
2005 veröffentlichte
Mark Leonard ein Buch mit dem Titel
"Warum Europa die Zukunft gehört" (dt. 2007). Jetzt sieht es eher so aus, als würde Europa in den Abgrund taumeln. Was hat sich in dieser kurzen Zeit so verändert?
2005, erklärt er im
Interview, hatte die
stolze zehn Länder hinzugewonnen, und andere, wie die
Ukraine oder Georgien lehnten sich, von Europa inspiriert, gegen ihre autokratischen Herrscher auf. Und die
EU als Organisationsform - Staaten arbeiten zusammen und geben einen Teil ihrer Souveränität fürs Ganze ab - wurde
weltweit kopiert: Welthandelsorganisation, Kyoto-Protokoll, Internationaler Strafgerichtshof entstanden nach ihrem Vorbild. Auch in Afrika, Asien und Lateinamerika schlossen sich Staaten zu supranationalen Organisationen zusammen: "Alles zusammengenommen schien es so, als würde Europa die Welt
nach seinem Bild neu gestalten und seine Werte exportieren. Es ist eins der beunruhigsten Dinge in der Welt 2016, dass die meisten Europäer das Gefühl haben, die Welt um sie herum versinke
im Chaos und das es heute die Welt ist, die
sie formt - zum Beispiel durch das Fehlschlagen des arabischen Frühlings, das dazu geführt hat, dass Europas Nachbarn nicht Demokratie und europäische Werte importieren, sondern Flüchtlinge und Chaos exportieren."
Wie konnten die
Brexit-Gegner nur so versagen,
fragt Yoni Appelbaum. Warum haben sie die andere Seite als bigott verunglimpft und die Mitgliedschaft in der EU als alternativlos hingestellt? Statt Angst, meint er - auch mit Blick auf Hillary Clinton -, hätten sie
lieber Zuversicht verbreiten sollen: "Sie waren unfähig, die Vision einer besseren, helleren Zukunft zu entwerfen. Sie waren unfähig überzeugend aufzulisten, wieviel die Briten gewonnen hatten. Sie waren unfähig, die wirklichen Sorgen ihrer Wähler anzusprechen und anzuerkennen, dass die Interessen unterschiedlicher Wähler manchmal unterschiedlich sind. Sie sahen auf diejenigen, die die Fehler im globalen System aufzeigten -
von Bernie Sanders zu Nigel Farage - und sahen nur Ideologen, die haarsträubende Versprechungen machten."
Donald Trump war mal Demokrat, dann Republikaner, dann wieder Demokrat usw.
Bernie Sanders war immer ein Unabhängiger und hat sich erst vor wenigen Monaten den Demokraten angeschlossen. Seitdem wachsen die Unabhängigen unter seinen Anhängern, während es immer weniger Demokraten werden.
Ted Cruz hat den republikanischen Führer des Senats verunglimpft und gegen das republikanische Establishment gehetzt. Sind denn
alle verrückt geworden,
fragt Jonathan Strauch im Aufmacher des neuen Hefts: "Auf ihre ganz unterschiedliche Weise demonstrieren Trump, Cruz und Sanders ein neues Prinzip: Die politischen Parteien haben keine klaren Begrenzungen mehr oder durchsetzbare Regeln. Die Folge ist, dass sich
abtrünniges politisches Verhalten auszahlt."