Juri Larin
erzählt in der
taz, was es heißt, die Kleinstadt
Wowtschansk, siebzig Kilometer nordöstlich von Charkiw zu besuchen: "Kommt man mit dem Auto an, schnappt man sofort sein komplettes Gepäck inklusive Lebensmittel und Kanister für Wasser und Benzin und rennt
zum nächsten Keller. In Wowtschansk gibt es
keine oberirdischen Gebäude mehr, in denen man Schutz suchen könnte." Larin spricht mit ukrainischen Soldaten, zum Beispiel mit "Thor", der 23 Jahre alt ist und ihn über die russische Strategie aufklärt: "Der Soldat ist überzeugt davon, dass Wowtschansk an sich für die Russen
keinen Wert besitzt, denn sonst würden sie die Stadt nicht in Schutt und Asche bomben. 'Ihre Taktik ist dieselbe wie in Awdijiwka. Es geht darum, die Stadt bis auf die Grundmauern zu zerstören, damit unser Militär
keinen Platz mehr hat, um sich zu verstecken oder sich zu verteidigen. Brauchen sie gerade diese Stadt? Wahrscheinlich nicht. Sie brauchen nur das Gebiet, das heißt ein Zeichen dafür, dass sie dieses Gebiet durchquert haben, es also besetzt haben. Dann ziehen sie einfach weiter. Die Stadt an sich hat keinen Wert für sie', sagt 'Thor'."
Es ist seltsam: Da wird mit Drohnen, Roboterhunden und robotischen Geschützen einerseits ein
supermoderner Krieg in der Ukraine geführt, "andererseits zieht er sich genauso endlos in die Länge und vernichtet genauso sinnlos Menschenmassen wie der
Erste Weltkrieg",
denkt sich in der
NZZ der
Schriftsteller Sergej Gerassimow. "Zum Glück hat er nicht dessen Ausmaß, aber sonst ist es das gleiche unmenschliche, schreckliche und hoffnungslose Massaker. Da ist dasselbe monatelange und
jahrelange Sitzen in den Schützengräben. Dieselben täglichen Abertausende von Artilleriegranaten pflügen das Land immer neu um und verwandeln die Wälder in eine Art riesige Haarbürste. Sogar das nach Senf riechende Giftgas Chlorpikrin, auf das Deutschland damals zurückgriff, ist jetzt wieder im Einsatz: Es wird von Russland gegen die Ukraine verwendet. ... Gerade was die smarte Kriegsführung betrifft, war die Ukraine Russland bisher überlegen. Wenn sich Kampfweise und Kampfstärke angleichen, kann sich ein Krieg
auf unbestimmte Zeit hinziehen, langsam vorangetrieben durch vage Vorteile bei der Anzahl der vorhandenen Bomben, der Menge des verfügbaren Kanonenfutters und des Geldes. Das ist es, was derzeit in der Ukraine geschieht."
Zornig, aber irgendwie auch ohnmächtig in seinem Zorn schimpft der österreichische
Schriftsteller Christoph Ransmayr in der
FAZ auf Herbert Kickl und seine "Freiheitlichen". Am konkretesten wird er, wenn es um die Vorstellungen Kickls über die Behandlung von Ausländern geht: "Remigriert jedenfalls. Wohl am besten in
Güterwaggons. Rechtliche Mittel dagegen sollte es dabei möglichst keine geben, weil nach den Worten des Herrn K. die Justiz der Politik folgen oder wenigstens hinterherstolpern müsse und sich nicht mit besserwisserischer Kontrolle wichtig zu machen hätte. Aber nicht doch, widersprach Herr K.,
keine Konzentrationslager!, nein, bloß konzentrieren, und konzentrieren auch nur die Arbeitsunwilligen, die Perversen und Vergewaltiger, auch wenn genau genommen die meisten von ihnen als pervers und arbeitsunwillig verdächtigt werden müssten. Konzentrationslager, also doch."
"Die Kickls sind gekommen, um zu bleiben", glaubt in der
Welt Thomas Schmid und klingt dabei äußerst resigniert. "Die
liberalen Demokratien werden sich, auch in Deutschland, darauf einstellen müssen. Mit Moralkindereien wie 'Brandmauern' wird man nicht weit kommen. Das Vertrackte an den Rechtspopulisten besteht darin, dass sie erstens einem ganz realen Unmut Ausdruck geben, ihn zweitens aber rabiat gegen den liberalen Verfassungsstaat wenden. Auf ihre Entzauberung sollte man nicht hoffen, schon gar nicht in Österreich. In Schweden, Italien und den Niederlanden zeichnet sich derzeit womöglich ab, dass Rechtspopulisten fähig sein könnten, von sich aus
vom radikalen Systemwechsel Abschied zu nehmen und sich mit der liberalen Demokratie halbwegs zu arrangieren. Die demokratischen Parteien täten wohl gut daran, in diese Richtung
Signale der Kooperationsbereitschaft zu senden."
In der
Welt warnt der amerikanische
Historiker Timothy Snyder die
AfD-
Wähler vor einem großen Missverständnis, wenn sie glaubten, der AfD gehe es um sie: "Bei
Putins Partei 'Einiges Russland' geht es nicht um Einheit oder Russland. Es geht um den Reichtum und die Macht eines Mannes. Bei 'America First', Trumps Bewegung, die
von Musk finanziert wird, geht es nicht um Amerika oder seine Vorrangstellung. Es geht um Oligarchie. Die Anhänger dieser Gruppen mögen in ihrem Nationalismus aufrichtig sein. Aber der Nationalismus ist ein Werkzeug, um den Staat zu zerstören. Indem sie einen endlosen Kampf gegen innere Feinde fördern, ebnen Oligarchen den Weg für ihre eigene internationale Macht. Das Gleiche muss über die
AfD gesagt werden. Sie ist keine Alternative und nicht wirklich deutsch. Indem sie die Unterstützung von Musk (und Putin) erhält und befürwortet, entpuppt sie sich als Element einer
internationalen oligarchischen Front. Ihre Wähler, wie Trumps Wähler oder die Brexit-Wähler, glauben, dass sie den Wohlfahrtsstaat bekommen, aber nur für sich selbst und nicht für Ausländer. Tatsächlich werden sie einen oligarchischen Staat und einen größeren ausländischen Einfluss auf ihr Leben bekommen."
Ryyan Alshebl, 2015 aus Syrien geflohen, heute grüner
Bürgermeister der schwäbischen Gemeinde Ostelsheim, ärgert sich im Interview mit der
Welt über die Art und Weise, in der unmittelbar nach dem Sturz Assads in Deutschland über die
Rückführung syrischer Flüchtlinge diskutiert wurde: "Das ist schäbiges Verhalten. Manuel Hagel, der als Fraktionschef der CDU in Baden-Württemberg schon als nächster Ministerpräsident gehandelt wird, hat sogar einen
Einbürgerungsstopp für Syrer verlangt. Da war ich wirklich fassungslos. ... Das ist eine grundsätzliche Frage: Wer wird überhaupt eingebürgert? Erst mal, unabhängig von der Nationalität, sind das im Regelfall Leute, die gewisse Voraussetzungen erfüllen,
sehr gut integrierte Leute. Und jetzt sagt man plötzlich - unabhängig von diesen rechtlich bindenden Voraussetzungen -, wir wollen ausgerechnet die Syrer nicht mehr einbürgern? Das erweckt den Eindruck, dass diese Politiker einen wichtigen Teil unserer Gesellschaft
verachten. Meine Befürchtung ist, dass die Politiker das vor der Wahl ganz bewusst tun, um am rechten Rand Stimmen zu fischen - ein unheiliges Spiel."