9punkt - Die Debattenrundschau

Genau das, was auch Europa braucht

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.07.2021. Die Medien bereiten doch nochmal die Fußball-EM auf. Die Niederlage ließ einige unschöne Seiten des englischen Nationalgefühls aufscheinen: den Rassismus nach drei verschossenen Elfmetern, und vorher schon einen Nationalismus, der bis heute nicht ohne Referenzen auf den Zweiten Weltkrieg auskommt, schreiben FAZ, SZ und andere Medien. Früher war linker Antisemitismus unsexy, jetzt ist er Pop, konstatiert Mirna Funk in der taz. Was genau ist gescheitert am Afghanistaneinsatz, fragen die Salonkolumnisten. Die SZ berichtet über ungewöhnliche Unruhe in der ARD, die den "Weltspiegel" künftig nachts senden will.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2021 finden Sie hier

Europa

Das Finale der Fußball-EM hat seine Nachwirkungen. Drei der fünf englischen Elfmeterschützen, alle schwarz, hatten den Ball beim entscheidenden Elmeterschießen nicht ins Tor bekommen. Englische Fußballfans, die sich vor dem Finale damit begnügten, Nationalhymnen auszupfeifen und gegnerische Torwarte mit Laserpointern zu irritieren, taten sich nun durch rassistische Aktionen hervor. Daniel Zylbersztajn-Lewandowski berichtet für die taz: "Nur eine Stunde nach dem großen Match am Sonntagabend wurde das meterhohe Graffito des englischen Fußballnationalspielers Marcus Rashford mit einem rassistischen Slogan beschmiert. Zeitgleich treten englische Fußballfans vor dem Wembley-Stadion in London auf einen am Boden liegenden jungen Mann ein. Für den verlorenen Sieg sollten nun andere bezahlen."

Zwei Bilder von der englischen Nation seien bei der EM symbolisch kollidiert, schreibt Gina Thomas im Leitartikel der FAZ: Die Vorstellung des Tainers Gareth Southgate "von seinen Spielern als politischen Vorbildern in der nationalen Debatte über Gleichheit, Inklusivität und Rassismus reimt sich nicht auf den Aufruf jener konservativen Politiker wie der Innenministerin Priti Patel, die für das Recht der England-Fans einstanden, den solidarischen Kniefall der Nationalmannschaft auszubuhen."

Michael Neudecker, der den Engländern nach der WM eine Seite 3 in der SZ widmet, beschreibt Britannien als ein zerrissenes Land, wobei der Riss nicht Gruppen trennt, sondern oft durch die einzelnen Personen hindurch geht: Etwa bei Trainer Gareth Southgate, der seine Mannschaft ermunterte, vor jedem Spiel als Geste gegen Rassismus auf die Knie zu gehen, aber gleichzeitig um Verständnis warb, als britische Fans die deutschen Spieler (und viele andere Mannschaften) ausbuhten, während deren Nationalhymne gespielt wurde: Die Deutschen hätten versucht, die Briten zu überfallen, da müsse man das verstehen. Und dann die Fans, deren Patriotismus in Nationalismus und Rassismus umschlug: "England war, als es plötzlich gewann, sympathisch. Das ist oft so, Erfolg macht attraktiv. Aber jetzt? Die randalierenden Fans und die rassistischen Kommentare repräsentieren natürlich nicht die Mehrheit der englischen Bevölkerung, aber das Befremden jenseits des Kanals ist am Tag danach wieder größer geworden."

Ebenfalls in der SZ zieht Stefan Ulrich den Hut vor der italienischen Mannschaft und ganz besonders Trainer Roberto Mancini, der "aus den Spielern eine Einheit geformt hat, deren fröhlicher Gemeinschaftssinn das Turnier prägte. Was Löw nicht gelang, vollbrachte Mancini. Italien strahlte auf dem Platz die Botschaft aus: Wir sind ein Team. Es ist das, was diese Mannschaft vom verschmitzten, 36 Jahre alten Kapitän Giorgio Chiellini bis hin zum kraftstrotzenden, 22 Jahre jungen Torwart Gianluigi Donnarumma so erfolgreich macht. Und so sympathisch. Viele Europäer dürften den Italienern im Finale auch deswegen den Sieg gewünscht haben, weil sie spürten: Dieser Spirit ist genau das, was auch Europa braucht."

"Und so, zurück auf Schwarz", seufzt Barney Ronay im Guardian. "Die Wembley-Tore wurden gestürmt. Hymnen wurden ausgebuht, Ordner verprügelt, Wandbilder verunstaltet, Rassismus in den sozialen Medien verbreitet. Die Jungs haben sich vor Bella Pasta mit Kuchen und Russel Dust vollgestopft, in Little Italy Vs geschnippt und in der U-Bahn-Station Passanten beschimpft. Ein Premierminister, der mehr als jede andere Person in Großbritannien dazu beigetragen hat, Spaltung und Dummheit zu ermöglichen, hat eine Botschaft gesendet, die Spaltung und Dummheit verurteilt. Eine Innenministerin, die eine zynische und spaltende Rhetorik anwendet, ist 'angewidert', dass die Leute sie ernst genommen haben. ... Es war schon immer eine grundfalsche Idee, dass Southgates feine junge Mannschaft ein Land, das tiefe strukturelle und soziale Gräben hat, irgendwie 'vereinen' könnte. Fußball ist einfach nur Fußball. Spiele zu gewinnen ist keine Abkürzung zu Bildung, Anstand und fähiger Führung an anderer Stelle."

Weiterhin kursieren in diesem Internet Witze, die dem Ernst der Lage nicht angemessen sind:

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Gesellschaft

Antisemitismus von links ist en vogue und nach der jüngsten Gewalt in Israel noch mehr, sagt die Autorin Mirna Funk, die linken Antisemitismus schon in der Zeit thematisiert hatte (unser Resümee) im Gespräch mit Till Schmidt von der taz. "Antizionismus hat sich einfach sehr gut eingepasst in den allgemeinen Trend des woken Gerechtigkeitskämpfers. Früher waren linke Antizionisten vor allem klassische, und daher nicht besonders coole Linke. Jetzt aber hat sich das unter anderem durch Black Lives Matter, MeToo oder Fridays for Future vollständig geändert."
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Politik

In aller Stille sind die amerikanischen, aber auch die deutschen Soldaten aus Afghanistan heimgekehrt, konstatiert Bernd Rheinberg bei den Salonkolumnisten. Und diese Stille, "die nun weitgehend herrscht über diesen Einsatz, hat etwas Verdruckstes und vor allem - Trügerisches. Denn von einem Scheitern müsste man sprechen - nur wer will das schon? In Deutschland vor einer Bundestagswahl ohnehin niemand aus der Politik. Denn wenn man genau hinguckt, dann gibt es nur Unangenehmes zu besprechen: Der Rückzug aus Afghanistan ist kein Scheitern, weil die letzten zwei Jahrzehnte sinnlos gewesen wären, sondern durch den jetzigen Rückzug sinnlos werden."
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Medien

Der marokkanische Journalist Soulaiman Raissouni wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt und befindet sich wegen eines Hungerstreiks am 92. Tag in einem extrem geschwächten Zustand, berichtet Lea Fauth in der taz. In Marokko scheint man oppositionelle Journalisten gern wegen angeblicher Vergehen zu verurteilen, die nichts mit ihrer journalistischen Tätigkeit zu tun haben. Raissouni "soll einen LGBTI-Aktivisten vergewaltigt haben. Er selbst bestreitet das. Seine Frau, die an einem Dokumentarfilm über LGBTI-Rechte in Marokko arbeitete, hatte den Aktivisten zu sich nach Hause eingeladen. Wie frei dieser sich äußert, ist fraglich, da er in Marokko als Homosexueller selbst als Straftäter gilt und heftiger Repression ausgesetzt ist. Auszuschließen ist eine Vergewaltigung trotzdem nicht. Eine rechtsstaatliche Aufklärung der Tat hat es allerdings nicht gegeben." Ebenfalls für die taz berichtet Barbara Oertel aus Georgien, wo der Kamermann Alexander Laschkarawa bei Ausschreitungen gegen eine Gay-Pride-Parade so brutal angegriffen wurde, dass er seinen Verletzungen erlag.

Ungewöhnlicher Aufruhr in der ARD, wo Redakteure gegen Entscheidungen ihrer Chefinnen protestieren, berichtet Claudia Tieschky in der SZ. Der "Weltspiegel" soll vom frühen Sonntagabend in die Montagnacht verlegt werden. Politikmagazine werden gerupft. Programmchefin Christine Strobl verteidigt sich damit, dass die Inhalte in die Mediatheken und sozialen Medien diffundieren sollen, damit auch jüngeres Publikum sie zur Kenntnis nehmen: "Ein neues Gesetz, das noch dieses Jahr beschlossen werden soll, sieht vor, dass ARD, ZDF und Deutschlandradio selbst entscheiden können, welche Programme sie überhaupt noch als klassisches TV und welche sie online zur Verfügung stellen - ausgenommen ist ein kleiner Pflichtkanon, der weiter linear gesendet werden muss. Es ist kein Geheimnis, dass die neuen Programmwelten Geld kosten werden, das anderswo eingespart werden muss."

Außerdem: Bei den Uebermedien schildert der Journalist Klaus Ungerer sein Überleben im sterbenden Zeitungsgewerbe: von der noch von Schirrmacher dargereichten 3000-Mark-Pauschale bei der FAZ bis zum geschassten Textchef beim Freitag.
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