"Wie wurde aus einem mittelmäßig talentierten Schauspieler einer der einflussreichsten Menschen im Filmgeschäft", fragt sich Florian Schoop in der NZZ mit Blick auf die Karriere von TilSchweiger. Swantje Karich ärgert sich in der Welt, dass alle ChristianPetzolds "Roter Himmel" feiern, bei dessen Kinovorführung sie allerdings im Saal laut lachen musste. Katrin Nussmayer gibt in der Presse einen Überblick darüber, welche Filme und Serien derzeit vom Streik der Drehbuchautoren in den USA betroffen sind. David Auer erklärt, wer eigentlich JamesGunn ist, dessen dritter "Guardians of the Galaxy"-Film gerade im Kino läuft und der künftig das filmischeDC-Comicuniversum lenken wird. Besprochen wird die Netflix-Comedy-Show "Something Special" (Tsp).
Frédéric Jaeger von critic.desah beim Machinima-Schwerpunkt der InternationalenKurzfilmtageOberhausen viele anregende Filmarbeiten, die zwar in Game-Engines entstanden sind, aber das GamePlay der ihnen zugrunde liegenden Spiele nicht nachvollziehen, sondern die Umgebung kreativ nutzen. Den Machern geht es dabei auch darum, "zu offenbaren, welche Gedankenwelten und Ideologien durch die Spiele hindurchwirken." Das Kollektiv Total Refusal etwa interessiert sich in "Hardly Working" für "die NPC, die non-playable characters, also Figuren, die man nicht spielen kann, sondern die im Hintergrund die virtuelle Welt bevölkern. Das Proletariat des Games. Begleitet von einem pseudo-philosophischen Off-Kommentar, werden die Absurditäten und Lässlichkeiten in der Konstruktion dieser Hintergrundfiguren in den Blick genommen: Wie ein Zimmermann Nägel einschlägt in einen Steg am Ufer, tagein, tagaus, ohne dass er jemals Fortschritte macht. Wie eine Frau einen Weg kehrt, der immer staubig bleibt … Im Kinosaal in Oberhausen hatte eine Frau im Publikum jedenfalls einen Lachanfall." Hier ein Ausschnitt:
Weitere Artikel: Katrin Bettina Müller empfiehlt in der taz die Retrospektive AntonioPietrangeliim Berliner Kino Arsenal. Auf NZZ-Kritiker Andreas Scheiner wirkt die Aufregung um TilSchweiger "medial etwas überdreht". Besprochen werden eine Kino-Wiederaufführung von Loriots Cartoons (NZZ) und KristinDerflersRTL-Serie "Die zwei Seiten des Abgrunds" mit Anne Ratte-Polle (FAZ).
Am Freitag nichts Neues: Bei der für Ende der Woche anberaumten Verleihung des Deutschen Filmpreises wird EdwardBergers zwölffach nominierter Oscar-Erfolgsfilm "Im Westen nichts Neues" natürlich erneut in allen wichtigen Kategorien abräumen, schreibt Peter Körte in der FAS. Ein Grund zum Jubeln ist das nicht: "Wünscht sich die Akademie so den künstlerisch wertvollen und auch noch erfolgreichen Vorzeigefilm? ... Die Nominierungen verstärken in jedem Fall die Zweifel daran, dass es eine gute Idee war, der Zunft einer privatwirtschaftlichen Branche fast drei Millionen Euro aus öffentlichem Geld in die Hand zu geben, damit sie es nach eigenem Gutdünken verteilt. Auch deshalb, weil es sich um Prämien handelt, die ausdrücklich einer künstlerischenLeistung gelten sollen. Dass die Mitglieder der Filmakademie, unter denen Schauspielerinnen und Schauspieler die größte Gruppe bilden, praktisch noch nie etwas Gewagtes oder Avanciertes ausgezeichnet haben, ist keine neue Erkenntnis. Wo so viele abstimmen, geht der Trend zum Mittelmaß."
Selbst mit einem "Code of Conduct", wie ihn die Constantin-Film pflegt, ist es für Betroffene von Machtmissbrauch bei Dreharbeiten oft nur schwer möglich, sich zu Wort zu melden ohne schwere Nachteile in Kauf zu nehmen, schreibt Julia Encke in der FAS mit Blick auf die Til-Schweiger-Recherchen des Spiegel samt dessen Aufgriff in den Medien. Dies zeige vor allem auch der lange Weg der Recherchen selbst: Angeblich sollten deren Ergebnisse zunächst in der SZ erscheinen. Gemeinsam mit zwei Kollegen von dort habe die Autorin der Constantin einen Fragekatalog vorgelegt. "Als die Chefredaktion der SZ nach den Antworten der Filmfirma plötzlich erklärte, die Recherche könne in der Form nicht erscheinen, waren vor allem auch die Filmschaffenden, die sich bereit erklärt hatten, Auskunft zu geben, aufgebracht. Dass die SZ und die Constantin nach Angaben von Horizont eine exklusive Partnerschaft verbindet, die vorsieht, dass Redakteure und Autoren der SZ die Produzenten und Drehbuchautoren von Constantin bei TV- und Filmprojekten exklusiv beraten und Recherchen aus der SZ dabei in die neuen Projekte einfließen könnten, stärkte das Vertrauen nicht. Genauso wenig wie die Tatsache, dass, nach Informationen, die der FAS vorliegen, die SZ den externen Anwalt Martin Schippan mit der juristischen Prüfung der Recherche betraute, dessen Kanzlei nach Auskunft des juristischen Fachblatts Juve auch die Constantin Film zu ihren 'Kernmandanten' zählen soll."
Außerdem: Die Zahl lesbischerFilmfiguren steigt zwar, stellt Luka Lara Steffen in der Jungle World fest, doch "widerfährt den Queers ein Schicksal überproportional häufig: Siesterben." KirkDouglas wird beim Festival in Cannes eine Goldene Ehrenpalme erhalten, meldet Fritz Göttler in der SZ. Besprochen werden OfferAvnons Dokumentarfilm "Der Rhein fließt ins Mittelmeer" (online nachgereicht von der FAZ) und die Serie "Zwei Seiten des Abgrunds" (taz, Tsp).
Im FAZ-Gespräch räumt Constantin-Chef MartinMoszkowicz ein, von dem Machtmissbrauch, der nach Spiegel-Recherchen Til Schweiger angelastet wird (unser Resümee), zumindest in Teilen gewusst zu haben und beteuert den Vorbildcharakter, den die Constantin mit einem selbstauferlegten "Code of Conduct" für die Branche eigentlich hat, auch wenn sich in diesem Fall blöderweise offenbar nicht dran gehalten wurde. "Wir haben als Arbeitgeber gegenüber allen Mitarbeitern eine Fürsorgepflicht, auch gegenüber Til Schweiger. Alkoholkonsum während der Arbeitszeit, am Arbeitsplatz, bei Dreharbeiten ist bei uns ausgeschlossen. ... Vor den Dreharbeiten am 21. Juli 2022 ist Til Schweiger - augenscheinlich stark alkoholisiert - von einem Mitarbeiter der Constantin Film daran gehindert worden, mit der Arbeit am Drehort zu beginnen. In der anschließenden Auseinandersetzung kam es zu einer Tätlichkeit. Die Dreharbeiten an dem Tag wurden abgebrochen."
Schweiger ist mit seinen Erfolgsfilmen der GoldeselderBranche und genau darin liegt das Problem, schreibt Tobias Kniebe in der SZ: So einen hat man gern als Geschäftspartner an der Seite und schaut dann auch vielleicht auch gerne mal weg. "So kann es passieren, dass der 'Code of Conduct' einer Produktionsfirma auf einmal das Papier nicht mehr wert ist, auf dem er geschrieben steht, und höchste Verantwortliche sich lieber taub und blind stellen, als sich dem für alle Beteiligten offensichtlichen Fehlverhalten eines Goldesels entgegenzustellen. Wenn der Bundesverband Regie Schweiger jetzt zur Seite springt und klagt, Regisseurinnen und Regisseure stünden durch viel zu knappe Drehpläne allesamt zu sehr unter Druck, ist das im Prinzip zwar richtig, ignoriert aber, dass gerade ein Goldesel wie Schweiger die Macht hat, zu seinen eigenen Bedingungen zu arbeiten." Für Hanns-Georg von der Welt steht Schweigers Verhalten am Set in einer langen, unseligen Tradition von Filmemachern, die am Set zu Tyrannen werden: "Viele Regisseure leiden an Hybris, einer massiven Überschätzung ihres Egos und ihrer Wichtigkeit. Das war nicht immer so. In der Goldenen Ära Hollywoods waren Regisseure Angestellte eines Studios, Handwerker, die ohne großen Schaden ausgewechselt werden konnten."
Außerdem: Bert Rebhandl erzählt in der FAZ von seiner Begegnung mit dem Regisseur İlkerÇatak, dessen "Das Lehrerzimmer" gerade im Kino gestartet ist (besprochen in der Welt und bei uns). Jacqueline Krause-Blouin spricht für ZeitOnline mit dem Comedian AdamConover, der fest dazu entschlossen ist, mit dem Drehbuchstreik in den USA Hollywood lahmzulegen, wenn sich an den Arbeitsbedingungen für Autoren nicht bald etwas verbessert. Lucas Barwenczik resümiert für den Filmdienst die InternationalenKurzfilmtageOberhausen. Im Tagesspiegellegt Fabian Tietke dem Berliner Publikum die Retrospektive AntonioPietrangeliim Kino Arsenal ans Herz. Anlässlich des Kinostarts von BrendanCronenbergs "Infinity Pool" führt Benjamin Moldenhauer in Filmfilter anhand ausgewähler Beispiele durch die Geschichte des BodyHorror und zeigt dabei, "was im Subgenre drin steckt und raus will".
Besprochen werden AngelaSchanelecs "Music" (Filmdienst, mehr dazu hier), Ann Orens "Piaffe" (ZeitOnline), OfferAvnons Dokumentarfilm "Der Rhein fließt ins Mittelmeer" (Filmdienst), MahaHajs "Mediterranean Fever" (Tsp), JamesGunns dritter "Guardians of the Galaxy"-Blockbuster (Filmdienst) und die Paramount-Serie "Eine verhängnisvolle Affäre" (Zeit).
Abbas Rezaies Dokumentarfilm "Etilaat Roz" Jörg Seewald berichtet in der FAZ von der Eröffnung des Dok.Festes München, wo AbbasRezaies Dokumentarfilm "Etilaat Roz" über den Niedergang der gleichnamigen afghanischenZeitung unter den Taliban gezeigt wurde. "'Wir müssen am Leben bleiben', beschwört Zaki Daryabi seine Redakteure, die mit dem Zwiespalt leben müssen, dass sie von Lesern mit Informationen versorgt werden. Die letzte gedruckte Ausgabe erscheint am 15. August 2021. Danach greift der Fatalismus um sich: 'Wenn der Betrieb weiter stillsteht, haben wir schon verloren. Aus uns werden bedürftige Immigranten.' Unter Tränen sagt Daryabi: 'Wir wollen Teil des Wertesystems sein. Ich kann weder meiner Mutter gerecht werden noch meinen Kollegen.' Am Ende verlässt auch der Herausgeber seine 100 Quadratmeter Kabul und flieht in einem alten rostigen Toyota Corolla. Heute seien sie über die ganze Welt verteilt und versuchten trotzdem, über die Realität in Afghanistan zu berichten, sagt Sakina Amiri, die jetzt in Spanien lebt. In München steht sie auf der Bühne, berichtet leise und stockend von der Not in ihrem Land."
Inmitten einer komplexen Kettenreaktion: Leonie Benech in "Das Lahrerzimmer" Eine Lehrerin will mit idealistischen Absichten pädagogisch alles anders machen - und eckt damit bei den Kollegen an und verstrickt sich in einen Skandal, an dessen Ende sie als die Böse dasteht: IlkerÇataks "Das Lehrerzimmer" erzielt "vom ersten Moment an mit seinen filmischen Mitteln die Suspense eines Thrillers", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. In diesem Film "fungiert das Klassenzimmer weniger als realitätsgetreues Modell der Gesellschaft. Es ist vielmehr ein Laboratorium, in dem die kulturellen Debatten unserer Zeit mutwillig erhitzt werden. Sein Film zeigt dabei überaus pointiert, wie wenig in unserer hochsensibilisierten Zeit schon reichen kann, um einen Dialog zu verunmöglichen." Perlentaucherin Carolin Weidner ist ebenfalls sehr angetan: "So minimalistisch die Anordnung (eine namenlose Schule irgendwo in Deutschland) und simpel die Ausgangssituation (Diebstähle, begangen von Unbekannt) - die losgetretene Kettenreaktion, welche sukzessive die ganze Institution umfasst, ist ziemlich komplex. Sie birgt eine nahezu mathematische Schönheit, in der verschiedene Variablen durchgespielt werden, obschon gleichzeitig alles auseinanderzufliegen droht, außer Kontrolle gerät." Auch Marie-Sofia Trautman von der taz ist beeindruckt. Die FRspricht mit der Hauptdarstellerin LeonieBenesch.
Carolin Ströbele unterhält sich für ZeitOnline mit den Nachwuchsfilmemacherinnen Eileen Byrne und Pauline Roenneberg, die gemeinsam mit anderen den Appell "Angst essen Kino auf" (unser Resümee) aufgesetzt haben über die prekäre Lage junger Filmschaffender in Deutschland. Das Klaus-Lemke-Prinzip - ohne Förderung drauflos filmen und einfach machen - kommt für diese Generation nicht infrage, sagt Byrne: "Wir bekommen natürlich öfter den Rat von Regisseuren, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren ihre ersten Filme gedreht haben: 'Geht einfach raus und dreht mit der Fotokamera. Dafür braucht ihr kein Geld.' Wir arbeiten aber heute unter ganz anderen Bedingungen. Man kann keinen Film mehr machen ohne eine Versicherung, es gibt einen Mindestlohn, der eingehalten werden muss - zum Glück. Ganz ohne Geld geht es heutzutage also nicht mehr. Und dazu kommt, dass wir Mieten zu bezahlen haben, die enorm gestiegen sind, und wir in einer Zeit der Inflation leben. Es geht ja gar nicht darum, dass wir als Regisseurinnen reich werden wollen."
Außerdem: "Ausbeutung und Willkür sind ein systemisches Problem in der Filmwirtschaft", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR mit Blick auf die Enthüllungen des Spiegels über angeblich desolate Zustände bei Til Schweigers Dreharbeiten: "Es wäre wünschenswert, wenn nun mehr darüber bekannt würde." In der SZ gratuliert Alexander Menden MichaelPalin zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden MichaelShowalters RomCom "Spoiler Alarm" (Tsp, Perlentaucher), UlrichSeidls "Sparta" (Standard), JamesGunns neuer "Guardians of the Galaxy"-Blockbuster (NZZ), eine BBC-Doku über KarlLagerfeld (NZZ), die Netflix-Serie "Queen Charlotte - Eine Bridgerton-Geschichte" (FAZ) und die letzte Staffel der Serie "Der Pass" (Welt).
Was zwischen den Bildern geschah: "Music" von Angela Schanelec Für ihren neuen Film "Music" erhielt AngelaSchanelec auf der Berlinale zwar den Silbernen Bären für das beste Drehbuch, aber von der Jury des BKM gab's trotzdem keineVerleihförderung, die das Haus "für die Verbreitung deutscher Filme mit hoher künstlerischer Qualität" spendiert. Dass Schanelecs Film eine solche demnach wohl nicht aufweise und die Jury ihre Entscheidung auch nicht öffentlich macht, nimmt Dunja Bialas auf Artechock ziemlich fassungslos zur Kenntnis: "Mit der Absage an die kulturelle Verleihförderung erstickt die BKM ein Projekt, das sie selbst gefördert hat und das mit einem wichtigen internationalen Preis ausgezeichnet wurde - und cancelt damit einederrenommiertestendeutschenFilm-Autorinnen, die mit Ausstellungen im MoMA und Retrospektiven in Frankreich im Ausland mehr gilt als im eigenen Land." Der in der Gegenwart spielende Film ist an den Ödipus-Mythos nach Sophokles angelehnt und folgt der elliptischen Erzählweise, für die die Regisseurin bekannt ist, so "dass wir Zuschauer auf eigene Rechnung füllen müssen, was an Bedeutung offen bleibt", erklärt Peter Körte online nachgereicht in der FAS: "Die Bereitschaft dazu war schon immer die beste Haltung bei einem Schanelec-Film. ... Es geht um die Auslassungen, um das, was zwischen den Bildern geschieht. Worauf ein Bild verweist, was es präfiguriert, ohne dass man das sehen müsste - daraus entsteht die eigentümliche visuelle Kraft. Und die emotionale Wirkung, denn Schauspieler sind bei Schanelec in ihrer Mimik und Körpersprache nie auf eine Weise lesbar, die eindeutig wäre. Es bleiben, wie bei Menschen, denen man im Alltag begegnet und die man nicht kennt, Unschärfe und Ungewissheit." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel, der FR, der Zeit, der SZ und hier die Berlinale-Kritik von Patrick Holzapfel im Perlentaucher.
Die Til-Schweiger-Enthüllungen des Spiegel (hier unser Resümee) nimmt Claudius Seidl im FAZ-Kommentar nur achselzuckend zur Kenntnis: An Sets herrsche nun einmal ein rüder Umgangston, sollte Schweiger ein Alkoholproblem haben, sollte man eher Mitleid mit ihm haben und wenn sich im überarbeiteten Team Unfälle häufen, sei dies eher dem Produktionsleiter anzulasten, der den Dreh nicht abbricht. In der Branche hört Seidl vor allem davon, "dass die Schweiger-Geschichte eher davon ablenkt, wie viel Angst, welcher Druck und was für ein Zynismus bei deutschen Dreharbeiten im Spiel sind - und zwar nicht nur dann, wenn Männer inszenieren. Es ist das System, das böse ist: Es wird mit zu wenig Geld nach zu strikten Fernsehformvorgaben viel zu viel gedreht. Es sind nicht die feministischen Appelle der Kulturstaatsministerin, die dieses System zum Einsturz bringen könnten. Man könnte sich auch hier an Hollywood orientieren. Und sich auf einen langenStreik einrichten."
Außerdem: Fabian Tietke resümiert für die taz die InternationalenKurzfilmtageOberhausen. Udo Rotenberg (critic.de) und Claus Löser (BLZ) empfehlen die Retrospektive AntontioPietrangeliim Berliner Kino Arsenal. Besprochen werden AnnOrens "Piaffe" (taz), ChieHayakawas "Plan 75" (NZZ), RianJohnsons Krimiserie "Poker Face" (Freitag), die DVD-Ausgabe von AlbertoRodriguez' "Prison 77" ("führt eindrucksvoll vor, wie man politisch engagiertes Kino souverän in eine Genre-Geschichte verpackt", schreibt Ekkehard Knörer in der taz), JamesGunns dritter "Guardians of the Galaxy"-Blockbuster (Welt), die sechste Folge der letzten Staffel von "Succession" (TA) und die dritte Staffel von "Der Pass" (Tsp). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
HollywoodsDrehbuchautoren streiken mal wieder. Wer sich an den letzten großen Streik (2007) erinnert, weiß: Die können hartnäckig sein. 100 Tage dauerte der Arbeitskampf damals und legte zig Serienproduktionen lahm und sorgte für erhebliche Verzögerungen im Kino-Produktionsplan. Die Gewerkschaft der Autoren "kritisiert, das Aufkommen von Streamingdiensten und die damit verbundene Explosion von Produktionen hätten die Arbeitsumstände der Autoren erodieren lassen", berichtet Corina Gall in der NZZ: "Früher wurden Autoren in der Regel für eine ganze Staffel einer Serie angestellt, die mehr als zwanzig Episoden umfasste. Die Produzenten entlöhnten die Autoren für das Skript, aber zahlten auch einen zusätzlichen Lohn, wenn die Serie erneut ausgestrahlt wurde. Heute ist das anders. Die Produzenten geben pro Staffel weniger Folgen in Auftrag. Die Praxis der zusätzlichen Zahlungen haben sie mehrheitlich eingestellt. Dies, obwohl Serien jahrelang auf den Streamingplattformen bleiben. Autoren profitieren bei den teilweise großen Erfolgen der Serien nicht mit."
Außerdem geht es um KünstlicheIntelligenz, schreibt Susanz Vahabzadeh in der SZ: "Die Autoren verlangen strenge Regeln, die Gewerkschaft soll verhindern, dass ganze Serien-Folgen oder Filme von einem Programm generiert und dann von einem Autor nur noch ein bisschen poliert werden. Was passiert, fragt einer der Gewerkschaftsvertreter in der New York Times, wenn jemand alle Drehbücher von NoraEphron, die beispielsweise 'Harry und Sally' geschrieben hat und 'Schlaflos in Seattle', in eine künstliche Intelligenz füttert und sie ihren Stil imitieren lässt und das Publikum mit der recycelten Ephron zufrieden ist? Bis zu den nächsten Tarifverhandlungen 2026 ist das bestimmt schon geschehen. Dieser große Autorenstreik von Hollywood wäre dann der letzte seiner Art."
Außerdem: Unter den Überlebenden und Hinterbliebenen der Grenfell-Tower-Katastrophe regt sich enormer Unmut darüber, dass die BBC den Fall in Form einer Doku-Serie aufbereiten will, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ: Einerseits wird Heischen mit Sensationen vorgeworfen, andererseits, dass den Leuten ihre Geschichte geraubt werde, andere kritisieren wiederum, dass sie nicht angehört wurden. Martina Knoben (SZ) und Chris Schinke (taz) geben Tipps zum heute beginnenden Dok.FestMünchen. Michael Ranze (FAZ) und Magnus Klaue (Welt) resümieren die InternationalenKurzfilmtageOberhausen, wo sich ein Schwerpunkt mit in Games-Umgebungen produzierten Kurzfilmen befasste. Besprochen werden die DVD-Ausgabe von GiuseppeTornatores Porträtfilm "Ennio" über EnnioMorricone (Intellectures), Lee Cronins Splattersause "Evil Dead Rise" (Presse), JamesGunns "Guardians of the Galaxy Vol. 3" (Tsp) und die Serie "White House Plumbers" über den Watergate-Skandal (ZeitOnline).
Lukas Kapeller erkundigt sich für den Standard, wie das österreichische Zentralarchiv mit einem Bestand von etwa 600.000 Filmrollen die Filmgeschichte in die Zukunft retten will. Dies ist eine erhebliche "Herausforderung. Manche Archivare sprechen gar vom 'digitalen Dilemma'. Die Digitalisierung mache das Filmemachen einfacher und die Werke dem Publikum leichter zugänglich, aber die Archivierung schwieriger, heißt es." Die meisten Filminstitutionen nutzen LTO-Bänder zur digitalen Sicherung. Das "ist ein Magnetband, das zahlreiche Vorteile bietet. Denn LTOs wurden bei ihrer Entwicklung um die Jahrtausendwende nicht als Produkt eines einzigen Produzenten geplant. Die Hersteller, unter anderem IBM, haben sich verpflichtet, alle zwei Jahre eine neue LTO-Generation auf dem Stand der Technik anzubieten. LTO-Bänder gelten daher als anschlussfähig, als beständig (bis zu 30 Jahre) und als ein Trägermedium, das offen für freie Software ist. ... Obwohl LTO-Bänder vermutlich rund 30 Jahre lang halten können, übertrage das Filmmuseum seine digital gespeicherten Filme 'spätestens alle fünf Jahre auf einen neuen Datenträger', erzählt Filmmuseumsdirektor Michael Loebenstein."
Die fetten Jahre sind vorbei, sagt Rüdiger Sturm in der Welt mit Blick auf den Zerfleischungskampf, in dem sich die Streamingdienste derzeit befinden: Die Zahl der Neuproduktionen sinkt, was beim Publikum nicht ausreichend ankommt, wird rigoros abgesetzt, der Druck, tatsächlich Geld zu verdienen, steigt immer mehr - und statt auf Mut zum Experiment setzen die Streamer immer mehr auf stromlinienförmigeBlockbusterware. "Überhaupt scheinen die Grenzen zwischen Streamern und Kinolandschaft zu verschwimmen. Letztere hat nach den dürren Jahren der Pandemie wieder zu florieren begonnen. Die US-Filmtheater konnten sich dank Filmen wie 'John Wick 4' im ersten Quartal 2023 über eine Zuwachsrate von 37 Prozent im Vergleich zu den ersten drei Monaten 2022 freuen - und glatte 589 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum von 2021. Der Analyst Eric Handler von Roth Capital Partners meint: 'Die Studios haben erkannt, dass ein exklusiver Kinostart die beste Methode ist, Profite zu maximieren.' Mit anderen Worten: Streaming ist nicht mehr der heilige Gral. Und dieser Weisheit folgen - mit Ausnahme von Netflix - nun auch die Streamer selbst, indem sie zunehmend auf großeKinoveröffentlichungen setzen, bevor sie die Filme auf ihren Plattformen abspielen." Susanne Gottlieb wundert sich im Standard dennoch, warum Disney einen Großteil seiner großen Produktion am Kino vorbei direkt im Streaming verramscht.
Außerdem: Das Kinoverleihfenster für staatlich geförderte Filme wird sich wohl von sechs auf vier Monaten verkürzen, hat Hanns-Georg Rodek von der Weltherausgefunden. Dlf Kultur nutzte das Feiertagsprogramm für ein knapp anderthalbstündiges Gespräch mit dem großen GeorgStefanTroller. Claudius Seidl (FAZ) und Hanns-Georg Rodek (Welt) schreiben Nachrufe auf PeterLilienthal.
Und die Agenturen melden: HollywoodsDrehbuchautoren gehen in den Streik.
Eine Spiegel-Recherche von Maike Backhaus und Alexandra Rojkov belastet Til Schweiger mit heftigen Vorwürfen: Das Einmann-Filmstudio (Produktion, Drehbuch, Regie, Hauptrolle) neige nach Angaben diverser Crewmitglieder am Set zu erheblichemAlkoholkonsum und entsprechend jähzornigemAuftreten (angeblich sogar gegenüber Kinderdarstellern). Crew-Mitglieder behaupten, dass er einem Mitarbeiter bei einer Auseinandersetzung angeblich ins Gesicht geschlagen hat. Eine Statistin soll spontan zu einer Entblößung gedrängt worden sein, eine Mitarbeiterin habe sich bei einer waghalsigen Szene schwer verletzt. Daneben dehne er Arbeitszeiten so weit, "bis Crewmitglieder körperlich und psychisch am Ende seien und sich Unfälle am Set häuften. ... Mehrere Teammitglieder von 'Manta Manta 2' berichten, sie seien irgendwann so übermüdet gewesen, dass sie unaufmerksam wurden. Eine Mitarbeiterin habe einen Stromschlag bekommen, einmal habe sich an einem zwölf mal zwölf Meter großen Segel ein Knoten gelöst. Es sei nach Darstellung von Zeugen unkontrolliert über Hunderten Komparsen und Schauspielern hin und her geschwungen. Es sei Panik ausgebrochen. (...) 'Wenn sich nichts ändert, dann stirbt irgendwann jemand an seinem Set', warnt ein ehemaliges Crewmitglied."
"Schweigers Verhalten sind an seinen Sets Dutzende Menschen ausgesetzt", schreiben Aurelie von Blazekovic und David Steinitz in der SZ, die sich ihrerseits nach der Spiegel-Recherche umgehört haben. "An Sets, die über die Jahre mit Steuergeldern in Millionenhöhe durch die Bundes- und Landesförderungen mitfinanziert wurden. Was jetzt publik wird, hätte die Constantin unter MartinMoszkowicz, die von Schweiger stattdessen finanziell gut profitierte, schon lange umtreiben müssen. Sie hätte Schweiger vor sich selbst schützen müssen - und sie hätte die Menschen schützen müssen, die ihm in ihrer Arbeit ausgesetzt sind."
Außerdem: In einem verpaywallten Gespräch mit der NOZ kritisiert der Filmemacher EdwardBerger ("Im Westen nichts Neues") das mutlose Filmproduktionssystem der Öffentlich-Rechtlichen, wie die SZzitiert. Thomas Ribi widmet sich in der NZZ der Frage, ob man Kleopatra in einem Netflix-Dokudrama nun wirklich mit einer Schwarzen besetzen sollte oder nicht. Fritz Göttler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Regisseur PeterLilienthal, der seinerzeit den Jungen Deutschen Film mitbegründete.
Besprochen werden BettinaBlümners Kuba-Urlaubsfilm "Vamos a la playa" (online nachgereicht von der FAZ), DarrenAronofskys "The Whale" (Jungle World, unsere Kritik), die Mini-Serie "Dead Ringers" nach dem 80s-Horrorklassiker von DavidCronenberg (Tsp) und die Serie "Alaska Daily" (Zeit).
Glauben Sie dieser Frau? Isabelle Huppert ist "Die Gewerkschafterin"
In Jean-PaulSalomés "Die Gewerkschafterin" spielt IsabelleHuppert die Whistleblowerin MaureenKearney, die in Frankreich 2012 einige Hinterzimmerdeals aufdeckte und darüber Opfer eines Vergewaltigungsanschlags wurde, dem eine Drangsalierung durch die Polizei folgte. "Huppert spielt den Prozess, in dem diese einst so entschlossene Frau langsam an den Fragen und Unterstellungen zerbricht, absolutfantastisch", schreibt Maja Beckers auf ZeitOnline. "Oder ist es der Prozess, in dem sich eine Heldin als Betrügerin entpuppt? Lügt sie oder lügt sie nicht? Huppert bringt genau die Ambivalenz mit, die ein Politthriller braucht." Doch leider bleibt es bei diesem Kippspiel: "Nach etwa einem Drittel kippt der Politthriller ins Psychodrama und kreist einzig um die Frage: Glaubt jemand dieser Frau?" Es ist wie es ist, "Salomé ist kein Könner wie Chabrol", seufzt auch Andreas Kilb in der FAZ. "Statt seine Inszenierung auf den Ton einzustimmen, den seine Hauptdarstellerin vorgibt, erzählt er die Geschichte mal als staatskapitalistischen Industriekrimi, mal als Familiendrama und verliert dabei die Essenz des Stoffs, den Kampf Maureen Kearneys gegen die Männermacht der Apparate, immer wieder aus den Augen."
Außerdem: Elmer Krekeler spricht in der Welt mit dem Schauspieler MehmetKurtulus. Die Presseplaudert mit TyronRicketts, der in der Disney-Serie "Sam - ein Sachse" SamuelMeffire (hier im großen Gespräch mit Dlf Kultur) spielt, der Sachsens erster schwarzer Polizist gewesen ist, bevor er selbst in die Kriminalität abgerutscht ist. Catherine Corsinis kurzzeitig wegen mehrerer, teils sehr diffuser MeToo-Vorwürfe aus dem Cannes-Programm geflogener Film "Le Retour" wird nun doch im Mai an der Croisette laufen, meldet Niklas Bender in der FAZ.
Besprochen werden das auf Paramount+ gezeigte Remake des 80s-Horror-Reißers "Hellraiser" (taz), die auf AmazonPrime gezeigte Actionserie "Citadel" (Tsp) und die auf AppleTV+ gezeigte Serie "The Big Door Prize" (TA).
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