Vorgeblättert

Leseprobe zu Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus. Teil 2

12.09.2011.
2. Kapitel

Vorbereitungen auf die Prüfung


Doch zurück zu meiner Arbeit und zu meinem Auftrag. Ich kehrte also, nachdem ich meine Anweisungen erhalten hatte, nach Hause zurück, und als es Abend wurde, begann ich jene Rolle zu proben, in der ich am nächsten Morgen mein Debüt geben sollte. Ich stellte es mir schwierig vor, fremden Menschen vorzumachen, dass ich geisteskrank sei. Ich war in meinem Leben niemals zuvor in der Nähe von Geisteskranken gewesen und hatte nicht den Schimmer einer Ahnung, wie sie sich aufführten. Und dann sollte ich von einer Gruppe ausgebildeter Ärzte untersucht werden, die auf Geisteskrankheiten spezialisiert sind und täglich mit Geisteskranken in Berührung kommen! Wie konnte ich mir einbilden, an diesen Ärzten vorbeizukommen und sie davon zu überzeugen, dass ich verrückt war? Ich befürchtete, dass sie sich nicht täuschen lassen würden. Mein Auftrag erschien mir zunehmend hoffnungslos, doch er musste erledigt werden. Und so lief ich zum Spiegel und studierte mein Gesicht. Ich rief mir alles ins Gedächtnis, was ich über das Verhalten der Verrückten gelesen hatte. Zunächst mussten sie einen starren Blick haben. Ich riss also meine Augen weit auf und starrte, ohne zu blinzeln, auf mein eigenes Spiegelbild. Glauben Sie mir, der Anblick war sogar mir selbst nicht ganz geheuer, besonders so spät in der Nacht. Um mich aufzumuntern, schaltete ich das Licht an, was nur bedingt half. Aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich in wenigen Nächten nicht mehr hier, sondern mit einer Schar von Verrückten in einer Zelle eingesperrt sein würde.
     Obwohl es nicht kalt war, rannen mir eiskalte Schauer über den Rücken, wenn ich daran dachte, was auf mich zukam - dem Schweiß zum Spott, der langsam aber sicher die Locken in meinem Pony glättete. Wenn ich nicht gerade vor dem Spiegel übte oder mir meine Zukunft als Wahnsinnige ausmalte, las ich Ausschnitte unwahrscheinlicher und unmöglicher Geistergeschichten. Und als die Morgendämmerung schließlich die Nacht verdrängte, fühlte ich mich in der passenden Stimmung für meinen Auftrag - wenn auch immer noch hungrig genug, um nach meinem Frühstück zu verlangen. Träge und trübselig nahm ich mein morgendliches Bad und verabschiedete mich dabei im Stillen von einigen der kostbarsten Gegenstände der modernen Zivilisation. Zärtlich legte ich meine Zahnbürste weg, und während ich ein letztes Mal über die Seife rieb, flüsterte ich: "Vielleicht ist es für ein paar Tage, vielleicht für länger." Dann zog ich die alten Kleider an, die ich für diese Gelegenheit ausgewählt hatte. Ich war in der Stimmung, alles sehr ernsthaft zu betrachten. Es konnte nicht schaden, einen letzten wehmütigen Blick auf die Dinge werfen, dachte ich mir. Denn wer könnte sagen, ob die Anstrengung, mich verrückt zu stellen und mit einer Horde von Irren eingesperrt zu sein, mich nicht selbst verrückt machen würde, so dass ich niemals zurückkommen würde? Aber nicht ein einziges Mal stellte ich meinen Auftrag in Frage. Zumindest äußerlich ruhig machte ich mich auf zu meinem verrückten Geschäft.
     Zunächst erschien es mir am besten, zu einer Pension zu gehen und, sobald ich eine Unterkunft gefunden hätte, der Vermieterin oder dem Vermieter - wer auch immer es gerade sein würde - im Vertrauen zu sagen, dass ich Arbeit suchte, um dann nach einigen Tagen dem Anschein nach den Verstand zu verlieren. Aber als ich den Plan noch einmal überdachte, fürchtete ich, dass seine Umsetzung zu lange dauern könnte. Da fiel mir ein, dass es viel einfacher wäre, es in einem Heim für Arbeiterinnen zu versuchen. Ich wusste, dass, wenn ich erst einmal ein Haus voller Frauen von meinem Wahnsinn überzeugt hätte, diese nicht ruhen würden, bis ich außerhalb ihrer Reichweite und sicher weggesperrt wäre.
     Ich suchte mir aus einem Adressbuch das Behelfsheim für Frauen, No. 84 Second Avenue, heraus. Während ich die Second Avenue hinunterlief, beschloss ich mein Bestes zu geben, um die Reise nach Blackwell?s Island und in die Irrenanstalt recht schnell anzutreten.

zu Teil 3


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