Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

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Magazinrundschau vom 05.09.2017 - Eurozine

Unter dem großartigen Titel "A Pre-history of Post-truth, East and West" stellt die Ideenhistorikerin Marci Shore die Frage, die sich alle Intellektuellen stellen: Ist Jacques Derrida schuld an Wladimir Putin und Donald Trump? Ist aus der Untergrabung behaupteter Wahrheiten - etwa dass es einen Gott gibt oder andere "große Erzählungen" - zu schließen, dass es keine Wahrheit gibt und gibt dies Regimen wie dem Putinismus die Lizenz zu "alternativen Fakten"? Shore plädiert für einen Rückbezug auf die großen Texte der osteuropäischen Dissidenz, etwa Vaclav Havels "Versuch, in der Wahrheit zu leben". Dort gibt es die Erzählung vom Gemüsehändler, der jeden Morgen ein Schild mit sozialistischen Parolen in sein Schaufenster hängt, obwohl niemand mehr dran glaubt, auch die Herren nicht, die es von ihm verlangen. Die Lüge, in der er lebt, ist, dass er glaubt, an diesem Lügengebäude des Sozialismus nichts verändern zu können, schreibt Shore. Und wichtiger: "Das er in einer Lüge lebt, dass alle in der Lüge leben, kann die Wahrheit nicht vertreiben - so insistiert Havel -, sondern demoralisiert nur die Person, die ein unechtes Leben lebt. Havels Behauptung widersteht der postmodernen Wende: keine Propaganda, kein blindes Ritual, kein 'böser Glaube' kann die ontologisch reale Unterscheidung zwischen Lüge und Wahrheit aufheben."

Magazinrundschau vom 22.08.2017 - Eurozine

Den liberalen Demokratien des Westen kommen die Bürger abhanden, schreibt Mark Lilla in einem Essay in Transit, den Eurozine auf Englisch bringt. Er meint damit politisch informierte und engagierte Menschen, die nicht nur sich selbst, sondern auch das Allgemeinwohl im Blick haben. Der Neoliberalimus kennt den Bürger so wenig wie der Populismus, meint Lilla, aber auch die linke Identitätspolitik hat keinen Begriff mehr von ihm, seit die Linke in in den siebziger Jahren in Gruppen und Minderheiten zerfiel: "Die Geschichte der in immer kleinere Fraktionen zerfallenden Linken ist im ganzen Westen bekannt. Außergewöhnlich ist jedoch, was in den USA dann geschah. Als Amerika in den Reagan-Jahren konservativer und individualistischer wurde, verschoben sich die Kraftströme der Identitätskämpfe von der politischen Arena in die Universitäten, die zu den großen Bühnen von Ersatzpolitik, Identitätsbildung und Selbstvergewisserung wurden. Die vorrangige Frage für die akademische Linke lautete nicht mehr, wie man Menschen mobilisiert, die eine bestimmte Identität teilen, um ihre Rechte in einem politischen Prozess zu verteidigen - was die Aufgabe von Bürgern wäre. Die Frage war nun, wie man seine eigene persönliche Identität findet und geltend macht: weiß oder schwarz, männlich oder weiblich, homo oder hetero. Die Formierung, Kultivierung und Behauptung des Selbst gelangte in den Reagan-Jahren ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Was als politisches Projekt begann, geriet zum Psychodrama - mit dem Anspruch auf politische Ernsthaftigkeit. Was das mit der amerikanischen Demokratie zu tun hat? In den Universitäten werden Amerikas liberale Eliten ausgebildet. Dort werden sie sich ihrer Rolle als Bürger bewusst - oder eben nicht."

Im Chronicle of Higher Education schreibt Lilla noch dezidierte über die den Identätskult an den Universitäten: "Einst könnten Gespräche in Seminaren so begonnen haben: 'I denke A, und hier ist mein Argument.' Heute verlaufen sie in der Form: 'Ich spreche als X, und ich finde es verletzend, dass Du B behauptest.' Das macht Sinn, wenn Identität alles definiert. Es heißt aber auch, dass es keinen unparteiischen Raum für Dialog gibt. Weiße Männer haben ihre 'Erkenntnis', schwarze Frauen eine andere. Was bleibt da noch zu sagen? An die Stelle des Arguments ist das Tabu getreten." 

Außerdem bringt Eurozine Charles Taylors großen Essay "Wieviel gemeinschaft braucht die Demokratie" auf Englisch. Darin warnte Taylor bereits 1992 vor der Ökonomisierung der Politik: "In einer funktionierenden Demokratie können nicht alle Ziele nur dem Individuum dienen, gemeinsame Ziele ergeben sich nicht nur aus der Schnittmenge der individuellen. Es muss zumindest ein gemeinsames Gut im höheren Sinne geben: Das Politische selbst, seine Sphäre und seine Gesetzmäßigkeiten müssen von allen gewertschätzt werden."

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - Eurozine

Etwas traurig lesen sich Slavenka Drakulics Meditationen über den Mauerfall und was danach kam (geschrieben für eine Jubiläumsnummer von Transit, auf Deutsch noch gar nicht erschienen, auf Englisch bei Eurozine). Als Osteuropäer "in der Peripherie zu leben und aus einer anderen Zeit zu kommen, macht einen einfach zu einem Europäer zweiter Klasse. So wie die Weichspüler oder die Dosennahrung im Supermarkt. Oder die Fischstäbchen. Sie sehen genau so aus und heißen auch genau so, aber für die Österreicher enthalten sie 65 Prozent Fischfleisch, für die Slowaken nur 58 Prozent. Man nennt es Anpassung an den Markt. Internationale Marken, die nun auch in unseren Ländern verfügbar sind, benutzen entweder andere Zutaten oder weniger von den selben Zutaten: Die Produkte haben geringere Qualität. Slowakische Forscher haben vor kurzem herausgefunden, dass das im Vergleich mit Österreich für etwa die Hälfte der Produkte gilt. Es fühlt sich wie eine Ohrfeige an, aber es ist auch eine gute Metapher."

Hannah Arendt war für die EU - und das trotz ihrer Überempfindlichkeit für utopische Diskurse, schreibt Peter Verovšek für Razpotja (englisch in Eurozine): "Schon die Montanunion stellte die für den modernen Krieg notwendigen Ressourcen unter die Aufsicht geteilter Institutionen außerhalb der politischen Architektur der Mitgliedsstaaten. Für Arendt war dies eine Überwindung der 'gefährlichen Verstecke' des Nationalismus. Wie sie schon 1945 schloss, 'ist ein guter Friede nicht denkbar, wenn die Staaten nicht Teile ihrer ökonomischen und politischen Souveränität einer höheren europäischen Autorität unterstellen'."

Magazinrundschau vom 01.08.2017 - Eurozine

Der Kulturkampf in Russland nimmt immer schärfere Züge an, berichtet Boris Falikow, die Trennung von Kirche und Staat gilt immer weniger. Falikow sollte als Gutachter in einem Prozess gegen eine Tannhäuser-Inszenierung aufklären, gegen die der Metropolit von Nowosibirsk geklagt hatte, natürlich wegen Verletzung religiöser Gefühle: "Alle Anklagen basierten auf Hörensagen, überraschten mich aber nicht. Es war nicht der erste Fall von Kulturkampf im heutigen Russland und es wird nicht der letzte sein. All diese Fälle folgen mehr oder weniger dem gleichen Muster. Konservative Gläubige wollen religiöse Symbole monopolisieren und beharren darauf, dass ihr Gebrauch durch moderne Künstler nichts anderes als Profanierung sei. Trotzdem überraschte mich die Frage, die mir der Staatsanwalt stellte, als ich in den Zeugenstand trat. Er fragte, ob ich an Gott glaube. Der Anwalt der Verteidigung erhob Einspruch gegen eine solch persönliche Frage. Aber das konnte den Ankläger nicht aufhalten, er versprach mir alle Höllenfeuer, wenn ich es wagen sollte, solch eine frevelhafte Opernaufführung zu verteidigen."

Magazinrundschau vom 20.06.2017 - Eurozine

Journalisten feiern hierzulande sehr gern ihre Bedeutung für die Demokratie. Verleger begründen mit diesem Argument noch den absurdesten Lobbyquatsch. Ein Blick in andere Länder zeigt, wie leicht Journalisten gefügig gemacht werden können, wenn  die Verhältnisse nicht mehr so demokratisch sind. Ilja Jablokow erzählt in Eurozine (original in Razpotja), wie aus Journalisten in Russland nach und nach Soldaten für die Sache der Regierung wurden. In den Neunzigern spielte Journalismus noch eine Rolle - danach ging's bergab: "Ein Blick auf Journalismus in Russland in dieser Zeit offenbart einen deprimierenden Mangel an Solidarität. Gewalt gegen  Journalisten löste nur sehr selten Protest aus. Der Mord an Anna Politkowskaja im Jahr 2006 ist ein berüchtigtes Beispiel dafür, wie die journalistische Community auf die Drohung des eigenen Standes und eines seiner Mitglieder reagierte. Sie tat buchstäblich gar nichts."

Magazinrundschau vom 23.05.2017 - Eurozine

Im Interview mit Aro Velmet von der estnischen Zeitschrift Vikerkaar (auf Englisch in Eurozine) gesteht David Graeber, dass er die Trump-Wähler verstehen kann und erklärt zugleich seine Nostagie über die in alle Winde zerstreute Occupy-Bewegung: "Eigentlich gab es immer Männer wie Trump, aber sie bekamen nie Aufmerksamkeit, denn die Leute zogen unsere Art der Alternative vor. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, einen offenen Brief an das Establishment zu schreiben. Um den Leuten im Grunde zu sagen: Wir wollen euch doch nur warnen. Die meisten Leute in Amerika denken, dass das politische System von Grund auf und total verkommen ist, und sie haben gute Gründe, das zu denken. Nur die Manager-Berufsklassen, die den Kern der Wählerschaft der Demokratischen Partei bilden, denken, es würde ausreichen, ihre Gaunereien für legal zu erklären. Niemand sonst denkt so. Wir wollten das in eine positive Richtung lenken, und dann kamen sie, und haben uns zusammengeprügelt. Die Liberalen taten das. Nicht die Rechte. Bürgermeister, die Occupy unterdrückten, waren meist Demokraten."

Magazinrundschau vom 18.04.2017 - Eurozine

Es fehlt bekanntlich eine europäische Öffentlichkeit. Der Autor André Wilkens (ehemals Mitarbeiter der Soros-Stiftung) und der Europa-Politiker Jakob von Weizsäcker  haben neulich bei Spiegel online die Gründung eines großen European Broadcasting Service, also eines europaweiten öffentlich-rechtlichen Senders vorgeschlagen, der in 24 Sprachen funktionieren soll. Dagegen verwahren sich in Eurozine Carl Henrik Fredriksson und Roman Léandre Schmidt, die statt dessen einen Graswurzel-Ansatz vorziehen und eine europäische Förderung bereits bestehender Medien in Europa vorschlagen, die sich für europäische Themen öffnen sollen: "Europäische Institutionen sollten sich bis 2019 auf ein intelligentes System der Unterstützung bereits bestehender Medien einigen, die vom Publikum in ihren Ländern bereits geschätzt werden und ihre Arbeit europäischer ausrichten sollen. Genau in jenen Ländern, wo unabhängige Arbeit nur unter großen Schwierigkeiten möglich ist, gibt es keine andere Option, als lokale Initiativen zu unterstüzen und ihre Einbeziehung in europäische Netzwerke zu fördern. Die Entscheidung über diese Förderungen sollten einer unabhängigen Behörde obliegen."

Magazinrundschau vom 04.04.2017 - Eurozine

Lange galt Russland als Staat ohne Ideologie, laut Verfassung war sie sogar verboten. Doch das ändert sich zunehmend, schreibt Evgenia Lezina, vor allem seit Wladimir Putin - mit der Besetzung der Krim - erkannt hat, wie dienlich seinen Popularitätswerten die Konfrontation mit dem Westen ist: "Mit der Berufung auf patriotische Gefühle und eine nationale Idee kommt der Vergangenheit eine größere Bedeutung zu, das Regime zu legitimieren. Zum einen haben staatliche Stellen immer wieder auf die jahrhundetelange Kontinuität in der russischen Geschichte verwiesen und das Bedürfnis nach Versöhnung und nationaler Einheit betont, zum anderen haben sie angekündigt, aktiv jeden Versuch zu unterbinden, die Vergangenheit kritisch zu reflektieren oder alternative Deutungen historischer Ereignisse zu bieten. Diese Tendenz zeigt sich auch bei den offizellen Erklärungen zum hundertsten Jahrestag der russischen Revolution. Sie klingen wie dieselbe Durchschrift: 'Wir müssen aus der Geschichte die Lehre zur Versöhnung ziehen und die soziale, politische und gesellschaftliche Eintracht untermauern, die wir bis heute erreicht haben. Es ist inakzeptabel, aus persönlichen oder politischen Motiven über Tragödien zu spekulieren', erklärte Putin in seiner jährlichen Ansprache vor dem Parlament am 1. Dezember 2016."

Ingo Petzt fragt zudem, wie gesichert Weißrusslands Unabhängigkeit ist. Kürzlich habe der Minsker Machthaber Lukaschenko erklärt, für Unabhängigkeit müsse man kämpfen, doch die Weißrussen seien ein friedliebendes Volk: "Das große Militärmanöver West 2017, das Russland für diesen Sommer mit 100.000 Mann in Weißrussland und Kaliningrad angesetzt hat, hat ebenfalls Gerüchte über eine mögliche Besetzung befeuert."

Magazinrundschau vom 11.10.2016 - Eurozine

In einem Artikel für Index on Censorship, online bei Eurozine, gibt Andrey Arkhangelsky einen sehr nützlichen Überblick über die paar unverzagten Medien in Russland, die noch investigativen Journalismus betreiben. Anlass ist ihm der zehnte Jahrestag des Mords an Anna Politkowskaja. Die neuen Technologien, sagt er, haben nicht automatisch eine größere Vielfalt oder mehr mutigen Journalismus gebracht - alles hängt wie immer von Einzelnen ab. Und von deren persönlichem Mut: "Verleger und Investoren dachten oft, dass sie nur nach den Regeln spielen und offene Kritik vermeiden müssen, dann würde sie niemand anrühren. Aber die Regeln ändern sich immerzu, und sie sind nirgends schriftlich formuliert. Niemand kann sie erraten. Diese kafkaeske Situation führt zu allgemeiner Nervosität, sagt uns aber auch etwas über Meinungsfreiheit: Wer in eine partielle Beschneidung seiner Freiheit einwilligt, dem wird sie früher oder später ganz genommen."

Magazinrundschau vom 13.09.2016 - Eurozine

Luka Lisjak Gabrijelcic führt für die slowenische Zeitschrift Razpotja - auf Englisch bei Eurozine - ein sehr instruktives Gespräch mit dem Historiker Timothy Snyder, der unter anderem ausführlich über den Einfluss Hannah Arendts auf seine Bücher spricht. Eine historische Voraussetzung für die Totalitarismen, die den Höhepunkt ihres Vernichtungswahns in den von Snyder so benannten "Bloodlands" erlebten, ist für Arendt und ihn der Imperialismus des 19. Jahrhunderts: "Meiner Meinung nach sagt sie zurecht, dass am Ende des 19. Jahrhunderts etwas Wichtiges mit dem Begriff des 'Reichs' passiert. Im Grunde war das eine Intuition von ihr - basierend auf ihrer Lektüre von Joseph Conrad - , aber ich glaube, sie weist zurecht darauf hin, dass das Rassedenken in den Kolonialreichen eine wesentliche Rolle in der Genese der Totalitarismen spielt. Hitler, und nicht nur er, sieht sich an, was in Afrika und bis zu einem gewissen Grad in Amerika geschieht und wendet die Kategorie eines auf Rasse beruhenden Reichs in einer sehr kruden und vereinfachten Weise auf Europa an. Völlig zurecht betont sie, dass dies nicht ohne die Kolonialerfahrung in Afrika hätte geschehen können."