Sandra Hüller stellt sich der Jury ein zweites Mal in diesem Wettbewerb: "Anatomy of a Fall" Halbzeit in Cannes und gute Laune bei Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche, "weil der Wettbewerb in diesem Jahr auf der ganzen Linie überzeugt". Mit JustineTriets Gerichtsdrama "Anatomy of a Fall" gesellt sich ein weiteres Highlight hinzu - es ist (nach Jonathan Glazers "The Zone of Interest", mehr dazu hier und in Hanns-Georg Rodeks Besprechung in der Welt) der zweite Film dieses Wettbewerbs, in dem Sandra Hüller eine Hauptrolle spielt: Hier gibt sie eine Schriftstellerin, die bezichtigt wird, ihren Ehemann ermordet zu haben. In den Mittelpunkt des Films rückt dabei "die Anatomie einer Ehe. Die Wahrheitssuche, ob Mord oder Suizid, legt Schicht für Schicht eine komplizierte, nach einem tragischen Unfall sich langsam auflösende Beziehung offen. ... Es ist ein schauspielerischer Drahtseilakt, weil Hüllers Figur nie um die Sympathien der Jury im Gerichtssaal buhlt. 'Anatomy of a Fall' will sich keiner absoluten Wahrheit annähern", auch "weil zwischenmenschliche Beziehungen, zwischen Charakterschwächen, persönlichen Kränkungen, Egoismen sowie einer Vielzahl vertrauter Momente, am Ende immer ein Konstrukt subjektiver Erfahrungen bleiben. Gut möglich, dass Sandra Hüller in diesem Jahr ihre Palme erhält." Auch tazler Tim Caspar Boehme sieht Hüller in Höchstform: Sie "verkörpert diesen egoistischen Künstlertypus mit einer bis ins Kleinste nuancierten Ambivalenz, zwischen manipulativ und verletzlich schwankend". Auf Artechockwinkt Rüdiger Suchsland eher ab: Hüllers erster Auftritt im Festival war viel besser, dieser hier ist nur "solide, der Film als Ganzes erinnert aber mehr an gehobenes Fernsehen".
Geteilte Essstörungen unter Wohlhabenden: "Club Zero" Mit JessicaHausners Schuldrama "Club Zero" hatte eben ein weiterer Palmenfavorit Weltpremiere, schreibt Valerie Dirk im Standard. Der Film handelt davon, wie ein neues Schulfach "BewusstEssen" zu sektenartigen Verstrickungen führt. Diese "formalistische Kunstkinosatire auf die Nahrungszwänge der Bessergestellten" inszeniert die Regisseurin "in gewohnt distanzierenden, durchkomponierten Bildern mit Liebe zum designten Detail, während der Percussion- und Gesangssoundtrack die Spannung hält und Gesellschaftshorror - etwas offensiver als Tati - mit Humor versetzt. ... Trotz Satire und typisierten, auf Distanz bleibenden Figuren, hat sich auch ein Funke emotionale Tiefe in 'Club Zero' geschlichen, nämlich dann, wenn er den gefährlichen Konkurrenzdruck einer geteilten Essstörung erfahrbar macht und die Ratlosigkeit von Eltern, deren Kinder in selbstzerstörerisches Verhalten abdriften, Ernst nimmt."
Abseits von Cannes: Sandra Kegel befasst sich für die FAZ mit der Lage von Schauspielerinnen über 40, die kaum noch Rollen finden - und wenn, dann selten interessante. Zwar gibt es namhafte Schauspielerinnen in diesem Alter, die präsent und auszeichnungswürdig bleiben. Doch das sind Ausnahmen, wie eine Studie des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock belegt: "Demnach nimmt hierzulande der Anteil von Frauenfiguren, die älter als dreißig sind, ab, während mehr als zwei Drittel der zentralen Figuren über fünfzig männlich sind. Zwar nehme das Personal mit zunehmendem Alter insgesamt ab, doch während dies bei Schauspielern ab fünfzig der Fall sei, würden ihre Kolleginnen bereits ab Mitte dreißig aussortiert. Verstärkt wird diese Entwicklung dadurch, dass Frauenfiguren mit Schauspielerinnen besetzt werden, die wesentlich jünger sind als die Rollenvorlage. 'Das führt bisweilen zu aberwitzigenKonstellationen, dass wir vierundzwanzigjährige Schauspielerinnen sehen, die im Film ein abgeschlossenes Ingenieurstudium haben, außerdem zwei Teenagerkinder und im Beruf auch noch erfolgreich sind', sagt die Schauspielerin Anke Sevenich."
Weitere Artikel: Andreas Busche (Tsp) und Johanna Adorján (SZ) sprechen mit LauraPoitras, deren (im Tagesspiegelbesprochener) Dokumentarfilm "All the Beauty and the Bloodshed" (mehr dazu bereits hier) jetzt in den Kinos anläuft. In der FAZgratuliert Claudius Seidl JoanCollins zum 90. Geburtstag. Besprochen werden A. V. Rockwells "A Thousand and One" (taz), die Realverfilmung des Disney-Animationsfilmklassikers "Arielle, die Meerjungfrau" (Welt, Tsp, Presse), ein Dokumentarfilm über MichaelJ. Fox und dessen Parkinson-Erkrankung (TA) die Comedyserie "German Genius" mit Kida Khodr Ramadan (FAZ) und die ZDF-Serie "WatchMe - Sex sells" über Erotik-Plattformen (taz).
Familienidyll unweit vom Massenmord der Nazis: Jonathan Glazers "The Zone of Interest"
Die Kritiker legen sich fest: Mit JonathanGlazers Auschwitz-Film "The Zone of Interest" (lose basierend auf dem gleichnamigen, aber eher kritisch aufgenommenen Roman des vor wenigen Tagen verstorbenen Schriftstellers MartinAmis) und NuriBilgeCeylans "Kuru Otlar Üstüne" liefen im Cannes-Wettbewerb nun zwei der aussichtsreichsten Kandidaten auf eine Auszeichnung. Tim Caspar Boehme bespricht in der taz beide Filme: Glazers Wettbewerbsbeitrag über den von Spießigkeiten und Routinen durchsetzten Alltag einer Nazi-Familie in direkter Nachbarschaft zum Vernichtungslager Auschwitz, das nie in den Bildkader rückt, "ist ein auf kalte Weise böser Film. Das Grauen, von dem er erzählt, drängt im vermeintlich normalen Leben der Familie Höß nie ganz an die Oberfläche. Es wirkt dadurch bloß noch erschreckender."
Mitunter "unglaublich" findet der sehr begeisterte FR-Kritiker Daniel Kothenschulte diesen Film: "Aus der 'Holocaust Fiction' hat Glazer das Fiktive weitgehend ausradiert. Die deutschen Dialoge, die Glazer mit den Schauspielerinnen und Schauspielern stattdessen entwickelte, wirken so authentisch wie die historischen Schauplätze. Sie rekonstruieren die private Rückseite des Massenmords, von der es nur wenige Bilddokumente gibt." Durchaus provokant findet auch Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche diesen Film: Doch "die Gegenüberstellung von Banalem und Bösen hat sich als Beschreibungsmuster für die dunkle Seite der Conditio humana inzwischen aber auch etwas abgenutzt." Allerdings kommt Busche "auch nicht umhin, Bewunderung für Glazers formale Strenge" zu empfinden, wie auch "für Sandra Hüllers Kühle, die ihren spitzen Humor in ihren besten Rollen zum Frösteln bringen kann. Hier aber schlägt sie um in eine herrische Eiseskälte." Für die FAZbespricht Maria Wiesner den Film. Spielt Leonardo DiCaprio an die Wand: Lily Gladstone in Martin Scorseses "Killers of the Flower Moon" Außer Konkurrenz präsentiert das Festival Martin Scorseses dreieinhalbstündige Apple-Produktion "Killers of the Flower Moon". Der Hollywood-Altmeister erzählt in seinem womöglich letzten Film auf Grundlage von David Granns Sachbuch "Das Verbrechen" von einer Mordserie an amerikanischen Ureinwohnern im Oklahoma der 1920er-Jahre - diese waren zu Geld gekommen, da sich unter ihrem Reservat unverhofft erheblicheÖlreserven fanden. Scorsese ist "ein weiteres spätes Meisterwerk gelungen", freut sich Jan Küveler in der Welt: "Wenn man so will, hat sich auch Scorsese auf seine alten Tage der Identitätspolitik zugewandt, erzählt nicht nur, wie so oft in seinen berühmtesten Filmen, eine Kriminalgeschichte als Milieustudie, sondern als Zeugnis, als Aufarbeitung, als späte moralische Genugtuung."
Mit Robert de Niro und LeonardoDiCaprio sind die beiden wichtigsten Schauspieler in Scorseses Schaffen hier erstmals vereint vor der Kamera zu sehen, wie sich alle Kritiker freuen - nur um umgehend zu bedauern, dass damit die eigentliche Schauspiel-Entdeckung des Films etwas ins Hintertreffen gerät: "Aus den Bildern dieses Films spricht eine große Trauer", schreibt Anke Leweke hinter Bezahlschranke auf ZeitOnline. "Er zeigt die Perspektive der Täter, doch sein emotionales Zentrum ist die Figur der Mollie, eine der Osage-Frauen. Auch bildlich: In den meisten Szenen mit der jungen Frau ist sie in der Bildmitte positioniert, aufrecht sitzend, beobachtend. LilyGladstone, eine Schauspielerin mit indigenen Wurzeln, verleiht der Figur der Mollie eine große Gravität." Weitere Besprechungen in Tagesspiegel, NZZ und Tages-Anzeiger.
Abseits der Croisette besprochen werden der zehnte Teil der im Kino gezeigten Serie "Fast & Furious" (BLZ), die Paramount-Serie "From" (Zeit), die Netflix-Serie "Stumm" (FAZ), die Apple-Serie "Silo" (FAS) und die auf Sky gezeigte Doku-Serie "Juan Carlos. Liebe, Geld, Verrat" (BLZ).
Jung geblieben dank Digital-Botox: Harrison Ford (80) in "Indiana Jones und das Rad des Schicksals" Die Filmkritiker in Cannes haben alle nur Augen für den neuen Indiana-Jones-Film, der in wenigen Wochen sowieso regulär in allen Kinos läuft und von Festivalleiter Thierry Frémaux sehr öffentlichkeitswirksam platziert wurde. Erstmals führt nicht StevenSpielberg Regie bei der Archäologen-Sause. Stattdessen sitzt Hollywood-Routinier JamesMangold auf dem Regiestuhl. Hauptdarsteller Harrison Ford, mittlerweile achtzig Jahre alt, spielt den Archäologen mit Hut und Peitsche in vielen Szenen dank digitalem Verjüngungsfilter beeindruckend geliftet. Andreas Busche vom Tagesspiegelist skeptisch , wie Hollywood und Cannes hier im Kino der Vergangenheit das Kino der Zukunft errichten wollen: "Dass selbst Cannes den RetrowahnderUS-Studios inzwischen bereitwillig in das Weltkino, das an der Croisette eigentlich gefeiert wird, eingemeindet, verrät etwas über die Situation des Festivals - und des Kinos. Im vergangenen Jahr schaute bereits Tom Cruise mit 'Top Gun: Maverick' vorbei, der Film brach danach alle postpendemischen Einspielrekorde. ... 'Indiana Jones und das Rad des Schicksals' dreht das Rad der Zeit so weit zurück, wie kein Hollywood-Blockbuster zuvor - in die Epoche von, so viel sei verraten, Archimedes. Von hier aus kann das Kino tatsächlich nur eine Richtung einschlagen: die Zukunft." Weitere Kritiken in Presse, ZeitOnline, FAZ, Welt, Tages-Anzeiger und Standard.
Außerdem von der Croisette: Tim Caspar Boehme von der tazerfährt in WangBings dreieinhalbstündigem Dokumentarfilm "Youth (Spring)" viel über die teils tristen Arbeitsbedingungen in chinesischen Textilfabriken. Andreas Scheiner wirft für die NZZ einen Blick auf die Skandale und Skandälchen, die das Festival in Cannes begleiten.
Besprochen werden UlrichSeidls "Sparta" (online nachgereicht von der FAZ, unsere Kritik hier), die Netflix-Serie "Das Gesetz nach Lidia Poët" über die erste Rechtsanwältin Italiens (Jungle World), Oliver Hermanus' Kurosawa-Remake "Living" nach einem Drehbuch des Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro (SZ), der Vierteiler "Juan Carlos - Geld, Liebe, Verrat" (Freitag) und der zehnte "Fast & Furious"-Blockbuster (Standard).
Der einzigartige, aber auch einzigartig entrückte HelmutBerger ist tot. In seinem Leben spiegeln sich Aufstieg, Dekadenz und Verfall des großen europäischen Kinos. Mit Visconti wurde er zum schönsten Mann der Welt, mit dessen Tod stürzte auch er ab: Genre- und Trash-Kino, schließlich auch "Dschungelcamp" und späte Erlösung an der Berliner Volksbühne. Aber "zwischen Schund und Kult fand er einen traumwandlerischenWeg", schreibt Bert Rebhandl im Standard. Er war "ein blonder Gott, schön und verdorben zugleich", schreibt Manuel Brug in der Welt. "Dabei war in seine Schönheit, wie man in Viscontis 'Gewalt und Leidenschaft' sehen konnte, von vornherein ein Element vonGefährdung, von Nervosität und Verfall eingewoben, sie wirkte nie ganz ausbalanciert", führt Andreas Kilb in der FAZ aus. "Das machte sie so attraktiv. Der Gigolo und Terrorist, den Berger in Viscontis Film von 1974 verkörperte, blieb seine größte Rolle, weil er die Zweideutigkeit seiner Erscheinung wie in einem Vexierbild festhielt. Er war bezaubernd, und er war ein Monster. Der Zauber verging mit der Zeit, das Monströse blieb."
Berger war immer dann ganz besonders gut, "wenn sich seine Rollen ganz nah an seiner eigenen Lebensrealität bewegten", hält Anke Sterneborg auf ZeitOnline fest: "wenn sein eigener Narzissmus gepaart mit seiner Zerbrechlichkeit ihren Widerhall in den Figuren fanden; wenn die Membran zwischen Rolle und Persönlichkeit gefährlich dünn und durchlässig war. Der flatterhafte, halbseidene Dandy, der für alle Ausschweifungen offen ist, der weltfremde Arroganz mit spöttischer Blasiertheit verbindet, Unersättlichkeit mit Maßlosigkeit, das war eine gelebte Rolle." Diese Art der "Selbstentblößung war für Berger seit jeher eine gehobene Form der Kunst. Die Überschreitung von Grenzen war sein Sujet, bürgerliche Normen waren für einen wie ihn da, geschleift zu werden", schreibt Harry Nutt in der FR. Ein schönes Comeback hatte Berger in den späten Neunzigern mit einem Gastauftritt im Musikvideo zu Blumfelds "Tausend Tränen Tief":
Derweil geht das Filmfestival in Cannes weiter. Mit seinem vierstündigen, außerhalb des Wettbewerbs gezeigten Dokumentarfilm "Occupied City" befasst sich Steve McQueen mit der Besetzung Amsterdams durch die Nazis. Aufnahmen des heutigen Amsterdam stehen Textpassagen gegenüber aus dem Buch "Atlas of an Occupied City, Amsterdam 1940-1945" der niederländischen Regisseurin BiancaStitger, McQueens Lebensgefährtin. "Es ist eine Kriegserzählung, wie man sie wahrscheinlich noch nicht gesehen hat", versichert Hanns-Georg Rodek in der Welt. ""Es ist wie das System der Stolpersteine in Deutschland, nur auf Film: Die sachliche Stimme der Fotografin Melanie Hyams nennt eine Adresse, erzählt in kurzen Worten, wer dort wohnte und was dort während des Krieges passiert ist. McQueens Kamera zeigt währenddessen das Gebäude in seinem heutigen Zustand. Oder Hyams sagt trocken 'abgerissen', wenn ein Neubau an der Stelle steht." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte erlebte "ein konzeptuell forderndes Denkmal für den jüdischen Widerstand während der deutschen Besatzung. Jede Szene des mit Pause fast viereinhalbstündigen Filmereignisses führt an Orte, deren Geschichte mit dem Nazi-Terror verbunden ist." Allerdings treten Bild und Text dabei auch in Konkurrenz miteinander, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz, und dies "besonders wenn man deutlich hört, was die gefilmten Personen sprechen. Die Aufmerksamkeit droht dann, von der Bewegung der Bilder geleitet, vom Text wegzudriften. So als müsste diese 'darunterliegende' EbenedesGeschichtlichen, etwa dass die Niederlande der Staat mit den meisten jüdischen Opfern in Westeuropa sind, sich dagegen wehren, von der Gegenwart verdrängt zu werden." Die Kunst der Überwältigung - überwältigende Kunst: Wim Wenders' "Anselm" Im Wettbewerb außer Konkurrenz lief zudem WimWenders' 3D-Dokumentarfilm über AnselmKiefer. Für Andreas Busche vom Tagesspiegelsind die beiden "ein gutes Match", gerade auch weil sie "so wenig Berührungspunkte haben. Das Deutsche, das bei Kiefer so massiv im Zentrum allen Denkens steht, ist bei Wenders ein negativerRaum. Dieses Mächtige, was dann - auch das eine Erkenntnis von 'Anselm' - in den eigenen Worten des Künstlers wie ein Soufflé in sich zusammenfällt, bringt Wenders in seinen hochaufgelösten 3D-Bildern geradezu ins Schweben. ... Hier ploppt nichts aus der Kinoleinwand heraus, Wenders spürt vielmehr in die Bilder hinein. Kiefers Skulpturen stehen fast beweglich wie Mobilés im Raum, das Kino wird selbst plötzlichskulptural." Einen von Kiefer überwältigten Wenders sah Hanns-Georg Rodek in der Welt: "Und er nutzt die 3D-Technik, um diese seine Überwältigung an uns Zuschauer weiterzugeben. Es geht um Vermittlung, es geht um Verstehen, es geht nicht um eine kunstgeschichtlich kritische Sicht auf Kiefers Werk. Wenders ist so affirmativ gegenüber Kiefer wie des Künstlers Haltung gegenüber deutscher Vergangenheit lange als affirmativ kritisiert wurde. Anselm Kiefer ist in letzter Zeit etwas aus der Mode gekommen, weil er überwältigen und nicht bewältigen wollte, weil er deutsche Geschichte nicht einem klaren Urteil, sondern dem Zweifel unterwarf. Der Zweifel, er ist grau, und Grau ist die dominierende Farbe von Wenders' Film."
Abseits der Croissette besprochen werden Ulrich Seidls "Sparta" (Perlentaucher, FAZ), MasahiroShinodas Yakuza-Film "Pale Flower" aus dem Jahr 1964, der jetzt erstmals in die deutschen Kinos kommt (Perlentaucher), die achte Folge der letzten Staffel der HBO-Serie "Succession" (TA), GuillaumeCanets "Asterix & Obelix im Reich der Mitte" (Welt), der zehnte Teil der "Fast & Furious"-Sause (ZeitOnline, NZZ), die auf Disney+ gezeigte Serie "White Men Can't Jump" (SZ), die zweite Staffel der ARD-Serie "MaPa" (BLZ, ZeitOnline) und die 3sat-Doku "Helden der Meere" (FAZ).
Jetzt bitte alles, nur keine Revolution: Regisseurin Maiwenn und Johnny Depp in "Jeanne du Barry" Mit Maïwenns Kostümfilm "Jeanne du Barry" haben gestern die Filmfestspiele in Cannes begonnen. "Einer gewissen Ironie entbehrt es nicht, ein Filmfestival mit einem Historiendrama über eine dahinsiechendeRegentschaft zu eröffnen", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel, und das "in einem Jahr, das laut Cannes-Chef Thierry Frémaux eigentlich für einen Wandel stehen soll." Der Eröffnungsfilm signalisiert allerdings eher Wille zur Tradition: "pompöses Starkino mit Schauwerten, aber betulich erzählt und somit breitenwirksam genug, um den Film vom Festival aus direkt großflächig in den französischen Kinos zu starten." Und dass das Festival damit auch "dem in Hollywood in Ungnade gefallenen JohnnyDepp in Cannes eine Bühne für sein Comeback bietet, wird außerhalb von Frankreich durchaus kritisch gesehen". Anke Leweke von ZeitOnlineerlebte einen "pompös-leeren Auftaktfilm" um höfische Ränkespielereien, die zu nichts führen. Umso mehr beschleicht sie beim Blick aufs Festivalprogramm "das Gefühl: Dieses Programm braucht eine Palastrevolution."
Er interessiere sich nur für den Schauspieler Johnny Depp und die Rede- und Denkfreiheit, zitiert Maria Wiesner den auf seine Entscheidung für diesen Auftaktfilm angesprochenen Festivalleiter Thierry Fremaux in der FAZ. Entsprechend blickt Wiesner auf Depps Verkörperung von König Louis XV.: "Die Rolle mit einem Amerikaner zu besetzen ist ein Wagnis, das Maïwenn klug minimiert: Sie gibt Depp wenig Dialog, er hat die Sätze mit einem Sprachtrainer eingeübt und sich ansonsten laut eigener Aussage an Stummfilmvorbildern wie Charlie Chaplin und Buster Keaton orientiert. Königliche Präsenz durch Körpersprache und Mimik."
Zunächst durchaus fasziniert schautSZ-Kritiker Tobias Kniebe dabei zu, wie die Regisseurin sich in der Titelrolle als Kurtisane aus einer niederen Schicht am Hof von Versailles durchschlägt. Das spiegelt auch Maïwenns eigenes Leben wieder, die als 16-Jährige den Regisseur Luc Besson heiratete und sich in der Filmindustrie behaupten musste. So wirkt auch dieser Film zunächst wie ein "Triumph über alle Widrigkeiten" und "als Selbstbehauptung in einer verrückten Welt". Doch "schlecht daran ist nur, dass Maïwenn ihrer Hauptfigur jede Agenda nimmt, um sie trotz der tobenden Sittenwächter möglichst rein erscheinen zu lassen. Sie ist permanent Opfer weiblicher Aggression um sie herum."
Georg Friedrich in "Sparta" von Ulrich Seidl Abseits der Croisette: In dieser Woche startet UlrichSeidls "Sparta" bei uns. Der Film über einen pädophilen, allerdings nicht übergriffigen Judolehrer namens Ewald (GeorgFriedrich), der eine Gruppe Kinder vor dem Männlichkeitsgehabe in einer kleinen Dorfgemeinschaft schützen will, war vor einigen Monaten ins Gerede gekommen, als eine etwas diffuse Spiegel-Recherche der Produktion vorwarf, Grenzen überschritten zu haben. Die Aufarbeitung durch die österreichische Filmförderung führte zwar zu dem Ergebnis, dass es keine Pflichtverletzung geben habe. Mulmig zumute wird Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz, die dem Film durchaus etwas abgewinnen kann, aber hier und da durchaus: "Einmal duschen die Jungs in Unterhosen und Georg Friedrich steht nackt bei ihnen. Es geschieht nichts weiter, aber was hat Seidl den Kindern am Set gesagt? Wann kippt Schauspielerführung in unzulässigeManipulation. ... Seidl hat vereinzelt offenbar nicht verhindert, dass sie verschreckt wurden, er tröstete und erklärte erst hinterher. Eine Form von Machtmissbrauch: Der Preis der Authentizität, auf die Seidl in seinen stilisierten Bildern so großen Wert legt, darf nicht das Leiden eines Kindes sein." SZ-Kritiker Philipp Bovermann kriegt beim Schauen des Films die eigenen Bilder nicht aus dem Kopf und bleibt sich über weite Strecken sehr uneins, was er von "Sparta" halten soll.
Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht mit der Regisseurin UrsulaMeier über ihren Film "Die Linie", der von der Gewalt von Müttern gegen ihre Töchter handelt. Besprochen werden A.V. Rockwells Sundance-Gewinnerfilm "A Thousand and One" (FAZ) und GuillaumeCanets "Asterix im Reich der Mitte" (Standard). Außerdem erklärt die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Cannes feiert das Kino und Frankreich: offizielles Postermotiv Heute beginnen die FilmfestspieleinCannes. Dem Festival ist es auch dieses Jahr wieder gelungen, das Who Is Who des internationalen Kinos in den Wettbewerb zu holen, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. Unter den französischen Wettbewerbsfilmen gibt es in der traditionellerweise notorisch von Männern dominierten Hauptsektion sogar eine bemerkenswerte Neuerung: Hier "sind die Frauen klar in der Mehrheit: CatherineBreillat, CatherineCorsini, Ramata-ToulayeSy und JustineTriet steht allein Jean-StéphaneSauvaire als männlicher Kollege gegenüber. Macht insgesamt sechs Frauen im Wettbewerb, ein knappes Drittel mithin."
Das heutige Datum wird einmal als Tag in den Geschichtsbüchern stehen, an dem das Kino doch nicht gestorben ist, glaubt Tobias Kniebe in der SZ. Denn die Streamingfilme, die das Festival nun doch zeigt, sind per gesetzlicher Regelung alle an ein großzügig bemessenes Kino-Auswertungsfenster gebunden. "Beim Blick in die USA fällt außerdem auf, dass die Entscheidungsträger aus Pandemiezeiten, die Hollywood in einen riesigen Streamingservice verwandeln wollten, inzwischen nicht nur abgesägt oder entmachtet, sondern mitsamt ihren Ideen endgültig auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sind. ... Vom Blockbuster-Macher bis zur Filmkunstautorin, es herrscht wieder Aufbruchsstimmungin SachenKinozukunft, und das reiche und vielversprechende Cannes-Programm spiegelt das."
Auch Daniel Kothenschulte von der FRist angesichts vieler äußerst vielversprechender Titel voller Vorfreude: In Cannes "feiert man wieder einmal beides, Frankreich und das Kino". Und das deutsche Kino? Gleich zweimal taucht WimWenders im Festivalprogramm auf: "Damit ist das deutsche Kino erstmals seit Fatih Akin 2017 wieder im Wettbewerb vertreten", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Dass der 77-jährige Wenders die Kastanien aus dem Feuer holen muss, ist allerdings kein gutes Omen für den Zustand des deutschen Kinos. Es spricht auch nicht unbedingt für Festivalleiter Thierry Frémaux, der schon bei der Programmverkündung einen 'WettbewerbderEntdeckungen' ausgerufen hatte. Entdeckungen macht man in Cannes in diesem Jahr voraussichtlich wieder nur in der Reihe Un Certain Regard." Die Welt hat Gerhard Middings Porträt der neuen deutschen Festivalpräsidentin IrisKnobloch (hier unser Resümee) online nachgereicht.
Außerdem: Beim FreiburgerFilmforum wurde eine Veranstaltung zur HexenverfolgunginderSubsahara kurzfristig abgesagt, berichtet Matthias Niederberger in der NZZ. "Letztlich sei ein 'Grundgefühl' geblieben, dass das Konzept der Veranstaltung 'nicht sensibel genug' sei." Offenbar hatte die Festivalleitung Angst, "rassistische Stereotype" zu bedienen. Bei den drei Teilnehmern, einem Journalisten, einem Ethnologen und einem Menschenrechtsaktivisten, löste das Unverständnis aus: "Der nigerianische Aktivist Leo Igwe findet, europäische Ethnologen sollten bereit sein, sich mit anderen Auffassungen und Verständnissen von Hexerei in Afrika auseinanderzusetzen" Er sagt: 'Die Begründung ist eine Demonstration von Engstirnigkeit, Intoleranz und mangelnder Bereitschaft, intellektuell zu wachsen.'" In der Jungle Worlderinnert Robin Becker an den Filmemacher ErwinLeiser und dessen Dokumentarfilme über den Nationalsozialismus. In der FAZgratuliert Maria Wiesner PierceBrosnan zum 70. Geburtstag. Besprochen wird TorstenC. FischersZDF-Thriller "Blutholz" (FAZ).
Bei der Verleihung des DeutschenFilmpreises fühlte sich Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek wie bei einem "Belehrungs- und Bekenntnisabend": Ukraine, Türkei und Iran wurden alle ritualhaft bedacht, Missstände in der eigenen Branche wurden hingegen nicht ganz so gratismutig angesprochen.
Besprochen werden die auf AppleTV+ gezeigte Serien-Adaption von GarthRiskHallbergsNew-York-Roman "City on Fire" (Welt, Tsp), AriAsters "Beau is Afraid" (Welt, mehr dazu hier) und die Serie "Jury Duty" (Zeit).
Am Ende kam es doch anders als erwartet: Nicht EdwardBergers "Im Westen nichts Neues" wurde beim DeutschenFilmpreis als bester Film des Jahres ausgezeichnet, sondern İlkerÇataks "Das Lehrerzimmer" (unsere Kritik). Auch "beste Regie", "bestes Drehbuch" und "beste Hauptdarstellerin" gingen an diesen Film, dafür erhielt "Im Westen nichts Neues" insgesamt die meisten Auszeichnungen - hier die Ergebnisse des Abends im Überblick. Von einer erstaunlichen Dramaturgie der Preisverleihung spricht Andreas Busche im Tagesspiegel: Denn bis zu den Hauptkategorien deutete nichts auf dieses überraschende Ende hin, auch wenn die Gala "von Beginn an fokussierter als in den Vorjahren wirke, mit niedrigem Peinlichkeitsfaktor und einer schlagfertigen Gastgeberin. ... Umso erfreulicher ist es dann, dass am Ende ein verhältnismäßig kleiner Film wie 'Das Lehrerzimmer' von der Filmakademie gewürdigt wird - wo die Schwarmintelligenz der Akademiemitglieder sich gewöhnlich, gerade bei den Hauptpreisen, um einen Film sammelt." SZ-Kritiker David Steinitz hält die Preis-Entscheidungen für "salomonisch". Hanns-Georg Rodek von der Weltist sich sicher: Dass ein Netflix-Film wie "Im Westen nichts Neues" am Ende doch nicht in den wichtigsten Kategorien punkten konnte, "ist die Quittung der Mitglieder der Filmakademien für ein Geschäftsmodell, das letztlich auf die Zerstörung des Ortes 'Kino' hinausläuft".
Thomas Abeltshauser unterhält sich für die taz mit NobelpreisträgerKazuoIshiguro, der für Oliver Hermanus' "Living - Einmal wirklich leben" (ein Remake von AkiraKurosawas "Ikiru") das Drehbuch verfasst hat. Das hatte auch persönliche Gründe, sagt er, der als Fünfjähriger aus Japan nach Großbritannien kam: Kurosawas und Ozus Filme "waren das Fenster in meine Kindheit in Japan. 'Ikiru' hinterließ später auf mich als junger Mann einen besonderen Eindruck. Er zeigte mir, wie ich mein Leben als Erwachsener führen sollte, das mir so klein und unbedeutend erschien. 'Ikiru' tut nicht so, wie so viele andere Filme, dass man Spektakuläres schafft und dadurch berühmt wird. Es geht darum zu akzeptieren, wer man ist, und seinen Platz in der Welt zu finden."
Andreas Busche spricht im Tagesspiegel mit RainerRother über sechzig Jahre Deutsche Kinemathek. Diese verlässt im Frühjahr 2025 ihr Haus am Potsdamer Platz und wird fürs Erste in einem noch nicht benannten Zwischenquartier Unterkunft finden, erfahren wir. Eine langfristige Lösung auf dem noch unbebauten Gelände gegenüber dem Gropius-Bau ist angedacht. "Das Grundstück gehört schon seit einer Weile dem Bund, allerdings gibt es noch keinen Bebauungsplan. Hier hoffen wir auf Unterstützung durch die Stadt Berlin. Wir gehen mal vorsichtig von etwa zehn Jahren aus." In der Welt porträtiert Gerd Midding die neue Präsidentin des nächste Woche beginnenden Festivals von Cannes - eine Deutsche! Man kann allerdings nicht sagen, dass es die französischen Medien der ehemaligen Warner-Managerin Iris Knobloch (übrigens Tochter von Charlotte Knobloch) leicht machen: "Die Weltoffenheit, zu der sie in ihrer Familie erzogen wurde, wird ihr von Teilen der in Frankreich chronisch patriotischen Filmbranche durchaus als Malum ausgelegt. Sie werfen ihr eine zu große Nähe zu den Hollywoodstudios vor. Ihr Motto 'Make money, have fun and do some good' klang vielen verdächtig. Dazu gesellte sich ein antideutscher Affekt. Wenn schon eine Präsidentin, dann doch besser eine einheimische!"
Weitere Artikel: Der Regisseur DavidWnendtspricht auf ZeitOnline über die aktuelle Machtmissbrauchs-Debattein derdeutschenFilmbranche: "Ich könnte mir nicht erlauben, meinen Oberbeleuchter zu beleidigen. Dann dreht der nämlich seine Lampen aus, und ich stehe am nächsten Tag allein da." Dass mit MariëtteRissenbeek (Berlinale) und DianaIljine (München) gleich zwei Filmfesival-Leiterinnen ihren Posten räumen, lässt Susanne Hermanski in der SZ über die Gründe spekulieren - es wird wohl (auch wenn Rissenbeek bloß altersbedingt in Rente geht) mit dem auch finanziellenDruck zu tun haben, der auf den Festivals lastet, glaubt sie. Die PresseempfiehltSerien aus Israel.
Heute Abend wird der DeutscheFilmpreis verliehen - die Debatten in der deutschen Filmbranche laufen derweil heiß. In der FRkommt Daniel Kothenschulte erneut auf den Skandal zu sprechen, dass Christian Petzolds auf der Berlinale prämierter, von der Filmkritik und vom Publikum gefeierter "Roter Himmel" nicht einmal für eine Nominierung vorausgewählt wurde - wohl auch, weil Petzold kein Akademie-Mitglied ist. Ohnehin steht das Verfahren seit vielen Jahren in der Kritik, dass hier Branchenmitglieder Branchenmitgliedern aus Steuern finanzierte Preisgelder zuschanzen. Künftig soll das Verfahren wohl transparenter werden, aber für Kothenschulte führt kein Weg daran vorbei, dass "die Vergabe dieser wichtigen Fördermittel - immerhin 250.000 Euro nur für eine Nominierung zum Hauptpreis - wieder durch eine unabhängigeJury erfolgen muss." Auch "sollte die Zeit reif sein, es vergleichbaren Instituten in den USA, Frankreich oder Spanien gleichzutun: Oscars, Césars oder Goyas - all diese renommierten Preise werden von den nationalen Akademien als undotierte Ehrenpreise vergeben. Was hindert die Filmakademie daran, den MakeldesSelbstbedienungsladens abzustreifen?"
Schier fassungslos ist derweil Hanns-Georg Rodek in der Welt: Die DeutscheKinemathek in Berlin verliert in anderthalb Jahren ihren Standort am Potsdamer Platz, was seit zehn Jahren bekannt ist - doch wo die Reise 2025 hingeht, steht derzeit noch in den Sternen. "Es soll eine Vorauswahlliste mit vier Standorten geben, alle innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings, alles existierende Bauten, aber selbst wenn diesen Sommer eine Entscheidung fiele, müssten diese erst kinematheksgerecht umgebaut werden. Es wäre dann, sagt Kinematheksdirektor Rainer Rother, nur ein 'Zwischenquartier'", denn "die Kinemathek träumt von einem neuenFilmhaus, nur 300 Meter Luftlinie von dem alten, auf dem Parkplatz des Martin-Gropius-Baus, des Ausstellungs-Tempels. Die Idee entstand Ende der Zehnerjahre, und fünf Jahre später steht immer noch der Platanenwald auf dem Parkplatz, und - befürchten Skeptiker - wird auch in fünfJahren noch dort stehen."
Derweil bedrängen die Filmproduzenten Claudia Roth, endlich die seit vielen Jahren ersehnte Reform der Filmförderung auf den Weg zu bringen, berichtet Helmut Hartung in der FAZ: "Die Förderung sei zu kleinteilig, aufgesplittert in sich teilweise widersprechende Instrumente und ineffektiv. Ingo Fliess, unabhängiger Filmproduzent und Vorstandsmitglied des Produzentenverbands, ergänzt, es gehe darum, mit der Novelle des Filmförderungsgesetzes eine regulatorischeInnovation zu erreichen. Mit stärkeren Automatismen sollen Filme schneller, mit weniger Bürokratie und weniger Gremienvorbehalten finanziert werden. Die Filme könnten besser sein, wenn es in Deutschland eine schlankere und unkompliziertere Filmförderung gäbe. Um einen Arthouse-Kinofilm mit einem Budget von drei bis vier Millionen Euro zu finanzieren, benötige man zurzeit zwei Jahre oder länger. Dazu gehörten dann zehn bis 15 Finanzierungspartner."
Und dann war ja auch noch die Sache mit TilSchweiger. Im SZ-Gespräch räumt Constantin-Chef MartinMoszkowicz durchaus Versäumnisse ein und beteuert: "Wir haben mit der Aufarbeitung begonnen und eine externe Kanzlei mit der Aufklärung aller Vorkommnisse beauftragt." In der Branche geht derweil die nackteAngst um, schreibt Claudius Seidl in der FAZ. Er hat sich im Betrieb umgehört und schlimme Geschichten gehört: "Die Fernsehleute haben Angst vor der Willkür inkompetenter Vorgesetzter und vor dem nächsten Kostenkürzungskonzept der Intendanz. Die Kinoleute haben Angst vor beidem: dass die Fernsehleute sich einmischen. Und fast noch mehr davor, dass das Fernsehen kein Geld in Spielfilme mehr investiert. Regisseure haben Angst, das Budget zu sprengen, den Drehplan zu überziehen und vor lauter Druck schlampig zu inszenieren. Und alle anderen, die Autoren und Kameraleute, die Schauspieler und Maskenbildner, sind Freiberufler, die fürchten, keine Engagements mehr zu bekommen, wenn sie erst einmal als Petzen oder Querulanten verrufen sind. Das ganze System ist äußerst fragil."
Weitere Artikel: "Wir müssen erkennen, dass es keine Technologie ist, um die wir gebeten haben oder die wir brauchen", sagt der Drehbuchautor AnthonyMcCarten im TA-Gespräch mit Blick auf die Fortschritte, die KünstlicheIntelligenz in den letzten Monaten gemacht hat: "Wir brauchen eine Regulierung, und zwar schnell." Bert Rebhandl (Standard), Annett Scheffel (SZ) und Julia Lorenz (Zeit) erzählen von ihren Begegnungen mit AriAster, dessen Groteske "Beau is Afraid" (unser Resümee) gerade in den Kinos gestartet ist.
Besprochen werden İlkerÇataks "Das Lehrerzimmer" (Filmfilter, unsere Kritik), LéaMysius' "The Five Devils" (Filmfilter, unsere Kritik) und DavisGuggenheims auf AppleTV+ gezeigter Dokumentarfilm über MichaelJ. Fox (FAZ).
Ruhepause zwischen Peniswitzen: Joaquin Phoenix' in Ari Asters surrealer Groteske "Beau is Afraid" Die Feuilletons stürzen sich auf "Beau is Afraid", den dritten Film von AriAster. Mit seinen intellektuellen Horrorfilmen "Hereditary" (unser Resümee) und "Midsommar" (unser Resümee) hat er sich als neue Stimme des US-Autorenfilms etabliert. Sein neuer Film verlässt das Genre, stürzt JoaquinPhoenix in einen dreistündigen, ziemlich überkandidelten Parforceritt und wirft den "Blick in den Kopf eines angstgestörten, mittelalten Amerikaners mitMutter-KomplexundsexuellenLadehemmungen", wie Andreas Busche im Tagesspiegelschreibt. Aster lässt "den Exzess von Beaus Wahnbildern auf immer absurdere Weise eskalieren. Und das, wohlgemerkt, trotz einer Eröffnungssequenz, die selbst schon an eine Zombie-Apokalypse erinnert." Zumindest die erste Hälfte des Films sei denn auch "sehr gelungen und auf grausame Art komisch, mit seiner Kaskade an immer verrückteren Katastrophen", hält Philipp Stadelmaier in der SZ fest. Da in Hollywood drei Stunden Laufzeit heute eigentlich nur noch Superheldenfilmen gegönnt werden, "ist Asters origineller Autorenfilm-Exzess unbedingt zu würdigen. Doch irgendwann wird es monoton, die psychoanalytischen Motive, bis hin zur Begegnung mit einem väterlichenRiesenphallus auf dem Dachboden, wirken arg überstrapaziert."
So sieht es auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, der einem Plot folgt, der sich immer mehr auf eine Weise verknotet, "als habe sich eine Gruppe von Surrealisten zusammengesetzt und mit dem Drehbuchpapier Cadavre Exquis gespielt". Und "eigentlich müsste man diesen außergewöhnlichen Film für seine Einfalls- und Detailfülle feiern, doch das übergeordnete Thema bremst seine Freiheit zugleich aus. Das Spiel mit den Freud'schen Klischees verliert bei aller Absurdität doch alles wirklich Spielerische." In diesem Film sieht man ja den Wald vor lauter Schwänzen kaum, findettazlerin Arabella Wintermayr: "Peniswitze machen einen Großteil des Gag-Arsenals aus. Mal trägt ein Bordell den Namen 'ErecturEjectus', mal zieren Phallusgraffiti den Hintergrund." Welt-Kritiker Jan Küvelver braucht nach diesem Film "zur Erholung bitte erst einmal einen Spider-Man".
Weitere Artikel: Valerie Dirk spricht für den Standard mit IsabelleHuppert über deren aktuellen Film "Die Gewerkschafterin" (unser Resümee). Der bulgarische Regisseur TeodorUschew hat aus Solidarität mit der Ukraine eine russische Filmauszeichnung abgelehnt, meldet Barbara Oertel in der taz.
Besprochen werden RainerKomers' Dokumentarfilm "Miyama Kyoto Prefecture" über das Landleben in Japan (Perlentaucher, FR), JalmariHelanders finnischer Western "Sisu" (taz, Standard), die siebte Folge der letzten Staffel der Serie "Succession" (TA), BillHoldermans "Book Club - Ein neues Kapitel" (FAZ), und LeeUnkrichs Luxusband im Taschen Verlag über Stanley Kubricks "The Shining" (SZ). Außerdem erklärt die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
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Naja Marie Aidt: Aus dem Dunkel Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Eine Geschichte, in der sich jede Frau wiedererkennt: über männliche Übergriffigkeit und weibliche Solidarität. Und über die Kraft…
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