Magazinrundschau - Archiv

Quillette

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Magazinrundschau vom 15.12.2025 - Quillette

Liberale sitzen stets unbequem zwischen allen Stühlen. Jonathan Kay, einer der Mitbegründer von Quillette, kann das in seinem jüngsten Essay nur bestätigen. Er fühlt sich im "Liberalism's Lonely-Hearts Club" recht allein. Denn es reicht für Liberale heute nicht aus, gegen den Wokismus zu kämpfen, der in Kanada seit dem "Great Awokening" vor etwa zehn Jahren besonders heftig grassiert. Gerade erst musste er miterleben, wie Qwul'sih'yah'maht (ehemals Dr. Robina Thomas), die Präsidentin der Uni von Victoria, eine Rednerin auslud, die über die Fake News der Gräber von Kamloops sprechen wollte: Erwiesenermaßen waren dort keine Leichen von Indigenen verscharrt worden, aber Qwul'sih'yah'maht fürchtete, sensible Seelen zu verletzen. Nur ist es auf der anderen Seite genauso schlimm. Kay schildert, wie er nach Corona viele scharfzüngige Mitstreiter gegen die Wokeness an die Impfschwurbler verloren hatte - Covid hatte scheinliberale Gehirne völlig erweicht. Schlimmer wurde es dann noch, als Trump zum zweiten Mal ins Amt kam. "Seitdem haben sich Kritiker des progressiven Illiberalismus in zwei separate Lager gespalten: (1) diejenigen, die weiterhin jegliche Form von Illiberalismus ablehnen (dazu gehören wir), und (2) diejenigen, die autoritäre politische Überzeugungen akzeptieren, solange die Autoritären aus dem konservativen Lager kommen." Ganz schlimm ist der Fall der freien Universität von Austin, die sich gegen die Cancel Culture gegründet hatte - finanziert von dem Investor Joe Lonsdale. Und heute? "Am 5. Dezember lobte Lonsdale, der Mitglied des Kuratoriums der Universität ist, die Politik der Trump-Regierung, 'Drogenboote zu versenken' - womit er die summarische Hinrichtung mutmaßlicher Drogenhändler auf hoher See meint. Über Peter Hegseth, den US-Verteidigungsminister, schrieb er: 'Bösewichte zu töten ist [seine] Aufgabe. Er sollte mehr damit prahlen. Männliche Wahrheit: Mutige, tugendhafte Männer schrecken das Böse ab.' Lonsdale befürwortete auch öffentliche Hinrichtungen, die er mit 'männlicher Führung' in Verbindung bringt. Er fügte hinzu, dass in Amerika zu viel 'weibliche Energie unsere Städte und Gerichte beherrscht'." Illiberalismus von beiden Seiten zu bekämpfen, ist ein einsamer Kampf, so Jay: "Aber ich sehe keine Alternative."
Stichwörter: Liberalismus

Magazinrundschau vom 09.12.2025 - Quillette

Einschüchterung in der Wissenschaft ist bei weitem nicht neu. Quillette übernimmt einen Artikel von Peggy Sastre aus Le Point. Sie zeichnet die Kontroverse um E.O. Wilsons Buch "Sociobiology - The New Synthesis" vor ziemlich genau fünfzig Jahren nach. Wilson war ein Insektenkundler. Im Jahr 1975 hatte er seine Arbeit vorgelegt. Darin analysiert er tierische Gesellschaften als geformt von evolutionären, biologischen Prozessen. In den letzten Seiten seines Buchs überträgt er seine Erkenntnisse auf die menschliche Gesellschaft und verweist auf deren Verhaftung im Biologischen. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Besonders linke Wissenschaftsautoren wie der New-York-Times-Star Stephen Jay Gould führten eine zornige Fronde an und beschuldigten Wilson des Rassismus. Für Sastre ein früher Fall von "Cancel Culture". "Mehrere wissenschaftliche Rezensionen zu Wilsons Buch wurden von ihren Autoren zurückgezogen, aus Angst, den Polemikern Munition zu liefern. Niemand las Wilsons tatsächliches Werk: Die Leute lasen die Interpretationen seiner Gegner." Wissenschaftlich setzten sich Wilsons Erkenntnisse am Ende durch, so Sastre: "Der Zusammenhang zwischen Evolution und Verhalten ist mittlerweile fest etabliert. Verhaltensgenetik und Evolutionspsychologie sind etablierte Fachgebiete, und selbst ihre Gegner wissen, dass sie nicht einfach durch moralische Verurteilungen abgetan werden können."

Magazinrundschau vom 06.05.2025 - Quillette

Nicht nur in Kaschmir, auch zwischen Malaysien und Thailand schwelt seit Jahrhunderten ein Konflikt, der mit der Annexion des Sultanats von Patani 1902 durch die thailändische Armee eigentlich beendet sein sollte, Angehörige der muslimischen Minderheit in Thailand aber immer noch aufbringt, berichtet Imran Said anlässlich der verstärkten Bombenattentate in den letzten Wochen (mehr hier). Jahrhundertelang mussten die malayischen Herrscher im Norden der Halbinsel Tribut an den thailändischen König zahlen. Weigerungen hatten böse Folgen: "Nach der Gründung der Chakri-Dynastie (dem heutigen thailändischen Herrscherhaus) in Bangkok im Jahr 1782 weigerte sich der Herrscher von Patani kategorisch, den neuen Monarchen persönlich zu huldigen. Als Vergeltung machte 1785-86 eine siamesische Armee Patani dem Erdboden gleich. Es hieß, dass 'alle Männer, Kinder und alten Frauen ... gefesselt und auf den Boden geworfen und dann von Elefanten zu Tode getrampelt wurden'. Viertausend Malaien wurden in Ketten nach Bangkok gebracht, zusammen mit zwei riesigen Patani-Belagerungsgeschützen namens Sri Negara und Sri Patani. (Sri Patani ist heute vor dem thailändischen Verteidigungsministerium in Bangkok zu finden). ... Die siamesische Oberherrschaft und die Entbehrungen in der thailändischen Armeen trugen dazu bei, das Gefühl der muslimischen Nordmalaien zu stärken, sich von ihren thailändischen buddhistischen Oberherren abzugrenzen. Ein historischer malaiischer Text beschreibt den siamesischen König als einen 'Ungläubigen, der kein korrektes Verhalten kennt'. Dieses Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit. Der thailändische König Rama III. kommentierte, dass die Thais und die Malaien in ihrer Kultur und Weltanschauung so unterschiedlich wie Öl und Wasser seien, 'aus denen man nicht eins machen kann'. Auch der islamische Glaube wurde im Widerstand gegen die Thais mobilisiert. Während eines siamesischen Feldzugs gegen den rebellischen malaiischen Staat Kedah im Jahr 1821 bezeichneten die Malaien den Konflikt als heiligen Krieg (Dschihad) gegen ein ungläubiges (kafir) Regime. Diese Erzählungen wurden von der damals aufkommenden islamischen Sekte des Wahhabismus beeinflusst, die ihren Ursprung im Nahen Osten im frühen 19. Ihre strengen und militanten Lehren wurden in den islamischen Pondok-Schulen (Hüttenschulen) der Region verbreitet."

Magazinrundschau vom 30.07.2024 - Quillette

Frieden mit der Hisbollah, wie es heute Tom Segev in der FR forderte (unser Resümee)? Das wäre nur möglich, wenn es einen funktionierenden Staat gäbe, der die Hisbollah im Libanon in ihre Schranken weisen könnte. Davon kann aber keine Rede sein, meint Eric Bordenkircher, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for Middle East Development der UCLA: "Am Ende des Krieges mit Israel im Jahr 2006 wurde in der Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrates der Abzug der Hisbollah-Kräfte aus dem Südlibanon gefordert, was die Hisbollah nie befolgte. Im Gegenteil, die Miliz hat ihre Präsenz an der Grenze nur noch verstärkt. Angesichts der Neigung der Hisbollah, staatliche Entscheidungen und internationale Abkommen und Resolutionen zu ignorieren oder anzufechten, ist es völlig unrealistisch zu erwarten, dass die Hisbollah ihre Infrastruktur und die seit 2006 getätigten Investitionen an und in der Nähe der Grenze bereitwillig aufgeben würde. Das übergreifende Problem ist, dass der libanesische Staat nie erwachsen geworden ist. Nach achtzig Jahren ist er kaum mehr als eine hohle Schale, und viele Libanesen zollen ihm aufgrund seiner Schwächen und Unzulänglichkeiten nur wenig Respekt. Er verwaltet seine Wirtschaft und seine Ressourcen schlecht und ist nicht in der Lage, seine Autorität auf seinem eigenen Territorium durchzusetzen, weshalb es ihm auch nicht gelungen ist, abtrünnige Gruppen wie die Hisbollah unter Kontrolle zu bringen. Autorität, Rechenschaftspflicht und Respekt sind eingeübte, erlernte und erworbene Verhaltensweisen. Sie lassen sich nicht wie ein Wasserhahn auf- und zudrehen oder mit ausländischen Dollars kaufen, schon gar nicht in kurzer Zeit. Die Verantwortung für diesen Zustand liegt beim libanesischen Volk - Gemeinschaften, Parteien, Politiker und Einzelpersonen haben den Staat immer wieder unterminiert und geschwächt, wenn sie meinten, dies sei in ihrem Interesse. Geld und guter Wille können ein Land nicht reparieren, wenn die eigene Bevölkerung sich weigert, die notwendigen Opfer zu bringen, um eine effektive, effiziente und verantwortungsvolle Regierungsführung aufzubauen und zu verteidigen."

Magazinrundschau vom 13.02.2024 - Quillette

Die Welt ist heute weniger demokratisch als zu Beginn des 21. Jahrhunderts, schreibt Matt Johnson mit Blick auf die Ausbreitung des nationalistischen Autoritarismus in den USA, Europa und Indien, den Aufstieg des chinesischen Totalitarismus und die Wiederbelebung des russischen Imperialismus. Antworten sucht Johnson bei einem Streifzug quer durch die Schriften von Francis Fukuyama: "Laut Fukuyama besteht ein wichtiger Test der liberalen Demokratie darin, ob sie 'den Wunsch nach Anerkennung' der Bürger 'angemessen befriedigt'. Das ist in liberalen Gesellschaften nicht so einfach. Fukuyama stellt fest, dass 'ausgleichende Prozesse' wie die Einrichtung großer Wohlfahrtsstaaten und ein steigendes Bildungsniveau wohlhabende Mittelschichtsgesellschaften geschaffen haben. Aber es gibt natürliche Grenzen für die Gleichheit, die der Liberalismus bieten kann. Es gibt eine ungleiche Verteilung von Talent, Arbeitsmoral und allen anderen Merkmalen (einschließlich Glück), die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, was zu 'notwendigen und unausrottbaren' Unterschieden sowie bitteren Ressentiments führt. 'Die Tatsache, dass selbst in den vollkommensten liberalen Gesellschaften weiterhin große soziale Ungleichheiten bestehen bleiben', erklärt Fukuyama, 'bedeutet, dass es eine anhaltende Spannung zwischen den beiden Prinzipien Freiheit und Gleichheit geben wird, auf denen solche Gesellschaften basieren.' (…) Die Hauptkritik der Linken an der liberalen Demokratie besteht darin, dass sie nicht in der Lage ist, Gleichheit in ausreichendem Maße zu gewährleisten. Dies hat in der Vergangenheit viele linke Bewegungen dazu veranlasst, den Liberalismus im Streben nach Gleichheit gänzlich abzulehnen. Wie Fukuyama feststellt, versuchte das 'marxistische Projekt, eine extreme Form der sozialen Gleichheit auf Kosten der Freiheit zu fördern'. In ähnlicher Weise geht die Fixierung auf die Identitätspolitik heute oft mit einer Ablehnung liberaler Grundsätze wie der individuellen Rechte und der freien Meinungsäußerung einher. Eine kurzsichtige Konzentration auf Gleichheit ist mit dem Liberalismus unvereinbar, weshalb viele Linke heute von der liberalen Demokratie desillusioniert sind. Diese Enttäuschung ist besonders unter jungen Amerikanern weit verbreitet. Eine im Dezember 2023 durchgeführte Umfrage unter amerikanischen Erwachsenen ergab, dass nur 54 Prozent der 18- bis 29-Jährigen und 55 Prozent der 30- bis 44-Jährigen die Demokratie für die beste Regierungsform halten."

Magazinrundschau vom 16.01.2024 - Quillette

Der vor 95 Jahren ermordete schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King war überzeugt, dass ein Mensch nicht nach seiner Hautfarbe beurteilt werden sollte, sondern nach seinem Charakter. Er hoffte, die Welt würde mit der Zeit und durch moralische Überzeugungskraft farbenblind werden. So gesehen scheint klar, dass er heute ein Gegner der Critical Race Theorie wäre, für die die Hervorhebung der Hautfarbe entscheidend ist, um "systemischen Rassismus" zu bekämpfen, richtig? Ganz so einfach ist es nicht, meint John R. Wood Jr. in einem Essay für Quillette. King erkannte schnell die Schwachstellen seiner These: "Obwohl die Aufhebung der Rassentrennung in Schulen und öffentlichen Unterkünften sowie die Garantie des Wahlrechts wichtige Errungenschaften waren, kamen diese Verbesserungen ausschließlich den schwarzen Amerikanern im Süden zugute, wo Jim Crow herrschte. Die Probleme leistungsschwacher Schulen, der Polizeigewalt und vor allem der Armut, unter der schwarze Stadtteile wie Harlem, Chicago und Watts litten, blieben von diesen politischen Errungenschaften unangetastet. Die wirtschaftliche Gleichstellung erwies sich als besonders schwer zu erreichen. Diejenigen Verbündeten in der Regierung und unter prominenten weißen Amerikanern, die die Bürgerrechtsbewegung unterstützt hatten, als ihr Schwerpunkt auf den bürgerlichen Freiheiten lag, erwiesen sich als weniger loyal, sobald sich der Schwerpunkt auf die Wirtschaft verlagerte. ... In einer Rede auf der Jahrestagung der Rabbinical Assembly im Jahr 1968 kritisierte Dr. King die frühere Tendenz der Bürgerrechtsbewegung - und vielleicht lag darin auch eine implizite Selbstkritik -, über Integration allein in 'ästhetischen oder romantischen Begriffen' zu sprechen. Eine solche Herangehensweise, so reflektierte Dr. King, 'endete damit, dass man einer immer noch überwiegend weißen Machtstruktur lediglich Farbe hinzufügte'. Bemerkenswerterweise befürwortet Dr. King in dieser Rede zum Teil die Art von strategischer Segregation, die von der aufkommenden Black-Power-Bewegung als Mittel für eine sinnvollere Integration, 'bei der die Macht geteilt wird', in vollem Umfang übernommen werden sollte. Dr. King beschreibt die Segregation in bestimmten Fällen als 'eine vorübergehende Zwischenstation auf dem Weg zu einer wirklich integrierten Gesellschaft'. Eine solche Segregation war gewiss nicht das Endziel; das machte Dr. King deutlich. Dennoch war er gegenüber traditionellen Ansätzen zur Aufhebung der Rassentrennung misstrauisch geworden, nachdem er Schulen und Lehrervereinigungen erlebt hatte, in denen 'der Neger ohne Macht integriert ist' - in denen schwarze Lehrer und Gemeindeleiter die herausragenden Positionen und den Einfluss verloren, die sie in ihren zuvor segregierten Einrichtungen genossen hatten."

Magazinrundschau vom 19.12.2023 - Quillette

Für die Israelkritiker ist ausgemacht, dass die Israelis den Palästinensern militärisch so haushoch überlegen sind, dass die Zerstörung Gazas nur ein genozidaler Racheakt für den 7. Oktober sein kann. Wie kurzsichtig dieser Blick ist, erklärt der israelische Historiker Benny Morris. Israel kämpft nicht nur gegen die Hamas in Gaza, erklärt er, sondern gegen den Iran, der die Hamas unterstützt, die um ein vielfaches tödlichere Hisbollah im Libanon, die Huthi im Jemen und islamistische Milizen in Syrien. Allen zu begegnen, würde Israel in einen Mehrfrontenkrieg zwingen, den es nicht gewinnen könnte. Also muss der Iran das Ziel sein, meint Morris: "Aus Angst vor einer umfassenderen und apokalyptischeren Konfrontation haben sowohl Washington als auch Jerusalem weitgehend auf Vergeltungsmaßnahmen gegen den Iran selbst verzichtet und ihre Angriffe im Allgemeinen auf dessen Stellvertreter beschränkt. Es ist höchste Zeit, dass sich dies ändert. Und die jüngsten Ereignisse könnten Biden und sogar den routinemäßig zögerlichen und ängstlichen Netanjahu dazu veranlassen, den Kern des Problems, den Iran selbst, anzugreifen. Die Einrichtungen des Korps der Islamischen Revolutionsgarden, der Organisation, die für die Projektion der iranischen Macht in der Region verantwortlich ist, sind bekannte Ziele, ebenso wie die iranischen Marine- und Luftwaffenstützpunkte und die unterirdischen Nuklearanlagen, die glücklicherweise (noch) keine iranische Atomwaffe hervorgebracht haben. Angriffe auf diese Anlagen wären moralisch gerechtfertigt und längst überfällig. Wenn der Iran schließlich die Bombe hat, wird es zu spät sein. ... Dies könnte der einzige Weg sein, Israel wahren Frieden zu bringen. Auf einer Landkarte betrachtet, scheinen die Bedrohungen, denen der jüdische Staat ausgesetzt ist, aus allen Himmelsrichtungen zu kommen. Aber wenn man sie zu ihrer Quelle zurückverfolgt, führt jede zu derselben Adresse."

Warum so viele linke Juden das Existenzrecht Israels nicht anerkennen, hat bisher noch niemand so recht zu erklären versucht. Man fühlt sich dabei an jene iranischen Frauen erinnert, die Ende der Siebziger Jahre für die islamische Revolution im allgemeinen und den Tschadorzwang für Frauen im besonderen demonstrierten. Wie die Entwicklung bei linken Juden verlief, kann man jetzt ganz gut nachverfolgen in Kara Jesellas Artikel über das Verhältnis zwischen jüdischen und schwarzen Feministinnen in den USA seit den Sechzigern: Noch während der Bürgerrechtsbewegung oft an einem Strang ziehend, bezichtigten schwarze Feministinnen Jüdinnen zunehmend des "Weißseins", woraufhin ein Teil der jüdischen Feministinnen immer weiter nach links rückte, um diesem Vorwurf etwas entgegenzusetzen. Wie sektenartig das am Ende wird, zeigen die ideologischen Verrenkungen, die es braucht, um zu "Queers for Palestine" zu kommen: "Der Feminismus machte sich zueigen, was die Queertheoretikerin Heather Love als eine Tendenz des queeren Denkens zu immer schärferer Abweichung ("injunction to be deviant.") beschrieben hatte. Der Essay 'Queer Times, Queer Assemblages' der Gendertheoretikerin Jasbir K. Puar aus dem Jahr 2005 feierte palästinensische Selbstmordattentäterinnen, deren 'Auflösung der Grenzen des Körpers eine völlig chaotische Herausforderung an normative Konventionen von Geschlecht, Sexualität und Rasse darstellt und normative Konventionen von 'angemessenen' körperlichen Praktiken und der Heiligkeit des nicht behinderten (able) Körpers missachtet.' Diese 'queeren Körperlichkeiten', informiert uns Puar, untergraben die liberale westliche Tradition, weil 'Selbstmordattentäter das Rationale nicht transzendieren, die Grenze zum Irrationalen nicht akzeptieren'. Sie sind die Apotheose dessen, was Queer immer versucht hatte zu sein: nicht so sehr über sexuelle Identität definiert, sondern über 'widerständige Körperpraktiken' und Devianz selbst - über internationale Grenzen hinweg. Die ideale feministische Persona hatte sich von der gebildeten arbeitenden Frau zur jungen Radikalen, zur lesbischen Frau of Color und nun zur queeren palästinensischen Terroristin entwickelt. In der Zwischenzeit verunglimpften Puar und andere - darunter die Queer-Aktivistin Sarah Schulman - Israels 'zugegebenermaßen vorbildliche' Behandlung von Schwulen und Lesben als 'Pinkwashing', ein Mittel, um die Welt von ihrem Umspringen mit den Palästinensern abzulenken."

Magazinrundschau vom 12.12.2023 - Quillette

Im Gespräch mit Matt Johnson hält der Psychologe Steven Pinker daran fest, dass die Welt im Großen und Ganzen ständig besser wird. Es gibt allerdings Ausnahmen: "10/7 hat die moralische Verwirrung - um es wohlwollend auszudrücken - der identitären/kritischen Theorie/sozialen Gerechtigkeit/intersektionellen Ideologie aufgedeckt, die die Welt in Opfer und Unterdrücker einteilt, basierend auf verrückten Vorstellungen von Rasse, Geschlecht und Geschichte. Daraus ergibt sich die bizarre Taxonomie, in der Araber mit Afrikanern südlich der Sahara und schwule Westler und Israelis mit viktorianischen Kolonialisten in einen Topf geworfen werden. Wenn die Wissenschaft nach den Regeln der Logik funktionieren würde, wäre dies eine reductio ad absurdum. Die absurde Schlussfolgerung ist, dass eine Bewegung von frauenfeindlichen, homophoben, totalitären, theokratischen, völkermordenden Fanatikern eine Form der Befreiung und des Widerstands gegen Unterdrückung ist. Irgendetwas muss an den Annahmen, die zu dieser verrückten Schlussfolgerung führen, zutiefst fehlerhaft sein. 'Queers for Palestine' sollte eigentlich ein bissiger schwarzer Humor von The Onion oder Titania McGrath sein, aber es ist alles zu real." Bizarr findet er auch, in welchem Ausmaß das Verhalten der Hamas ignoriert wird: Sei es ihr erklärter und schriftlich niedergelegter Wille, Israel auslöschen zu wollen, sei es ihr Verhalten den eigenen Leuten gegenüber. "Es gibt eine Erfolgsbilanz darüber, wie sie den Gazastreifen tatsächlich regiert und was Schwesterbewegungen wie ISIS und Boko Haram in den von ihnen kontrollierten Gebieten getan haben. Also ja, wenn die Gesetze der Logik auf die intersektionelle Denkweise der sozialen Gerechtigkeit anwendbar wären, wäre dies ein Wendepunkt, der ihre moralische Absurdität entlarvt, wie der Moment der 'Abschaffung der Polizei', der zu einem Rückschlag geführt hat. Leider ist das ein großes 'Wenn'."

Magazinrundschau vom 05.12.2023 - Quillette

Kann man angemessen und proportional auf einen Angriff wie den der Hamas am 7. Oktober reagieren? Nicht, wenn es nach dem Willen der Hamas geht. Israel ist in Gaza in einem asymmetrischen Krieg gefangen, und die Hamas tut alles, damit das so bleibt, schreibt der Philosoph Michael Walzer. "Die gesamte Zivilbevölkerung absichtlich in Gefahr zu bringen, ist eine militärische und politische Strategie. Sie zielt darauf ab, es dem Feind unmöglich zu machen, zu kämpfen, ohne Zivilisten zu töten. Dies war die Strategie der Hamas in all ihren Kriegen mit Israel; sie verankert ihre Kämpfer in den Wohnvierteln der Städte des Gazastreifens und in den Einrichtungen, die der Zivilbevölkerung dienen. Sie lagert Raketen in Moscheen und Schulen, stellt ihre Kommunikations- und Kontrollzentren in oder unter Krankenhäusern auf und feuert Raketen von Schulhöfen und Krankenhausparkplätzen ab. Das ist Makro-Imoral. Jeder tote Zivilist ist ein politischer Gewinn für die Hamas, und das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass sie keine zivilen Schutzräume baut (im Gegensatz zu den Tunneln, die nur Kämpfer schützen). Je mehr tote und verletzte Zivilisten es gibt, desto mehr wird Israel für das Töten verantwortlich gemacht. Es verliert an politischer Unterstützung und gerät zunehmend unter Druck, einen Waffenstillstand zu akzeptieren, bevor es den Krieg gewonnen hat - was der Hamas die Kontrolle über den Gazastreifen überlassen würde, triumphierend und bereit, den nächsten Terroranschlag zu starten. Und dann müssten wir sagen, dass die Strategie funktioniert hat." Israel hingegen "profitiert definitiv nicht" von toten palästinensischen Zivilisten, erinnert Walzer. "Was auch immer es militärisch gewinnt, wenn es Ziele trifft, die in der Zivilbevölkerung eingebettet sind, es verliert politisch durch den Tod von Zivilisten, den es verursacht. Es ist also äußerste Vorsicht geboten. Wenn man davon ausgeht, dass die militärische Führung Israels zumindest ein Mindestmaß an Vernunft an den Tag legt (und die moralische Verrücktheit der politischen Führung außer Acht lässt), hat Israel heute nicht die Absicht, Zivilisten zu töten. Aber die Moral erfordert mehr als das: Israel muss die Absicht haben, keine Zivilisten zu töten. Es muss positive Maßnahmen ergreifen, um die Zahl der Toten, die es verursacht, zu minimieren. Auch das ist ein Erfordernis der Rationalität."

Magazinrundschau vom 24.10.2023 - Quillette

Ralph Leonard liest ein Buch, das den zeitgenössischen Antirassismus amerikanischer Prägung hinterfragt. Hat nicht jedes Land seine eigene Geschichte? Das denkt jedenfalls der britische Autor Tomiwa Owolade in "This Is Not America: Why Black Lives in Britain Matter". Jedes Land, so Owolades These, muss seinen eigenen spezifischen Rassismus verstehen lernen. So gab es in Britannien wieder Sklavenplantagen noch etwas ähnliches wie die Jim-Crow-Gesetze in den USA. Ganz zu schweigen von den ganz anderen Erzählungen der jüngsten Flüchtlingsbewegung: "Erzählungen über die Schrecken der Middle Passage oder Vorträge über die Geschichte des Geschichte des Kampfes gegen die Sklaverei haben zwangsläufig nicht die gleiche Resonanz für Menschen, die aus Nigeria, Somalia und Simbabwe nach Britannien eingewandert oder geflohen sind, wie für Afroamerikaner und Afro-Kariben. Owolade und ich sind beide nigerianischer Abstammung. Wir haben unsere ganz eigene Beziehung zum britischen Empire und dem kolonialen Unternehmen, das unsere Eltern hierher brachte. Wir sollten diese unterschiedlichen historischen Entwicklungen nicht ignorieren. Die Allgegenwart des amerikanischen Kulturmodells hat dazu geführt, dass sich zu viele Menschen auf eine bestimmte Vorstellung von 'Schwarzsein' verlassen. Diese wurde von der afroamerikanischen Kultur abgeleitet, die in den Rest der Welt exportiert wurde und ihn dazu verleitet hat, an eine einheitliche 'schwarze Erfahrung' zu glauben. Dies ist eine Art amerikanischer intellektueller Imperialismus."

Außerdem: Der israelische Historiker Benny Morris fragt, was kommt als nächstes auf Israel zu.