
Dies ist sicherlich einer der
großartigsten Texte des Jahres. Und wenn das Bedürfnis, nochmal ganz neu über ein Land nachzudenken, das einen wie Donald Trump zum Präsidenten macht, weithin riesig ist, dann ist es auch ein Trost, dass dies nirgends besser geschieht als in Amerika selbst!
Kurt Andersens "How America Lost Its Mind" ist ein
Vorabdruck. Der Titel ist
ernst gemeint und wörtlich zu verstehen: Das Bedürfnis, an
Verschwörungen zu glauben, ist seit den gloriosen Sechzigern immer weiter gewachsen. Schuld ist auch die
akademische Linke, die Andersen keineswegs ausspart, von Foucault über Feyerabend bis Baudrillard (alles keine Amerikaner, by the way). Das "Anything Goes" des Postmodernismus wurde von rechten Hass-Szenaristen begierig aufgegriffen: Wenn Wahrheit ein Konstrukt ist, dann lasst sie uns konstruieren. Auch wenn die Rechte am Ende erfolgreicher war als die modische Linke mit ihrem Relativismus - eben weil sie es fertig brachte, Verschwörungstheoretiker
ins Präsidentenamt zu bringen - die beiden bedingen einander: Seit den Sechzigern hatte die Rechte zwar "stets die Verbreitung des Relativismus angeprangert, die Idee, dass nichts wahrer ist als irgendetwas anderes. Die Konservativen hassten natürlich, wie der Relativismus einige ehrwürdige und
komfortabe herrschende Ideen unterminierte - Begriffe von natürlicher Bestimmung (die etwa auf Geschlecht und Hautfarbe beruhten) und ästhetischer Schönheit und moralischer Gewissheit. Aber sobald der Mainstream einmal akzeptiert hatte, dass es viele gleichermaßen gültige Realitäten und Wahrheiten gibt, konnte
jedwede Barbarei darauf pochen, ernstgenommen zu werden. Konservative kritisierten zurecht, dass der Relativismus auf dem College-Campus nicht gestoppt wurde, aber als er sich über ganz Amerika verbreitete, trug er dazu bei, extreme christliche und andere Ideologien möglich zu machen, inklusive Waffenhysterie, Black-Helicopter-Wahn, Klimaleugnung und mehr."
Ebenfalls lesenswert: Der
Text des ehemaligen
New-Republic-Chefredakteurs
Franklin Foer über seine Zusammenarbeit mit dem
Facebook-Mitbegründer
Chris Hughes, der die ehrwürdige Zeitschrift 2012 gekauft hatte und zunächst mit großem Enthusiasmus an die Erneuerung des Instituts ging, bis er sie als datengläubiger Techniknerd
zu Tode modernisierte. Eines Tages tauchte er mit einigen Softwaringenieuren und Internetgurus in der Redaktion auf: "Sie sollten unserem Journalismus die
coolen Features geben, die ihn auf dem Marktplatz herausragen lassen würden. Das kostete natürlich Geld, und dieses Geld sollte aus dem Budget kommen, mit dem bislang die
großen Dossiers bezahlt wurden. Wir waren jetzt eine Tech-Firma, sagte er mir (er leugnet, dies gesagt zu haben). Und ich antwortete: 'Das klingt nicht wie die Art Firma, für deren Leitung ich qualifiziert wäre.' Doch doch, versicherte er. Zwei Monate später erfuhr ich von einem Kollegen, dass Chris meinen
Nachfolger schon eingestellt hatte und dass der Nachfolger in New York Mittagessen abhielt, bei denen er Jobs bei der
New Republic anbot." Foer und viele Kollegen kündigten - die
New Republic ist seitdem ein Schatten ihrer selbst. Hughes ist ausgestiegen.
In diesem Zusammenhang könnte man noch auf
Jeff Jarvis'
Artikel in
Medium verweisen - der New Yorker Journalismus-Professor will immer noch
neue Geschäftsmodelle für den Journalismus finden - und hofft, neue
Communities definieren zu können, die ihm diesen Journalismus abkaufen.