Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

234 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 24

Magazinrundschau vom 20.10.2015 - The Atlantic

Das Netz vergisst nichts - heißt es gern bei jenen, die das World Wide Web gern als gigantische Bibliothek von Alexandria beschreiben. Doch was ist dran an diesem Spruch? Wenig bis nichts, behauptet Adrienne Lafrance, die vergeblich nach einer 2008 für den Pulitzerpreis nominierte, aufwändige Reportage in den Rocky Mountain News über ein Busunglück in den 60er Jahren suchte. Mit dem Ende der Zeitung verschwand auch die Reportage aus dem Netz (erst vor kurzem wurde sie mit viel Aufwand online rekonstruiert). Fakt ist: Schon jetzt sind weite Teile des frühen World Wide Web verloren. "1994 gab es weniger als 3000 Websites. 2014 waren es mehr als eine Milliarde. 'Interessant daran ist, dass es damals leichter war, Websites zu archivieren, weil alles aus schlichten Webseiten bestand', sagt Alexander Rose, Geschäftsführer der Long Now Foundation, einer Organisation, die sich der Entwicklung eines Rahmens für langfristiges Denken in der Größenordnung von 10000 Jahren widmet. 'Wenn man damals etwas abspeicherte, stande die Chancen, es tatsächlich sichten und nutzen zu können, bei weitem höher, als wenn heute eine Firma vom Netz geht, mit tief greifenden Backend-Redaktionssystemen wie Drupal, Ringo und Django und all das Zeug. Die Seiten sind gar keine wirklichen Seiten.' Etwas aus dem Netz zu speichern (...), bedeutet also nicht nur, Websites zu bewahren, sondern auch die Umgebung, in der sie zuerst erschienen sind - dieselbe Umgebung, die oft schon nicht funktioniert, wenn sie aktiv unterhalten wird."

Weiteres: Amanda Ripley erklärt, wie man sich gegen die wachsende Zahl von Drohnen schützen kann. Walter Kirn fragt sich, ob er paranoid ist oder ob seine Gadgets und Apps tatsächlich mehr miteinander über ihn kommunizieren als er sich bewusst ist - und ob heutige Vorstellungen von Privatsphäre angesichts sich stetig füllender Datensilos nicht eigentlich schon ziemlich gestrig sind.

Magazinrundschau vom 15.09.2015 - The Atlantic

Edward Delman unterhält sich mit dem Historiker Timothy Snyder, der auf sein umstrittenes neues Buch "Black Earth" (unser erstes Resümee) und sein Hitler-Porträt zurückkommt, das teilweise in der New York Review of Books abgedruckt war. Hitler, sagt Snyder, war eine Art perverser Ökologe: "Das planetarische Niveau ist für ihn das wichtigste. Das sagt er gleich am Beginn von "Mein Kampf". Und ich war verblüfft, dass Hitler Staaten ausdrücklich als ein zeitlich begrenztes Phänomen darstellt, dass Staatsgrenzen im Kampf um die Natur fortgewischt werden. In anderen Worten: Die Anarchie, die er schafft, war im Grunde in der Theorie von Anfang da. Er sagt von Anfang an: Was wir tun müssen, ist, die Juden zerstören, all die künstlichen Gebilde wegräumen, für die die Juden verantwortlich sind."

Magazinrundschau vom 01.09.2015 - The Atlantic

In einem sehr persönlichen Text erinnert sich Bobby Ghosh an das Selbstmordattentat auf die irakische Imam-Ali-Moschee in Nadschaf im April 2003, die er als Reporter für Time zufällig miterlebte. Über hundert Menschen kamen ums Leben, darunter Abdul-Majid al-Khoei, der Anführer der Schiiten im Irak, von dem nur eine Hand wiedergefunden wurde. Lange Zeit, so Ghosh, verstanden weder er noch die Weltöffentlichkeit, was dieses Attentat eigentlich bedeutete. Aber schon damals schnappte er einen Dialog eines Arztes und eines iranischen Milizionärs auf: "Sie haben einen Krieg gegen uns angefangen." Später stellte sich heraus, dass Abu Musab al-Zarqawi für dieses Attentat verantwortlich war, einer der Vorläufer des Islamischen Staats. Für Ghosh ist dieses Attentat heute das, was die Schüsse Gavrilo Princips für den Ersten Weltkrieg waren: "Es lassen sich gerade Linien ziehen von der Nadschaf-Bombe zum Blutblad in Syrien, wo der Krieg der beiden Sekten in sein fünftes Jahr geht und über 250.000 Menschen tötete, und zum Aufstieg des Islamischen Staats, zu den Gaza-Kriegen von 2012 und 14 mit der Hamas, dem Stellvertreter des Irans, und zum Aufstieg der Houthi-Bewegung im Jemen, jenes anderen Stellvertreters Irans, der nun einen Krieg gegen eine sunnitische Allianz unter Führung Saudi-Arabiens führt. Es ist erschreckend zu denken, dass der Konflikt, der von Princips Kugeln ausgelöst wurde, über drei Jahrzehnte dauerte und die Menschheit in zwei Weltkriege zog."

Außerdem meldet Kalev H. Leetaru im Atlantic Zweifel am weiteren Aufstieg von Twitter an.

Magazinrundschau vom 25.08.2015 - The Atlantic

Adam Huttner-Koros beobachtet besorgt, dass die internationale Wissenschaft fast nur noch auf Englisch kommuniziert, publiziert und doziert. Das ganze Erfahrungswissen aus anderen Sprachen gehe verloren, meint er, Denken und Forschen würden immer stromlinienförmiger. Und: "Das wissenschaftliche Vokabular vieler Sprachen kann mit neuen Entwicklungen und Entdeckungen nicht mehr Schritt halten. In vielen Sprachen werden die Wörter Quark und Chromosom einfach aus dem Englischen übernommen. In einer Studie von 2007 beschrieb der Linguist Joe Lo Bianco von der Universität Melbourne das Phänomen als Verfall einer Domäne, als stetigen Verlust der Kompetenz, auf hohem Niveau zu sprechen. Mit anderen Worten: Wenn eine Sprache aufhört, sich in einem bestimmten Bereich an Veränderungen anzupassen, ist sie in bestimmten Kontexten bald überhaupt kein brauchbares Kommunikationsmittel mehr."

Während die meisten Bibliotheken froh sind, wenn sie ihre alten VHS-Kassetten loswerden, hat man die Universitätsbibliothek von Yale gerade 2700 Stück davon ins Archiv geholt, der größte Teil überdies Trash- und Exploitation-Movies. Und es gibt gute Gründe dafür, dass sich eine Universität solch gering geschätzter Filme auf einem obsoleten und als defizitär gebrandmarkten Trägermedium annimmt, wie David Gary versichert: "So schätzt man, dass etwa 40 bis 45 Prozent aller VHS-Veröffentlichungen den Sprung auf nachfolgende Digitalmedien nicht geschafft haben. Doch das Hauptaugenmerk dieser Sammlung liegt auf den haptischen Aspekten des Mediums und der Kultur, die es gewandelt und hervorgebracht hat. ... Die tangilen Qualitäten von VHS-Kassetten haben die Einzigartigkeit dieses Mediums und dessen Erbe nachhaltig geprägt. Als VHS sich im Bewusstsein der populären Kultur der 80er Jahre verankert hatte, entstand im Nu eine enorme Nachfrage. Um Tapes voneinander abzugrenzen und die Rentabilität zu garantieren, gaben die Vertriebe Covergestaltungen mit schockierenden, verführerischen und brutalen Darstellungen von Sex und Gewalt in Auftrag. Rasant etablierten sich große Hartboxen, die den ursprünglichen Einschubcover einige Quadratzentimeter zusätzlicher Fläche verschafften, um das Publikum anzulocken. Von den einfallsreichen Boxen von Firmen wie Image Entertainment mal ganz abgesehen, die reliefartige Cover mit Licht- und Soundeffekten herstellten."

Magazinrundschau vom 18.08.2015 - The Atlantic

Am Beispiel einiger medizinischer Artikel zeigt Joe Pinsker in Atlantic, dass Interessengruppen und Firmen immer öfter Einfluss auf die Inhalte der Internetenzyklopädie Wikipedia nehmen - ein schwieriges Thema in Zeiten, in denen die Zahl der Wikipedia-Freiwilligen zurückgeht. Obwohl sich inzwischen ganze Agenturen professionell mit der Schönung von Artikeln befassen, sieht"s Pinsker nicht so dramatisch: "Eine Menge Leute haben Ansichten, für die sie keine Belohnung erhalten und die sie dennoch zu ungeeigneten Wikipedia-Editoren machen. Ein Greenpeace-Aktivist wäre vielleicht nicht der unparteiische Autor einer Seite über die Kohleindustrie. Geld ist ein Indiz für mangelnde Informationsqualität, aber nicht der einzige."
Stichwörter: Greenpeace, Wikipedia

Magazinrundschau vom 23.06.2015 - The Atlantic

Wie kommt es, dass so viele - vor allem männliche - Hauptrollen in amerikanischen Filmen mit britischen, kanadischen oder australischen Schauspielern besetzt werden, fragt sich Terrence Rafferty. Eine Erklärung dafür könnten die unterschiedlichen Entwicklungen der Schauspielausbildung sein, meint er. Die Briten etwa lernen ihr Handwerk noch auf der Schauspielschule und der Bühne. "Die Ausbildung für junge amerikanische Schauspieler enthält nicht mehr viel von dem Zauber, wie er noch in der Zeit von Brando, Dean, Clift und später De Niro oder Pacinio üblich war. Schweißtreibende Improvisationen und emotionale Gedächtnisübungen in namenhaften Schauspielschulen sind heute nicht mehr der ideale Weg um entdeckt zu werden. Vielmehr begann die Karriere vieler gegenwärtiger Schauspieler als Kinderstars, die ihr Handwerk in Werbespots, Fernsehserien und, wenn sie Glück und Talent hatten, in Filmen gelernt haben."

Magazinrundschau vom 12.05.2015 - The Atlantic

Auch in der Mode werden 3D-Drucker immer wichtiger werden, meint Robinson Meyer. Laut einer Industriestatistik probieren Frauen im Schnitt elf Jeans an, bevor sie sich für eine entscheiden, erfährt er von der Unternehmerin Crystal Beasley. Man kann sich leicht vorstellen, wie in Zukunft vom Computer maßgefertigte Kleidung die Massenware ablöst. Aber das ist nicht alles: "Weil 3D-Drucker bisher unmögliche Formen und Muster herstellen können, könnte sich unser Geschmack ändern. Die Software von Nervous Systems inspiriert sich an Mustern der fraktalen Geometrie, so dass die Produkte des Studios eine organische Form haben. Mary Huangs Kleider haben ungewöhnlich vieleckige Muster. Solche Designs sagen eine Zeit voraus, in der geschützte Algorithmen einer Marke einen Look kreieren kann, der mindestens genauso unverwechselbar ist wie zum Beispiel das Burberry-Karo. Auch wenn 3D-Drucke noch beschränkt sind auf feste Materialien wie Plastik und Blech, werden zukünftige Maschinen mit größter Sicherheit einmalige Designs aus anderen Materialien produzieren können. Schon jetzt hat Knyttan, eine in London ansässige Firma, eine Software entwickelt, die eine industrielle Strickmaschine individuelle Pullover und Schals herstellen lässt."

Magazinrundschau vom 24.02.2015 - The Atlantic

Oft wird behauptet, der Islamische Staat sei nicht islamisch. Aber das ist nicht richtig, so bequem es auch sein mag, dies zu glauben, schreibt Graeme Wood nach Gesprächen mit verschiedenen IS-Anhängern im Westen in einem sehr langen Artikel. Eroberungskrieg, Mord, Sklaverei, Amputation von Gliedmaßen - all das ist erlaubt unter den Bedingungen des Kalifats. So stehe es schwarz auf weiß geschrieben und lasse sich nicht wegdiskutieren. Was also tun? Graeme, der sich sehr gründlich in die Argumentation des IS vertieft hat, sieht zwei Ansätze: Ohne das Kalifat sind die oben beschriebenen Gräuel nicht erlaubt. Das Kalifat setzt aber ein festes Territorium voraus. Hier kann man ansetzen. Und intern, im Westen? Müsste man den Salafismus als Antidot betrachten, meint Wood. Denn die Salafisten nehmen die Koran so wörtlich wie der IS. Nur in einem Punkt liegen sie auseinander: den Einsatz von Gewalt, der nur unter den allergrößten Ungerechtigkeiten gerechtfertigt ist - Kalifat hin oder her. "Die Menschen, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie für ihren Glauben kämpfen wollen, können nicht alle vom Dschihadismus abgehalten werden. Aber die, deren Hauptmotiv darin liegt, eine ultrakonservative, unkompromittierte Version des Islam zu finden, haben hier eine Alternative. Es ist kein moderater Islam. Die meisten Muslime werden ihn als extrem bezeichnen. Es ist aber eine Form des Islam, die die Buchstabengläubigen nicht sofort heuchlerisch oder blasphemisch finden werden."

Magazinrundschau vom 06.01.2015 - The Atlantic

Was genau ist ein Künstler? In der Renaissance galt er als Kunsthandwerker, in der Romantik als einsames Genie, nach dem Zweiten Weltkrieg war er ein von Institutionen beglaubigter Profi - und heute? Heute sehen wir, wie er sich dank des Internets zum Entrepreneur entwickelt, erklärt William Deresiewicz und beschreibt die Veränderungen, die damit einhergehen: "Wir sehen in dem neuen Paradigma - sowohl auf die externen Beziehungen des Künstlers wie auf seine inneren kreativen Fähigkeiten bezogen - was wir überall in der Kultur sehen: Tiefe wird durch Breite ersetzt. Ist das eine gute oder schlechte Sache? Es ist zweifellos beides, allerdings in einem noch unbekannten Verhältnis. Klar erscheint jedenfalls, dass dieses neue Paradigma die Ausbildung von Künstlern verändern wird. Ein kürzlich geschaffenes M.F.A.-Programm in Portland, Oregon, ist in der Rubrik "angewandtes Kunsthandwerk und Design" aufgelistet. Studenten aus den verschiedensten Disziplinen studieren Entrepreneurship ebenso wie kreative Tätigkeiten. Das Machen, erkennt das Programm, ist jetzt verflochten mit dem Verkaufen und Künstler brauchen ein Training in beidem - eine Tatsache, die die Ausbreitung dualer M.B.A./M.F.A.-Programme widerspiegelt."

Außerdem: Karen Swallow Prior beschreibt T.S. Eliots J. Alfred Prufrock als Urbild des Hipsters.

Magazinrundschau vom 28.10.2014 - The Atlantic

Stalin war grausam, aber nicht verrückt, er war hochintelligent, aber komplett ideologisch: Überzeugend findet Anne Applebaum das Stalin-Bild, das der Historiker Stephen Kotkin in einer neuen und recht voluminösen Biografie zeichnet. "Der Stalin, den Kotkin offenbart, war weder ein dröger Bürokrat noch ein Bandit, sondern ein Mann, der sich strikt an die reine Lehre hielt. Seine Gewalt entsprang nicht seinem Unterbewusstsein, sondern der bolschewistischen Hingabe an die marxistisch-leninistische Ideologie. Diese bot Stalin ein Gefühl von Gewissheit angesichts politischer und ökonomischer Rückschläge. Wenn eine Politik anstatt mehr Wohlstand mehr Armut hervorbrachte, dann konnte dafür immer eine Erklärung gefunden werden: Die Theorie war nicht korrekt interpretiert worden, die Reihen waren nicht fest genug geschlossen, die Funktionäre hatten versagt. Wenn die sowjetische Politik selbst unter Arbeitern unpopulär war, dann konnte auch das erklärt werden: Die Widersprüche verschärften sich, weil der Klassenkampf in eine intensivere Phase trat."

Im Aufmacher fragt sich Hanna Rosin, warum Teenager Nacktfotos von sich verschicken oder online posten.