Wir erleben eine
Krise der Erinnerungskultur,
meint der
Zeithistoriker Martin Sabrow im
Tagesspiegel. Und mit der AfD habe das am wenigsten zu tun: "Die Würde des Erinnerungsbegriffs hat sich abgenutzt, die
Kommerzialisierung und Banalisierung der Auseinandersetzung mit historischen Lasten zeigt sich allenthalben. KZ-Souvenirs und Auschwitz-Selfies sind bekannte Phänomene geworden. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist eine
Touristenattraktion, die für Erschütterung und Entspannung gleichermaßen zur Verfügung steht. Die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Zivilisationsbruch hat es zu einer
Ästhetik des Grauens gebracht, die die Filmmusik von 'Schindlers Liste' bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea zur Choreografie deutscher Eiskunstlauf-Olympioniken erklingen lässt. Der Schrecken ist vom Stigma zum
Standortfaktor geworden."
Der
Politologe Wolfgang Kraushaar liest für den Aufmacher des
SZ-Feuilletons kritisch die Bücher zu
1968 von
Heinz Bude,
Gretchen Dutschke und
Christina von Hodenberg, deren Hauptthesen er nicht teilt. Sein Resümee: "Selbst ein halbes Jahrhundert nach 1968 gibt es immer noch keine Möglichkeit, die damalige Rebellion auf einen Nenner zu bringen. Jeder Versuch, für sie eine
monokausale Deutung oder gar Erklärung anzubieten, dürfte ihrer Vielschichtigkeit wegen zum Scheitern verurteilt sein. ... Diese Bewegung war aber in ihrem Kern auch etwas völlig Neuartiges. Ihre Akteure wollten ja nicht einfach wie noch die Arbeiter- oder Gewerkschafts-, die Friedens- oder Ostermarschbewegung durch ihren Protest Interessen verfolgen und bestimmte Ziele erreichen. Nein, sie wollten sich dabei
auch selbst entwickeln, verändern, manche sogar 'befreien'. Es ging 1968 zugleich auch immer um die Bewegten selbst, um ihre Bedürfnisse, ihre Wünsche, ihre Träume - in einem emphatischen Sinne um Subjektivität."
In der
NZZ erzählt Wei Zhang, wie geschickt der Amateurhistoriker Fan Jianchuan mit seinem "Jianchuan-Museumscluster" im chinesischen Chengdu die
offizielle Geschichtsschreibung korrigiert. So stelle er in einer Halle zur Vertreibung der japanischen Invasoren (1937-1945) nicht nur den Anteil der kommunistischen Soldaten aus, sondern auch den der nationalistischen Kuomintang-Armee: "Fan Jianchuans verdienstvoller Vorstoß in
historische Tabuzonen befriedigt nicht zuletzt die Bedürfnisse des chinesischen Publikums nach dem Kitzel des tendenziell Verbotenen. Die klug ausbalancierte Aufmerksamkeit kompensiert zumindest ansatzweise klaffende Lücken in der verordneten historischen Erinnerung, vermeidet aber gleichzeitig die offene Konfrontation mit dem
Wahrheitsmonopol der Partei. Der Erfolg von Fan Jianchuans Großmuseum scheint auch der Partei eingeleuchtet zu haben, er wurde bereits beauftragt, in Chongqing ein staatliches Museum aufzubauen."