Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

238 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 24

Magazinrundschau vom 27.02.2018 - The Atlantic

Diese epischen Recherchen in Atlantic oder im New Yorker lesen sich manchmal ein bisschen trocken. Deutsche Journalisten würden eine solche Geschichte um einiges mehr ölen und seifen, damit sie beim Publikum besser flutscht. Aber Franklin Foers Porträt des Großlobbyisten Paul Manafort, der jetzt im Zentrum der Untersuchungen von FBI-Ermittler Robert Mueller steht, böte Stoff für fünf Staffeln einer realistischeren, darum nicht weniger abgründigen "House of Cards"-Serie. Der Artikel erzählt die Geschichte des Lobbyismus seit Ronald Reagan und die Geschichte vom Fall eines skrupellosen PR-Beraters, der zuletzt Putins Kumpan Wiktor Janukowytsch wieder ins Amt verhalf und nach deren Sturz unbedingt bei Donald Trump ankommen wollte, um wieder Geld und Einfluss zu gewinnen. Und die Geschichte bestätigt alle Befürchtungen über die Zersetzung westlicher Politik durch russische Milliarden: "Manafort war zugegen, als ein russischer Anwalt und Lobbyist im Sommer 2016 im Trump Tower vorbeikam , um Donald Trump jr. belastendes Material über Hillary Clinton anzubieten. Im selben Sommer verwässerte Trumps Wahlkampfteam unter Manafort erfolgreich die Unterstützung der Republikaner für die prowestliche ukrainische Regierung, die nach Janukowytsch ins Amt gekommen war, sehr zum Gefallen Putins und in heftigem Widerspruch zur bisherigen Linie der Grand Old Party. Die Klageschrift des Justizministeriums gegen Paul Manafort - ihm wird vorgeworfen, dass er sich nicht als ausländischer Agent registrierte und dass er Geld im Ausland versteckte - porträtiert ihn als gierigen und verzweifelten Mann, einen Mann des Schwarzgelds und der finsteren Machenschaften. Im Nachhinein liegt es auf der Hand, dass Robert Mueller Manaforts Umgang mit Geld in der Ukraine zum Ansatzpunkt seiner Untersuchung machte."

Magazinrundschau vom 18.12.2017 - The Atlantic

Im Aufmacher der aktuellen Ausgabe erklärt uns Julia Ioffe, was Waldimir Putin wirklich will beziehungsweise fürchtet: "Putin war jedes Werben für die Demokratie schon immer verdächtig, doch zwei Ereignisse haben ihn überzeugt, dass die USA dahinter stecken und es auf ihn abgesehen haben. Das erste war die NATO-Intervention in Libyen 2011 und der Lynchmord an Ghaddafi. Viele stellten damals fest, wie sehr Ghaddafis Tod Putin zu schaffen machte. Es heißt, er habe die Bilder von der Tötung wieder und wieder angesehen … Das zweite Ereignis war im November 2013, als junge Ukrainer auf dem Maidan zusammen kamen, um gegen Janukovitschs Abkehr von einem Wirtschaftsprogramm mit der EU zu demonstrieren, die durch Putins Druck zustande kam. Die Demonstranten blieben den ganzen Winter, bis die Polizei das Feuer eröffnete und 100 von ihnen tötete. Am nächsten Tag, dem 21. Februar 2014, unterzeichnete Janukovitsch einen Aussöhnungsvertrag, vermittelt durch Russland, die USA und die EU. In derselben Nacht floh er aus der Hauptstadt. Für Putin war klar, was geschehen war: Die USA hatten seinen engsten Verbündeten gestürzt, in einem Land, das er als Teil Russlands begreift. All das Geld, das die USA für prodemokratische NGO's in der Ukraine ausgegeben hatten, hatte sich ausgezahlt. Dass Victoria Nuland, eine Angestellte des Außenministeriums der USA, während der Proteste auf dem Maidan Snacks verteilte, zementierte Putins schlimmsten Befürchtungen."
Stichwörter: Putin, Wladimir, Libyen, Nato

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - The Atlantic

Sollte es denn tatsächlich irgendwo im All weitere Intelligenzen geben und sollte es irgendwann einmal tatsächlich dazu kommen, dass Signale von ihnen auf der Erde identifiziert werden, dann hält es Ross Andersen in einer epischen Reportage für gut möglich, dass entsprechende Meldungen aus China kommen werden, wo man in der astronomischen Forschung in den letzten Jahren aufgeschlossen hat. Besonders lesenswert ist diese Reportage aber gar nicht wegen des Staunens über technologische Wunderwerke, sondern durch die Art, wie Andersen dieses Staunen verbindet mit einer handlichen Politik- und Militärgeschichte des west-östlichen Verhältnisses und einem philosophischen Gespräch mit dem auch im Westen erfolgreichen chinesischen Science-Fiction-Autor Liu Cixin. Der nämlich ist äußerst skeptisch, was Szenarien des Ersten Kontakts betrifft: "Keine Zivilisation sollte seine Anwesenheit jemals dem Kosmos offenbaren, sagt er. Jede andere Zivilisation, die davon erfährt, werde deren Anwesenheit als Expansionsandrohung wahrnehmen - wie es alle Zivilisationen tun, die ihre Konkurrenten eliminieren, bis sie selbst auf eine andere stoßen, deren Technologie überlegen ist und die sie dann eliminiert. Diese düstere Sichtweise auf den Kosmos nennt man auch 'Dunkler-Wald-Theorie', weil darin 'jede Zivilisation im Universum als Jäger aufgefasst wird, der sich in einer mondlosen Waldlandschaft verbirgt, die Ohren gespitzt nach dem ersten Rascheln des Rivalen."

Magazinrundschau vom 28.11.2017 - The Atlantic

Das Bild der Alt-Right verliert erheblich an Schrecken, wenn man sich vor Augen hält, was für trübe Tassen da im Grunde genommen in ihren Kellern an den Keyboards sitzen. Andrew Anglin etwa, Gewährsmann des selbsternannten "intellektuellen Alt-Right-Führers" Richard Spencer und Herausgeber und Haupt-Bestücker des prominentesten und berüchtigsten US-Nazi-Portals The Daily Stormer, den Luke O'Brien in einer epischen Reportage ziemlich nackt dastehen lässt: Der Herrenmensch-Aspirant war nicht nur selbst einmal anarcho-veganer Antirassist - offenbar um einer Frau zu gefallen -, er neigt zu selbstzerstörerischem Verhalten, sprunghaften Online-Präsenzen und bekloppten Verschwörungstheorien. Dem Neonazismus wandte er sich wohl endgültig aus einer Kränkung heraus zu, nachdem ein indigener Stamm auf den Philippinen keine Lust hatte, seine Sehnsüchte nach einem wilden heroischen Leben im Einklang mit der Natur zu erfüllen. Auch "vernarrte er sich geradezu religiös in Wladimir Putin oder 'Zar Putin den Ersten, Verteidiger der menschlichen Zivilisation', wie Anglin ihn nennt. In seinen Augen ist Putin der große weiße Retter, eine 'Wesenheit immenser Macht'. Mitglieder der Alt-Right sind zwar oft auf diese Weise auf Stärke fixiert, doch Anglin bringt es diesbezüglich auf ein wildes, extremes Niveau. 'Er denkt in Begriffen eines faschistischen Disney-Films', erzählt mir ein prominenter weißer Nationalist, der mit Anglin zusammengearbeitet hat, und fügt hinzu, Anglin hoffe, er könne einen neuen Hitler heraufbeschwören, wenn nur hartnäckig genug Schüler für seine sektenartigen Vision anwirbt."

Magazinrundschau vom 24.10.2017 - The Atlantic

In der aktuellen Ausgabe von The Atlantic untersucht Derek Thompson, wie Silicon Valley gerade den radikalen Erfindergeist wiederbelebt: "Google X ist vielleicht das einzige Unternehmen der Welt, wo das Absurde zu denken nicht nur genehmigt, sondern ausdrücklich erwünscht und notwendig ist. X hat mit Weltraumfahrstühlen, kalter Fusion, magnetisch bewegten Hoverboards und Antriebsstoffen aus Meerwasser experimentiert, arbeitet erfolgreich an selbstfahrenden Autos, Lieferdrohnen und Kontaktlinsen, die den Glukosegehalt der Tränenflüssigkeit von Diabetespatienten messen. All diese Ideen eint ein Prinzip, eine dreiteilige Formel. Erstens: Es muss um ein großes Problem gehen. Zweitens: Eine radikale Lösung soll möglich sein. Drittens: Die Lösung soll eine realisierbare Technologie beinhalten. Der Zweck von X ist es nicht, Googles Probleme zu lösen oder eine philanthropische Mission zu verfolgen. X existiert, um weltverändernde Unternehmen zu erschaffen, das neue Google … Obwohl die akademische Erforschung der Kreativität zugenommen hat, deuten einige wichtige Merkmale der Kreativkraft im Land in den letzten 60 Jahren eher einen Abwärtstrend der Kreativität an. Unternehmertum mag als Statussymbol gewachsen sein, aber die Start-up-Rate fällt seit langem. Das Label Innovation mag von der Zahnpasta bis zur Getränkedose auf allem kleben, doch die Produktivität geht seit den 1970ern zurück. Sogar Silicon Valley ist in die Kritik geraten, weil seine Talente sich mit trivialen Problemen wie der Erleichterung von Hausarbeit abmühen."

Außerdem: Der Titel über die Mona Lisa ist ein Auszug aus Walter Isaacsons neuem Buch über Leonardo da Vinci. Ruth Franklin rezensiert Jennifer Egans historischen Roman "In Manhattan Beach". Ira Katznelson schreibt über James Q. Whitmans Buch "Hitler's American Model", das untersucht, wie die Nazis sich von den amerikanischen Rassegesetzen inspirieren ließen. Und: Am 7. November wird Joni Mitchel 74 Jahre alt. Zugleich sind zwei Bücher über sie erschienen, über die Jack Hamilton schreibt: David Yaffes Biografie "Reckless Daughter: A Portrait of Joni Mitchell" und eine von Barney Hoskyns herausgegebene Joni-Mitchell-Anthologie.

Hier singt sie "Harry's House", 1996:


Magazinrundschau vom 31.10.2017 - The Atlantic

Molly Ball tourte für The Atlantic zusammen mit dem Mitte-links-Think-Tank "Third Way" durch die Staaten, um herauszufinden, was 2016 schiefgelaufen ist. Die Wahrheit ist bitter: "Dem Trip lag eine optimistische Vorstellung zugrunde: Wenn die Leute im Land einander zuhören würden, würden sie erkennen, was sie eint, nicht, was sie trennt - die Idee von einem allen gemeinsamen dritten Weg unter der Oberfläche der Polaritäten. Die Idee wiederum basiert auf der Vorstellung, dass Parteilichkeit schlecht und Konsens gut ist und dass die meisten Amerikaner sich gern in der Mitte treffen würden. Doch diese Annahmen sind nicht unstrittig. Und nach drei Tagen Safari durch die Flyover-Staaten, klangen den Forschern die Ohren vor verstörenden Aussagen und Ansichten, die ihren Glauben im Kern erschütterten … Auf unserer Tour in West-Wisconsin trafen wir einen Farmer, der meinte, er wüsste genau, was falsch sei mit Amerika: seine Mitbürger. 'Schau dir die ganzen Parasiten an, die sich an der Bürokratie rundfressen wie Blutegel', meinte er. Wir waren eben erst angekommen und schon stießen wir bei unserer Suche nach gegenseitigem Verstehen an Grenzen. Einige ältere weiße Männer identifizierten andere Schuldige: Es gebe genug Jobs, die jungen Leute heute seien nur zu faul oder drogenabhängig, hieß es. Solche Schuldzuweisungen kristallisierten sich in den weiteren Befragungen als ein Muster heraus. Verachtung für die Jungen war eine Konstante über alle demografischen, soziökonomischen und generationellen Grenzen hinweg. Sogar die Jungen beschwerten sich über ihresgleichen. Andere gaben Veränderungen in der Gesellschaft und in der Familie die Schuld. Ein technischer Lehrer in Chippewa Falls zog in Zweifel, ob Frauen überhaupt ein Platz in der Arbeitswelt zukäme."

Magazinrundschau vom 12.09.2017 - The Atlantic

Auch wenn der Titel von Ta-Nehisi Coates' neuem Buch - "We Were Eight Years in Power" - ironisch gemeint sein mag, er zeigt doch, dass auch die neumodischen "Antirassisten" nicht anders können als in den Kategorien des Rassismus zu denken. Der Atlantic druckt einen Auszug aus dem Buch, bei dem einem ebenfalls unbehaglich wird, weil Coates die Geschichte ausschließlich in den Kategorien "weiß" und "schwarz" denken zu können scheint. Trumps einziges Streben sei, "nigger health care, nigger climate accords, and nigger justice reform" einzukassieren. Auch die anderen Präsidenten mit Ausnahme Obamas seien zwar aufgrund ihrer "Whiteness" ins Amt gekommen, aber Trump macht "dieses grauenhafte Erbe explizit". Trump gehe es im wesentlichen um "White supremacy", und der Punkt dabei sei, "sicherzustellen, dass weiße Leute (insbesondere weiße Männer) das, wofür andere sich extrem anstrengen müssen, ohne Qualifikation erreichen können. Barack Obama lieferte schwarzen Menschen die nüchterne Botschaft, dass alles möglich sei, wenn sie doppelt so hart arbeiten wie weiße Leute. Aber Trumps Konter ist überzeugend: Arbeite halb so hart wie schwarze Menschen, und es ist sogar noch mehr möglich."

Magazinrundschau vom 15.08.2017 - The Atlantic

Dies ist sicherlich einer der großartigsten Texte des Jahres. Und wenn das Bedürfnis, nochmal ganz neu über ein Land nachzudenken, das einen wie Donald Trump zum Präsidenten macht, weithin riesig ist, dann ist es auch ein Trost, dass dies nirgends besser geschieht als in Amerika selbst! Kurt Andersens "How America Lost Its Mind" ist ein Vorabdruck. Der Titel ist ernst gemeint und wörtlich zu verstehen: Das Bedürfnis, an Verschwörungen zu glauben, ist seit den gloriosen Sechzigern immer weiter gewachsen. Schuld ist auch die akademische Linke, die Andersen keineswegs ausspart, von Foucault über Feyerabend bis Baudrillard (alles keine Amerikaner, by the way). Das "Anything Goes" des Postmodernismus wurde von rechten Hass-Szenaristen begierig aufgegriffen: Wenn Wahrheit ein Konstrukt ist, dann lasst sie uns konstruieren. Auch wenn die Rechte am Ende erfolgreicher war als die modische Linke mit ihrem Relativismus - eben weil sie es fertig brachte, Verschwörungstheoretiker ins Präsidentenamt zu bringen - die beiden bedingen einander: Seit den Sechzigern hatte die Rechte zwar "stets die Verbreitung des Relativismus angeprangert, die Idee, dass nichts wahrer ist als irgendetwas anderes. Die Konservativen hassten natürlich, wie der Relativismus einige ehrwürdige und komfortabe herrschende Ideen unterminierte - Begriffe von natürlicher Bestimmung (die etwa auf Geschlecht und Hautfarbe beruhten) und ästhetischer Schönheit und moralischer Gewissheit. Aber sobald der Mainstream einmal akzeptiert hatte, dass es viele gleichermaßen gültige Realitäten und Wahrheiten gibt, konnte jedwede Barbarei darauf pochen, ernstgenommen zu werden. Konservative kritisierten zurecht, dass der Relativismus auf dem College-Campus nicht gestoppt wurde, aber als er sich über ganz Amerika verbreitete, trug er dazu bei, extreme christliche und andere Ideologien möglich zu machen, inklusive Waffenhysterie, Black-Helicopter-Wahn, Klimaleugnung und mehr."

Ebenfalls lesenswert: Der Text des ehemaligen New-Republic-Chefredakteurs Franklin Foer über seine Zusammenarbeit mit dem Facebook-Mitbegründer Chris Hughes, der die ehrwürdige Zeitschrift 2012 gekauft hatte und zunächst mit großem Enthusiasmus an die Erneuerung des Instituts ging, bis er sie als datengläubiger Techniknerd zu Tode modernisierte. Eines Tages tauchte er mit einigen Softwaringenieuren und Internetgurus in der Redaktion auf: "Sie sollten unserem Journalismus die coolen Features geben, die ihn auf dem Marktplatz herausragen lassen würden. Das kostete natürlich Geld, und dieses Geld sollte aus dem Budget kommen, mit dem bislang die großen Dossiers bezahlt wurden. Wir waren jetzt eine Tech-Firma, sagte er mir (er leugnet, dies gesagt zu haben). Und ich antwortete: 'Das klingt nicht wie die Art Firma, für deren Leitung ich qualifiziert wäre.' Doch doch, versicherte er. Zwei Monate später erfuhr ich von einem Kollegen, dass Chris meinen Nachfolger schon eingestellt hatte und dass der Nachfolger in New York Mittagessen abhielt, bei denen er Jobs bei der New Republic anbot." Foer und viele Kollegen kündigten - die New Republic ist seitdem ein Schatten ihrer selbst. Hughes ist ausgestiegen.

In diesem Zusammenhang könnte man noch auf Jeff Jarvis' Artikel in Medium verweisen - der New Yorker Journalismus-Professor will immer noch neue Geschäftsmodelle für den Journalismus finden - und hofft, neue Communities definieren zu können, die ihm diesen Journalismus abkaufen.

Magazinrundschau vom 27.06.2017 - The Atlantic

Zwei große Artikel in The Atlantic befassen sich mit dem Zustand der amerikanischen Demokraten. Für Franklin Foer, der in einem epischen Artikel die letzten 25 Jahre der Partei aufrollt, müssen sich die Demokraten ihr größtes Problem eingestehen: "Der Widerstand gegen Trump verschafft den Demokraten die Illusion der Einheit, aber in Wirklichkeit sind sie tief gespalten. Die beiden wichtigste Anliegen der Demokraten - Rasse und Klasse - stehen sich mit wachsender Spannung gegenüber, einer Spannung, die größer wird, je näher die nächsten Präsidentschaftswahlen rücken."

Peter Beinhart macht dieses Problem an der illegalen Einwanderung fest. Heute neigten die Demokraten dazu, dieses Problem zu negieren. Für sie ist das Einwanderungssystem das Problem, nicht die Einwanderung. Aber noch vor zehn Jahren war die Einstellung dazu deutlich differenzierter: "2005 schrieb ein linker Blogger: 'Illegale Einwanderung richtet verheerenden Schaden an, ökonomisch, sozial und kulturell. Sie verhöhnt das Gesetz und ist schändlich allein schon aus Gründen der grundlegendsten Fairness.' 2006 schrieb ein liberaler Kolumnist, dass 'Einwanderung die Löhne der einheimischen Arbeiter mindert, die mit den Immigranten konkurrieren müssen'. Seine Schlussfolgerung: 'Wir müssen den Zustrom niedrig qualifizierter Einwanderer eindämmen.' Im selben Jahr schrieb ein demokratischer Senator: 'Wenn ich bei Demonstrationen für Einwanderer mexikanische Fahnen wehen sehe, wallt in mir manchmal patriotische Ablehnung auf.' Der Blogger war Glenn Greenwald. Der Kolumnist war Paul Krugman. Der Senator war Barack Obama. Prominente Linksliberale waren vor zehn Jahren nicht gegen Einwanderung. Die meisten schätzten die positiven Auswirkungen für die amerikanische Wirtschaft und Kultur. Sie unterstützten die Möglichkeit für die Illegalen, die Staatsbürgerschaft zu erlangen. ... Aber anders als heutige Linksliberale gaben sie zu, dass, wie Krugman es ausdrückte, 'Einwanderung ein sehr schmerzhaftes Thema ist ... weil es grundlegende Prinzipien zusammenstoßen lässt'."

Außerdem: Maryn McKenna beschreibt die Suche des britischen Mikrobiologen Adam Roberts nach Antibiotika in Komposthaufen, Schweinetrögen und Laptop-Keyboards. Und Parul Seghal bespricht den neuen Roman von Arundhati Roy.

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - The Atlantic

Ian Bogost, der am Georgia Institut of Technology lehrt, schreibt über das kürzlich geleakte Pamphlet eines Google-Mitarbeiters gegen Frauen in technischen Berufen (mehr bei 9punkt). Der anonyme Autor macht darin die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern dafür verantwortlich, dass Frauen in der Technologiebranche weniger stark vertreten sind. Nach Bogost entlarvt sich hier das große Machismo-Problem der Branche. In einem kürzlich von Google veröffentlichten "diversity report", so Bogost, habe sich herausgestellt, dass der Anteil weiblicher Angestellter momentan nur bei 31 Prozent liegt, von denen wiederum nur 20 Prozent im technischen Bereich arbeiten. Noch schlimmer steht es nach Bogost um die ethnische Vielfalt der Branche: Nur zwei Prozent der Angestellten sind schwarz und nur vier Prozent kommen aus latein- oder mittelamerikanischen Ländern. Für Bogost gibt es allerdings frühestens eine Lösung für das Problem, wenn der weiße Mann aus seinen Machtpositionen gedrängt ist: "Das Computerbusiness hängt an den Machthabern. Wer diese Wahrheit nicht anerkannt, behindert ernstliche Anstrengungen, diese Macht durch Diversifizierung zu überwinden. Für mehr weibliche Unternehmer (17 Prozent der Start-ups haben Gründerinnen) oder Venture-Kapitalgeber einzutreten, erscheint als ein toller Weg in Richtung Diversität und Gleichheit. Aber auch das risikokapitalfinanzierte Start-up ist ein Sklave eines Markts, der fast nur von männlichen Vorgängern gestaltet und geprägt wurde."

Das Manifest hat in der ganzen amerikanischen  Blogosphäre große Aufregung ausgelöst: Bei Medium schreibt die Programmiererin Erica Joy über das Pamphlet des Google-Mitarbeiters, sie sei "enttäuscht, aber nicht überrascht". Die Washington Post meldete gestern, dass Google den Autor des Manifests mittlerweile gefeuert hat und sich von dessen Aussagen distanziert.