9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2021 - Gesellschaft

Die Öffentlichkeit rätselt noch, ob der Attentäter von Würzburg, der drei Frauen mit Messerstichen umgebracht hat, ein islamistisches Motiv hatte. Aber ein Motiv ist klar und seltsamerweise kaum benannt, konstatiert Emma in einem nicht gezeichneten Kommentar: "Beim Motiv 'Frauenhass' .. existiert offenbar immer noch ein blinder Fleck. Und das ist kein Zufall. Bei allen Gesetzen, die den Hass auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe ahnden sollen, fehlen sie, die Frauen. Egal, ob bei der 'Volksverhetzung' oder bei den 'Hassverbrechen'. Oder auch jetzt wieder beim Gesetz gegen 'verhetzende Beleidigung', das der Bundestag in der vergangenen Woche verabschiedete. Nationale oder ethnische Herkunft, Religion, Behinderung, sexuelle Orientierung - alle diese Gruppen sind als schützenswert im Gesetz aufgeführt. Doch die größte Gruppe fehlt: die Frauen."

Die renommierte Autorin Kathrin Schmidt (Buchpreis 2009 für "Du stirbst nicht") ist der Partei "Die Basis" beigetreten und vertritt Gaga-Positionen zu Corona, berichten Cornelius Pollmer und Marie Schmidt in der SZ. In einem Essay zur Frage, ob Kinder gegen Corona geimpft werden sollen, "stellt sie eine Assoziation zu Experimenten an Menschen in der NS-Medizin her . ...'Es liegt mir fern, das heutige Impfgeschehen mit den NS-Menschenversuchen gleichzusetzen', heißt es weiter, doch die argumentative Struktur des Essays widerlegt seine Autorin." Vorher war Schmidt zur Stadtschreiberin von Dresden ernannt worden, weshalb sich die SZ-Autoren jetzt die Frage stellen, ob "eine Autorin, die einem durch keine Vernunft mehr einzuholenden Teil des Meinungssprektrums zuneigt, in einem solchen Renommier-Posten erträglich" ist? Muss man aushalten, meinen die beiden am Ende, zum Glück gibt es in Dresden ja auch die Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch von der Linkspartei, die sagt, "die Empörungswelle, die dort vor Schmidts Antrittslesung ausbrach, habe sie animiert, diese Lesung erst recht zu besuchen und dort auch eine Rede zu halten."

Die Delta-Variante zeigt, dass die Coronakrise keineswegs zu Ende ist. Sie grassiert besonders in Großbritannien, wo sich auch doppelt Geimpfte anstecken (allerdings keine schweren Symptome entwickeln). Und gleichzeitig werden heute zum Klassiker Deutschland-England 60.000 Fans ins Wembley-Stadion gelassen, notiert Michael Hanfeld in der FAZ: "Es ist nicht nur suboptimal, was die Uefa da treibt, es ist verantwortungslos und gefährlich, man darf sagen, verbrecherisch. Während für den Herbst mögliche Schulschließungen zur Debatte stehen, lässt der Uefa-Chef Aleksander Čeferin 2.500 Fußballbonzen ins Wembley-Stadion einfliegen und fordert die britische Regierung auf, dass die VIPs auf Quarantäne-Vorschriften pfeifen dürfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2021 - Gesellschaft

Die taz bringt mehrere Artikel zur dringend notwendigen Verkehrswende. Immerhin darf eine Autorin, Tania Kibermanis, daran erinnern, dass das Auto für manche ein Vehikel der Selbstbefreiung ist: "Ich bin auf dem Land aufgewachsen, wo der letzte Bus nachmittags um vier fuhr. Die Frage, ob man den Führerschein machte, stellte sich nicht - Auto fahren war fürs soziale Überleben unabdingbar, wenn man nicht bei den rotgesichtigen, NPD-wählenden Kirmesburschen im hessischen Outback festhängen wollte. Um die zahlende Familie nicht mit allzu vielen Fahrstunden finanziell zu ruinieren, wurde mit einem nervös mitbremsenden Elternteil auf dem Beifahrersitz auf dem Promilleweg geübt - das ist der Feldweg parallel zur Bundesstraße, auf dem die Besoffenen nachts nach Hause fahren."

Vor etwa fünf Jahren wurde die "Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" gegründet. Sie beschäftigt sich mit sexuellem Missbrauch in Institutionen wie der Katholischen Kirche, aber auch in Familien. In der FAZ bilanzieren die Mitglieder ihre Arbeit - und thematisieren nebenbei, dass ihre Bedingungen nicht ideal sind: "Anders als etwa in Australien, England oder Irland war in Deutschland die Bundesregierung nicht bereit, der Kommission ein starkes Mandat zu geben. Die Kommission hat kein Akteneinsichtsrecht, sie kann keine Zeugen vorladen und hat begrenzte finanzielle Spielräume für wissenschaftliche Studien. Somit waren die Beteiligten mit der Entscheidung konfrontiert, ob sie fürs Erste diesen 'Spatz in der Hand' nehmen oder 'die Taube auf dem Dach' einfordern sollten."

Das linke Bürgertum mit seinem Weltverbesserungsanspruch hat mit dem untergegangenen Bürgertum, das Thomas Mann noch kannte, nichts zu tun, meint Thomas Ribi in der NZZ. Was ihm völlig abgeht, ist "die Skepsis gegenüber der eigenen Lebensform. Das Unbehagen an den Widersprüchen, denen auch ein in aufrichtiger Verantwortung gelebtes Leben nicht entgeht. Das Bürgertum, dem Thomas Mann in den 'Buddenbrooks' ein überragendes Monument gesetzt hat, ist nicht denkbar ohne sein tiefsitzendes Ungenügen darüber, an den eigenen Idealen nur scheitern zu können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2021 - Gesellschaft

Neulich schockierte in Kanada eine Meldung, dass bei einem ehemaligen katholischen Internat die Überreste von über 200 Kinderleichen gefunden wurden (unser Resümee). Sie stammten von Native-Kindern, die an diese Internate gezwungen worden waren, um ihnen ihre Kultur auszutreiben - für die katholische Kirche, aber auch andere Träger war das in Kanada lange ein Geschäftsmodell. Nun wurden wieder Überreste von über 700 Kindern gefunden, berichten Ian Austen und Dan Bilefsky in der New York Times: "Die Entdeckungen haben eine Nation aufgerüttelt, die sich seit Generationen mit dem systematischen Missbrauch von Ureinwohnern auseinandersetzt, von denen viele Überlebende der Internatsschulen sind. Jahrzehntelang behaupteten sie in ihrer Oral History, dass Tausende von Kindern aus den Schulen verschwanden, aber ihnen wurde oft mit Skepsis begegnet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2021 - Gesellschaft

Ziemlich selbstgefällig findet Jan Feddersen in der taz die Empörung über die Uefa, die verhindert hat, dass das Münchner Olympiastadion in einem Regenbogen erstrahlt, um gegen die schwulenfeindlichen Gesetze des EM-Gegners Ungarn zu protestieren: "Männerfußball ist zwar die zentrale Sportart, das einzige Lagerfeuer der Republik, an dem sich alle irgendwie versammeln können, doch zugleich gibt es in den Profi-Ligen keinen einzigen offen schwulen Fußballer. Vor diesem Hintergrund ist es doch verwunderlich, mit dem Finger auf osteuropäische Länder wie Ungarn zu zeigen. Ist nicht völlig falsch, aber: Ein Profifußballer in Deutschland, der sich als homosexuell outet, hat seinen Marktwert auf Anhieb um 90 Prozent gemindert. Denn zum Bild dieser Sportart gehört eben auch eine nichtschwule Aura."

Stimmt schon, meint Gökalp Babayiğit dazu in der SZ, "auf den ersten aktiven Bundesligaspieler, der ohne Angst zu seiner sexuellen Orientierung steht, wartet Deutschland bis heute." Aber die Aktion "als angeblich unzulässige Vermischung von Sport und Politik abzustempeln, wie es Ungarn versucht und wie es die auf ihre 'politische Neutralität' pochende Uefa in ihrer Ablehnung andeutet, ist schlicht Quatsch. Für Rechte und Grundrechte aller Menschen einzutreten, ist kein politisches Statement, das wie andere politische Aussagen so oder so ausfallen könnte. Es ist eine Selbstverständlichkeit, zumal in einer Demokratie."

Auf Zeit online fragt sich Pola Fendel, warum Frauen immer wieder andere Frauen kritisieren, weil sie als Mütter arbeiten oder sich die Erziehung wirklich fifty-fifty mit dem Vater teilen. "Frauen sitzen dann auf den Spielplätzen und schnauben verächtlich, wenn ich erwähne, dass ich mich auf mein freies Wochenende freue. Einst ambitionierte, selbstständige Freundinnen schauen mir großäugig ins Gesicht und antworten auf meine Frage, warum Hans keine Windeln wechselt, sie 'könnten es eben besser'. ... Feministisch sein heißt 2021, Männern zutrauen lernen. Es nicht allein machen. Frauen können alles, was Männer können. Darauf vertrauen wir. Männer können aber auch alles, was Frauen können. Kinder großziehen zum Beispiel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2021 - Gesellschaft

Wo der Hass gegen Israel blüht, ist auch der Hass auf Frauen populär, meint Rebecca Schönenbach in der Welt: "Frauen aus mehrheitlich islamischen Ländern erkennen die Aufmärsche und Parolen wieder. Sie kennen die Täter, die sich zur Aufgabe machen, den Globus von in ihren Augen 'Unreinem' zu befreien, ob von unkeuschen Frauen oder von Juden. Dabei haben religiöse Fundamentalisten kein Monopol auf Antisemitismus und Frauenverachtung. Auch Rechtsextreme wie der Attentäter in Halle kombinieren beides mühelos. Und auch linke Gruppierungen akzeptieren Frauenhass gerne als Beifang zum Antisemitismus."
Stichwörter: Frauenhass, Antisemitismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2021 - Gesellschaft

Die Initiative "Artists Against Antisemitism" hat sehr viel weniger von sich reden gemacht als BDS oder Intendanten deutscher Kulturinstitutionen, die BDS-Positionen mehr Raum verschaffen wollen. In der taz sprechen Torsun Burkhardt von der Band Egotronic und die Schauspielerin Sandra Kreisler über ihre Initiative. Kreisler, Autorin von "Jude sein - Ansichten über das Leben in der Diaspora", erzählt, warum sie darüber nachdenkt, die Koffer zu packen: "Es ist ja nicht nur Deutschland. In England und Frankreich ist Antisemitismus heftig, und in den USA ist es vor allem an den Universitäten ganz schlimm. Die größten Sorgen macht es mir, dass auch junge Leute auf diesen Zug aufspringen. Ich persönlich bin froh, dass wir auch einen Wohnsitz in der Schweiz haben. Dort ist alles ein bisschen langsamer, da wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. In Deutschland ärgert es mich massiv, dass die Schulbildung in puncto Antisemitismus schlecht ist und sich in dieser Hinsicht nichts bessert. Es ist natürlich gut, wenn Zeitzeugen in Schulen gehen und erzählen, wie es damals im Nationalsozialismus war. Aber das ändert nichts daran, dass man heute Israel für alles verantwortlich macht."

Die Querdenken-Bewegung ist zwar am Ende, aber  sie hat sich recht versiert neuer Medien bedient, besonders des Live-Streamings von Veranstaltungen über Youtube und andere Dienste, notiert der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel in der taz: Auch wenn der Spuk jetzt erst mal vorbei ist, sei "die mediale Infrastruktur robust, die für derartige Desinformationskampagnen eingesetzt werden kann. Sie wird bei der nächsten gesellschaftlichen Verwerfung oder politischen Großlage wieder dazu genutzt werden, Fake News zu verbreiten, Spenden oder 'Schenkungen' zu sammeln. Und die nächste Kohorte schlichter Gemüter auf die Idee bringen, dass sie in einer schlimmeren Diktatur als der DDR oder dem Dritten Reich leben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2021 - Gesellschaft

Auch die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie wurde nun in sozialen Medien und in Texten attackiert, weil sie nicht die richtigen Ansichten zum Anspruch von Transpersonen vertrat, berichtet Alison Flood beim Guardian. Sie wehrte sich mit einem Essay auf ihrer Website, die teilweise wegen der vielen Aufrufe zusammenbrach. Sie schließt ihre Reflexion über die Hysterisierung der Debatte mit ein paar Anmerkungen, die die aktuelle Stimmung überaus treffend umreißen: "Wir haben eine Generation junger Leute in den sozialen Medien, die solche Angst haben, eine falsche Meinung zu vertreten, dass sie sich der Fähigkeit beraubt haben zu denken, zu lernen und zu wachsen... Ich habe mit jungen Leuten gesprochen, die mir sagen, dass sie sich kaum mehr trauen, überhaupt etwas zu twittern, dass sie ihre Tweets lesen und nochmals lesen, weil sie fürchten, von ihren eigenen Leuten attackiert zu werden. Die Haltung eines grundsätzlichen Wohlwollens ist tot. Was zählt, ist nicht gut zu sein, sondern der Anschein, gut zu sein. Wir sind keine Menschen mehr. Wir sind Engel, die andere Engel ausengeln wollen. Gott helfe uns. Es ist obszön."

Laut aktueller Allensbach-Umfrage glauben 44 Prozent der Deutschen, dass sie nicht frei ihre Meinung äußern können. Das ist "historischer Höchststand", meint Malte Lehming im Tagesspiegel: "Die Anhänger von AfD, FDP und Linke empfinden den Meinungsklimadruck am stärksten, die von Grünen, Union und SPD am geringsten. Besonders heikel sind Themen wie Muslime und Islam, Vaterlandsliebe und Patriotismus, geschlechtergerechte Sprache und der Gebrauch politisch inkorrekter Begriffe wie 'Zigeunerschnitzel' oder 'Mohrenkopf'. Die Umfragedaten deuten auf ein alarmierend hohes Maß an gesellschaftlicher Polarisierung hin. Wer diesen Befund kleinredet, verstärkt ihn. Kulturkampf ist keine rechte Erfindung, wie einige Linke sagen, und das Streben nach Gerechtigkeit ist nicht bloß linker Machtwille, wie einige Konservative sagen."

Sämtliche Fußballfans dürften das Video gesehen haben. Aber das in kulturellen Sphären schwebende Perlentaucher-Publikum? Ronaldo und die Cola-Flaschen:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2021 - Gesellschaft

Wenn Verfassungsschutzminister tremolieren, wie jetzt Horst Seehofer beim Bericht über neueste Extremismuszahlen, tun sie das, um sich als Fels in der Brandung darzustellen, schreibt Stefan Reinecke in der taz. "Dass Horst Seehofer von Alarmzustand redet, ist diesmal aber mehr als steile Rhetorik. Es gibt amtlich 33.000 Rechtsextremisten, davon ist ein Drittel möglicherweise gewaltbereit. Dabei zählt der Verfassungsschutz 20.000 Reichsbürger aus Gründen, die nicht recht einleuchten, gar nicht zum Phänomen Rechtsextremismus. Diese Zahlen lassen nach Halle und Hanau eine Rhetorik des Alarms nicht ganz abseitig erscheinen." Reinecke ist aber zufrieden, dass Seehofer "das Offenkundige begriffen hat - die größte Bedrohung geht von Rechtsextremen aus".

"Bisher werden auch Taten mit unklarem Motiv als rechts eingeordnet", ergänzt in der taz Konrad Litschko, der den Jahresberichts des Verfassungsschutzes gelesen hat. Die SPD-Länder lehnten eine Neukategorisierung von Taten mit unbekanntem Hintergrund, die bisher den Rechtsextremismus zugeordnet werden, aber ab.

Beim Thema Linksextremismus möchte die taz aber auf keinen Fall falsche Zuordnungen stehen lassen. Volkan Ağar recherchiert zur Frage, wie ein Satz aus einer Definition der Bundeszentrale für politische Bildung verschwunden ist. Der Satz lautete: "Im Unterschied zum Rechtsextremismus teilen sozialistische und kommunistische Bewegungen die liberalen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - interpretieren sie aber auf ihre Weise um." Dies sei von einem renommierten Wissenschaftler formuliert, beteuert Ağar, und Millionen Opfer des Stalinismus wären ihm sicher dankbar für diese Information. Trotzdem sei der Satz auf Druck der Bild-Zeitung durch unwissenschaftliche Behauptungen ersetzt worden!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2021 - Gesellschaft

Im Interview mit Zeit online versichert die Klimaökonomin Christina Roolfs, dass ein erhöhter CO2-Preis Haushalte mit geringem Einkommen nicht belasten wird. Sie rechnet vor: "Im Alltag zahlen die Menschen bei einem höheren CO2-Preis einen höheren Preis beim Heizen oder an der Zapfsäule, abhängig vom individuellen Verbrauch. Bei einem CO2-Preis von 50 Euro würden die einkommensschwächsten 20 Prozent der Haushalte im Durchschnitt mit 120 Euro im Jahr belastet und die einkommensstärksten 20 Prozent mit 350 Euro im Jahr. In der Rückerstattung bekommt jede Person rund 125 Euro pro Jahr. Die ärmsten 20 Prozent der Haushalte würden bei einem solchen Modell im Durchschnitt um gut 100 Euro pro Jahr entlastet werden."

In der NZZ warnt Josef Joffe vor einer "woken" oder politisch korrekten Sprache, die den Spielraum fürs Denken einschränkt. Gerade sie kann helfen, Ungerechtigkeiten zu verfestigen: "Im umzäunten Taburaum der Sprache verkommt nicht nur die Rede- und Meinungsfreiheit, sondern auch die soziale Gerechtigkeit. Die wird seit Jahrhunderten im nimmer endenden Disput errungen. Wie sonst hätten denn Frauen das Wahlrecht, Amerikas Schwarze die Gleichstellung - ohne Pamphlete, Proteste und Demonstrationen - errungen? Sie haben Freiheit und Gleichheit gegen die verordneten angeblichen Wahrheiten erkämpft."

Die meisten antisemitischen Straftaten werden in Polizeistatistiken bisher dem Rechtsextremismus zugeordnet - auch wenn die Täter unbekannt sind. Diese Polizeistatistik ist häufig kritisiert worden und soll nun vielleicht durch die neue Kategorie "nicht zuzuordnen" ergänzt werden, berichtet Frederik Schindler in der Welt. Die bisherige Statistik widerspricht einer Umfrage, die im Auftrag des Bundestags bei der jüdischen Bevölkerung durchgeführt wurde, so Schindler: "Nach antisemitischen Erfahrungen gefragt, gingen nach Einschätzung der befragten Juden 62 Prozent der Beleidigungen und 81 Prozent der körperlichen Angriffe von Muslimen aus. Zwar war die Datenbasis relativ klein, aber eine Tendenz lässt sich durchaus ablesen. Und die Diskrepanz zu den Zahlen der Statistik des Bundeskriminalamts ist so gravierend, dass zumindest geschlossen werden kann, dass die Perspektive der Betroffenen dort nicht ausreichend abgebildet wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2021 - Gesellschaft

In der NZZ erzählt der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, wie er von klein auf in Antisemitismus geschult wurde: Alles Negative wurde im Algerien seiner Kindheit mit Juden oder dem Staat Israel in Verbindung gebracht: "Schon mit vier oder fünf Jahren hörte ich zum ersten Mal das Wort 'Jude' (im Algerischen: 'yhudi') in der Koranschule. Mein damaliger Koranlehrer sagte einem Jungen: 'Du Jude, benimm dich' ('Ya l-yhudi traba'). Ich wusste nicht einmal, was das Wort bedeutet. Aber für mich war es wichtig, dass ich mich gut benehme, damit ich nicht 'Jude' genannt wurde. Auch während meiner Grundschulzeit hörte ich immer wieder während des Unterrichts, dass Lehrer vom Wort 'Jude' Gebrauch machten, um Schüler zu beleidigen."