9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2018 - Geschichte

So einen wie Fritz Bauer, der dezidiert auf dem Rechtsstaat bestand, hätte die AfD vielleicht mehr gehasst als die von ihr so gern verlachten 68er, schreibt Jan Feddersen in der taz aus Anlass von Bauers fünfzigstem Todestag: "Denn diese, die Völkischen, wären mit einem wie Dutschke, der von nationaler Wiedervereinigung mehr träumte als von Liberalisierung der Verhältnisse, womöglich eher einverstanden gewesen. Einem wie Fritz Bauer, würden sie ihn kennen oder hätten ihn gekannt, wäre ihr Hass gewiss gewesen. Denn alles, wofür er stand, wofür er kämpfte, fand durchweg die Kritik jener, die unter den Nazis groß wurden oder schon während der Weimarer Republik zu den Nationalkonservativen, den Autoritären, den Zuchtmeistern von Sitte und Anstand zählten."

Heinrich Schmitz wirft bei den Kolumnisten nach der Lektüre von Gretchen Dutschkes Memoiren einen milderen Blick auf Dutschke: "Die 68er Bewegung mag in manche Sackgasse und auf manchen Irrwegen gelaufen sein, aber ohne sie wäre vieles ganz anders als es heute (noch) ist. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2018 - Geschichte

Die Rolle Großbritanniens während der Blockade Berlins durch die Sowjets im Sommer 1948 ist in der Forschung bislang unterschätzt worden, meint der Historiker Victor Mauer in der NZZ und erinnert daran, dass die britische Regierung im Gegensatz zu ihren Partnern den Staatsaufbau in Deutschland zu keinem Zeitpunkt in Frage stellte. Aber "London plante mit Ressourcen, über die es gar nicht oder nur teilweise verfügte. Monatelang war nicht klar, ob die US-Regierung nicht doch noch ausscheren würde. Nicht zuletzt deshalb gab es vor allem unter den Militärs erhebliche Bedenken gegen den eingeschlagenen Kurs. Schließlich ging es außer um die Frage von Krieg und Frieden auch um die Frage der Fähigkeit zur Kriegsführung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2018 - Geschichte

Der Madrider Lehrer José Luis Gordo will Schulen der Stadt, die noch nach franquistischen Generälen heißen, nach Lehrerinnen und Lehrern der von Franco niedergewalzten Republik umbenennen, auch um an die Errungenschaften der Republik zu erinnern, wie er dem taz-Korrespondenten Rainer Wandler erzählt: "Die Bildung war einer der wichtigsten Aspekte der Reformen in der Republik. Die allgemeine Schulpflicht wurde eingeführt. Der Schulbesuch war kostenlos. Allein in Madrid wurden zwischen 1931 und 1936 22 neue Schulen eingeweiht. Insgesamt gab es in Madrid 83 öffentliche Schulen. Jungs und Mädchen wurden gemeinsam eingeschult. Die Religion wurde aus der Schule verbannt. Der Unterricht wurde wissenschaftlicher. Die Schulen bekamen neue Einrichtungen, das Modernste, was es zu jener Zeit gab." In einem zweiten Artikel bringt Wandler Hintergründe zum Thema.

Außerdem: Für die FAZ verfolgte Günter Platzdasch ein Symposion über den Historiker Rolf Peter Sieferle, der in seinen späten Jahren zum Ideengeber der AfD wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2018 - Geschichte

In der NZZ erinnert sich der serbische Schriftsteller Bora Cosic an jene Zeit, als Jugoslawien sich unter Tito 1948 plötzlich von Stalin abwandte - und auch die Liebe der Serben zur russischen Kultur sich trübte: "Schließlich erfuhren wir, dass seine Hand grausame Lager im unmenschlich kalten Sibirien errichtet hatte, dass seine Henker in die Köpfe Tausender unschuldig angeklagter Menschen schossen, dass das riesige Land Russland nicht nur die Heimat der fröhlichen jungen Leute aus seinen Filmen war, sondern eine finstere Gegend, ein undurchsichtiger Kontinent, wie er es eigentlich bis heute geblieben ist. Am Ende fiel es auch dem Mann meiner Tante leichter, sich von seiner jüngsten Vergangenheit loszusagen, Stalin war vielleicht ja doch nur der blatternarbige Tyrann aus dem Gedicht von Ossip Mandelstam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2018 - Geschichte

Deutschland wird überall für seine "Vergangenheitsbewältigung" gelobt, schreibt der Philosoph und Nachfahre deutscher Juden, Jason Stanley, im Feuilleton-Aufmacher der Zeit. Dabei schoben die deutschen 68er die Verantwortung für den Nationalsozialismus von den historischen Besonderheiten des Deutschtums weg - hin zu den Strukturen und Mechanismen des Kapitalismus, um sich so selbst in der "Rolle des Opfers" darzustellen, meint er - und sieht Auswirkungen auf den heute wieder "aufflammenden deutschen Nationalismus": "Dass Überheblichkeit in Bezug auf die eigene ethnische und kulturelle Überlegenheit ein Spezifikum der deutschen Geschichte ist, wurde nie anerkannt. Wir sind derzeit mit einer weltweiten Krise konfrontiert, in der sich dominante Gruppen als Opfer von faulen und kulturell minderwertigen Eindringlingen sehen. Die Erkenntnis, die aus einer wahrhaftigen Aufarbeitung deutschen Überlegenheitswahns hätte entstehen können, wäre der Welt sicher von Nutzen gewesen."

"Was passiert, wenn ein schlechtgelaunter, unkonzentrierter Blödmann ein Reich regiert, fragt Miranda Carter, Autorin eines Buchs über die drei Cousins George, Nikolaus und Wilhelm, im New Yorker. In Kaiser Wilhelm hat sie einen Vorläufer für Donald Trump gefunden: "Der Kaiser war erregbar, aber selten wirklich zu kontrollieren. Er war unvorhersehbar, wenn es darum ging, seine Autorität zu beweisen, als müsste er klarmachen, dass er noch im Amt war, etwa wenn er die Politik seiner Berater rüpelhaft durchkreuzte oder ohne Vorwarnung Minister entließ. 'Sie haben nicht die geringste Idee, was ich alles verhindert habe', beklagte sich sein treuester Diener, Bernhard von Bülow, bei einem Freund, 'und wieviel Zeit ich damit verbracht, das Chaos zu reparieren, das seine Majestät angerichtet hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2018 - Geschichte

Wie reinster "Slapstick" erscheinen dem serbischen Schriftsteller Bora Ćosić in der NZZ in der Erinnerung die Studentenproteste von 1968 in Belgrad, wo Studenten lautstark gegen die kommunistische Herrschaft in ihrem Land protestierten - mit denselben kommunistischen Parolen: "Die meisten Menschen erinnern sich gar nicht an diese Sternennächte, die bisweilen dramatisch waren - es kamen auch Polizeiknüppel zum Einsatz -, nur weil irgendein kleiner Held die Heckfahne aufhob, die von einem Wagen gefallen war, und mit ihr zu winken begann, was die anderen als Wink des Schicksals auffassten."

Beeindruckt kommt SZ-Autor Gustav Seibt aus der Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum: "Die Monstrosität rassistischen Denkens wird nicht nur begreifbar, sondern mehr noch fühlbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2018 - Geschichte

Entgegen mancher Historiker-Ansicht habe die Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit und somit die eigentliche Gründung der Bundesrepublik sehr wohl in der Studentenbewegung und namentlich im SDS angefangen, meint Micha Brumlik in der taz: "So stellte der heute noch in Berlin lebende, 1930 geborene Reinhard Strecker, Mitglied des SDS, bereits im Januar 1960 einen Strafantrag gegen ehemalige Nazi-Richter. Ein Jahr zuvor hatte der SDS die Ausstellungen umfassende Aktion 'Ungesühnte Nazijustiz' beschlossen, um NS-Juristen zur Verantwortung zu ziehen, deren Verbrechen bald verjähren würden. Der damalige Vorstand der SPD distanzierte sich von der Aktion seiner Studentenorganisation."

Manuel Müller hat für die NZZ die Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum besucht und fand sie zwiespältig. Man kann eine Menge lernen, meint er, aber an einer Stelle läuft die Ausstellung "auf Grund. Nirgends wird dies deutlicher als bei den eingestreuten und über die Räume verteilten Voten eines Beirats. Diesen musste das Kuratorenteam eilig beiziehen, als die Ausstellung bereits konzipiert war. Da zeigte sich auf einmal: Die Kuratoren hatten nicht bedacht, dass sie alle weiß sind. Eilig trieb man Aktivisten, Autoren und Künstler für Workshops auf. Sie sollten kommentieren, einschätzen und ihre Perspektive einbringen. Und diese Kommentare haben es in sich. Denn nirgends zementiert die Ausstellung das alte Rassendenken so sehr wie in diesen Marginalien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2018 - Geschichte

In der Berliner Zeitung macht sich Markus Decker Sorgen um die Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen. Dort musste ein Mitarbeiter, der 73-jährige, ehemalige politische Gefangenen Siegmar Faust wegen seiner AfD-nahen und den Holocaust relativierenden Äußerungen (mehr hier) gehen. Dass er ein Einzelfall ist, glaubt Decker nicht: "Dagegen sprechen nicht nur jene anderen Dissidenten, die ins manifest Rechtsextreme oder in eine hellbraune Grauzone abgedriftet sind. Dagegen spricht auch die Selbstgewissheit, mit der Faust in Hohenschönhausen auftrat. Und dagegen sprechen schließlich die publizistischen Aktivitäten des Fördervereins-Vorsitzenden Jörg Kürschner."

Außerdem: Der Historiker Lascha Bakradze forscht in Tbilissi zur Geschichte Georgiens zur Sowjetzeit. Eins der wichtigsten Lernergebnisse dabei: Georgier waren sowohl Opfer als auch Täter im sowjetischen Totalitarismus, erzählt er im Gespräch mit der NZZ. "Der Große Terror hat auch in Georgien viele Opfer gefordert. Andererseits waren Stalin und seine rechte Hand Lawrenti Beria Georgier."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2018 - Geschichte

Charles Maurras, der französische Antisemit und Wortführer der extremen Rechten, wäre in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden. Wolf Lepenies porträtiert den Autor für die Welt und zeigt, wie sich bei ihm Nationalismus und Regionalismus (er kam aus Marseille) kombinierten: "Mit dem während der Dreyfus-Affäre publizierten Essay 'L'Idée de la décentralisation' (1898) begann der lebenslange Kampf von Maurras gegen den Zentralismus der 'Pariser Republik'. 'Künstliche' politische Einheiten wie die von der Revolution gebildeten Départements sollten abgeschafft, die 'Pays' genannten Regionen des Ancien Régime wiederbelebt werden. Energisch engagierte sich der Mann des Midi für die Stärkung der lokalen Freiheiten; die Action française war auch eine 'Action provençale'. Maurras setzte dem jakobinischen Zentralstaat ein föderales Frankreich entgegen, in dem die Kommunen demokratisch, die Provinzen aristokratisch und die Nation monarchisch organisiert waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2018 - Geschichte

Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg. Stefan Reinecke trifft für die taz den Historiker Herfried Münkler, der Sätze von charakteristscher Kälte fallen lässt, die die Menschheit als Versuchskaninchen im welthistorischen Labor des Herrn Professors erscheinen lässt: "Die Reduzierung der Bevölkerung ist ein Kollateraleffekt des Kriegs, nicht das Ziel. Aber systemisch betrachtet kann man Kriege als Form der demografischen Anpassung an die Ressourcen beschreiben. Es gab auch eine Überbevölkerung."