9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2018 - Geschichte

Charles Maurras, der französische Antisemit und Wortführer der extremen Rechten, wäre in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden. Wolf Lepenies porträtiert den Autor für die Welt und zeigt, wie sich bei ihm Nationalismus und Regionalismus (er kam aus Marseille) kombinierten: "Mit dem während der Dreyfus-Affäre publizierten Essay 'L'Idée de la décentralisation' (1898) begann der lebenslange Kampf von Maurras gegen den Zentralismus der 'Pariser Republik'. 'Künstliche' politische Einheiten wie die von der Revolution gebildeten Départements sollten abgeschafft, die 'Pays' genannten Regionen des Ancien Régime wiederbelebt werden. Energisch engagierte sich der Mann des Midi für die Stärkung der lokalen Freiheiten; die Action française war auch eine 'Action provençale'. Maurras setzte dem jakobinischen Zentralstaat ein föderales Frankreich entgegen, in dem die Kommunen demokratisch, die Provinzen aristokratisch und die Nation monarchisch organisiert waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2018 - Geschichte

Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg. Stefan Reinecke trifft für die taz den Historiker Herfried Münkler, der Sätze von charakteristscher Kälte fallen lässt, die die Menschheit als Versuchskaninchen im welthistorischen Labor des Herrn Professors erscheinen lässt: "Die Reduzierung der Bevölkerung ist ein Kollateraleffekt des Kriegs, nicht das Ziel. Aber systemisch betrachtet kann man Kriege als Form der demografischen Anpassung an die Ressourcen beschreiben. Es gab auch eine Überbevölkerung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2018 - Geschichte

Im Blog der NYRB erinnert der New Yorker Soziologe Todd Gitlin daran, dass sich das Jahr 1968 aus amerikanischer Perspektive ziemlich düster ausnimmt, nämlich als eine Folge von Brutalität, Rebellion und Tragödie - die Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy, die prügelnden Polizisten in Chicago, die schockierenden Bilder aus Vietnam: "Es ist heute schwer zu vermitteln, dass es Schock und Panik waren, die die Welt vor einem halben Jahrhundert erschütterten. Noch schwerer zu begreifen ist, das der große Sieger von 1968 die Konterrevolution war ... Auch wenn sich die radikale Linke an ihrer Vorstellung von Revolution begeisterte, ist die eigentliche Geschichte eher das Gegenteil, ein großer Schwenk zur Regression, die sich bis heute, wenn auch nicht ununterbrochen, fortsetzt. Der Reform-Ära des New Deal, die von der Überzeugung getrieben war, dass Regierungen dem Allgemeinwohl zugute kommen können, ging die Kraft aus. Die glorreichen Jahre der Brügerrechtsbewegung waren zu Ende. Der entsetzliche Vietnamkrieg, der die Lunte an Amerikas Ideale gelegt hatte, sollte noch weitere sieben Jahre unentschuldbaren Tötens bringen. Die große Linie dieser Geschichte ist der Backlash."

Dass der Antisemitismus in islamischen Ländern heute weit verbreitet ist, sieht der amerikanische Historiker Peter Wien in der SZ politisch und gesellschaftlich begründet, nicht aber religiös: "Im Islam gibt es keinen traditionellen, religiös oder rassistisch begründeten Antisemitismus.  Die Akzeptanz antisemitischer Vorurteile unter Muslimen sollte aber politisch und gesellschaftlich eingeordnet werden und nicht religiös. Ohne die koloniale Unterwerfung der arabischen Welt im 19. und 20. Jahrhundert ist die Verbreitung antisemitischen Gedankenguts auch in anderen islamischen Ländern kaum denkbar. Zu einem wirklich antisemitischen Vorfall kam es im Nahen Osten zuerst 1840 in Damaskus im Milieu katholischer Missionare. Ein italienischstämmiger Mönch war verschwunden, mehrere unter Folter erzwungene Aussagen schrieben sein Verschwinden den Juden zu, die es angeblich auf das Blut des Opfers abgesehen hatten, um Matze zu backen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2018 - Geschichte

Die taz macht ein Dossier zum Pariser Mai. Die Schriftstellerin Catherine Millet bringt eine gewagte These vor: "Die Revolte im Mai 68 hat keine Revolution nach sich gezogen, die mit 1917 vergleichbar wäre. Aber sie ist und bleibt unauflöslich mit der 'sexuellen Revolution' verbunden. Reich und Marcuse gesellten sich zu Marx. Vielleicht hätte Robespierre die Guillotine nicht in Gang gesetzt, hätte er de Sade gelesen, und ein etwas entspannterer Lenin hätte vielleicht keinen Roten Terror ausgeübt."

Außerdem: Jean-Marcel Bouguereau erinnert sich an "dieses Gefühl des Alles-erreichen-Könnens". Erinnerungen auch von der Schriftstellerin Annie Ernaux. Der Bauer Joseph Potiron erinnert an den Mai in Nantes, wo es zu einer seltenen Synthese von Bauern, Studenten und Arbeitern kam. Und Johanna Luyssen beklagt, dass sich die Neue Rechte des Vokabulars der 68er bemächtigt hätten. Schließlich beschreibt die Historikerin Ludivine Bantigny im Gespräch mit Harriet Wolff, was der Slogan "faire mai" bedeutete: "Dieser Slogan, auch wenn er eigentlich nur auf jenen Monat abzielt, beschreibt gut die damalige Atmosphäre - zu deutsch 'Mai machen'. Diese ausgelassene Stimmung, gepaart mit Ernsthaftigkeit und immer wieder dem unmittelbaren Erleben von Gefahr: Das Gefühl ist da, an etwas genuin Politischem, ja Historischem teilzunehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2018 - Geschichte

Morgen, am 9. Mai, feiert Russland wieder seinen Sieg im 'Großen Vaterländischen Krieg', der inzwischen die "Oktoberrevolution als Legitimationsmythos des Einparteistaats ersetzt" hat, schreibt Sonja Margolina in der NZZ. Vor diesem geschickt genutzten Erinnerungshorizont konnte Putin seine Kriege auf der Krim, im Donbass und Syrien in Wählerstimmen ummünzen: "In diesem Jahr steht die Feier im Zeichen der Wiederwahl Wladimir Putins als 'Siegespräsident', dessen Inauguration am 7. Mai stattgefunden hat und in der diesjährigen Militärparade auf dem Roten Platz ihren Höhepunkt erreichen soll. Damit erhält Putin die höheren Weihen. 'Bisher war Putin unser Präsident und konnte ausgetauscht werden', ließ die Chefredaktorin des Propagandasenders RT, Margarita Simonjan, kurz nach den Wahlen verlautbaren. 'Nun ist er unserer Führer. Und wir lassen nicht zu, dass er ausgewechselt wird.'"

Ebenfalls in der NZZ erinnert der Osteuropahistoriker Fabian Thunemann mit Blick auf Russland daran, dass Diktaturen selten durch Unruhen gestürzt werden: Viel erfolgreicher sind Verschwörungen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2018 - Geschichte

Felix Schlesinger, In der Pass- und Polizeistube vor der Emigration,
nach 1859 Öl auf Leinwand, Stadtmuseum Simeonstift Trier



Tania Martini lobt in der taz sehr die große Marx-Ausstellung in Trier, die auf eine bloß "populistisch-kapitalismuskritische Perspektive" dankenswerter Weise verzichte. Dafür schaffe sie, es, die Betrachter zu überraschen: "So wird beispielsweise klar, dass Migrationsströme Mitte des 19. Jahrhunderts in die andere Richtung führten. Felix Schlesingers Gemälde 'Auswanderer fahren an Bord' aus dem Jahr 1851 verdeutlicht, wie die Genremalerei sich der Sozialgeschichte annahm. Was heute als Wirtschaftsflüchtling geschimpft wird, bedeutete damals etwa für Marx Heimat: Allein im Jahr 1846 waren es mehr als 800 Menschen aus der Eifel-Hunsrück-Mosel-Region, die auf der Flucht vor Hunger und Armut in Algerien von Bord gingen, wie eine kleine Recherche ergibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2018 - Geschichte

Nun wird Karl Marx endlich 200 - kleiner Schwerpunkt

Und die Zeitungen bemühen sich, mit Sonderseiten Interesse zu erzeugen. In Trier wird heute das von Chinesen gespendete Denkmal eingeweiht. Und die Stadt bereitet sich vor, berichtet  Waltraud Schwab in der taz: "Alle wollen am Samstag, dem 5. Mai, dem Enthüllungstag, Marx' Geburtstag, demonstrieren. Die AfD gegen ihn; DKP und andere sozialistische Gruppen werden ihn verteidigen. Die NPD, fürchten manche, werde sich an die AfD hängen oder sonst wie ihre Verachtung zeigen; GegendemonstrantInnen stehen bereit. Und auch die Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft protestieren gegen den bronzenen Marx, der derweil rund um die Uhr bewacht wird."

Ein nicht ganz so idyllisches Bild von Marx zeichnet in politico.eu der Germanist Russell A. Berman, der Marx' gnadenlose Selbstgewissheit und Häme als Wegweiser in den Gulag sieht. Marx behauptete , er habe "direkten Zugang zur Wahrheit mit großem W und beendete sein Kommunistisches Manifest mit einer Serie vernichtender Urteile über konkurrierende radikale Bewegungen, die er ohne einen Schatten von Zweifel denunzierte und verdammte. Marx' bolschewistische Erben nutzten diese Sicherheit im Verurteilen später als Begründung, um ihre Opponenten in den Tod zu schicken. In der langen Liste der Opfer des Marxismus stehen die linken Konkurrenten an vorderster Stelle."

Außerdem unterhält sich Thomas Winkler mit der Autorin Louise Meier, die Marx mit Feminismus und Queerness verschneiden will (taz). Und taz-Wirtschaftsredakteurin Ulrike Herrmann erklärt, "wie Marx sein Denken veränderte, als die Revolution scheiterte". Auf Seite 1 der NZZ empfiehlt René Scheu Marx' "Kommunistisches Manifest" zu einer zweiten Lektüre. In der Berliner Zeitung interviewt ein namenloser Autor den Marx-Biografen Uwe Wittstock. Im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ behauptet Dietmar Dath, dass uns der "berühmteste politische Denker Deutschlands uns noch einiges zu sagen" habe.

Und im Tagesspiegel schreibt gar Frank-Walter Steinmeier höchstpersönlich, der Marx überraschend deutlich und mit ähnlichen Argumenten wie Berman kritisiert: "Wie weit ist er, der Weg von der Wortgewalt zur tätlichen Gewalt, vom glühenden Gedanken zum fanatischen Handeln? Wir wären schlecht beraten, denen das Feld der Deutung zu überlassen, die ihn ideologisch vereinnahmen oder absichtsvoll missverstehen."

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Dass es auch vor dem 20. Jahrhundert schon brillante Wissenschaftlerinnen gegeben hat, erzählt Jean-Pierre Jenny in der NZZ am Beispiel dreier Wissenschaftlerinnen aus dem 18. Jahrhundert - der Mathematikerin Gaetana Agnesi, der Medizinerin Anna Morandi und der Physikerin Laura Bassi - die alle drei von Papst Benedikt XIV. gefördert wurden: "Mit Frauenförderung hatte dies nichts zu tun, es ging um Publicity: Die altehrwürdige Universität hatte sich nämlich erst seit kurzem dank einer radikalen Reform in Lehre und Forschung von einem gravierenden Rückgang der Studentenzahlen erholt. Jetzt sollten hochbegabte Frauen auf Lehrstühlen sich als Publikumsmagneten erweisen und so eine neue Blütezeit der Universität einleiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2018 - Geschichte

Schlimm, Kanye West, der Gott des HipHop, hat neulich nicht nur seine Sympathie zu Donald Trump bekannt, nun  hat er auch noch in einem Interview gesagt, die Sklaverei habe Hunderte Jahre gedauert, also hätten sich die Versklavten wohl in sie gefügt (es sei "ihre Entscheidung" gewesen). Newsweek fährt gleich fünf amerikanische Professoren auf, um ihm zu antworten. Die Afrikanistin Carole Boyce Davies sagt : "Die Strafen für Sklaven, die sich auflehnten, sind vielfach dokumentiert. Das Buch 'If We Must Die' (2009) dokumentiert über 500 Meutereien auf Sklavenschiffen... Man kann verstehen, dass Kanye West frustriert ist, dass sich die Dinge in seiner Heimatstadt Chicago seit seiner Kindheit nicht verändert haben, obwohl ein Politiker aus Chicago - Barack Obama - Präsident war. Vielleicht ist die Kritik an  Obama immer mehr zugunsten eines geschönten Bilds zurückgedrängt worden. Aber diese Kritik kann nicht darin bestehen, alle schwarzen Menschen zu beleidigen." The Daily Beast bringt ein Video mit einem Interview Whoopi Goldbergs, in dem Wests Äußerungen dokumentiert sind. West bekräftigte seine Aussage in einigen Tweets, die er später löschte, informiert Olivia B. Waxman in Time.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2018 - Geschichte

Masha Shpolberg stellt in einem sehr instruktiven kleinen Essay im Tabletmag einige Filme vor, die im Zusammenhang mit den antisemitischen Vertreibungen in Polen 1968 entstanden sind. "Freidenkende Universitätsprofessoren wie Zygmunt Bauman und der nicht jüdische Philosph Leszek Kolakowski verloren ihre Posten. Man behauptete, dass Zionisten die Regierung infiltriert hätten, und Juden wurden aus der Partei entfernt. Wer seinen Job nicht verlor wurde von Kollegen und Parteigenossen gemobbt und zum Verlassen des Landes getrieben 1972 hatten etwa die Hälfte oder zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung und einige ihrer nicht jüdischen Intellektuellen das Land verlassen." Tablet bindet Marian Marzyńskis Film 'Skibet' ein, der eine Gruppe junger jüdischer Intellektueller zeigt, die auf einem Schiff nach Dänemark geflohen sind und dort ein neues Leben beginnen."


Besprochen wird außerdem eine Schau zum "Mythos Bayern" im Kloster Ettal (SZ, FAZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2018 - Geschichte

Wir erleben eine Krise der Erinnerungskultur, meint der Zeithistoriker Martin Sabrow im Tagesspiegel. Und mit der AfD habe das am wenigsten zu tun: "Die Würde des Erinnerungsbegriffs hat sich abgenutzt, die Kommerzialisierung und Banalisierung der Auseinandersetzung mit historischen Lasten zeigt sich allenthalben. KZ-Souvenirs und Auschwitz-Selfies sind bekannte Phänomene geworden. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist eine Touristenattraktion, die für Erschütterung und Entspannung gleichermaßen zur Verfügung steht. Die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Zivilisationsbruch hat es zu einer Ästhetik des Grauens gebracht, die die Filmmusik von 'Schindlers Liste' bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea zur Choreografie deutscher Eiskunstlauf-Olympioniken erklingen lässt. Der Schrecken ist vom Stigma zum Standortfaktor geworden."

Der Politologe Wolfgang Kraushaar liest für den Aufmacher des SZ-Feuilletons kritisch die Bücher zu 1968 von Heinz Bude, Gretchen Dutschke und Christina von Hodenberg, deren Hauptthesen er nicht teilt. Sein Resümee: "Selbst ein halbes Jahrhundert nach 1968 gibt es immer noch keine Möglichkeit, die damalige Rebellion auf einen Nenner zu bringen. Jeder Versuch, für sie eine monokausale Deutung oder gar Erklärung anzubieten, dürfte ihrer Vielschichtigkeit wegen zum Scheitern verurteilt sein. ... Diese Bewegung war aber in ihrem Kern auch etwas völlig Neuartiges. Ihre Akteure wollten ja nicht einfach wie noch die Arbeiter- oder Gewerkschafts-, die Friedens- oder Ostermarschbewegung durch ihren Protest Interessen verfolgen und bestimmte Ziele erreichen. Nein, sie wollten sich dabei auch selbst entwickeln, verändern, manche sogar 'befreien'. Es ging 1968 zugleich auch immer um die Bewegten selbst, um ihre Bedürfnisse, ihre Wünsche, ihre Träume - in einem emphatischen Sinne um Subjektivität."

In der NZZ erzählt Wei Zhang, wie geschickt der Amateurhistoriker Fan Jianchuan mit seinem "Jianchuan-Museumscluster" im chinesischen Chengdu die offizielle Geschichtsschreibung korrigiert. So stelle er in einer Halle zur Vertreibung der japanischen Invasoren (1937-1945) nicht nur den Anteil der kommunistischen Soldaten aus, sondern auch den der nationalistischen Kuomintang-Armee: "Fan Jianchuans verdienstvoller Vorstoß in historische Tabuzonen befriedigt nicht zuletzt die Bedürfnisse des chinesischen Publikums nach dem Kitzel des tendenziell Verbotenen. Die klug ausbalancierte Aufmerksamkeit kompensiert zumindest ansatzweise klaffende Lücken in der verordneten historischen Erinnerung, vermeidet aber gleichzeitig die offene Konfrontation mit dem Wahrheitsmonopol der Partei. Der Erfolg von Fan Jianchuans Großmuseum scheint auch der Partei eingeleuchtet zu haben, er wurde bereits beauftragt, in Chongqing ein staatliches Museum aufzubauen."