Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

238 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 24

Magazinrundschau vom 01.03.2016 - The Atlantic

Auch wenn Naji Abu Nowars in der Rubrik "bester fremdsprachiger Film" nominierter "Theeb" bei den Oscars leer ausging, markiert schon dessen bloße Existenz einen Quantensprung für das arabische Kino, schreibt Nadine Ajaka: Bei dem Film handelt es sich um die erste unabhängig jordanische Produktion seit 50 Jahren. Überhaupt befinde sich das Kino der gesamten arabischen Region im Auftrieb: "'Theeb' ist lediglich der neueste Film einer ganzen Welle von komplexen und künstlerisch wertvollen Filmen aus dem Nahen Osten und dem nordafrikanischen Raum. Die Zugänglichkeit der Produktionsmittel und der Siegeszug der digitalen Distribution hat etwas ins Rollen gebracht, von dem sich einige Experten und Filmemacher übereinstimmend ein Goldenes Zeitalter des arabischen Kinos versprechen. ... Innerhalb der letzten zehn Jahre sind streitsüchtige Filmemacher mit wirklich Grenzen überschreitenden Filmen auf der Bildfläche erschienen und das sogar inmitten des sozialen und politischen Chaos, wie es für weite Teilen des modernen Nahen Ostens typisch ist."

Außerdem eine kuriose, aber tatsächlich sehr erhellende Lektüre: J. Weston Phippens Reportage über den Kaktusschmuggel in den USA, der mehr und mehr Kakteenarten in die Liste der vom Aussterben bedrohten Pflanzen aufsteigen lässt: Sehr begehrt ist zum Beispiel der riesige, "Saguaro" genannte und insbesondere aus dem Westernkino bekannte Riesenkaktus Carnegiea gigantea, der dummerweise nicht gerade schnell wächst: "Die ersten zehn Jahre seines Lebens misst er gerade mal einen Zoll. Es dauert 75 Jahre, bis er seine berühmten Arme ausfährt. Da Hausbesitzer aber einen Saguaro bereits in ihrem Vorgarten stehen haben wollen, bevor sie über 80 Jahre alt sind, stehlen Verbrecher sie aus der Wildnis."

Und: Wenn ein glühender Etatist wie der schottische Philosoph Alistair Duff auf die radikale Staatsskepsis im Silicon Valley trifft, kann das ja nichts werden. Im Gespräch mit Kaveh Waddell erklärt er, warum die IT-Konzerne sich unbedingt staatlicher Kontrolle beugen sollten (man könnte meinen, die staatlichen Schnüffelprogramme im Zuge von NSA und Konsorten sollten ein gesundes Maß an Skepsis walten lassen) und bedauert, dass die digitale Revolution noch kein Pendant zum Sozialismus, der als Reaktion auf die industrielle Revolution entstanden ist, hervorgebacht hat.

Magazinrundschau vom 22.12.2015 - The Atlantic

Ungeheuer faktenreich, aber sehr gut lesbar erzählt David Epstein von propublica in Atlantic, wie amerikanische Sicherheitskräfte unter Dave Herrod von der Drug Enforcement Administration das mexikanische Drogenkartell AFO nach jahrelangem Kampf vor etwa zehn Jahren besiegt haben - die in dem Artikel zitierten Grausamkeiten der Drogenbosse lassen Tarantino, Scorsese und die "Sons of Anarchy" dabei als Waisenknaben dastehen. Das deprimierende Resümee liefert Epstein schon nach einigen Seiten seiner epischen Reportage: Herrod ist "stolz über Kühnheit und Zähigkeit, die es erlaubten, das Kartell zu zerstören, er weiß, dass er Morde und Entführungen verhinderte. Aber wenn er zurückblickt, hat er nicht das Gefühl des glasklaren Triumphes, das die Presseerklärungen vebreiteten. Herrod und die anderen Beamten sind desillusioniert. Die Neutralisierung der AFO hat nur Joaquin Guzman - alias 'El Chapo' - und seinem heute kaum noch besiegbaren Sinaloa-Kartell das Terrain geebnet... 'Drogenbekämpfung, wie wir sie kennen', sagt mir Herrod, 'funktioniert nicht.'"

Außerdem: Die Republikaner mögen noch so laut schreien, die Amerikaner rücken insgesamt immer weiter nach links, meint Peter Beinart in einem ausführlichen Essay.

Magazinrundschau vom 24.11.2015 - The Atlantic

Willy Shih und Henry McGee porträtieren den Immobilien-, Hotel- und Kinotycoon Wang Jianlin, der in Qingdao, nördlich von Schanghai, für acht Millarden Dollar einen der größten Studiokomplexe der Welt errichtet, amerikanische Kinofirmen wie AMC kauft und in China 5.000 Kinoleinwände besitzt. Er scheint an die Stelle Hollywoods treten zu wollen in einem Moment, da Hollywood - wie die Medien- und Musikindustrie - als sterbende Branche gilt. Die Idee hat ihre Logik: "Mit dem Wohlstand wird China zu einer Nation von Kinozuschauern. Die Einnahmen sind im Jahr 2014 um ein gutes Drittel gestiegen, und in diesem Jahr sogar noch schneller. Da die amerikanischen Kinoeinnahmen eher stagnieren, wird erwartet, dass China innerhalb von fünf Jahren der internationale Box-office-King ist. Ein Problem werden Filmemacher aus den USA in China allerdings haben: "Die chinesischen Behörden verbieten in Filmen, die in China gezeigt werden, Nacktszenen, heftige Gewalt, Gespenster, Zeitmaschinen und andere Themen, die dem staatlichen Büro für Presse, Radio, Film und Fernsehen unangemessen erscheinen."

Außerdem: Terrence Rafferty feiert den größten lebenden Schauspieler: Max von Sydow.

Magazinrundschau vom 08.12.2015 - The Atlantic

Die Frage ist nicht, ob wir vollautomatisierte Autos haben werden, sondern wann - und: welche. Apple, Google und Uber arbeiten derzeit unabhängig voneinander, mit sichtlichem Hochdruck und teils unter enormer Geheimniskrämerei an Technologie und Konzepten, erfahren wir von Adrienne Lafrance: Während Google seine Datensilos in den Dienst einer tatsächlich vollautomatischen Lösung stellen will, arbeiten die Mitbewerber an Zwischenformen, die auf der Grundlage menschlich-individueller Restverantwortung fußen. Sollte sich das Konzept erstmal durchgesetzt haben, könnte das weitreichende Folgen haben, meint Lafrance: "Große Umbrüche in der Transporttechnologie neigen dazu, menschliche Auffassungen von Zeit neu einzurichten. Die Zeitzonen in den USA wurden bekanntlich als Reaktion auf die Eisenbahn eingerichtet, die das Land vernäht hat. 'Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unsrer Anschauungsweise und in unsern Vorstellungen', schrieb Heinrich Heine 1843. 'Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig.' ... Erweckte die Eisenbahn noch den Eindruck, den Raum zwischen Abfahrts- und Ankunftsort einzudampfen, stellen fahrerlose Autos die Freisetzung neuer Zeitfenster in Aussicht, was jenen Leuten zupass kommt, die ansonsten damit beschäftigt wären, auf den Wagen des Vordermanns zu starren."

Magazinrundschau vom 20.10.2015 - The Atlantic

Das Netz vergisst nichts - heißt es gern bei jenen, die das World Wide Web gern als gigantische Bibliothek von Alexandria beschreiben. Doch was ist dran an diesem Spruch? Wenig bis nichts, behauptet Adrienne Lafrance, die vergeblich nach einer 2008 für den Pulitzerpreis nominierte, aufwändige Reportage in den Rocky Mountain News über ein Busunglück in den 60er Jahren suchte. Mit dem Ende der Zeitung verschwand auch die Reportage aus dem Netz (erst vor kurzem wurde sie mit viel Aufwand online rekonstruiert). Fakt ist: Schon jetzt sind weite Teile des frühen World Wide Web verloren. "1994 gab es weniger als 3000 Websites. 2014 waren es mehr als eine Milliarde. 'Interessant daran ist, dass es damals leichter war, Websites zu archivieren, weil alles aus schlichten Webseiten bestand', sagt Alexander Rose, Geschäftsführer der Long Now Foundation, einer Organisation, die sich der Entwicklung eines Rahmens für langfristiges Denken in der Größenordnung von 10000 Jahren widmet. 'Wenn man damals etwas abspeicherte, stande die Chancen, es tatsächlich sichten und nutzen zu können, bei weitem höher, als wenn heute eine Firma vom Netz geht, mit tief greifenden Backend-Redaktionssystemen wie Drupal, Ringo und Django und all das Zeug. Die Seiten sind gar keine wirklichen Seiten.' Etwas aus dem Netz zu speichern (...), bedeutet also nicht nur, Websites zu bewahren, sondern auch die Umgebung, in der sie zuerst erschienen sind - dieselbe Umgebung, die oft schon nicht funktioniert, wenn sie aktiv unterhalten wird."

Weiteres: Amanda Ripley erklärt, wie man sich gegen die wachsende Zahl von Drohnen schützen kann. Walter Kirn fragt sich, ob er paranoid ist oder ob seine Gadgets und Apps tatsächlich mehr miteinander über ihn kommunizieren als er sich bewusst ist - und ob heutige Vorstellungen von Privatsphäre angesichts sich stetig füllender Datensilos nicht eigentlich schon ziemlich gestrig sind.

Magazinrundschau vom 15.09.2015 - The Atlantic

Edward Delman unterhält sich mit dem Historiker Timothy Snyder, der auf sein umstrittenes neues Buch "Black Earth" (unser erstes Resümee) und sein Hitler-Porträt zurückkommt, das teilweise in der New York Review of Books abgedruckt war. Hitler, sagt Snyder, war eine Art perverser Ökologe: "Das planetarische Niveau ist für ihn das wichtigste. Das sagt er gleich am Beginn von "Mein Kampf". Und ich war verblüfft, dass Hitler Staaten ausdrücklich als ein zeitlich begrenztes Phänomen darstellt, dass Staatsgrenzen im Kampf um die Natur fortgewischt werden. In anderen Worten: Die Anarchie, die er schafft, war im Grunde in der Theorie von Anfang da. Er sagt von Anfang an: Was wir tun müssen, ist, die Juden zerstören, all die künstlichen Gebilde wegräumen, für die die Juden verantwortlich sind."

Magazinrundschau vom 01.09.2015 - The Atlantic

In einem sehr persönlichen Text erinnert sich Bobby Ghosh an das Selbstmordattentat auf die irakische Imam-Ali-Moschee in Nadschaf im April 2003, die er als Reporter für Time zufällig miterlebte. Über hundert Menschen kamen ums Leben, darunter Abdul-Majid al-Khoei, der Anführer der Schiiten im Irak, von dem nur eine Hand wiedergefunden wurde. Lange Zeit, so Ghosh, verstanden weder er noch die Weltöffentlichkeit, was dieses Attentat eigentlich bedeutete. Aber schon damals schnappte er einen Dialog eines Arztes und eines iranischen Milizionärs auf: "Sie haben einen Krieg gegen uns angefangen." Später stellte sich heraus, dass Abu Musab al-Zarqawi für dieses Attentat verantwortlich war, einer der Vorläufer des Islamischen Staats. Für Ghosh ist dieses Attentat heute das, was die Schüsse Gavrilo Princips für den Ersten Weltkrieg waren: "Es lassen sich gerade Linien ziehen von der Nadschaf-Bombe zum Blutblad in Syrien, wo der Krieg der beiden Sekten in sein fünftes Jahr geht und über 250.000 Menschen tötete, und zum Aufstieg des Islamischen Staats, zu den Gaza-Kriegen von 2012 und 14 mit der Hamas, dem Stellvertreter des Irans, und zum Aufstieg der Houthi-Bewegung im Jemen, jenes anderen Stellvertreters Irans, der nun einen Krieg gegen eine sunnitische Allianz unter Führung Saudi-Arabiens führt. Es ist erschreckend zu denken, dass der Konflikt, der von Princips Kugeln ausgelöst wurde, über drei Jahrzehnte dauerte und die Menschheit in zwei Weltkriege zog."

Außerdem meldet Kalev H. Leetaru im Atlantic Zweifel am weiteren Aufstieg von Twitter an.

Magazinrundschau vom 25.08.2015 - The Atlantic

Adam Huttner-Koros beobachtet besorgt, dass die internationale Wissenschaft fast nur noch auf Englisch kommuniziert, publiziert und doziert. Das ganze Erfahrungswissen aus anderen Sprachen gehe verloren, meint er, Denken und Forschen würden immer stromlinienförmiger. Und: "Das wissenschaftliche Vokabular vieler Sprachen kann mit neuen Entwicklungen und Entdeckungen nicht mehr Schritt halten. In vielen Sprachen werden die Wörter Quark und Chromosom einfach aus dem Englischen übernommen. In einer Studie von 2007 beschrieb der Linguist Joe Lo Bianco von der Universität Melbourne das Phänomen als Verfall einer Domäne, als stetigen Verlust der Kompetenz, auf hohem Niveau zu sprechen. Mit anderen Worten: Wenn eine Sprache aufhört, sich in einem bestimmten Bereich an Veränderungen anzupassen, ist sie in bestimmten Kontexten bald überhaupt kein brauchbares Kommunikationsmittel mehr."

Während die meisten Bibliotheken froh sind, wenn sie ihre alten VHS-Kassetten loswerden, hat man die Universitätsbibliothek von Yale gerade 2700 Stück davon ins Archiv geholt, der größte Teil überdies Trash- und Exploitation-Movies. Und es gibt gute Gründe dafür, dass sich eine Universität solch gering geschätzter Filme auf einem obsoleten und als defizitär gebrandmarkten Trägermedium annimmt, wie David Gary versichert: "So schätzt man, dass etwa 40 bis 45 Prozent aller VHS-Veröffentlichungen den Sprung auf nachfolgende Digitalmedien nicht geschafft haben. Doch das Hauptaugenmerk dieser Sammlung liegt auf den haptischen Aspekten des Mediums und der Kultur, die es gewandelt und hervorgebracht hat. ... Die tangilen Qualitäten von VHS-Kassetten haben die Einzigartigkeit dieses Mediums und dessen Erbe nachhaltig geprägt. Als VHS sich im Bewusstsein der populären Kultur der 80er Jahre verankert hatte, entstand im Nu eine enorme Nachfrage. Um Tapes voneinander abzugrenzen und die Rentabilität zu garantieren, gaben die Vertriebe Covergestaltungen mit schockierenden, verführerischen und brutalen Darstellungen von Sex und Gewalt in Auftrag. Rasant etablierten sich große Hartboxen, die den ursprünglichen Einschubcover einige Quadratzentimeter zusätzlicher Fläche verschafften, um das Publikum anzulocken. Von den einfallsreichen Boxen von Firmen wie Image Entertainment mal ganz abgesehen, die reliefartige Cover mit Licht- und Soundeffekten herstellten."

Magazinrundschau vom 18.08.2015 - The Atlantic

Am Beispiel einiger medizinischer Artikel zeigt Joe Pinsker in Atlantic, dass Interessengruppen und Firmen immer öfter Einfluss auf die Inhalte der Internetenzyklopädie Wikipedia nehmen - ein schwieriges Thema in Zeiten, in denen die Zahl der Wikipedia-Freiwilligen zurückgeht. Obwohl sich inzwischen ganze Agenturen professionell mit der Schönung von Artikeln befassen, sieht"s Pinsker nicht so dramatisch: "Eine Menge Leute haben Ansichten, für die sie keine Belohnung erhalten und die sie dennoch zu ungeeigneten Wikipedia-Editoren machen. Ein Greenpeace-Aktivist wäre vielleicht nicht der unparteiische Autor einer Seite über die Kohleindustrie. Geld ist ein Indiz für mangelnde Informationsqualität, aber nicht der einzige."
Stichwörter: Greenpeace, Wikipedia

Magazinrundschau vom 23.06.2015 - The Atlantic

Wie kommt es, dass so viele - vor allem männliche - Hauptrollen in amerikanischen Filmen mit britischen, kanadischen oder australischen Schauspielern besetzt werden, fragt sich Terrence Rafferty. Eine Erklärung dafür könnten die unterschiedlichen Entwicklungen der Schauspielausbildung sein, meint er. Die Briten etwa lernen ihr Handwerk noch auf der Schauspielschule und der Bühne. "Die Ausbildung für junge amerikanische Schauspieler enthält nicht mehr viel von dem Zauber, wie er noch in der Zeit von Brando, Dean, Clift und später De Niro oder Pacinio üblich war. Schweißtreibende Improvisationen und emotionale Gedächtnisübungen in namenhaften Schauspielschulen sind heute nicht mehr der ideale Weg um entdeckt zu werden. Vielmehr begann die Karriere vieler gegenwärtiger Schauspieler als Kinderstars, die ihr Handwerk in Werbespots, Fernsehserien und, wenn sie Glück und Talent hatten, in Filmen gelernt haben."