Magazinrundschau - Archiv

Prospect

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Magazinrundschau vom 21.06.2022 - Prospect

Tomiwa Owolade hat sich in britischen Verlagen umgehört, welche Ansichten zu Rasse und Geschlecht bei ihnen noch toleriert werden. Viele Verlage setzen recht enge Grenzen, wollten sich dazu aber nicht äußern. Zu links? "Mark Richards, der vor zwei Jahren den kleinen unabhängigen Verlag Swift Press gegründet hat, sagt mir, das Problem sei nicht, dass das Verlagswesen zu links sei, sondern dass viele, die in diesem Bereich arbeiten, nicht mehr liberal seien. ... Es ist jedoch erwähnenswert, dass viele Mainstream-Verlage Autoren veröffentlicht haben, die bei der progressiven Linken unbeliebt sind. Allen Lane hat Jordan Peterson, Niall Ferguson und Eric Kaufmann veröffentlicht. Douglas Murray ist bei Bloomsbury erschienen, und sein jüngstes Buch, 'The War on the West', wurde von HarperCollins veröffentlicht. Diese Autoren erhalten im Internet negative Reaktionen, aber diese verblassen im Vergleich zu den Anfeindungen gegen Kathleen Stock, J.K. Rowling und Kate Clanchy. Von rechten Männern erwartet man, dass sie umstrittene Ansichten vertreten, aber bei Frauen mit einem Mitte-Links- oder liberalen Hintergrund, die bestimmte umstrittene Ansichten vertreten, fühlt es sich fast wie ein Verrat an. Diese Frauen werden eher als Ketzerinnen denn als Ungläubige betrachtet. Und in vielen religiösen oder ideologischen Bewegungen werden Ketzer in der Regel härter bestraft als Ungläubige. Das Ausmaß an Feindseligkeit führt wiederum dazu, dass viele Verleger zögern, sie zu verlegen oder sie öffentlich zu verteidigen."

Magazinrundschau vom 17.05.2022 - Prospect

Eine große Mehrheit der Russen glaubt Putins Propaganda. Für sie ist der Westen eine "abstrakte Hochburg des Bösen", schreibt Anastasia Kirilenko, Journalistin bei der im Exil veröffentlichten russischen Webseite The Insider, was auch damit zu tun habe, dass kaum jemand den Westen kenne: 76 Prozent der Russen waren noch nie im Ausland. "Diese schockierenden Zahlen lassen sich mit der Armut erklären. Moskau und St. Petersburg, wo 12 Prozent der Russen leben, können sich eines europäischen Lebensstandards rühmen. Aber andere Regionen sind so arm wie die ärmsten Länder der Welt. Aus diesen Gebieten, in denen verzweifelte Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, melden sich junge Männer in Scharen freiwillig zum Kampf in der Ukraine. Das so genannte Untersuchungskomitee Russlands hat Dutzende von Fällen über 'biologische Labors in der Ukraine', 'Kriegsverbrechen in der Ukraine', die von Ukrainern begangen wurden, über die Vorbereitung von Atomwaffen in der Ukraine und so weiter eröffnet. Das Komitee hat sogar sein eigenes Fernsehprojekt Za Pravda (Für die Wahrheit) ins Leben gerufen, in dem behauptet wird, die Ukraine sei ein künstlicher Staat. ... Parallelen zur Sowjetzeit drängen sich auf. Damals gab es eine Burdenko-Kommission zur 'Wahrheit über Katyn', die 'Untersuchungen' veröffentlichte, die zu dem Schluss kamen, dass die Deutschen 20.000 gefangene polnische Offiziere in Katyn in Smolensk, nahe der russischen Grenze zu Weißrussland, erschossen haben. Tatsächlich wurden die Erschießungen von der UdSSR im April 1940 nach dem Hitler-Stalin-Pakt durchgeführt. In diesem Sinne hat Russland vor kurzem 'Tribunal' gegen die 'Ukrainer, die das Massaker in Bucha verübt haben', angekündigt. Damit soll die örtliche russische Bevölkerung davon überzeugt werden, dass die Gräueltaten an den Menschenrechten nicht von ihrer heldenhaften Armee verübt worden sein können. Auf diese Weise werden 144 Millionen Menschen darauf vorbereitet, einen größeren Krieg mit dem Westen zu unterstützen, dem vorgeworfen wird, Russland zu Unrecht für ukrainische Verbrechen verantwortlich zu machen."

Magazinrundschau vom 02.11.2021 - Prospect

Tom Clark lässt sich von der momentan sehr gefragten venezolanischen Sozioökonomin Carlota Pérez die grüne Zukunft erläutern: "Pérez scheint von der Idee beseelt, dass sich die Welt seit dem Anbruch des modernen wirtschaftlichen Zeitalters in Zyklen vorwärtsbewegt, die sich stets auf dieselbe chaotische, aber letztlich positive Weise entfalten. Jedes Mal fühlt es sich schmerzhaft an, dann gibt es eine Gegenreaktion. Nach einem 'Wendepunkt' (an dem wir uns gerade befinden) folgt ein 'goldenes Zeitalter', da die Welt mit der neuen Technologie Frieden schließt und der Fortschritt sichtbar wird. Die erste Phase beginnt, wenn Unternehmer sich für neue Technologien begeistern und investieren. Mit Blick auf 250 Jahre Industriegeschichte glaubt Perez, dass wir mittlerweile fünf solcher Ausbrüche hinter uns haben: 1771, als Richard Arkwright die erste industrielle Revolution einläutete, 1829, als Stephensons 'Rocket' die Ära von Dampf, Eisenbahn und Kohle einläutete, 1875, als Andrew Carnegie den Bessemer-Prozess entwickelte, der Stahlpreis halbiert und ein 'Ingenieurzeitalter' von Brücken, Schiffen und Elektrifizierung ermöglicht wurde, 1908, als Henry Fords Model T das Fließband zum Laufen brachte, und schließlich das Internetzeitalter, in dem wir uns gerade befinden und das begann, als Ray Tomlinson die erste E-Mail verschickte. Als Kapitelfolge erscheint die Wirtschaftsgeschichte sehr aufgeräumt. Aber Perez lässt keinen Zweifel daran, dass die Dinge ungemütlich werden können … Es kann zu großer Ungleichheit kommen, wenn alte Industrien und ihre Arbeitskraft abberufen werden und sich innovative Emporkömmlinge als Raubritter entpuppen. Der nächste Wendepunkt ist noch holpriger, geprägt von Rezession, Populismus und Unruhen. Denken wir an das Großbritannien der 1840er Jahre, die populistische Welle in den USA der Jahrhundertwende, die extreme Politik der 1930er Jahre. Umwälzungen wie der Brexit und der Aufstieg Trumps gehen mit der disruptiven Wirkung des Internets zusammen."
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Magazinrundschau vom 13.10.2020 - Prospect

Jacques Derrida, der von den heutigen Social Studies so schrecklich vereinfacht wurde, ist in Wirklichkeit einer, der Dinge verkomplizieren statt vereinfachen will, schreibt Julian Baggini in einer freundlichen Hommage, die auf die ebenso freundliche Biografie Peter Salmons verweist. Ein Begriff, erläutert Baggini mit Derrida, ist schon Gewalt, denn er trifft eine Unterscheidung, die mögliche alternative Sichtweisen ausschließt: Und das Laborieren der Sprach an diesem Problem ist die "différance"! Man kann Derrida schon aus den Umständen erklären, die ihn prägten: "Jackie Derrida, wie er genannt wurde, war 1930 in Algerien geboren worden, damals eine französische Kolonie, als Sohn weitgehend säkularer sephardischer Juden. Seine Kindheit macht spätere Reflexionen über Sprache, die unfähig sei, die Ambiguitäten und Widersprüche dieser Welt abzubilden, und vor allem jene der Identität, verständlich. Er war Algerier, aber nicht Bürger Algeriens, Franzose, ohne Frankreich je gesehen zu haben, jüdisch, ohne ein jüdisches Leben zu leben, in einem arabischen Land, aber ohne Araber zu sein, zu dunkelhäutig, um von Europäern als Europäer angesehen zu werden, zu europäisch, um von den Afrikanern als Afrikaner gesehen zu werden. Kein Wunder, dass er später schreiben würde, dass Identität 'niemals gegeben, verliehen oder erreicht ist, nur der unendliche und unbestimmt phantasmatische Prozess der Identifikation bleibt." Übrigens war er in seiner Kindheit auch nicht Bürger Frankreichs, erklärt Baggini, denn das Vichy-Regime hatte den Juden das Privileg französischer Staatsbürgerschaft, das sie anders als die Araber genossen hatten, entzogen.

Magazinrundschau vom 17.04.2018 - Prospect

Maeve Marsden erinnert daran, dass Gin seit dem 18. Jahrhundert in Kampagnen gegen Alkoholismus feminisiert wurde, um das Skandalon des Trinkens zu vergrößern. Wenn von dem Schnaps als "Muttermilch", "Muttertränen" oder "Verderben der Mutter" gesprochen werde, so Marsden, verweist dies auf eine Propaganda, die immer wieder Gin-schwangere Frauen beschwor, die ihre Kinder im Rausch im Stich gelassen oder versehentlich getötet hätten, während über Missetaten von Seiten trunkener Väter Stillschweigen gewahrt wurde. Da stoßen ihr die neuesten Entwicklungen in Sachen Gin doch eher sauer auf: "Nicht nur hat der Gin seine Assoziation mit armen Frauen abgeschüttelt, er hat - vielleicht sogar genau deshalb - einen großen Marktwert entwickelt... Politisch und logistisch betrachtet, kann man das auf die Änderungen der Destillationsgesetzte in den vergangenen Jahrzehnten zurückführen, aber kulturell kann man eine Maskulinisierung dieser Sorte Schnaps beobachten, in deren Folge die Master Distillers - deren große Mehrheit männlich ist - als die James Bonds der Destillation vergöttert werden. Als Gin noch zu Hause von den Unterschichten hergerstellt wurde, war er ein Frauengetränk; jetzt, wo er angesagt ist, gehört er den Herren der Schöpfung. Er ist sogar so befreit von Weiblichkeit, dass 'Gin-Liebhaber' als Beschreibungsmerkmal genauso anerkannt ist wie Fan eines bestimmten Fußballvereins zu sein."

Magazinrundschau vom 27.02.2018 - Prospect

Sameer Rahim kommt, wenn auch aus einer anderen Richtung, zu einem ähnlichen Ergebnis wie Nedjib Sidi Moussa in Brooklyn Rail. Der Westen möchte bitte aufhören, Muslimen einen "moderaten" Islam vorzuschreiben. Der entwickle sich doch von ganz allein, glaubt er. Schließlich gebe es die unterschiedlichsten muslimischen Gesellschaften: "Es gibt zu viel Islam in den Studien über Muslime. Man sollte sich besser mehr auf die harten Themen konzentrieren: ökonomische Probleme, fehlgeschlagene Interventionen, Diktaturen, Ungleichheit, Klimawandel. All das trug zum Aufstieg des Islamischen Staates bei, Religion war kaum mehr als ein Anschubser. Entschärft man diese Probleme, gibt den Leuten verantwortliche Regierungen und die Chance auf einen Job, dann könnten gewalttätige religiöse Bewegungen, die vorgeben, Antworten bereit zu halten, ihre Anziehungskraft verlieren."

Außerdem: Lionel Shriver wehrt sich vehement gegen linke wie rechte Attacken auf die Meinungs- und Redefreiheit.

Magazinrundschau vom 19.07.2016 - Prospect

Die gerade in Großbritannien erschienene Sammlung "The Storyteller: Short Stories" mit fiktionalen Texten aus der Feder Walter Benjamins ist zwar in gewisser Hinsicht eine Mogelpackung, da der Philosoph und Essayist nicht besonders viele, im engeren Sinne belletristische Arbeiten hinterlassen hat, schreibt Adam Kirsch. Doch die im Band versammelten verstreuten Schriften kommen der Belletristik in Benjamins Werk noch am nächsten. Die Traumprotokolle zum Beispiel: Sie "entziehen sich der sprichwörtlichen Verschlafenheit anderer Leute, wenn Benjamin die unheimliche Art und Weise auf den Punkt bringt, in der Traum-Dinge sowohl sie selbst, als auch etwas völlig anderes sein können. ... Die Erscheinung Sowjet-Russlands in einem Spielzeug etwa ist auf surrealistische Weise evokativ. Sie vermittelt nicht nur die Tiefe des psychischen Engagement des Träumers in der Politik, sie stellt auch unbequeme Fragen danach, welchen ontologischen Status das kommunistische Utopia tatsächlich hat. Ist die UdSSR ein echter Ort oder bloß eine Projektionsfläche für Fantasien? Was versucht Benjamin, ein leidenschaftlicher, wenn auch exzentrischer Marxist, uns und sich selbst mit diesem Bild zu erzählen?"

Magazinrundschau vom 12.04.2016 - Prospect

In Prospect erinnert Colm Toibin an James Baldwins Kurzroman "Giovannis Zimmer", der vor 60 Jahren erschien. Neben Werken von Henry James und Ernest Hemingway gehört dieser Roman in die Reihe amerikanischer Romane, deren Helden ihre Befreiung (oder eine Art von Befreiung) in Paris erleben. Baldwin hatte diesen Roman aus der Perspektive zweier homosexueller Weißer geschrieben. Der Kombination von afroamerikanischer und homosexueller Erfahrung fühlte er sich damals noch nicht gewachsen, schreibt Toibin. "Das Verschweigen und Enthüllen ist zentral für 'Giovannis Zimmer', während der Erzähler mal als heterosexuell erscheint, dann als homosexuell, dann als beides, immer sowohl vorbereitet wie unvorbereitet, sich oder seine Verwirrung durch einen Blick, ein Starren oder einen Moment klaren Erkennens preiszugeben. Diese Idee des Enthüllens und des Erkennens ist von besonderem Interesse, denn die Arbeit jedes Autors ist fast immer Maskerade. Ein Schriftsteller erfindet ein Double, jemanden, der dem Autor gleicht und sich dann wieder von ihm unterscheidet."

Magazinrundschau vom 25.08.2015 - Prospect

Jason Burke bezweifelt, dass es Glaube und Gewalt sind, die so viele für die Propaganda des Islamischen Staats empfänglich machen. Vielmehr sehnten sich die perspektivlosen jungen Männer nach der historischen Größe der ersten Kalifate, den Dynastien der Umayyaden und Abbassiden: "Viel Aufmerksamkeit wurde dem apokalyptischen Ton der IS-Rhetorik gewidmet. Auch wenn der zweifellos allgegenwärtig scheint, so ist doch das historische Element genauso mächtig und vielleicht noch weiter verbreitet. Filme über Kriegshelden der frühen islamischen Zeit, der Schlachten von Yarmuk oder Hattin, erreichen oft eine halbe Million Zuschauer auf YouTube. Die Lektüre eines inhaftierten IS-Kämpfers aus Indien bestand aus dem Koran und Biografien von Saladin und Khalid bin Walid, einem legendären muslimischen General des 7. Jahrhunderts. Das ist typisch. Wie bei allen militanten islamischen Gruppen, wählen sich die Rekruten fast alle Namen von bedeutenden Persönlichkeiten aus den ersten Jahrzehnten des Glaubens."

In einem großen Porträt Ai Weiweis, dem Londons Royal Academy eine ihrer seltenen Einzelausstellungen widmet, stellt Isabel Hilton klar, dass dessen Bedeutung nicht allein aus seinem Status als Dissident herrührt, sondern aus seiner künstlerischen Größe.

Magazinrundschau vom 03.02.2015 - Prospect

Der ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswany erklärt im Interview, warum seiner Ansicht nach das Militär eingreifen musste, als Präsident Morsi eigenmächtig die Verfassung ändern wollte und seine Gegner auf der Straße niederschießen ließ. Doch mit der jetzigen Regierung des Generals Abdel Fattah el-Sisi ist al-Aswany auch nicht einverstanden. "Unter Mubarak gab es keine Pressefreiheit. Man konnte nicht einen Artikel schreiben und einen Minister für etwas beschuldigen, ihm Gesetzesbruch vorwerfen oder seinen Rücktritt fordern. Aber unter Mubarak hatten wir immerhin die Freiheit zu reden. Der Deal war: Ich kann sagen, was ich will und Mubarak kann tun, was immer er will. Jetzt haben wir nicht einmal das. Man findet in den Medien kaum noch eine Möglichkeit eine Meinung zu äußern oder den Präsidenten zu kritisieren. Ich habe vor sechs Monaten meine wöchentliche Kolumne aufgegeben, weil keine Zeitung in Ägypten sie mehr tolerieren konnte."