9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2021 - Geschichte

Die Historikerin Hedwig Richter beschreibt in ihrem Buch "Demokratie. Eine deutsche Affäre" ausgerechnet das Kaiserreich als Ursprung der Moderne in Deutschland, obwohl es doch auch "ein Obrigkeits- und Klassenstaat mit autoritären Strukturen" war, wie sie im Interview mit der Welt erklärt. "Doch die Zeit war extrem dynamisch. 1913 war eine völlig andere Welt als 1871. Entscheidend für die Wandlungsprozesse war die Inklusion der Massen. Neben der politischen Inklusion durch Wahlrecht und Parlament gehörte dazu die soziale Inklusion. Die Industrialisierung zog die Leute in die Städte, wo sie Arbeit fanden und sich organisierten. Hungersnöte gab es nicht mehr, die Armut sank. In den Jahren um 1900 beschleunigten sich all diese Prozesse rasant, und zwar in allen Ländern des nordatlantischen Raums. Die Frauenbewegungen sind eine Folge der Massenpolitisierung. ... Das Versprechen der Nation war, alle zu inkludieren, die sich ihr zugehörig fühlen durften. Egal ob reich oder arm, ob Bauer oder Regierungsbeamter: Alle waren Deutsche - oder eben Italiener oder Franzosen. Dieter Langewiesche hat die Nation als großes 'Gleichheitsvehikel' bezeichnet. Aber das Konzept der Nation hat die Tendenz zur Exklusion. Das eigene nationale Bewusstsein ging zunehmend mit einer aggressiven Abwertung von anderen Nationen einher, aber auch von Menschen mit anderer Hautfarbe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2021 - Geschichte

Heute ist Rosa Luxemburgs 150. Geburtstag. In Lateinamerika, wo es noch eine marxistische Linke gibt, die wirklich dran glaubt, ist sie so präsent wie nirgendwo sonst auf der Welt, schreibt Gerhard Dilger in der taz: "Der Kunstkritiker Mario Pedrosa, im Trotzkismus großgeworden und 1980 Mitglied Nummer eins von Lula da Silvas unorthodoxer Arbeiterpartei, entdeckte sie bereits nach dem Zweiten Weltkrieg für Brasilien. Im Gefolge der Studierendenbewegungen 1968 ff. wurde Rosas Werk vielfach ins Spanische übersetzt. Heute findet man in den Buchläden von Mexiko, São Paulo oder Buenos Aires unendlich mehr Luxemburg-Ausgaben als in jeder Hauptstadt Europas, Berlin eingeschlossen."

In der FR widmet Arno Widmann Rosa Luxemburg ein ausführliches Porträt: "Sie bewegte sich - wie fast alle Radikalen zwischen 1848 und 1918 - in den Gegensätzen von Reform und Revolution, von Massen und Partei, von Mittel und Ziel. Diese Begriffe, diese Realitäten waren die magnetischen Felder, die ihr Leben und Denken bestimmten. In ihnen entfaltete sie sich. Wann immer es ernst wurde, bezog sie Stellung gegen die Vorstellung, eine Elite könne die Revolution machen. Die war nur zu haben als Errungenschaft der in den Auseinandersetzungen selbstbewusst gewordenen Massen."

Außerdem: Mark Siemons berichtet in der FAZ über in China verbreitete Verschwörungstheorien über die westliche Kultur, die angeblich gefälscht oder von China abgekupfert sei - bis hin zur Behauptung, dass die ägyptischen Pyramiden erst im 19. Jahrhundert gebaut worden seien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2021 - Geschichte

Erst nach dem Ende der Sowjetunion wurden die Denkmäler von Felix Dserschinski, Gründer der sowjetischen Geheimpolizei, der schätzungsweise 250.000 bis eine Million Opfer zu verantworten hat, in Russland demontiert, erinnert Hubertus Knabe in der NZZ. Konservative Kräfte fordern jetzt, dass Dserschinskis Statue an seinen alten Platz zurückkehrt, Moskauer Bürger konnten darüber abstimmen, 45 Prozent der Bürger sprachen sich für die Rückkehr der Statue aus - die Abstimmung wurde daraufhin kurzfristig abgebrochen, resümiert Knabe: "Das unabhängige Internetportal Medusa vermutete, mit der Abstimmung habe die Regierung die Aufmerksamkeit liberaler Kreise weg von der Inhaftierung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny lenken wollen. Andere äußerten im Internet den Verdacht, dass es sich nur um einen Stimmungstest gehandelt habe. Möglicherweise wurde den Verantwortlichen das Thema aber auch zu heiß, weshalb sie vorzeitig zum Rückzug bliesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2021 - Geschichte

Ein Erlass des römischen Kaisers aus dem Jahr 321, der die jüdischen Bürger von Köln betraf, wird zum Anlass, 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland zu feiern. Nur war Deutschland damals nicht "Deutschland" und Köln eine römische Stadt, kritisiert der Althistoriker Hartmut Leppin in der FAZ: "Es wird eine Kontinuität suggeriert, die zweifelhaft ist."
Stichwörter: Jüdisches Leben

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2021 - Geschichte

In der Welt macht Thomas Schmid Vertretern postkolonialer Theorien wie dem Historiker Michael Rothberg ("Multidirektionale Erinnerung") zum Vorwurf, dass sie die Einzigartigkeit des Holocaust in Frage stellen. Er sieht dabei vor allem Opferneid am Werk und betont die Unterschiede: "Es gab große Kolonialverbrechen mit genozidalem Charakter. Dennoch war der Holocaust einzigartig. Im britischen, französischen, belgischen und deutschen Kolonialismus ging es darum, andere Völker zu unterdrücken, auszubeuten. Darum, Profit aus den Kolonien zu erzielen und deren Bevölkerung gefügig zu machen. Doch war der Kolonialismus nicht immer nur Repression, es kam vor, dass die Kolonisierten - wie im Falle der Briten - als Bürger des Empire anerkannt wurden. Wenn alles nichts half, folgte - wie bei den Herero und Nama, wie beim 'Boxeraufstand' 1900 - als Ultima Ratio der Massenmord. Das war beim Holocaust anders. Die Juden sollten nicht unterdrückt oder ausgebeutet werden, ihre Vernichtung war nicht Ultima Ratio, sondern alleiniger Zweck."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2021 - Geschichte

Es erscheinen derzeit viel zu viele Bücher und Texte in den Feuilletons, die auf die Pandemie medizingeschichtlich blicken, klagt der Medizinhistoriker Leander Diener in der NZZ. Wenn, dann sollen sie bitte zu einer "Versachlichung der Debatte" führen, meint er: "Angesichts der Covid-19-Pandemie wäre es beispielsweise angezeigt, in Texten zu Pocken- oder Influenza-Pandemien auch Formen von Wissenschafts- und Impfskepsis zu thematisieren. Welche Vorbehalte sind in dieser Frage wissenschaftlich begründet, welche allenfalls aus anderen Gründen nachvollziehbar? In Beiträgen zu historischen Epidemien könnten die wechselhaften Bekämpfungsstrategien thematisiert werden. So gab es bereits im 19. Jahrhundert vergleichbare Debatten über Sinn und Unsinn von Quarantäne, die gewisse Mediziner lieber mit niederschwelligen sozialhygienischen Massnahmen ersetzen wollten."

Die SPD will keine Drohnen bewaffnen zum Schutz von Soldaten. In der SZ kritisiert Joachim Käppner diesen Beschluss: Gerade die SPD habe über Jahrzehnte viel dafür getan, die "geistigen Verbindungslinine zur NS-Wehrmacht" zu kappen und die Bundeswehr "zur Armee der Staatsbürger umzugestalten. Genau dieser Wunsch geht in der SPD heute nach und nach verloren, dabei wäre die Aufgabe seit dem Wegfall der Wehrpflicht wichtiger denn je. Spätestens seit der Ära Schmidt gab es in der Bundeswehr viele Anhänger der SPD; was davon geblieben ist, verfolgt den neuen Kurs der Gleichgültigkeit mit Entsetzen. In solchen Wahlkreisen, aus denen viele Soldaten stammen, müssen sich SPD-Abgeordnete sehr unangenehmen Fragen stellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2021 - Geschichte

Warum waren westliche Linke in den sechziger und siebziger Jahren so scharf darauf, den Maoismus zu preisen, obwohl sie wussten, wofür er stand: Terror und Millionen von Toten, fragt Hans Christoph Buch in der NZZ. Ganz vorne die Gründer von KPD/AO und KBW Christian Semler und Joscha Schmierer: "Die Antwort ist deprimierend, denn es war nicht die im Marxismus enthaltene Hoffnung auf Emanzipation. Es war die jakobinische Schärfe, ein mit Fanatismus gepaarter Vernichtungswillen, was sie fasziniert hat. So besehen, war Horst Mahlers Bekenntnis zur NS-Ideologie, einschließlich der Judenverfolgung, kein Ausrutscher, sondern die letzte Konsequenz seiner Mitgliedschaft in der RAF und später der Kommunistischen Partei Deutschlands (Aufbauorganisation) (KPD/AO)."

Wer war der Ukrainer Stepan Bandera? Mitglied der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), ein nationalistischer Terrorist, der für die nach dem ersten Weltkrieg zwischen Polen und der Sowjetunion aufgeteilten Ukraine einen eigenen Staat forderte. Soviel ist klar, schreibt in der NZZ der Historiker Andrii Portnov. Die OUN kämpfte gegen Polen und Russen, Bandera selbst kam ins Gefängnis, weil er gegen den Willen der Nazis einen ukrainischen Staat ausrief. Danach, meint Portnov, der einen faszinierenden Geschichtsabriss liefert, spielte Bandera, der im Exil blieb, im Grunde keine aktive Rolle mehr, bis er vom russischen Geheimdienst getötet wurde. Heute so Portnov, wird er von allen politischen Seiten benutzt, was eine konstruktive Beschäftigung mit der ukrainischen Geschichte eher behindert: "Sowohl die negative als auch die positive Stereotypisierung von Bandera findet in schrillen Tonlagen statt. ... Diese Aktualisierung nützt sowohl den Anhängern des Bandera-Kults als auch seinen Zerstörern. Sie macht eine offene Diskussion über das Thema (fast) unmöglich. Der moderne Diskurs pro und contra Bandera findet meist in einem exaltierten Stil à la Donzow statt. Möglicherweise unterdrückt die Lautstärke der Auseinandersetzungen um Bandera die Tatsache, dass die historische Figur Bandera keineswegs zentral für die ukrainische Geschichte ist und dass die positiven und negativen Mythen um seine Person nicht der Schlüssel zum Verständnis der sozialen und politischen Phänomene der heutigen Ukraine sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2021 - Geschichte

Seuchen haben in Europa zu Fortschritt beigetragen, wenn auch immer mal wieder mit Zwang, schreibt Robert Misik in der taz: "Ohne die Pest wäre die Entstehung des absolutistischen Staates und einer rationalen, zentralisierten Verwaltung anders verlaufen. Seuchen wie die Cholera stärkten die Idee, dass nur ein Gesundheitssystem, das für alle funktioniert, das Individuum schützen kann. Es war die Geburt des öffentlichen Gesundheitswesens. Ansteckungsketten verbinden uns - wir werden als Gesellschaft noch mehr zu einem Organismus, als wir es ohnehin sind. Das Volk wurde, nachdem die Keime entdeckt waren, zu Sauberkeit erzogen. Als die Tuberkulose wütete, wurde der Besen durch den Wischmopp ersetzt, weil man lehrte, die Keime am Boden werden mit Besen nur aufgewirbelt. Seife, Wischmopp, Wasserleitung - alles Produkte von Seuchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2021 - Geschichte

In der Welt amüsiert sich Dirk Schümer über den chinesischen Kunsthistoriker Huang Heqing, der in seinen Vorlesungen laut Taiwan English News behaupte, dass alle bedeutenden Hinterlassenschaften der großen Kulturen im 19. Jahrhundert von Europäern gefälscht worden seien: die Pyramiden von Gizeh, das Parthenon, das Forum Romanum und so weiter. Nur die chinesischen seien echt. "Ein anderer chinesischer Forscher gesteht 'dem Westen' immerhin eine Art antiker Historie zu, doch sei diese komplett von chinesischen Auswanderern geprägt worden. Um ihren großen Sprung nach rückwärts glaubwürdiger zu machen, sollten die nationalistischen Professoren aus dem Reich der Mitte freilich einige Widersprüche glätten. Warum zum Beispiel hätten europäische Architekten die Pyramiden ausgerechnet im Wüstensand vor den Toren Kairos aufgeschichtet? Wollten sie wirklich China demütigen und Europa glorifizieren, hätten die Pyramiden nach London gehört oder Paris (wo heute immerhin vor dem Louvre eine kleine Glaskopie steht), aber gewiss nicht nach Afrika."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2021 - Geschichte

Den Dichter Durs Grünbein fröstelt in der SZ bei den revisionistischen Geschichtsbildern, die in der Antifa auf einmal eine üble Organisation sehen und die Bombardierung Dresdens nicht als Reaktion auf die von Nazi-Deutschland lancierten Luftangriffe auf Europas Städte wie Warschau, Coventry, Rotterdam und Belgrad: "Die Bombardierung meiner Heimatstadt: Natürlich konnte sie von den Betroffenen und ihren Familien nie vergessen werden. Das sind die Gesetze der Psyche, das Trauma wirkt nach. Warum man aber die historischen Gesetze: Ursache und Wirkung, Täter und Opfer, in Frage stellt, bleibt ein Rätsel. Jedes Aufrechnen führt in die Irre. Und doch waren am 13. Februar 1990 die Geister von gestern wieder zur Stelle, Revanchisten, Revisionisten. Plötzlich war die Rede vom 'Völkermord'. Ein britischer Historiker, David Irving, veranschlagte die Toten von Dresden auf über hunderttausend. Damit war das Rennen um das Vergleichen des Unvergleichlichen eröffnet."