Glauben Sie dieser Frau? Isabelle Huppert ist "Die Gewerkschafterin"
In Jean-PaulSalomés "Die Gewerkschafterin" spielt IsabelleHuppert die Whistleblowerin MaureenKearney, die in Frankreich 2012 einige Hinterzimmerdeals aufdeckte und darüber Opfer eines Vergewaltigungsanschlags wurde, dem eine Drangsalierung durch die Polizei folgte. "Huppert spielt den Prozess, in dem diese einst so entschlossene Frau langsam an den Fragen und Unterstellungen zerbricht, absolutfantastisch", schreibt Maja Beckers auf ZeitOnline. "Oder ist es der Prozess, in dem sich eine Heldin als Betrügerin entpuppt? Lügt sie oder lügt sie nicht? Huppert bringt genau die Ambivalenz mit, die ein Politthriller braucht." Doch leider bleibt es bei diesem Kippspiel: "Nach etwa einem Drittel kippt der Politthriller ins Psychodrama und kreist einzig um die Frage: Glaubt jemand dieser Frau?" Es ist wie es ist, "Salomé ist kein Könner wie Chabrol", seufzt auch Andreas Kilb in der FAZ. "Statt seine Inszenierung auf den Ton einzustimmen, den seine Hauptdarstellerin vorgibt, erzählt er die Geschichte mal als staatskapitalistischen Industriekrimi, mal als Familiendrama und verliert dabei die Essenz des Stoffs, den Kampf Maureen Kearneys gegen die Männermacht der Apparate, immer wieder aus den Augen."
Außerdem: Elmer Krekeler spricht in der Welt mit dem Schauspieler MehmetKurtulus. Die Presseplaudert mit TyronRicketts, der in der Disney-Serie "Sam - ein Sachse" SamuelMeffire (hier im großen Gespräch mit Dlf Kultur) spielt, der Sachsens erster schwarzer Polizist gewesen ist, bevor er selbst in die Kriminalität abgerutscht ist. Catherine Corsinis kurzzeitig wegen mehrerer, teils sehr diffuser MeToo-Vorwürfe aus dem Cannes-Programm geflogener Film "Le Retour" wird nun doch im Mai an der Croisette laufen, meldet Niklas Bender in der FAZ.
Besprochen werden das auf Paramount+ gezeigte Remake des 80s-Horror-Reißers "Hellraiser" (taz), die auf AmazonPrime gezeigte Actionserie "Citadel" (Tsp) und die auf AppleTV+ gezeigte Serie "The Big Door Prize" (TA).
Weiche Seele in einem extremen Körper: "The Whale" DarrenAronofskys "The Whale" über einen schwer adipösen, homosexuellen Mann kurz vor dem körperlichen wie biografischen Zusammenbruch beschäftigt die Filmkritik weiter (unser erstes Resümee). Das Kammerstück gibt "in seiner konzentrierten, entfärbtenGleichförmigkeit Raum gibt zum Nachdenken, zum Abschweifen", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. Da kommt man dann auch auf ungewöhnliche Assoziationen: "Tatsächlich erinnern sowohl der exakt definierte Schauplatz als auch das Figurenensemble an klassische Sitcoms. Die Verbindung von szenischem Minimalismus im klassischen 4:3-Format, teils absurd überzeichneten Figuren und einem dezent ins wahnwitzige abgleitenden Plot (sowie außerdem die Obsession mit Sprache, insbesondere in Form ominöser, mit Bedeutung überfrachteter Essays) ist nicht ganz weit weg von einer Serie wie 'Seinfeld'. Tatsächlich ist 'The Whale' letztlich genau wie 'Seinfeld' die Chronik einer Selbsteinschließung."
Dass der Film sich ein bisschen sehr an der Fettleibigkeit und damit einhergehenden Vorurteilen weidet, muss Cosima Lutz von der Welt erst einmal verkraften. "Es schadet nicht, sich zu vergegenwärtigen, dass dicke Charaktere in der Vergangenheit vor allem der Belustigung des Publikums dienten." Der Regisseur entscheidet sich jedoch "klar für die Drastik. Auf den Problemkörper des Protagonisten starrt 'The Whale' von der ersten Masturbationsszene an wie auf ein groteskes Ungeheuer", um dann aber doch darin auf "eine weicheSeele, irgendwo tief drin in einem extremen Männerkörper" zu stoßen. Diese Empathiemaschine bleibe aber äußerlich: Aronofskys "Problem ist, dass er diese Thematik nur benutzt, um in seiner letztlich reaktionären Story des sich selbst bestrafenden schwulen Eigenbrötlers dick aufzutragen." Außerdem besprechen Katja Nicodemus (Zeit), Sandra Kegel (FAZ), Daniel Kothenschulte (FR) und Arabella Wintermayr (taz) den Film.
Sehr berechtigt findet es Andreas Busche vom Tagesspiegel, dass der Verein Schwarze Filmschaffende e.V. in einem an zahlreiche Kultureinrichtungen geschickten Offenen Brief gegen LarsKraumes "Der vermessene Mensch", der aus weißer Perspektive vom Genozid an den Herero erzählt (unsere Resümees hier und dort), protestieren: Sie wollen unter anderem von der Kulturstaatsministerin Claudia Roth und der Berlinale wissen, "warum der Bund mit seinem Bekenntnis gegen Diskriminierung in jeglicher Form einen Film fördert, der rassistische und koloniale Stereotype verbreite, dieser bei einem Internationalen Filmfestival läuft, das ebenfalls mit Steuergeldern finanziert wird, und er der Akademie sogar noch als preiswürdig erscheint. Das war ein angemessen klarer Tonfall, den man innerhalb der kuscheligen deutschenBranche nicht gewohnt ist. Eben weil diese, trotz zahlreicher Reformankündigungen, immer noch so homogen ist, dass niemandem auffällt, wie problematisch die sogenannte Erinnerungskultur in 'Der vermessene Mensch' eigentlich ist. Ein Film, der künftig, so steht zu befürchten, im Schulunterricht gezeigt wird."
Außerdem: Für den Standardwirft Bert Rebhandl einen Blick ins Programm des Linzer Festivals "Crossing Europe", das sich in diesem Jahr besonders mit der Ukraine befasst. Dass CathérineCorsinis "Le retour" im Mai in Cannes laufen soll, sorgt in Frankreich für erhitztes Debattenaufkommen, meldet Hanns-Georg Rodek in der Welt: Die Regisseurin soll am Set ungeheuer gewütet haben, hinter den Kulissen soll es sexuelleÜbergriffe gegeben haben und eine minderjährigeSchauspielerin soll vor der Kamera eine seitens des Drehbuchs nicht vorgesehene Masturbation simuliert haben müssen. Philipp Stadelmaier versenkt sich mit einem Programmschwerpunkt der aktuell laufenden KurzfilmtageOberhausen in Filmwelten, die in den Umgebungen von Computerspielen erstellt wurden.
Besprochen werden Jean-PaulSalomés "Die Gewerkschafterin" mit IsabelleHuppert (Tsp, FAZ), BobbyFarrellys Komödie "Champions" (Perlentaucher, Standard), RianJohnsons Krimiserie "Poker Face" (taz, Presse, mehr dazu bereits hier), ConstantinWulffs Dokumentarfilm "Für die Vielen" über die ArbeiterkammerWien (taz), die auf Disney+ gezeigte Serie "Sam - Ein Sachse" über SamuelMeffire, den ersten schwarzen Polizisten Sachsens (FR, FAZ, ZeitOnline), Bettina Blümners Roadmovie "Vamos a la playa" (Tsp) und die fünfte Folge der letzten Staffel von "Succession" (TA). Außerdem verraten uns die SZ-Filmkritiker, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Was für eine gute Nachrichte: Jafar Panahi darf Iran verlassen, meldet seine Ehefrau Tahereh Saeedi auf Instagram. "Wir werden jetzt ein paar Tage reisen."
Im Standardspricht Valerie Dirk mit DarrenAronofsky über dessen Kammerstück "The Whale" (unser Resümee) und insbesondere über den Schauspieler BrendanFraser, dem er damit zum künstlerischen Comeback verholfen hat. Besprochen werden ChristianPetzolds "Roter Himmel" (Jungle World, unsere Kritik hier) und SamMendes' "Empire of Light" (taz).
Es sieht ganz danach aus, als würden HollywoodsDrehbuchautoren ab 1. Mai in einen unbefristetenStreik eintreten, schreibt Claudius Seidl in der FAZ, der auch weiß, dass hinter den Kulissen bereits regste Betriebsamkeit ausgebrochen ist, da die kurzfristige (Talk-Shows), mittelfristige (Serien) und langfristige Produktion (Filme) akut gefährdet ist. "Die Krise hat damit angefangen, dass die Leute an der Wall Street sich daran zu stören begannen, dass die großen Streamingdienste (und jedes Filmstudio hat, weit über seine Verhältnisse, ins Streaming investiert) gigantischeVerluste machen. Lange Zeit hat das keinen gestört, weil es nicht um Gewinne, sondern ums Wachstum ging. Sehr bald wird es aber Wachstum nur noch als Nullsummenspiel geben, indem also ein Dienst dem anderen die Abonnenten abschwatzt. ... Die Produktionsfirmen müssen also die Kosten senken, drastisch sogar - sie entlassen Leute, sie drücken auf Gehälter und Honorare. Und die Autoren, die schon vom Boom der Serien kaum profitiert haben, sollen jetzt auch noch für die Krise der Firmen büßen. Dabei hatte es, als vor fünfzehn, zwanzig Jahren die große Zeit der Serien anfing, so ausgesehen, als ob das herrliche Zeiten für Autoren würden."
Nan Goldin in "All the Beauty and the Bloodshed" LauraPoitras' beim Filmfestival Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneter Porträtfilm "All the Beauty and the Bloodshed" über die Künstlerin und Aktivistin Nan Goldin startet zwar erst im Mai in den Kinos. In der SZärgert sich Catrin Lorch dennoch schon jetzt über diesen Film, der seine dokumentarische Form eher heuchelt, da er in engster Zusammenarbeit und Absprache mit Goldin entstanden ist, die sich in den letzten Jahren auch deshalb einen Ruf erarbeitet hat, da sie unermüdlich die Verstrickungen der US-Pharmaindustrie (insbesondere jenes Teils, der mit seinen Schmerzmitteln Millionen von Menschen in die Sucht und viele in den Tod getrieben hat) mit dem Kunstbetrieb aufdeckt. "Dass es im Rausch des Erzählens gerade nicht um die Sache selbst geht - also beispielsweise die Verflechtungen zwischen Kapital, Pharma-Industrie, Philanthropie, öffentlicher Bildung oder staatlicher Kunstförderung -, übersieht man fast. Zitate der Gegenseite, belastbare Statistiken, eine Analyse des amerikanischen Gesundheitssystems beispielsweise würde den Flow nur unterbrechen. Dass der Film aber auch andere Proteste ausblendet - beispielsweise die Aktivisten, die lange vor Goldin schon Kunstereignisse und Institutionen wie die Tate für ihre Kooperation mit BP oder Shell attackierten -, ist unverzeihlich und verstößt gegen jedes journalistische oder dokumentarische Ethos." Brendan Fraser in "The Whale" Drastik-Meister DarrenAronofsky hat mal wieder zugeschlagen: Das Kammerstück "The Whale" handelt von einem schwer fettleibigen Literaturprofessor, der sich seine Wohnung nach einem Schicksalsschlag zu einem Gefängnis erfressen hat und nun seinem Tod entgegen sieht. Für den Hauptdarsteller BrendanFraser, der in den Neunzigern als Blockbuster-Mime reüssierte, ist es das künstlerische Comeback, das die Academy kürzlich mit einem Oscar würdigte. "Aronofsky war immer schon ein gewiefterManipulator", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel und fühlt sich ein bisschen zu sehr an der Nase durch die Manege gezogen: "Je mehr Personen sich in dem kleinen Apartment drängen, desto mehr kippt das Drama in eine Soap Opera: Es wird geschrien, geheult und gekotzt. Auch eine Form der Katharsis." SZ-Kritiker David Steinitz muss bedauernd feststellen, dass Aronofsky wenig getan hat, um die Bühnenherkunft des Stücks zu kaschieren: "Seine Protagonisten gehen ständig mäßig motiviert wie von einer Bühne auf und ab." Und "irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass der oscargekrönte Regisseur Darren Aronofsky seinen Zuschauern zeigen will, dass auch sehr dicke Menschen ... tief in ihren schwer geschädigten Herzen gute Leute sind. Dass man also, bitteschön, nicht nur nach dem Äußeren urteilen soll, so abstoßend es auch wirken mag. Schön. Und richtig. Nur warum ergötzt der Regisseur sich dann zwei Stunden in Detailaufnahmen der ganzen Adipositaskatastrophe?"
FAZ-Kritikerin Sandra Kegel muss ihren Kollegen widersprechen: "So wie die great american novel'Moby Dick' von sehr viel mehr handelt als nur von Walfang, puzzelt 'The Whale' mit seinen thematischen Versatzstücken über Familie, Religion und einem versagenden Bildungssystem zuletzt das Porträt der abgehängten amerikanischen Provinz der Gegenwart zusammen. Zweifellos ist 'The Whale' ein Drahtseilakt" doch "liefert Aronofsky tatsächlich eine ergreifende Reflexion über Schuld, SexualitätundScham, ein Drama, das eine Selbstzerstörung ausbreitet, die keine Erlösung findet, unabhängig davon, wie sehr wir uns nach Mitgefühl sehnen."
Außerdem: Silvia Hallensleben resümiert in der taz das "Internationale Frauen Film Fest" in Dortmund. Besprochen wird AriAsters Groteske "Beau is Afraid" mit JoaquinPhoenix (NZZ).
Einmal Retro bitte: "Poker Face" Horizontales (also staffelweises) Erzählen ist ja sowas von gestern, beziehungsweise in diesem Fall gerade nicht: Die von RianJohnson kreierte Krimi-Serie "Poker Face" rund um eine übernatürlich begabte Ermittlerin kehrt zum bewährten "Fall der Woche"-Modus der Siebzigerjahre zurück, schreibt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline mit spürbarer Begeisterung für diese liebevoll ausstaffierte "Hommage an retroseliges Gewohnheitsfernsehen" und dieses "perfektdurchkomponierteLiebhaberprojekt." Wer heute eine Serie in diesem Erzählmodus sieht, erlebz dabei "eine Fernsehserie über das Fernsehgucken. Alles, was dem Publikum früher Geborgenheit hätte vermitteln sollen - die abgeschlossenen Folgen, die klare Täterschaft, die heldenhafte Heldin -, könnte bei anspruchsvollen Gegenwartszuschauern eher Nervosität auslösen. Müssten die Figuren nicht abgründiger sein? Sollten unter den tatsächlichen Falltüren von Poker Face nicht auch ein paar metaphorische warten?"
Außerdem: Marc Hairapetian spricht für die FR mit Geraldine Chaplin über ihre Rolle in RobertSchwentkes "Seneca". Wilfried Hippen empfiehlt in der taz die 20. Dokumentarfilmwochein Hamburg. Besprochen wird ElisaAmorusos und JulianJarrolds auf Disney+ gezeigte Mafiaserie "The Good Mothers" (NZZ, mehr dazu bereits hier).
Und ein interessantes Archivfundstück: Der Filmkritiker André Malberg bringt auf Facebook einen Artikel von KlausLemke aus dem Jahr 1965, in dem der ewige Independentfilmer zwischen Hoffnung und Skepsis auf die Anfänge der deutschen Filmförderung blickt.
Der filmische Nachwuchs in Deutschland sieht angesichts eines zusehends geriatrischen und experimentierunwilligen Betriebs seine Felle davon schwimmen. Eine beeindruckend große Zahl hat jedenfalls den "Appell des jungen deutschen Films" unter der Überschrift "Angst essen Kino auf" unterzeichnet: "Wir lieben das Kino", doch "ihr, die Ihr die Weichen stellt in unserer Branche - macht es uns schier unmöglich, für dieses Kino zu kämpfen." Denn "in Deutschland wagt man nichts, was sich nicht bereits bewährt hat. ... Statt zu sehen, dass Erfolg nur mit Risikobereitschaft, mit Neuem, Nie-Dagewesenem, Originellem kommt, setzt Ihr auf Remakes, Sequels, Romanadaptionen, Schenkelklopfer-Komödien und natürlich: bekannte Gesichter und Namen." Insbesondere die große Machtstellung derFernsehsender steht in der Kritik: Dieses "muss wieder mutiger werden, und das Kino als Kino respektieren. Es kann nicht sein, dass Kinofilme 'fernsehkonform' gemacht werden, damit sie, wenn überhaupt, zu später Stunde über die kleinen Bildschirme laufen dürfen."
Außerdem: Alexandra Seitz würdigt in epdFilm den Schauspieler ThomasSchubert, der ihrer Ansicht nach für seine Leistung in ChristianPetzolds "Roter Himmel" (besprochen im Filmdienst und auf Artechock, mehr dazu hier und dort) eigentlich den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leitung verdient hätte: "Sein miesepetriger Schreiberling ist eine Schau, eine mutige Darbietung von Schwäche, eine komplexe Erkundung erbarmungswürdiger Großkotzigkeit, die schon beim kleinsten Gegenwind eingeht." Barbara Schweizerhof widmet sich im Freitag dem Hype um die HBO-Serie "Succession", die mit ihrer vierten Staffel gerade zu Ende geht. Thomas Willmann spricht für Artechock mit BrandonCronenberg über dessen neuen Horrorfilm "Infinity Pool". Die tazspricht mit MichaelBiedowicz, der mit "Alles anders machen" einen Dokumentarfilm über die in der Wendezeit wenige Monate lang erschienene Ost-taz gedreht hat. Thomas Klein hat für den Filmdienst mit den Intimitätskoordinatoren Franzy Deutscher und Florian Federl gesprochen. Thomas Meder befasst sich für epdFilm mit dem Verhältnis zwischen Film und Malerei. Joachim Huber wundert sich im Tagesspiegel, dass die Produktionsfirma von "Weißensee" die Erfolgsserie zwar fortsetzen will, die ARD aber offenbar kein Interesse an Nachschub hat.
Besprochen werden SamMendes' "Empire of Light" (Artechock), DexterFletchers auf AppleTV+ gezeigter Film "Ghosted" (SZ), KyleMarvins "Brady's Ladies" (Artechock), ChristianCarions "Im Taxi mit Madeleine" (Artechock), RuthOlshans "Himbeeren mit Senf" (Artechock) und MarionAmmichtsvon Arte online gestellter Film "Gundremmingen - eine deutsche Atomgeschichte aus der Provinz" (BLZ).
Die Zeit hat im Kulturbetrieb nachgefragt, wie es um Cancel-Culture-Sorgen und Diversitätsauflagen steht. Da gibt es mittlerweile viel zu bedenken und zu berücksichtigen, damit das Publikum gut erzogen wird, sagt der Regisseur KaiWessel: "Schon lange soll in Fernsehfilmen kein Alkohol getrunken werden, im Auto muss man sich anschnallen, Zuschauer sollen nicht auf schlechte Gedanken gebracht werden. Wenn man als Drehbuchautor*in einen Stoff verkaufen will, dann ist man gut beraten, ein paar Namen reinzuschreiben, die nicht 'biodeutsch' sind. Die Redaktionen sind angewiesen, Stoffe divers zu entwickeln. Ich finde das großartig. Denn so können wir aus der alten Soße rauskommen. Nur das Zwangartige stört mich, die Einteilung von Menschen in Schubladen. Das engt künstlerischeFreiheiten ein."
Außerdem: Im StandardsprichtNikolausGeyrhalter über seinen (in Deutschland fürs Kino derzeit noch nicht angekündigten) Dokumentarfilm "Matter out of Place" über Müll. In seiner Tagesspiegel-Kolumne amüsiert sich Joachim Huber darüber, dass Netflix und Lacoste nun eine gemeinsame Modelinie herausgeben: "Wird Streaming noch mal schöner, wenn ich die 'Bridgerton'-Schnulze in Lacoste x Netflix-Socken (3er-Pack für 50 Euro) erlebe?" Andreas Rosenfelder (Welt) und Philipp Bovermann (SZ) staunen über den sensationellen Erfolg des "SuperMarioBros"-Films - dass die Kritik den Film "bislang ignoriert" habe, wie Rosenfelder behauptet, können wir allerdings nicht bestätigen.
Besprochen werden ChristianPetzolds "Roter Himmel" (Zeit, online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu bereits hier und dort), SamMendes' "Empire of Light" (Welt, NZZ, Jungle World), Lee Cronins Horrorfilm "Evil Dead Rise" (ZeitOnline), eine Kino-Neuauflage von Loriots Animationsfilmen (Tsp), AliceBirchs Serienadaption von DavidCronenbergs Horrorklassiker "Dead Ringers" (Freitag) und die Serie "Wolf Pack" (FAZ).
Bemüht sich, krumm in der Landschaft herumzustehen: Thomas Schubert in "Roter Himmel" Die Begeisterung der Filmkritiker für ChristianPetzolds "Roter Himmel" (unser erstes Resümee) hält an: Die Sommerkomödie über einen für die Kunst leidenden Nörgler von einem Schriftsteller, während rings um ihn herum die Menschen den Urlaub genießen, überzeugt Barbara Schweizerhof von der taz: "ThomasSchubert bringt das Unbehagen von Leon großartig zum Ausdruck. Nicht nur in der Mimik, dem immer etwas gequälten Gesichtsausdruck, der zu sagen scheint: 'Ich bemühe mich doch!', sondern in der ganzen Körpersprache, dem stets etwas krummen Herumstehen in der Landschaft. ... Dabei dosiert Schubert sein Abbild von Miesepetrigkeit so präzis, dass er doch nie ganz zur Witzfigur wird." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte stellt fest: "In einer Atmosphäre flirrenderSinnlichkeit gibt Petzold der Sprache, diesem angeblich unfilmischen Mittel, ein ungewöhnliches Gewicht." Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek sah einen "Film der einseitigen, der unverbindlichen, der verdeckten Beziehungen und von daher ziemlich Rohmer - aber Petzold wäre nicht der Deutsche, der er eben auch ist, wüchse aus dem Unverbindlichen nicht das Bedrohliche." Perlentaucher Patrick Holzapfel erlebte bei der Berlinale-Premiere eine Befreiung des Regisseurs "von den großen Auteurgesten": Petzold wendet sich hin "zur reinen, ausgestellt naivenFreudeamKino".
Weitere Artikel: Katharina Rustler porträtiert im Standard die Schauspielerin TheaEhre, die bessere Bedingungen für Transmenschen in der Branche fordert. Netflix hört auf - allerdings nur mit dem DVD-Versand, mit dem das Unternehmen einst am Markt in Erscheinung getreten ist und den es bisher auch tatsächlich nicht aufgegeben hatte, melden Christian Meier (Welt) und David Steinitz (SZ). Das Kino würdigt derzeit mit Vorliebe nostalgischaufgeladenesPlastikspielzeug, seufzt Pascal Blum im Tagesanzeiger. In der FAZgratuliert Michael Hanfeld dem Schauspieler Claus Theo Gärtner zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden MaySpils' derzeit im Streamingprogramm der Deutschen Kinemathek gezeigtes Debüt "Das Portrait" von 1966 (Perlentaucher), SamMendes' Melodram "Empire of Light" (Tsp, FAZ, SZ), BrandonCronenbergs Science-Fiction-Horrorfilm "Infinity Pool" (ZeitOnline, SZ), die letzte Staffel der HBO-Serie "Succession" (Jungle World, TA), TarikSalehs "Die Kairo-Verschwörung" (Standard), die Münchner Ausstellung über 100JahreDisney (FR), die DVD-Ausgabe von MaryNighys "Alice, Darling" (taz), KyleMarvins "Brady's Ladies" (FR) und die auf Sky gezeigte Serie "A Town Called Malice" (FAZ). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Locker machen, der Wald brennt: "Roter Himmel" von Christian Petzold Die Filmkritik feiert ChristianPetzolds "Roter Himmel", in dem ein verschroben-verkniffener Schriftsteller in der Sommerfrische an der Ostseeküste (unter den Eindrücken eines nahenden Waldbrandes) lernt, dass er sich auch mal locker machen muss. ThomasSchubert spielt ihn, ein Neuzugang in der Petzold-Factory und eine Entdeckung, findet Susan Vahabzadeh in der SZ: "Es ist ein schöner Balanceakt, den er hier hinbekommt - er nervt, aber nie so sehr, dass man nicht mehr wissen wollen würde, wie er denn nun aus dieser Geschichte herauskommt. Wie ein tapsigerWelpe, der Porzellan zerschlägt." Der Film selbst "ist wunderbarleichtfüßig erzählt, kaum ein anderer deutscher Filmemacher kann so genau seine Figuren zeichnen, mit seinen Bildern so präziseEmotionen schaffen wie Christian Petzold".
Ein Film "wie eine Komödie nach Eric Rohmer", schreibt Gunda Bartels im Tagesspiegel: "Der Wind am Strand, das Sirren der Mücken und Summen der Fliegen: 'Roter Himmel' ist auch eine Sinfonie der Sommerklänge. Und ein Kaleidoskop aus verstohlenen Fensterblicken (Kamera: Hans Fromm), mit denen Leon die Unbeschwerten beargwöhnt, die nicht unter dem Druck stehen, sich als Schriftsteller beweisen zu müssen." Dlf Kultur hat ausführlich mit Petzold gesprochen. Auch die englischsprachige Filmpresse hat bei Petzold nachgefragt: Große Gespräche über seinen Film bringen Film Comment und Cinema-Scope. Außerdem spricht Petzold in der ersten Stunde dieser "Langen Nacht" beim Dlf Kultur ausführlich über Hitchcock.
David Steinitz nimmt den Kinostart des Films nochmal zum Anlass, um auf das peinliche Versagen der DeutschenFilmakademie hinzuweisen, die für die Vergabe des DeutschenFilmpreises zuständig ist - und "Roter Himmel" nicht einmal für die Vorauswahl qualifizierte, mutmaßlich weil Petzold kein Akademiemitglied ist. Ärgerlich wird dies vor allem, weil der private Verbund erhebliche Beträge aus Steuermitteln zu verschenken hat und schon eine Nominierung Vorteile bei der Förderung weiterer Filme schafft. Da stellt sich "die Frage, warum die diesjährige Spielfilmjury nicht nur eine Handvoll Filme, sondern 40 Prozent eines Jahrgangs preiswürdiger findet als das bereits hymnisch rezensierte Werk eines der wichtigsten deutschen Filmemacher" und auch "ob das Blödheit oder Absicht ist". Immerhin fällt auf, dass sowohl Publikumsfilme als auch Kritiker-Erfolge "es beim Filmpreis oft besonders schwer haben, während das Mittelmaß die Preise unter sich aufteilt".
Außerdem: Georg Seeßlen erklärt im epischen ZeitOnline-Essay den Disney-Konzern, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert, zu einer Religion. Im Tagesspiegelempfiehlt Christiane Peitz das Ukrainian Film Festivalin Berlin. Besprochen wird die von Arte online gestellte Doku "Die Zukunft in unseren Händen" über die Arbeit von Hebammen (ZeitOnline).
Wahre Schönheit kommt von innen: Brandon Cronenbergs "Infinity Pool" Es liegt ja in der Familie: Auch BrandonCronenberg, Sohn von Körperdichter David Cronenberg, zeigt in seinen Filmen fiesen Bodyhorror, der tief vordringt ins Gewebe von Körper und Geist. Jetzt kommt sein dritter Film "Infinity Pool" ins Kino und handelt von einem Luxus-Resort in einem Entwicklungsland, wo die Dekadenz der Gäste irgendwann seltsame Blüten treibt, als sie darauf stoßen, dass man hier seinen eigenen Körper klonen und damit allerlei Unsinn anstellen kann. "Cronenberg tippt etliche Gedanken mit philosophischem Potential an, um dann zügig den nächsten 'What the fuck?'-Moment draufzusetzen", schreibt Simon Rayß im Tagesspiegel. "Zu den bizarren Höhepunkten gehören unter anderem ein Wrestling-Kampf mit einem nackten Alter Ego sowie eine Orgie im Drogenrausch mit albtraumhaftmutierendenGeschlechtsteilen." Mit dem Kameramann KarimHussain findet Cronenberg "faszinierend-obszöneBilder: ein Kaleidoskop aus Farben, Formen, Überblendungen und Strobo-Geflacker, um der zunehmenden Enthemmung eine visuelle Form zu geben. Man muss sich auf diesen Bilderrausch schon einlassen wollen, die philosophischen Fragen allein tragen die Handlung nicht."
Außerdem: Im Tagesspiegelempfiehlt Claudia Lenssen dem Berliner Publikum die auf mehrere Kinos verteilte RetrospektiveClaudiavonAlemann der Deutschen Kinemathek: Wiederzuentdecken sind Filme, "die für ihr lebenslanges Interesse an den ungelösten Fragen weiblicher Emanzipation stehen und Claudia von Alemann zu einer der bedeutendsten Regisseurinnen des feministischen Films machen". Michael Ranze verneigt sich im Filmdienst vor LindsayAnderson, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre.
Besprochen werden SamMendes' "Empire of Light" über die Thatcher-Ära (Zeit), die Netflix-Serie "Beef" (NZZ) und die zweite Staffel der Serie "Para - Wir sind King" über coole junge Frauen aus dem Berliner Wedding (FAZ).
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