müssen. Der Film ist eine Adaption des Dramas "Das Waldlied" von der 1913 verstorbenen und heute als ukrainische Nationaldichterin angesehenen Schriftstellerin LesyaUkrainka. "Animierte Indoktrination zur Hebung des Nationalgefühls ist 'Mavka' dennoch nicht - sondern in erster Linie ein gut gemachtes Märchen", so Baumstieger. Es zeigt sich: "Die Filmszene regt sich wieder, der Staat, der eigentlich jeden Hrywnja für die Verteidigung braucht, hat die Filmförderung wieder aufgenommen. Dienst an der Kamera, auch weil die Bevölkerung Ablenkung und Zerstreuung braucht. ... Wie stark, das zeigte sich, als 'Mavka' im Februar zuerst in die Kinos der Ukraine kam: Obwohl viele von ihnen in den östlichen Landesteilen außer Funktion sind, spielte der Film gleich am ersten Wochenende mit 190 000 Zuschauern 24,9 Millionen Hrywnja ein (mehr als 600 000 Euro), ist mittlerweile der erfolgreichste in der Ukraine produzierte Animationsfilm."
Außerdem: Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod von MargitCarstensen (weitere Nachrufe bereits hier). Besprochen werden LauraCitarellas "Trenque Lauquen" (Jungle World, mehr dazu bereits hier) und RobSavagesStephen-King-Verfilmung "The Boogeyman" (Standard).
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