Magazinrundschau - Archiv

Prospect

169 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 17

Magazinrundschau vom 01.09.2003 - Prospect

Was haben Moral und Literatur gemein, oder schließen sie sich schlichtweg aus? An dieser Frage hangelt sich das sechste Kapitel aus J. M. Coetzees neuem Roman "Elizabeth Costello" entlang, das im Prospect veröffentlicht wird. Elizabeth Costello wird zu einem Vortrag über das Böse eingeladen, in dem sie vorhat, den Roman eines Autors anzusprechen, der auch noch zufällig im Saal sitzt. Sie sagt: "Wenn dies ein gewöhnlicher Vortrag wäre, würde ich Ihnen jetzt ein oder zwei Absätze vorlesen, um Ihnen ein Gefühl für dieses außergewöhnliche Buch zu geben. (Es ist übrigens kein Geheimnis, dass der Autor unter uns weilt. Lassen Sie mich Mr. West um Verzeihung bitten, dass ich mir anmaße, ihm seinen Text vorzulesen.) Ich sollte es tun, aber ich werde es nicht tun, weil ich nicht glaube, dass es gut für Sie oder für mich wäre, dies zu hören. Ich behaupte sogar, dass ich nicht glaube, dass es gut für Mr. West war, diese Seiten zu schreiben."

Weitere Artikel: Zwei Jahre nach dem Anschlag auf das World Trade Center, meint Geoffrey Wheatcroft, ist das, was zu Beginn wie ein "großes Ereignis mit kleinen Konsequenzen" aussah, jetzt ein - verhältnismäßig - "kleines Ereignis mit großen Konsequenzen". Ian Stewart, Professor für Mathematik an der Warwick Universität, erklärt, dass die Physik mit den Superstrings vielleicht zu einer großen, alles vereinenden Theorie gefunden hat. Shereen El Feki hat ein Menstruations-Museum (hier) im Internet entdeckt und überlegt, ob Menstruations-Hemmer wie das auf den Markt gekommene Seasonsale eine Ansichtssache bleiben werden oder zum sozialen Zwang ausarten könnten. James McLeod macht sich Gedanken über zunehmend schwer erziehbare, weil nicht erzogene Schulkinder, denen auch mit der besten Schulreform nicht beizukommen wäre. Für Will Self ist J. G. Ballards "Millenium People" der Roman ist, auf den das England dieses fin-de-siecle geradezu gewartet hat.

Nur im Print zu lesen ist ein Interview mit James Woolsey, Bill Clintons CIA-Direktor.

Magazinrundschau vom 28.07.2003 - Prospect

Wie problematisch die Zukunft des israelisch-palästinensischen Zweistaatenmodells trotz der Road Map bleibt, berichtet David B. Green aus Jerusalem. Einerseits sei der Verlauf der schon teilweise errichteten Absperrung noch größtenteils ungewiss - es könne durchaus sein, dass sie nicht der "grünen Linie" folge - , andererseits spüren die Palästinenser deutlich, dass diese vermeintliche "Sicherung" einseitig, israelisch, ist. Wer allerdings bei dem Wort "Absperrung" etwa an einen Bretterverschlag denkt, wird eines besseren belehrt: "Zum einen ist die Absperrung weit mehr als ein Gitter oder eine Mauer. Sie ist eher eine Reihe von Hindernissen mit einem elektronischen Gitter in der Mitte, das eine Kommandozentrale in Alarmbereitschaft versetzt, wenn jemand versucht, sie zu durchqueren. Auf der Ostseite wird eine Zufahrtsstraße verlaufen sowie eine pyramidale Stacheldraht-Struktur und ein Graben; auf der Westseite wird es eine Verfolgungsstraße geben, die den Aufspürern erlaubt, zu ermitteln, ob jemand die Absperrung durchquert hat; und es wird eine dritte Straße für Panzerkampfwagen geben, sowie eine weitere Stacheldraht-Pyramide. Das Verteidigungsministerium erklärt, dass die durchschnittliche Breite des Absperrungskomplexes sechzig Meter betragen wird, auf besonders schwierigem Gelände, bis zu hundert Metern."

Weitere Artikel: Alexander Linklater huldigt in einem dichten und sehr menschlichen Porträt einem menschlichen Architekten - Frank Gehry. Adeed und Karen Dawisha liefern eine detaillierte Analyse der derzeitigen politischen Lage im Irak und zeigen sich hoffnungsvoll, was eine demokratische Zukunft angeht. Samuel Brittan nimmt die Pläne der britischen Regierung, jedem neugeborenen Kind ein Startkapital zur Verfügung zu stellen, zum Anlass über Vermögensverteilung und Gesellschaftsentwicklung nachzudenken (dazu gibt es hier Brittans kurzen Essay zum Thema Gleichheit zu lesen). Pat Barker mag großes Talent zur Darstellung älterer Historie besitzen, schreibt Julian Evans, in ihrem jüngsten Roman "Double Vision", der sich mit der Zeitgeschichte beschäftigt, begehe sie jedoch den entscheidenden Fehler die Handlung "von oben" aufzuziehen, vom Allgemeinen, Theoretischen her. Und das entziehe den Figuren und somit dem Roman die Glaubwürdigkeit. Evans hält es da mit E. M. Forster: Figuren dürfen nicht "entworfen", sondern müssen "geschaffen" wirken. Zuletzt verteidigt sich Peter Oborne, Herausgeber des Spectator, gegen die von John Lloyd (in der letzten Ausgabe) hervorgebrachten Anschuldigungen, er habe unehrenvollen Journalismus betrieben.

Nur im Print zu lesen: Misha Glenny prophezeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen, egal wer für die Demokraten startet, und Aidan Foster-Carter stellt sich Nordkoreas Untergang vor.

Magazinrundschau vom 30.06.2003 - Prospect

Mark Cousins war in Cannes und wundert sich, warum andauernd von transatlantischen Spannungen und speziell vom europäischen Antiamerikanismus die Rede war. Für Cousins hat sich etwas völlig anderes abgespielt: "Dieses Jahr hat gezeigt, dass die amerikanische Filmästhetik ethisch nicht in der Lage ist, mit unerhörten und ungewöhnlichen Aspekten des menschlichen Lebens umzugehen. Die große Zeit der Gewalt ist vorbei. Was in Cannes wie Antiamerikanismus aussah, ist in Wirklichkeit eine Erneuerung der Filmsprache."

Weitere Artikel: John Lloyd, der Herausgeber des FT Magazine, hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, von den Medien verleumdet zu werden, und fordert eine um Aufrichtigkeit bemühte Berichterstattung statt unseriöser Rechthaberei. Peter Pringle erklärt am Beispiel genmanipulierten Saatgutes, wie wichtig es ist, dass die öffentliche Gesundheit auch öffentlich zur Diskussion gestellt wird. In seinem Berliner Brief berichtet Tom Levine unter anderem vom gestressten Gras vor dem Reichstag. Und Bhikhu Parekh hat beobachtet, dass es nicht so sehr die westlichen Gesellschaften sind, die mit der muslimischen Gemeinschaft Schwierigkeiten haben, sondern dass es die Muslime sind, denen es schwerfällt, sich in einer multikulturellen Gesellschaft zurechtzufinden.

Nur im Print zu lesen: Adair Turner stellt sich gegen John Grays pessimistischen Anti-Humanismus.

Magazinrundschau vom 26.05.2003 - Prospect

"Sollte es ein Imperium in der heutigen Welt geben, so können das nur die USA sein", meint der Historiker Dominic Lieven, der sich deshalb mal ansieht, was die Geschichte des Imperialismus über das Wesen und die Schwachpunkte der US-Macht zu sagen hat. Dazu hat Lieven zweierlei gefunden: Zum einen haben die USA grundsätzliche Schwierigkeiten damit, sich als Empire zu verstehen, da sie sich tief in einer anti-imperialistischen Tradition verankert fühlen. Zum anderen halten die USA die Demokratie als grundsätzlich gerechtigkeitsfördernde Staatsform hoch, und dies auf ideologische Art und Weise. Und hier liegt nach Meinung Lievens der größte historische Schwachpunkt des Imperiums: "Was ideologische Macht angeht, ist anzumerken, dass die Ideologie des US-Imperiums demokratisch und egalitär ist, dass aber die Welt, in der wir leben, ungleicher ist als im Jahr 1500, als unegalitäre Ideologien herrschten. Die Geschichte des Imperialismus legt nahe, dass es zu Schwierigkeiten kommt, wenn Ideologie und Realität zu weit auseinanderklaffen."

Weitere Artikel: In einem interessanten Artikel begrüßt Johnathan Myerson die jüngste britische Strafrechtsreform, die es Straftätern erschweren soll, alle Register der Prozessvereitelung zu ziehen. In einem umfangreichen Briefwechsel streiten sich Anthony Seldon, Direktor einer Privatschule, und Adam Swift, Direktor einer öffentlichen Schule, gentlemanlike über die Notwendigkeit einer britischen Schulreform. Ist Neuseeland das neue Frauen-Paradies, etwa ein neues Matriarchat? Immerhin sind zur Zeit die wichtigsten politischen Posten mit Frauen besetzt. Virginia Marsh ist der Sache nachgegangen. Und schließlich plädiert Paul Clayton für mehr präventive Medizin, deren wichtigster Bestandteil eine ausgewogene Ernährung ist. Doch diese vorzeitige Gesundheitspflege schmeckt der Pharmaindustrie überhaupt nicht.

Nur im Print zu lesen: warum Ian Shuttleworth wieder ans Theater glaubt.

Magazinrundschau vom 22.04.2003 - Prospect

Wieder einmal viel Lesenswertes im Prospect. Für Rodric Braithwaite ist Großbritanniens "special relationship" zu Amerika nur eine "tröstende Kuscheldecke für eine an Einfluss verlierende Macht". Denn Amerika habe nur zu klar gemacht, wie wenig es auf die Briten angewiesen ist. Daher sei es an der Zeit, der Realität ins Auge zu sehen und die eigentliche Frage anzugehen, nämlich die nach Großbritanniens staatlicher Souveränität. Die wäre, entgegen der landläufigen Meinung, in jedem Fall besser in Europa aufgehoben, meint Braithwaite: "Viele Briten befürchten, dass die britische Souveränität innerhalb der EU weiter geschwächt wird, und würden sich ihr gerne entziehen. Die selben Leute befürworten jetzt eine noch engere Beziehung zu Amerika. Doch sie sehen nicht, dass dies die britische Souveränität mindestens genauso sehr beschneiden würde. Mit einem Elefanten im Bett zu liegen mag uns dabei helfen, uns wichtig zu fühlen. Doch die anderen Europäer wiegen so viel wie wir, und unsere Stimme in Brüssel ist entscheidender, als sie in Washington je sein kann. Unsere Partner wissen, dass ein überzeugendes Europa nicht ohne die Briten aufgebaut werden kann. Die Briten können nicht länger den Kontinent ignorieren, dem sie angehören. Aber wir werden nicht so gehört werden, wie wir es verdienen, wenn wir nicht unser Bild in Europa zerstören können, wonach Großbritannien Washingtons Pudel ist - ein Bild, das der Wirklichkeit gefährlich nahe kommt."

Anatol Lieven ruft das liberale Judentum Amerikas auf, Israels Politik und die amerikanisch-israelischen Beziehungen kritisch ins Auge zu fassen: "Es ist Zeit, dass alle wahren Freunde Israels anfangen, sich zu fragen, ob die gegenwärtige israelische Politik, und deren amerikanische Unterstützung, im wirklichen Interesse Israels, des Weltjudentums und der USA sind; oder ob sie den arabischen Hass und den europäischen Ärger aufrechterhalten wollen, die das langfristige Risiko bergen, Israel zu untergraben, Amerika zu verkrüppeln und die liberale Zivilisation zu zerstören, von der das Wohlbefinden einer Mehrheit von Juden letzlich abhängt."

Weitere Artikel: Bruce Clark hat sich in Birmingham umgehört, wie die britischen Muslime auf den von ihrer Regierung mitgeführten Irak-Krieg reagieren und interessante Dialogmöglichkeiten zwischen Christentum und Islam aufgetan. Aus Pakistan berichtet Pervez Hoodbhoy über die dortigen Reaktionen auf den Irak-Krieg und über den wachsenden islamistischen Einfluss. Schließlich hofft David Herman auf ein neues Leben für Kunst-Sendungen im britischen Fernsehen.

Magazinrundschau vom 24.03.2003 - Prospect

Ist Demokratie westlichen Zuschnitts in der arabischen Welt möglich? Oder widerspricht sie grundsätzlich der traditionellen politischen Kultur der islamischen Zivilisation? Der Prospect stellt in seiner Titelgeschichte Ansichten und Prognosen zur umstrittenen Frage nebeneinander:

"Arabischen Gesellschaften", schreibt Adam Garfinkle, "fehlen drei Voraussetzungen zur Demokratie: Die Überzeugung, dass die Quelle politischer Autorität innerhalb der Gesellschaft liegt, die Vorstellung einer Mehrheitsregierung und die Akzeptanz der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz." Regierungsgewalt beruhe auf einem Konsensmodell, dem die Annahme einer äußeren Autorität und natürlicher Hierarchien innerhalb der Gesellschaft zugrunde liegen. All das sei keineswegs gleichbedeutend mit Tyrannei. Wer aber dem Irak Demokratie aufzwingen wolle, warnt Garfinkle, müsse mit einem Bumerangeffekt rechnen. Robin Banerji ergänzt: Arabische Autokratien seien deshalb so sattelfest, weil die Gesellschaften aus Patronatsgeflechten bestehen, in denen fast alle sich einer väterlichen Macht unterordnen, um so die eigene Stellung zu sichern und gehört zu werden. Ahmad Samih Khalidi sucht nach einem Mittelweg, der demokratisches Wahlrecht mit traditionellen Regierungsformen versöhnen könnte, während Kenneth M. Pollack und Daniel L. Byman solche Überlegungen zurückweisen: Alles andere als ein konsequenter Weg Iraks zur Demokratie, meinen sie, hätte entweder schwache Regierungen oder neue Saddams zur Folge - und in jedem Fall keine stärkere Repräsentation der Mehrheit der Bürger. Und es sei falsch, dass Demokratie arabischen Gesellschaften zu fremd und deshalb dort nicht durchsetzbar sei: "Demokratie ist nicht nur richtig, sie ist auch realistisch." Da hat Fouad Ajami zwar seine Zweifel, er wäre aber schon mit einer Semi-Demokratie zufrieden und erklärt, warum er ein föderalistisches Staatsmodell im Irak für die beste Idee hält.

Es gibt keine bindende Wahrheit mehr, nur noch Versionen davon? Haben wir nur noch die Wahl zwischen Relativismus und Skeptizismus? Des Weges kommt die nach Ansicht vieler "pferdefüßige und dreifach gehörnte Figur des Richard Rorty" und meint: Es geht doch gar nicht um die richtige Repräsentation der Welt, sondern nur um den überzeugenderen Diskurs - wer mehr Anhänger hat, setzt seine Werkzeuge besser ein. Hört also endlich auf, nach der Wahrheit zu suchen und daraus Autorität abzuleiten. Simon Blackburn findet, dass Rorty selber nichts anderes macht und empfiehlt einen Reality Check.

Weitere Artikel: William I. Hitchcock berichtet über die in den USA vorherrschende Wahrnehmung vom Zweiten Weltkrieg - amerikanische junge Männer, die Demokratie im Herzen tragend, besiegen ohne nennenswerte alliierte Hilfe die deutschen Faschisten - und zeigt, wem der heroische Mythos gerade jetzt wieder nützt. Ken Worpole erklärt mit Bedauern, auf welche Weise sich die Kultur des Begräbnisses im vergangenen Jahrhundert gewandelt hat und wie man das an der Architektur unserer Friedhöfe ablesen kann. Und Anthony Gottlieb kommentiert John Horgans Versuch, hinter das Geheimnis nichtreligiöser mystischer Bewegungen zu kommen, auch wenn er selber keines entdecken kann.

Magazinrundschau vom 24.02.2003 - Prospect

Der Prospect stimmt uns etwas brutal auf seinen Inhalt ein: "Wenn Sie das lesen, könnte ein Angriff auf den Irak begonnen haben, die NATO zugrunde gegangen sein und die EU kurz davorstehen, sich in zwei Blöcke zu spalten."

Timothy Garton Ash scheint das beidseitige Hochkochen des zwischen Amerika und Europa bestehenden Grabens leid zu sein. Dazu scheine allen Beteiligten kein Anlass zu fadenscheinig und keine Äußerung zu komplex, als dass man sich ihrer nicht bedienen könne. Genau dieses Schicksal prophezeit Ash auch Robert Kagans Buch "Paradise and Power", das zwar von der Feststellung ausgehe, "Amerika und Europa teilten weder dieselbe Weltsicht noch bewohnten sie dieselbe Welt", diese aber schrittweise auflöse und als Forderung zur Zusammenarbeit formuliere. Dabei übersehe Kagan zwar, dass Macht nicht nur militärisch-politischer Natur sei, und dass weder die EU noch Europa eine einheitliche Position vertreten. Gefährlicher aber sei, was man sehr wahrscheinlich aus seinem Buch machen werde. "Die wahre Gefahr ist, dass der vulgäre Kaganismus sich auf beiden Seiten des Atlantiks ausbreitet, weil die Leute an Kagans "duale Karikatur" glauben oder - und ich denke, das passiert gerade - weil sie Wege suchen, den Graben zu vergrößern. Kurzum, Kagan könnte das Gegenteil von dem bewirken, was er beabsichtigt. Sein Schluss wird sich nur dann bewahrheiten, wenn Amerikaner und Europäer sich einig sind, dass sein Aussgangspunkt falsch ist."

John J. Mearsheimer and Stephen M. Walt sind sich einig: Dass die amerikanische Kriegs-Argumentation Rhetorik ist, dazu genügt ein kurzer Blick. "Diejenigen, die für einen Präventivschlag plädieren, fangen erst einmal damit an, Saddam als Serien-Aggressor darzustellen, der darauf versessen ist, den persischen Golf zu beherrschen. Außerdem behauptet die Kriegspartei, Saddam sei entweder irrational oder neige zu ernsthaften Fehlkalkulationen, was heißt, er kann nicht in Schach gehalten werden, auch nicht durch glaubhafte Vergeltungsdrohungen." Doch ob Saddam Massenvernichtungswaffen besitze oder nicht, ob er die Atombombe wolle oder nicht, dieser Krieg, das habe die Vergangenheit gezeigt, in der Saddam sich habe immer wieder abschrecken lassen, ist "unnötig".

Weitere Artikel: Julian Stallabrass begegnet den Vorurteilen gegen Computerspiele und prophezeit diesem Medium für das nächste Jahrhundert das Wirkungsspektrum, das der Film im 20. Jahrhundert hatte. Stephen Daldrys Film "The Hours" ist, trotz Staraufgebot, kein "richtig guter Film", findet Mark Cousins, wie überhaupt fast alle Literaturverfilmungen. Vielleicht sollte man einfach Ingmar Bergmans Rat folgen: "Film hat nichts mit Literatur zu tun. Wir sollten es vermeiden, aus Büchern Filme zu machen." Und Richard Barry geht der Frage nach, wie Großbritanniens Chancen stehen, das für 2012 geplante Nachfolgeabkommen von Kyoto zu erfüllen.

Nur im Print zu lesen: Reiner Luyken sieht in der Antikriegshaltung Deutschlands letztes Tabu.

Magazinrundschau vom 27.01.2003 - Prospect

Bob Rowthorn sorgt sich um das Wohlergehen der sogenannten Einwanderungsländer, die im Strom der Einwanderung drohen, ihr kulturelles Selbstverständnis zu verlieren. Die Kosmopoliten, die auf eine offene Gesellschaft drängen, missverstehen Offenheit als Bereicherung, machen jedoch letztlich alle Einwanderungsländer zu einer unspezifischen Ansammlung von Weltbürgern, so Rowthorn. "Nationen sind historische Gemeinschaften, die ein Recht darauf haben, ihre gemeinschaftliche Zukunft so zu gestalten, wie sie es für passend halten, und Entwicklungen zu widerstehen, die ihre Identität und ihren Kontinuitäts-Sinn untergraben." Gerade die Geschichte sei eine zentrale Komponente des nationalen Selbstverständnisses. Doch "wenn ein Land massiver Einwanderung ausgesetzt ist, wird es bald eine sehr große Anzahl von Menschen geben, die keine persönliche Beziehung zur jüngsten Vergangenheit haben, und die weder Stolz noch Scham für diese Vergangenheit empfinden. Ihre Beziehung zu weiter zurückliegender Vergangenheit wird dementsprechend noch fadenscheiniger sein. Was vorher die Geschichte der Nation war, könnte dann lediglich als die Geschichte einer schrumpfenden ethnischen Mehrheit aufgefasst werden, als eine Geschichte, die nur von wenig Bedeutung für den Rest ist."

Weitere Artikel: Jonathan Coe erklärt, wie gefährlich es sein kann, die Literatur als striktes Spiegelbild der Realität zu verstehen: den Schrifsteller B.S. Johnson trieb es in den Selbstmord. In einem Briefwechsel diskutieren Philipp Bobbitt und Robert Skidelsky über einen Regimewechsel im Irak - und sind nicht immer einer Meinung. Philip Ball berichtet über das saubere Auto, das hoffentlich Wirklichkeit wird, und Mark Ridley hat zwei Bücher über Sex und das Ende des Mannes gelesen.

Nur im Print zu lesen: Robert Reichs offener Brief an die US-Demokraten, ein Porträt von Daniel Libeskind und ein Interview, in dem Galileo Galilei über Brechts Verzerrungen seiner Person aufklärt.

Magazinrundschau vom 23.12.2002 - Prospect

Michael Lind ist davon überzeugt, dass der Ökonom Ha-Joon Chang mit seinem Buch "Kicking Away the Ladder" das "wichtigste Buch der letzten Jahre zum Thema Weltwirtschaft" geschrieben hat. Für Chang sei "das Scheitern der globalen freien Marktwirtschaft in der Hilfe für Entwicklungsländer kein Zufall gewesen". Im Gegenteil, "die Regeln der Weltwirtschaft sind so gestaltet, dass den armen Ländern nicht geholfen wird, eine moderne Wirtschaft zu entwickeln, und anstattdessen die Privilegien der jetzt führenden Industrieländer gestärkt werden. Die USA und andere fortgeschrittene Industriestaaten sind nicht nur egoistisch, sondern scheinheilig. Sie verweigern den Entwicklungsländern genau die Methoden, die sie in der Vergangenheit benutzt haben, um wirtschaftliche Supermächte zu werden." Würde dieses Argument von einem typischen links denkenden Globalismus-Kritiker stammen, könnte man es getrost überhören, so Prospect - doch Chang hat selbst unter anderem als Berater der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank gearbeitet.

Die Taliban stehen mit ihrer Dämonisierung des Fernsehens nicht allein, stellt Bella Thomas in einem sehr interessanten und skurrilen "Special Report" fest. In der oft gestellten Frage, wie Fernsehzuschauer in armen Ländern mit dem umgehen, was sie zu sehen bekommen, schwinge immer die Behauptung mit, dass "die Armen - anders als die schlauen Reichen - das, was sie sehen, pauschal aufsaugen". Im Gegenteil, die auf diesem Gebiet durchgeführten Studien belegten, dass in die Wahrnehmung immer auch die eigene Erfahrung einfließt und diese zu großen Teilen mitbestimmt. Eine Studie über holländische Dallas-Fans habe gezeigt, "dass ihr Spaß an der Show sich mit ihrem Bewusstsein, was deren ideologischen Inhalt betrifft, beißt. In einer Studie über 42 Anhänger der Ewing-Saga, kam heraus, dass jeder seine eigene Beziehung zur Serie hatte: Liebe zu Pamela, übertriebene Kleider, die amerikanischen Städte, JRs Schrecklichkeit, mit Amerika in Berührung zu sein, der enge Familienkreis, die 'Wahrscheinlichkeit" der Serie, die 'Unwahrscheinlichkeit' der Serie." Es sei eben doch nicht so einfach. "Also kann uns Fernsehen in vielerlei Hinsicht beeinflussen, und in keiner. Wir sollten uns daran erinnern, wie Virginia Woolf es ausgedrückt hat, dass jedes Individuum aus mindestens 28 Ichs besteht. Fernsehen schafft lediglich ein neunundzwanzigstes."

Weitere Artikel: Andrew Brown porträtiert Bill Hamilton, "den größten Evolutions-Denker des späten 20. Jahrhunderts". Edward Marriott, selbst Verfasser von Reisebüchern, beteuert, dass die schon so oft totgesagte Reiseliteratur sich bester Gesundheit erfreut. In einem Gespräch fragen sich verschiedene Persönlichkeiten aus dem britischen Universitäts-Milieu, ob Großbritannien Weltklasse-Universitäten hat und braucht, und ob Studiengebühren eingeführt werden sollen. Zuletzt gibt es ein paar Fakten: Hitler war 1938 für den Friedensnobelpreis nominiert worden und nächstes Jahr werden die Russen voraussichtlich zum ersten Mal mehr Bier als Wodka kaufen.

Magazinrundschau vom 02.12.2002 - Prospect

Was ist bloß in die Briten gefahren? Sie reden von einer neuen Hauptstadt. Und da man bei allem Neuen nicht die Tradition aus den Augen verlieren soll - soll sie Elizabetha heißen. Diese Diskussion geht zurück auf einen 1962 im Economist erschienenen Artikel, in dem Alastair Burnet und Norman Macrae kühn fragten: "Was hat der britische Süden, das der Norden wirklich wollte? Kurze Antwort: den wirtschaftlichen und sozialen Stimulus eines London. Was hat der Süden, das er gerne loswerden wollte? Kurze Antwort: Die Ineffizienz eines verstopften zentralen London. Die Lösung? "Der offensichtlichste Kandidat ist die Industrie der Zentralregierung selbst." Die Idee laute folglich, "eine neue Regierungshauptstadt für Großbritannien zu bauen - ein Washington, ein Canberra, ein Bern, ein Brasilia - irgendwo nördlich des Trent, und die Queen, das Parlament und den öffentlichen Dienst dorthin zu verlegen."

Paul Barker malt sich heute die neue Hauptstadt aus, die Großbritannien aus der Nord-Süd-Polarisierung retten soll: "Stell dir vor, mitten in Yorkshire ist eine Stadt namens Elizabetha aus den sumpfigen Feldern erstanden, und sie sieht aus wie Milton Keynes. Seit vierzig Jahren ist dies die Hauptstadt Großbritanniens. Doch es hat Ewigkeiten gedauert, sie fertig zu stellen." Viel wurde versucht, um die britische Zentralisierung aufzubrechen, so Barker, doch vergebens. "Es ist Zeit, Elizabetha aus dem Schrank der Geschichte hervorzuholen." Antwort auf die Frage: "Die Hauptstadt verschieben - ja oder nein?" geben auch britische und nicht-britische Intellektuelle aller Sparten, unter anderem auch Josef Joffe.

Robert Cooper schert aus dem Elizabetha-Chor aus und schreibt lieber über Staatsgewalt, Legitimationsfragen und das Buch des "großen Strategen" Philip Bobbitt ("The Shield of Achilles"). Bobbitts These, "dass der Staat seine Form ändert - wobei Militärtechnologie und Ideen der Legitimität eine Rolle spielen - und die internationale Ordnung mit ihm", findet Cooper überzeugend, kreidet ihm aber an, die Konflikte des 20. Jahrhundert als "vereinzelte Geschehnisse" zu betrachten und "das internationale Recht gering zu schätzen".

Weitere Artikel: Tobias Jones verfasst einen verfrühten Nachruf auf Papst Johannes Paul II. und versucht, sich seinen Nachfolger vorzustellen.David Lipsey stellt klar, dass der hochgelobte BBC-Chef Greg Dyke seinem Vorgänger John Birt viel, wenn nicht sogar alles zu verdanken hat.Christopher Lord denkt über post-konzeptuelle Kunst in einer post-konzeptuellen Gesellschaft nach. Anlässlich des Todes von John Rawls (dazu auch unser Link des Tages) kann man Ben Rogers Porträt des Philosophen aus dem Jahr 1999 lesen.