9punkt - Die Debattenrundschau

Im Gegenwind des Widerspruchs

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.02.2021. Facebook und die australische Regierung haben einen Kompromiss geschlossen, berichten die Agenturen: Facebook darf sich nun offenbar aussuchen, an welche Zeitungen es Lizenzgebühren zahlt. Zugleich meldet die Financial Times, dass Microsoft sich mit den mächtigsten Zeitungslobbies in Europa zusammentut, um das australische Modell auch in Europa durchzusetzen. Die FAZ-Redakteurin Sandra Kegel hat einen veritablen Shitstorm erlebt, weil sie in einem Kommentar das Manifest der #actout-Initiative zart kritisierte, berichtet die SZ. Google hat die Titanic-App wieder freigeschaltet und entschuldigt sich mit einer Karikatur, meldet Spiegel online.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2021 finden Sie hier

Medien

Google hat sich für die Sperrung der Titanic-App wegen einer Jesus-Karikatur (unser Resümee) entschuldigt, meldet Spiegel online - und hat dafür sogar eine Entschuldigungskarikatur zeichnen lassen. Die App und die Titanic-Karikatur sind wieder freigeschaltet. Spiegel online zitiert auch einen Google-Sprecher: "Auch wir finden: Humor und Satire dürfen nicht untergehen - schon gar nicht in Deutschland." Immerhin: Anders als die New York Times nach Charlie Hebdo hat sich Google nicht entschlossen, Karikaturen ganz abzuschaffen. Auffällig ist, dass die Medien die Karikatur in ihrer Berichterstattung so gut wie nie zeigten.

"Facebook gibt News in Australien wieder frei", meldet Spiegel online heute morgen. Facebook hatte News auf seinen Seiten in Australien wegen der neuen australischen Linksteuer abgeschaltet. Nun habe man einen Kompromiss gefunden. Wie genau der Kompromiss aussieht, scheint noch nicht ganz klar zu sein: Aber "die von Australien vorgeschlagenen Änderungen an den Medienregeln werden es Facebook ermöglichen, selbst zu entscheiden, ob Nachrichten auf der Plattform verbleiben und damit die von ihm ausgewählten Verlage zu unterstützen, sagte Campbell Brown, Facebook-Vizepräsident für globale Nachrichtenpartnerschaften, am Dienstag." Vorher war es also eine Art "Friss oder Stirb" für Facebook.

Um zu verstehen, was hier auf dem Spiel steht, muss man sich die Struktur des Netzes nochmal vor Augen halten: Der Link ist die Art und Weise, wie im Internet Informationen zirkulieren. Wenn in Australien nun zunächst Plattformen für Links auf Medieninhalte bezahlen (unser Resümee) sollen, ist das ungefähr so, als müsste man beim Wirt Gema-Gebühren bezahlen, wenn man in der Stammkneipe über eine Information diskutieren will. Facebook weigerte sich zunächst, in Australien zu bezahlen, und steht seitdem in der gesamten Berichterstattung als der Bösewicht da, Google dagegen hat schon einen Deal mit Rupert Murdoch geschlossen. Und Google klopft Zeitungen mit seinem "Google News Showcase" mit Millionen Euro weich. Bei FAZ-Kommentator Carsten Knop kann man heute schon sehen, dass der Google-Schulterschluss mit den Zeitungen funktioniert: "So unternimmt Google seit Jahren umfangreiche Anstrengungen, sowohl ideeller als auch erheblicher finanzieller Natur, um Verlagen auf dem Weg in die Digitalisierung zu helfen. Zudem werden im Rahmen des 'Google News Showcase' ausgewählte Texte lizenziert. Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung nimmt an diesen Programmen teil."

Die BBC erklärt den Streit zwischen den Plattform- und den Medienkonzernen mit Murdoch an der Spitze in Australien: "Medienunternehmen, darunter News Corp Australia, eine Einheit von Rupert Murdochs Medienimperium, haben sich angesichts eines langfristigen Rückgangs der Werbeeinnahmen stark bei der Regierung eingesetzt, um Tech-Firmen an den Verhandlungstisch zu zwingen ."

Auf der Medienseite meldet die FAZ gar, dass die Zeitungen neben google noch einen weiteren mächtigen Verbündete grewonnen haben: "Die europäischen Presseverleger und Microsoft fordern, dass in Europa ein Schlichtungsmechanismus eingerichtet wird, wie ihn Australien in einem neuen Gesetz über die Verwendung von Presseinhalten im Internet vorsieht. Man arbeite an einer Lösung, die sicherstelle, 'dass europäische Presseverleger für die Nutzung ihrer Inhalte durch marktbeherrschende Gatekeeper bezahlt werden', teilten Microsoft und die Verlegerverbände Emma, EPC, NME und ENPA mit." Das europäische Leistungsschutzrecht war also nicht genug?

Mehr zum Thema über diesen Tweet in der Financial Times. Der Softwarekonzern, der selbst Milliarden mit Lizenzierungen in der Cloud verdient (und diese Milliarden kommen zu einem erheblichen Teil von den Staaten, die in ihren Behörden Microsoft-Software einsetzen) hat sich mit den mächtigsten europäischen Zeitungslobbies zusammengetan, so die FT: "Microsoft hat sich nachdrücklich für die australischen Reformen ausgesprochen und andere Regierungen aufgefordert, diesem Beispiel zu folgen - sehr zum Leidwesen der Konkurrenz."

Facebooks Erklärung, sich aus News zurückzuziehen war keineswegs eine Attacke auf den Journalismus, kommentierte noch vor der jüngsten Meldung über den Kompromiss der keineswegs Facebook-freundliche Mike Masnick bei techdirt.com, im Gegenteil: "Nachrichten existieren ja in Australien. Medienfirmen haben ihre Websites. Die Leute können diese Websites besuchen. Die Leute, die sagen, dass Facebooks Rückzug eine 'Attacke' auf die australische Souveränität se, geben ja mehr als sie wollen zu, dass sie Facebook als dominante Quelle der News im Land sehen wollen. Ich meine: Wenn Facebook tatsächlich so ein Problem ist, sollten sie nicht alle feiern? Schließlich sagt Facebook jetzt 'okay, okay, wir ziehen uns ja jetzt aus dem Business zurück.'"
Archiv: Medien

Gesellschaft

Die Ärztin Kristina Hänel hat Verfassungsbeschwerde eingerecht, um frei auf ihrer Website über Abtreibung informieren zu können. Bisher ist ihr das gesetzlich verboten. Daniela Wakonigg zitiert bei hpd.de aus Hänels Erklärung: "Vielen ist überhaupt erst bewusst geworden, welch verheerendes Ungleichgewicht im Netz zum Thema Schwangerschaftsabbruch im Laufe von Jahren entstanden ist. Die strafrechtlichen Verfolgungen zahlreicher Ärztinnen und Ärzte über Jahre hinweg waren ja ohne öffentliche Resonanz geschehen. Ich hoffe, dass in Karlsruhe nun die Weichen für eine gerechtere Regelung gestellt werden."

Den Begriff "Kulturschaffende" haben die Nazis geprägt, in der DDR hat er überwintert, heute dient er als Ausweis von Gendersensibiliät. Eine Entwicklung, die der Schriftsteller Rolf Schneider, 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, im Politischen Feuilleton des Dlf Kultur keineswegs gutheißt: "Diese zweite Diktatur habe ich von Anfang bis Ende miterlebt. Ihre sprachlichen Unsitten habe ich stets verabscheut. Als Literat zählte ich unter die Kulturschaffenden und musste es ertragen, so angesprochen und eingeordnet zu werden. Ich nahm es aufseufzend hin. Dass der Begriff, zusammen mit der Datsche und dem Verbum 'erstellen', die DDR überleben konnte, sehe ich kopfschüttelnd. Sprache hat neben einer sozialen und kommunikativen auch eine ästhetische Dimension. Viele der genannten Beispiele haben gemeinsam, dass sie entschieden unschön sind."

Die FAZ-Redakteurin Sandra Kegel hat offenbar einen veritablen Shitstorm erlebt, weil sie in einem Kommentar das Manifest der #actout-Initiative (unser Resümee) nicht ganz ernst nehmen konnte (unser Resümee). Als sie zu einem Jour fixe der SPD zum Thema "Kultur schafft Demokratie" eingeladen wurde, protestierte der Lesben- und Schwulenverband LSVD gegen ihren Auftritt und forderte die Ausladung, berichtet in der SZ Andrian Kreye, der Daniel Kahnemann bemüht um zu erklären, warum ihm das zu weit geht: "Ein Debattensieg reicht nicht, der Gegner muss vielmehr zerstört werden. In diesem Fall: Kegel soll nicht auftreten. Und - wie es der Nollendorfblog von Johannes Kram fordert - Kegel soll ab sofort keine Machtpositionen als Jurorin von Literaturpreisen (und in der Konsequenz des Gedankengangs als Feuilletonleiterin) mehr innehaben. So wird aus einer Debatte Hetze. Die Mob-Reflexe, vor denen der Internetkritiker Jaron Lanier in seinem Essay 'Digital Maoism' schon 2006 warnte, sind auch in der deutschen Digitalsphäre inzwischen eingeübt und üblich."

Florian Coulmas hat einen Brief niederländischer Behörden erhalten, die ihn fragt, ob er seiner automatischen Registrierung als Organspender widersprechen möchte. Irritierend findet er dabei vor allem, dass er nicht wählen kann, welche Organe er spenden will, erklärt er in der NZZ: "Leber, ja, weil ich wenig trinke, aber Herz, nein, denn das ist ja nur für die Erwählte. So absurd, wie das vielleicht klingt, ist es gar nicht. Mein Herzblut, das Herz aller Dinge, sich etwas zu Herzen nehmen oder es ausschütten und so viele andere Metaphern, die bis unlängst noch etwas bedeuteten: Sind sie auf dem Müllhaufen der Sprachgeschichte gelandet? Ist der eigene Körper in Gänze zum Ersatzteillager geworden?"
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Ideen

Ian Buruma greift in Yascha Mounks Internetmagazin Persuasion einen New-York-Times-Artikel über den schwarzen Altphilologen Dan-el Padilla Peralta auf, der die griechische Klassik wegen Rassismus sozusagen abschaffen will, und hält dagegen: "Das beste Argument dafür, weiterhin Homer, Ovid, Shakespeare oder Jane Austen zu lesen, ist nicht, die Menschen zu lehren, wie Weiße zu denken. Ganz im Gegenteil, wir sollten sie lesen, weil sie eine gemeinsame Menschlichkeit ausdrücken."

Außerdem: Hans Ulrich Gumbrecht liest in der NZZ Heidegger neu - mit der gebotenen Distanz.
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Archiv: Ideen

Wissenschaft

In der Welt findet es Jörg Phil Friedrich grundsätzlich begrüßenswert, dass Professoren sich in einem Netzwerk für die Wissenschaftsfreiheit einsetzen. Aber so hilflos wie sie tun, sind die Professoren in ihren Machtpositionen nun auch nicht, kritisiert er und fordert mehr Mut: "Da wäre als Erstes die Kraft des Arguments. Wenn sie Widerstand gegen die Einladung umstrittener Gäste fürchten, sollten sie schlicht stark bleiben und praktisch zeigen, wie kontroverser Diskurs funktioniert. Sie sind die, die auf dem Podium stehen, sie sind die, die die Mikrofone in der Hand halten, sie sind die, die darin geübt sein sollten, ihre Argumente mit Witz und Überzeugungskraft vorzutragen. Und sie sollten wohl auch die Reflexionsfähigkeit besitzen, im Gegenwind des Widerspruchs, der oft unsachlich und wenig akzeptabel sein mag, die bedenkenswerten Argumente zu vernehmen, aufzugreifen und zu verarbeiten. Mit einer wehleidigen Attitüde der gekränkten Autorität, die meint, das Abendland würde untergehen, weil sich unsachlicher und lautstarker Widerstand gegen gewohnte und selbstverständlich geglaubte Freiheiten regt, wird man diese Freiheit nicht verteidigen können."
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Kulturpolitik

Die Berliner Museen erfinden sich gerade neu als aktive Mitspieler in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Aber was will eigentlich Monika Grütters, fragen sich in der Zeit Hans-Jürgen Hafner und Kito Nedo, die die Kulturstaatsministerin "seltsam geheimnistuerisch" finden bei der von ihr angestoßenen Reform der Stiftung: "Selbst in den Museen, gerade in der Belegschaft, wird derzeit viel gerätselt: Welche Ziele das Kulturstaatsministerium verfolgt, um welche Veränderungen es konkret gehen soll und wie der Fahrplan aussieht, wird hinter verschlossenen Türen im kleinen Kreis diskutiert. Man werde die Öffentlichkeit 'selbstverständlich zu gegebener Zeit umfassend über die Ergebnisse informieren', erklärt ein Grütters-Sprecher. Doch Transparenz, Mitsprache und Beteiligung sind selbstverständlich in demokratischen Prozessen. Seitens der Politik wird sie gegenüber Kulturinstitutionen regelmäßig eingefordert. Ausgerechnet bei den kulturpolitischen Reformbemühungen um die SPK bleibt die Öffentlichkeit jedoch weitgehend außen vor."