Politische Philosophie mag vielen heute als trocken Brot der Philosophiegeschichte gelten. Aber in Zeiten der Identitätspolitik lesen sich die Artikel über die universalistischen Ideen
John Rawls', der in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre, auch wieder wohltuend. In der
SZ schreibt Philosoph
Dirk Lüddecke über Rawls "Theorie der Gerechtigkeit", die vor fünfzig Jahren erschien: "In einer pluralistischen Gesellschaft, in der es viele Vorstellungen davon gibt, wie ein gutes Leben zu führen ist, soll seine Gerechtigkeitsauffassung ein Angebot sein, das sich aus
unterschiedlichen ethischen,
moralischen oder spirituellen Anschauungen heraus rational akzeptieren und sogar unterstützen lasse. Er spricht von einem 'übergreifenden Konsens' als Kerngedanken eines politischen Liberalismus, für den die Verständigung über das Rechte einen
Vorrang vor dem Guten beansprucht." Karen Horn
findet Rawls' Gerechtigkeitskonzept in der
NZZ aus dem gleichen Grund "aufregend zeitgemäß": "Es baut ausdrücklich
auf dem Pluralismus auf, der moderne Gesellschaften kennzeichnet. Dieser Befund führt zur liberalen Norm der Toleranz."
Otfried Höffe erinnert in einem
ausführlichen Artikel in der
FR. Und er erzählt, dass Rawls durchaus auch an die Adresse der USA und Britanniens
ungemütliche Ansichten über den
Zweiten Weltkrieg äußerte: "Nach Rawls waren, solange England mit einer deutschen Übermacht konfrontiert war - was für die USA nie der Fall gewesen sei -,
Bombenangriffe auf Städte legitim, obwohl dabei zivile Objekte zerstört und Zivilpersonen getötet wurden. Nach der vernichtenden Niederlage der deutschen Truppen in
Stalingrad habe das aber nicht mehr gegolten, so dass spätere Bombardierungen deutscher Städte, namentlich die Zerstörung von Dresden, nicht gerechtfertigt gewesen seien."
Aleida Assmann spricht mit Stefan Weiss vom Wiener
Standard über ihr
neues Buch "Die Wiedererfindung der Nation". Die Idee der Nation möchte sie nicht verabschieden, sondern
Spannungen ausgleichen: "Ich möchte sowohl den Begriff
Bringschuld als auch den der
Leitkultur vermeiden. Es mag gut gemeint sein, aber es schafft von vornherein eine Asymmetrie. Man sollte vielmehr umgekehrt vorgehen und zunächst danach fragen, was wir gemeinsam haben, statt das Augenmerk vor allem auf das zu richten, was uns trennt. Ich benutze hier den Begriff der
Menschenpflichten. Das sind Regeln des Umgangs miteinander, die es seit 5.000 Jahren in allen Religionen und Kulturen der Welt gibt."
Die Philosophin
Maureen Maisha Auma ist zur Zeit Gastprofessorin an der TU Berlin. Sie gilt als eine Theoretikerin der "
Intersektionalität", mit der einander überschneidende Diskriminierungen (etwa als Schwarze und als Frau) beschrieben werden soll. Im Januar forderte sie
im Gespräch mit Christoph David Piorkowski im
Tagesspiegel einen selbstkritischen theoretischen Ansatz: "Eine
multivalent ausgerichtete Gerechtigkeitsarbeit ist unumgänglich. Für sich alleine greifen Empowerment, Normalisierung und Dekonstruktion zu kurz." Und sie beklagte, dass das Personal an deutschen Unis zu wenig divers sei. Von der
AfD wurde die Magdeburger Professorin daraufhin in sozialen Netzen heftig angegriffen,
berichtet Piorkowski heute. KollegInnen haben sich in einem
offenen Brief mit ihr solidarisiert: Besonders hervorgetan habe sich bei den Attacken der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider, der zugleich noch Privatdozent an der Bayreuther Uni sei und für den nun Konsequenzen gefordert werden. Zitiert wird auch die Genderforscherin Magdalena Beljan: "Im medialen Diskurs über eine
vermeintlich linke Cancel Culture, werde kaum zur Kenntnis genommen, dass die wirklichen, für Leib und Leben bestimmter Akteure bedrohlichen Versuche, kritische Positionen mundtot zu machen, aus
dem rechten Lager erfolgten, sagt Beljan."