Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 02.09.2002 - New York Times

Daphne Merkin widmet dem Nobelpreisträger V.S. Naipaul (mehr hier) ein großes Porträt, in dem sie vor allem beklagt, dass er zu wenig gelesen wird. Erst im zweiten Teil gelangt sie zur Besprechung des neuen Buches, der Essaysammlung "The Writer and the World". Naipauls Besonderheit als reisender Schriftsteller beschreibt Merkin so: "Unlike those writers who travel in deliberate search of the exotic or mystical, Naipaul travels in order to find glimmers of the recognizable: 'I go to places which, however alien, connect in some way with what I already know.' " Diese Haltung findet Merkin angenehm vor allem im Vergleich zum politisch korrekten Mainstream: "I suppose this attitude can be labeled insular or ethnocentric, but one can also perceive in it a refusal to go along with the guilt-racked, reflexive tendency among Western liberals to idealize the once-despised Other and to countenance the depredations of self-rule in former colonial outposts." Das erste Kapitel gibt es hier zu lesen.

In einem Sammelband sind die gesammelten Film- und sonstigen Kritiken von Anthony Lane, Nachfolger Pauline Kaels beim New Yorker, erschienen. Was Laura Miller zu den Filmkritiken zu sagen hat, klingt erst mal nicht schlecht: "Lane writes prose the way Fred Astaire danced; his sentences and paragraphs are a sublime, rhythmic concoction of glide and snap, lightness and sting. Like his beloved Jane Austen, his style is infernally contagious. This review will sound just like him, and there's nothing I can do to prevent that." Die wahre Liebe Lanes aber gilt der Literatur, der englischen insbesondere - und Laura Miller ist so begeistert, dass sie sich am Ende fragt, warum er überhaupt Filme bespricht. Hier der Link zum ersten Kapitel.

Paul Austers
neuer Roman "Book of Illusions", bei uns schon eine Weile raus und von den Feuilletons rundum, zum Teil begeistert besprochen, ist nun auch in den USA veröffentlicht worden; das Urteil von D.T. Max fällt allerdings eher zwiespältig aus: "It contains a fine evocation of Mann's imaginary silent films that seems to owe something to Auster's own efforts as a screenwriter. He is brilliant at making the intellectual life sexy. But 'The Book of Illusions' doesn't quite reach the New York Trilogy's taut grace, in which every sentence feels metaphysically ordained, or his film work's warmth. It feels messy without being quite human." Hier gibt es eine Leseprobe.

Außerdem besprochen werden unter anderem ein Buch über die amerikanische Urzelle der Country-Musik, nämlich die Carter-Family, und - sehr positiv - der Roman "Eva's Cousin" von Sibylle Knauss (hier die Reaktionen im deutschsprachigen Raum). Lauwarm ist die Reaktion auf den "techno-bio-anthropological thriller" "Mind Catcher" von John Darnton, in dem ein paar Wissenschaftler eine Maschine zum Download menschlicher Hirnwellen erfunden haben. Nicht ganz uninteressant auch: Jonathan Franzens "Corrections" sind jetzt als Taschenbuch erschienen.

Magazinrundschau vom 26.08.2002 - New York Times

Und wenn es das tausendste Buch über einen Spion im besetzten Frankreich des Zweiten Weltkriegs ist, und das siebte von Alan Furst, das zu dieser Zeit spielt: selten war eines so gut wie "Blood of Victory", jubelt Neil Gordon in der Review. Furst gelinge es in beeindruckender Weise, den Leser unmittelbar in die Lage des Helden zu versetzen, wobei ihm auch seine Sprache helfe, eine "nearly telegraphic prose that relies heavily on sentence fragments and rapid-fire sequences of images to capture the extraordinary complexity of his characters' political and personal reality. His writing is eloquent in its factual, fatigued simplicity." Das Buch zu lesen, sei wie Kino - natürlich schwarz-weiß -, "a cinematic noir vision of handsome men and women wearing trench coats, smoking Balkan Sobranie cigarettes, listening to Stephane Grapelli and Django Reinhardt (mehr hier) and inhabiting nighttime streets in cities from Istanbul to occupied Paris." Der Spion war übrigens Ilia Serebin. Hier gibt es das erste Kapitel als Leseprobe und hier eine Lesung des Autors.

Marco Polo kann einpacken. Fasziniert folgt Geoffrey Moorhouse Tim Mackintosh-Smith's ''Travels with a Tangerine'', der Geschichte des größten Reisenden aller Zeiten Ibn Battutah (1304-1368) (mehr zu Batthuta hier), der mit 21 Jahren Tanger verließ und erst nach 30 Jahren und 75 000 Meilen wieder zurückkehrte. Was das Buch empfehlenswert mache, sei aber nicht nur spannende Reisebericht, sondern vor allem die Darstellung eines toleranten Islams. Das mache das Buch zu einer "very genial tale, told by a sensitive man whose chief interest is a culture motivated by a faith to which he does not himself subscribe."

Die Begeisterung, mit der Timothy Ferry in "Seeing in the Dark" die Schönheit des Alls im Allgemeinen und die Menschen im Besonderen beschreibt, die dieser Schönheit verfallen sind, hat auch den Rezensenten angesteckt: "Universe-watching, like golf and aging, promotes humility. Ferris is a retired professor, but of journalism, not astronomy, and his tone is that of the amateurs he celebrates and interviews. That adolescent enthusiasm, well tended since sputnik, reinforces his formidable literary gifts - for metaphor, for narrative and everything between. This is a beautiful book."

Ansonsten widmet sich die Review unter anderem "Eleanor and Harry", einer Sammlung von 254 Briefen Eleanor Roosevelts an Harry Truman. Der Nachfolger Roosevelts wusste genau, dass er ohne Eleanor nicht regieren konnte. "And she, in turn, was determined to do all she could to see to it that what she believed to be her husband's unfinished agenda would be carried out by his successor." (Erstes Kapitel hier). Besprochen wird auch die "Geschichte eines Deutschen" von Sebastian Haffner, die als "Defying Hitler" auf den amerikanischen Markt kommt.

Magazinrundschau vom 19.08.2002 - New York Times

Jeff Giles stellt Haruki Murakamis neues Buch "After the Quake" (Auszug) vor, einen "unerwartet kraftvollen" Erzählband über die emotionalen Nachwehen des Kobe-Erdbebens von 1995, den Amerikaner auch als Metapher für den 11. September lesen dürfen (obgleich das Buch vorher entstanden ist). Und mit der den Rezensenten aufgrund ihrer Mischung aus Realismus und Fantasy begeisternden Geschichte "Super-Frog Saves Tokyo'' über einen sechs Fuß messenden Frosch, der unvermittelt im Haus des Bankangestellten Katagiri auftaucht. "The frog tells Katagiri that he needs his aid in the battle against an enormous worm, that lives beneath Tokyo and is planning to unleash a crippling earthquake" Es braucht eine Weile, schreibt Giles, um herauszufinden, wieviel diese Geschichte uns erzählt über das Gefühl der Machtlosigkeit und der Angst. Hier noch ein Feature zu Murakami.

Besprochen wird auch Alain de Bottons so gar nichts mit der Abenteuerlust und dem Humor traditioneller englischer Reiseliteratur gemein habendes Buch "The Art of Travel". De Botton, bedauert Alan Riding in seiner Besprechung, "seems to prefer the ritual of traveling -- the aller-retour on ships and trains and planes -- to actually being somewhere other than his London home." Nur gut, dass sich der Autor als Begleiter so unterhaltsame Figuren wie Baudelaire, von Humboldt, van Gogh und Ruskin ausgesucht hat: "He worries constantly about the problems he has left behind, and he is ever self-conscious about the otherness of the places he visits. And, to be frank, he can be something of a whiner. So it is often a relief when de Botton cedes his pages to his predecessors, describing their approach to travel and quoting from their books, letters and lectures." Lesen wir also besser gleich Wordsworth, anstatt das erste Kapitel.

Im Boox-Comic untersucht Mark Alan Stamaty den Harry-Potter-Hype, der selbst vor Plagiaten nicht Halt macht - in China zumindest. Und der auf Hebräisch schreibende Dichter Abba Kovner schickt folgendes Poem: "How little we need / to be happy: / a half-kilo increase in weight, / two circuits of the corridors / at Sloan-Kettering / in bedroom slippers / a morning without aspirin / silence gentle as a pit, / a distant / sand dune / behind the green bridge / a patch of lawn / and you beside me beginning / to knit a new sweater..."

Magazinrundschau vom 12.08.2002 - New York Times

Tony Eprile stellt zwei Romane des südafrikanischen Autors Zakes Mda vor, in denen die seltene Verbindung von magischem Realismus und Sozialkritik glückt. Bewegt sich "The Heart of Redness" (Leseprobe) hin und her zwischen der südafrikanischen Gegenwart und dem 19. Jahrhundert und zeigt auf diese Weise den uralten Kampf zwischen den Kräften des Fortschritts und denjenigen der Tradition, folgt der im Stil des "oral storytelling" geschriebene pikareske Roman "Ways of Dying" (Auszug) dem "professional mourner" Toloki, einem Klagemann der besonderen Art: "Toloki has created his own special diet, 'a delicacy of Swiss cake relished with green onions', and this, along with his habit of dousing himself in perfume and rarely bathing, gains him plenty of room at crowded gravesites." Trotzdem wird nicht nur ein Buch über das Sterben im neuen Südafrika draus, sondern auch eine Liebesgeschichte: "Reflecting the startling contrasts in such a world, tender humor and brutal violence vie with each other in Mda's pages, as do vibrant life and sudden death. The struggle between them creates an energetic and refreshing literature for a country still coming to terms with both the new and the old."

Die Geschichte der Menschheit vom Unterleib aus betrachtet. Oder acht Kapitel über die großen Wendepunkte in unserer ewigen Suche nach einer guten Mahlzeit. "All this is condensed into 224 pages of text, the literary equivalent of turning a stockpot of broth into a bouillon cube." Und mundet Betty Fussell ganz ausgezeichnet: "Serving up Gaston Bachelard with Lewis Carroll, Confucius with Montezuma, Pythagoras with a London sandwich man," schreibt Fussell über den genialischen Autor von "Near A Thousand Table", den Oxford-Historiker Felipe Fernandez-Armesto, "he does more than dazzle by eclectic erudition: he undermines the cliches of our personal and cultural biases". Und er bringt Erstaunliches zusammen: "After proposing that fire-cooked food transformed solitary eaters into communal ones, he links the civilizing tool of cooking to current uncivilizing modes of anti-cooking, particularly 'the loneliness of the fast-food eater'. Das Fleisch des Ganzen aber, serviert mit "Anmut und Verstand", findet Fussell eingekocht in den drei letzten Kapiteln, "documenting the revolutions of global exchange that now determine what and how we all eat" (Stichwort: Cross-cultural eating und die "McDonaldization" des Globus). Hier bringe Fernandez-Armesto "a humanity, civility and excitement to serious food writing that may not have been seen since Brillat-Savarin."

Außerdem stellt Naomi Shihab Nye vier in Versen geschriebene neue Kinderbücher vor, die an die einfachen Freuden des Reimens erinnern. Und Jenny Turner ist baff angesichts der Klugheit, der Ausdrucksfähigkeit und des Witzes, die Terry Eagleton in seiner "Anti-Autobiografie" ("Instead of the usual bildungsroman sense of a life as a single arc, Eagleton does his as interlinked short hops") an den Tag legt. Hier ein entsprechend sprühender Auszug aus "The Gatekeeper".

Magazinrundschau vom 05.08.2002 - New York Times

Die Times bespricht ein "meisterliches" Buch über die fruchtbare Künstlerbeziehung zwischen Igor Stravinsky und George Balanchine. Charles M. Josephs ''Stravinsky and Balanchine'' (Auszug) bietet, worauf zumindest Elizabeth Kendall immer gewartet hat. Wenn der Autor die russischen Wurzeln der beiden auch etwas vernachlässigt, sobald es um die amerikanische Zeit der beiden geht, ist er auf seinem Gebiet. "He is an intrepid researcher, who seems to have read every book that touches on these two men and their times, and he has spoken to every living person who was close to them. Not only that, his manner is engaging. He remains at the reader's side, laying out evidence, sharing his critical judgments, gravely convinced we can understand it all. His text fills in whatever background we need; his footnotes brim with further information ?We can almost see Stravinsky's densely woven structures and Balanchine's fiendishly lyrical, intelligent responses to them, which have been analyzed before but never together on such a scale."

Was macht eigentlich John McEnroe? Seine Biografie schreiben zum Beispiel. ''You Cannot Be Serious'' (Leseprobe) hält Hugo Lindgren für ein einnehmendes Buch seiner Art. "The prose is readable and engaging, if inartfully colloquial at times. And although McEnroe dishes dirt here and there, he mostly tries to be serious, setting out to understand his own behavior and the strange arc of his career. This is unexpected and admirable, and though moments of genuine insight come rarely, he does make a good show of giving it his best shot." Und wenn der ehemalige Rivale von Björn Borg mit dem unterhaltsamen Platzverhalten in Sachen Selbstbewusstsein auch noch immer nicht zu schlagen ist: "The net effect, however, is more endearing than phony."

Zum Schluss ein Gedicht von Katha Pollitt: "Ten blocks downtown, it's/ Zanzibar:/ smugglers and palm trees, ceiling fans,/sunsets that knock you out like a tropical cocktail?" Hier gelesen von der Autorin höchstselbst.

Magazinrundschau vom 29.07.2002 - New York Times

Paul Berman hält Martin Amis' Stalin-Buch ''Koba the Dread'' (erstes Kapitel und Autorenfeature) für eines der seltsamsten Bücher zu diesem Diktator überhaupt: "indignant, angry, personal and strangely touching" und mit seiner Themen-Mixtur, seinen historischen Grübeleien und persönlichen Kommentaren eine höchst idiosynkratische Angelegenheit. "Amis sets out to summarize Stalin's lies and murders (which he figures at roughly 20 million), the prison system, the slave labor projects, the purges and show trials and generally the political culture of the Union of Soviet Socialist Republics during its most fearful years." Und er stellt die Frage, wie westliche Intellektuelle (u.a. auch Amis' persönlich adressierter Freund Christopher Hitchens) so lange mit Stalin und Co. und dem Kommunimus sympathisieren konnten. Keines der ganz großen Bücher, so schließt Berman - weder zu Stalin noch zum Totalitarismus -, aber dafür entstanden aus dem Schmerz. Über die Grausamkeit, die Nutzlosigkeit und den Verlust.

Besprochen werden ferner zwei Bücher, die sich auf ungewohnte Weise - über den Sport nämlich - dem (von der Insel aus gesehen) europäischen Ausland nähern. Während Tim Moore, ein nach eigener Aussage miserabler Radfahrer, in ''French Revolutions'' (Auszug) die Route der Tour de France auf eigene Faust bewältigt und dabei mehr auf die Lachmuskeln des Lesers als auf seine Beinmuskulatur achtet, "tempering the slapstick with bits of cycling lore and reflections on the event's crippling physical demands, the near-biblical tribulations of past champions and the Tour's checkered history of greed, cynicism and cheating", wirbt Tim Parks mit seiner Dokumentation "A Season With Verona" (Leseprobe) für Verständnis für das oft rüde Verhalten der Hellas-Verona-Fans und sinniert ansonsten "on subjects as varied as crowd psychology, aesthetics, anthropology, poetry (Giacomo Leopardi gets plenty of playing time), the cultural rift in Italy between north and south, and the similarities between soccer and erotic experience."

Und während Daphne Merkin sich um die Nöte hauptberuflicher Musen kümmert und Eric McHenry gleich zwei Exemplare der raren Gattung des Versromans anzeigt (hier eine Leseprobe aus Brad Leithausers ''Darlington's Fall"), stellt Laura Secor eine gut 50 Jahre gereifte Storysammlung des tschechischen Romanciers Josef Skvorecky vor (Auszug "When Eve Was Naked"), die sich folgendermaßen auf den Punkt bringen lässt: "Nothing is so central to Skvorecky's work as the amorous pursuit of teenage girls, but the grand themes of the 20th century are forever intruding on that plotline."

Magazinrundschau vom 22.07.2002 - New York Times

"These are short stories that T. S. Eliot or Samuel Beckett might have come up with if they'd written conventional fiction about middle-class people", schreibt Craig Seligman in seiner Besprechung von Adam Hasletts Debüt-Erzählband "You Are Not a Stranger Here". Kaufen sollten wir das Buch, es lesen und schätzen, genau wie er. "There's not a clinker in the group, and this consistency, along with the maturity and the austerity and the exceptional tact of the writing, gives every indication that unless something goes radically haywire, 'You Are Not a Stranger Here' is the herald of a phenomenal career." Damit wir Leser nicht allzu neidisch werden aber, fügt Seligman hinzu: "Haslett may have talent to burn and the grades to get him into Yale (wo er im zweiten Jahr Jura studiert), but his prose exudes a desolation so choking that it can come only from somewhere deep inside."

Mit Arthur Phillips "Prague" (hier Auszug und Audiolesung) und John Beckmans "The Winter Zoo" stellt Adam Goodheart zwei Romane vor, in denen junge "Westerners", Amerikaner, um genau zu sein, sich aufmachen, den wilden, postkommunistischen Osten Europas, Polen und Ungarn nämlich, zu erkunden. Schade nur, meint Goodheart, dass die "expatriates" mit all ihren Ambitionen auf der Suche nach dem ultimativen Anderen auch nichts weiter sind als schnöde Touristen. Was die weitere Verortung betrifft, so erklärt Goddheart, "both Phillips and Beckman have swallowed chunks of Kundera whole - each book has its scenes of torrid sex in artists' studios, and so on - but neither novel is really very European. These two young Americans actually have more in common with that true patron saint of expat writers, Henry James."

Besprochen werden auch eine Mussolini-Biografie eines australischen Historikers ("a fresh, intelligent and judicious re-examination of Mussolini and the Fascist period") sowie eine "swinging history of America's most famous bohemian neighborhood" - die Greenwich Village People, verfasst vom Langzeit-Herausgeber der "Village Voice", Ross Wetzsteon. Hier die Leseprobe. Der "Boox"-Comic schließlich präsentiert ein neues Produkt, das dem Kultursnob erlaubt, über einen Roman zu reden, ohne ihn gelesen zu haben.

Magazinrundschau vom 15.07.2002 - New York Times

Ganz frisch ist das Thema zwar nicht mehr, aber die New York Times fragt trotzdem noch einmal: "Is Catholicism in trouble?" Der Erzbischof von Boston, Kardinal Bernard F. Law, sei wirklich schlecht beraten gewesen, meint Scott Appleby, als er ausgerechnet die Journalisten des Boston Globe als sensationslüsterne Anti-Katholiken beschimpfte, nachdem sie über den Kindesmissbrauch durch amerikanische Priester berichtet hatten (Artikel hier). Mit dem Buch "Betrayal" hat der Globe nun die Antwort an den Erzbischof vorgelegt, die Chronik des Skandals, der die Katholische Kirche in die schwerste Krise seit Jahrzehnten geführt hat - und das in den Tagen Osama bin Ladens. "The central figure in the drama is Cardinal Law himself. As portrayed here, he is a fascinating and tragic figure. Clearly a man of great faith, dedication and loyalty, Bernard Law has upheld the church's noblest traditions of compassion and social justice in his service to the new immigrant communities; in his crusade for civil rights and condemnations of racism. But reportedly he is also a man of great pride whose overwhelming conviction of the inherent sanctity of the church and the priesthood deafened him to the Second Vatican Council's reminder that the church, 'clasping sinners to her bosom, . . . follows constantly the path of penance and renewal'." (Hier eine Leseprobe)

Jack Miles widmet sich Gary Wills Bekenntnis "Why I am a Catholic". Wills sieht sich selbst in absolut loyaler Opposition zur katholischer Kirche, auch wenn, wie Miles schreibt, seine Ansichten über die Stellung Papstes eher denen eines Lutheraner oder Griechisch-Orthodoxen glichen: Nur zur Hälfte eine vernichtende Geschichte der katholischen Kirche, sei es vor allem ein Buch, wie Miles schreibt, "that, conceptually at least, may tame the papacy into something you can live with." (Dazu gestellt sind ein Interview mit Wills und eine Leseprobe.)

Rand Richards Cooper bespricht Richard Russos Erzählungen in dem Band "The Whore's Child". Ganz überzeugt scheint er nicht zu sein, dass der Pulitzer-Preisträger Russo auch die kurze Form beherrscht (wenn wir die Baseball-Regeln richtig verstanden haben): "Reading a collection of Richard Russo's stories is a bit like watching a home-run hitter try to lay down a squeeze bunt." (Hier die Leseprobe)

Weiteres: Jennifer Eagan stellt ein neues Buch aus dem Genre "books by shockingly young people about the shocking lives of young people" vor: den Roman "Twelve" des 18-jährigen Nick McDonell. Auch wenn das Buch sie doch sehr an Bret Easton Ellis' "Less than Zero" erinnert, lobt sie McDonnells "gifts of observation, empathy and humor". (Hier das erste Kapitel). Karen Karbo hält Tim Farringtons Liebesgeschichte "The Monk Downstairs" für "something of a modern-day miracle". (Leseprobe) Und Katherine Bouton staunt, wie es Alice Sebold geschafft hat, eine Tragödie aus der Nachbarschaft, - der Entführung und Ermordung eines 14-jährigen Mädchens - in Literatur zu wandeln (hier liest die Autorin das erste Kapitel).

Magazinrundschau vom 08.07.2002 - New York Times

Drei Bücher, die in aller Unbescheidenheit sagen, was Amerika so groß macht, stellt Michael Lind vor. Roger Rosenblatts Essaysammlung "Where We Stand" hält er für das schwächste: Eine Ansammlung von unverbundenen Themen und Skizzen, gespickt mit "conventional liberal opinions". "Why We Fight" (Auszug) des früheren Erziehungsministers William J. Bennett ("devoted to fulminations against public figures whose statements about the terrorist attacks were informed by moral relativism") kommt nicht viel besser weg: Einige interessante und provokative Argumente, ja, das Buch aber, empört sich Lind, verliert an Glaubwürdigkeit, wenn der Autor sich dem Nahost-Konflikt zuwendet und die Unterscheidung verwischt "between the nonsectarian republicanism of America's founding fathers and the ethnoreligious nationalism of the Israeli right". Bleibt Dinesh D'Souzas "durchdachte" Diskussion der Beschaffenheit und der historischen Bedeutung der USA (Auszug "What's So Great About America"), die auf die unschätzbare Bedeutung der Trennung von Kirche und Staat verweist: "One need not agree with D'Souza about everything to hope that his optimistic, secular understanding of America's role in the world prevails over Bennett's religious triumphalism."

Der zweite Teil von J. M. Coetzees Memoiren liegt vor. Betitelt ''Youth'', stellt das Buch, das den Lebenszeitraum des Autors zwischen 19 und 23 abdeckt, für den Rezensenten William Deresiewicz eine Seltsamkeit dar: Bestimmt sagt es uns eine Menge über Coetzee, nur was bloß? Alles, was Deresiewicz erkennen kann, ist ein junger Mann auf der Suche nach der Liebe und dem Kuss der Muse. Erfolglos, leider. "No one not otherwise informed would guess that he would go on to become one of the world's most celebrated novelists ? His sexual encounters are invariably joyless and loveless, leaving him feeling miserable and his partners - to whom he's unfailingly caddish - feeling worse. His poetry, when he's even writing it, is lifeless. Most of his mental energy goes into berating himself for his failures as a lover and an artist. In other words, 'Youth' covers that period of a man's life when he's most repulsive both to himself and others. The story is not new, but Coetzee tells it with brutal honesty." Hier ein Autorenfeature.

Ferner in der Review: Drei Bücher, in denen Inselbewohner ihre Robinson-Erfahrungen mit uns teilen (Auszug Daniel Hays' "On Whale Island", Auszug Adam Nicolsons "Sea Room"), und die nicht ganz konventionellen Memoiren des gerade mal 40-jährigen Schriftstellers Rick Moody (Leseprobe "The Black Veil").

Magazinrundschau vom 01.07.2002 - New York Times

Walter Reich bespricht das Buch "Masters of Death. The SS-Einsatzgruppen and the Invention of the Holocaust" (hier ein Auszug) des Pulitzerpreisträgers Richard Rhodes. Rhodes untersucht das grausame Geschäft der SS-Einsatzgruppen unter Himmlers Führung und zeigt, indem er Opfer und Täter als Persönlichkeiten wahrnimmt, wie das "industrialisierte Morden" vor sich ging. Er vertieft unseren Begriff von der vollkommenen Bösartigkeit des Holocausts, schreibt Reich, räumt aber zugleich ein, dass es der "ausgezeichneten und sehr lesbaren Arbeit" nicht gelingt zu klären, wie das Böse entsteht. Die von Rhodes verwendete Theorie (des Kriminologen Lonnie Athens), die in vier Schritten den "Sozialisationsprozess" der Einsatzgruppen hin zu mehr oder weniger willigen Vollstreckern beschreiben soll, hat Reich nicht überzeugt: "The behaviors and personal histories of Nazis that Rhodes cites, whether of Himmler or the Einsatzgruppen officers, though sometimes compatible with one or another part of Athens's theory, aren't enough to lead us to the conclusion that the theory can explain their violence or that of the Nazis in general."

Ja, schreibt A. O. Scott über Gary Shteyngarts Debütroman "The Russian Debutante's Handbook" (Auszug und Audiolesung), dies ist ein weiteres Buch über einen übergebildeten, unterreizten jungen Menschen aus Manhattan auf seinem Weg durch einen reichlich chaotischen Moment der Geschichte. Ein klassischer Bildungsroman also? Abwarten, meint Scott und folgt dem Helden, Vladimir, nach Prava, "a thinly disguised Prague", wo der Plot dann doch ganz schön ausgefuchst wird, "as Vladimir becomes the architect of a complex pyramid scheme and the impresario of little magazines and rave clubs, a bohemian gangster-mogul". Des Autors spielerische, karnevaleske Sensibilität, so Scott, "fits within a Russian satirical-fantastic tradition". Und da steht schließlich auch der große Bulgakow!

Außerdem in der Review: Ein von der Rezensentin wegen seines "fresh style" gelobter Roman von Kate Jennings mit dem schönen Titel "Moral Hazard" (Leseprobe), in dem ein politisch eher linksorientierter Redenschreiber in die "ethical jungles of high finance" gerät, und Biografien - über Chet Baker (Auszug "Deep in a Dream") sowie, als fünfter und letzter Band eines monumentalen Projekts von Joseph Frank, über Dostojewskij. Hier zum Anlesen.