9punkt - Die Debattenrundschau

Verständigung über das Rechte

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.02.2021. Wohltuender Universalismus: Die Zeitungen erinnern an John Rawls, der in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre. Seine Theorie der Gerechtigkeit konnte aber auch ungemütlich werden, erinnert Otfried Höffe in der FR. Die Philosophin Maureen Maisha Auma sieht sich nach einem Interview heftigen Attacken der AfD ausgesetzt, berichtet der Tagesspiegel. Die Welt legt eine Archäologie des Modeworts "Woke" vor. ein Fall von kultureller Aneignung? In der SZ erzählt die philippinische Journalistin Maria Ressa, warum sie ein Online-Magazin gründete und warum die unmittelbare Zukunft ihres Landes unruhig werden könnte.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2021 finden Sie hier

Ideen

Politische Philosophie mag vielen heute als trocken Brot der Philosophiegeschichte gelten. Aber in Zeiten der Identitätspolitik lesen sich die Artikel über die universalistischen Ideen John Rawls', der in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre, auch wieder wohltuend. In der SZ schreibt Philosoph Dirk Lüddecke über Rawls "Theorie der Gerechtigkeit", die vor fünfzig Jahren erschien: "In einer pluralistischen Gesellschaft, in der es viele Vorstellungen davon gibt, wie ein gutes Leben zu führen ist, soll seine Gerechtigkeitsauffassung ein Angebot sein, das sich aus unterschiedlichen ethischen, moralischen oder spirituellen Anschauungen heraus rational akzeptieren und sogar unterstützen lasse. Er spricht von einem 'übergreifenden Konsens' als Kerngedanken eines politischen Liberalismus, für den die Verständigung über das Rechte einen Vorrang vor dem Guten beansprucht." Karen Horn findet Rawls' Gerechtigkeitskonzept in der NZZ aus dem gleichen Grund "aufregend zeitgemäß": "Es baut ausdrücklich auf dem Pluralismus auf, der moderne Gesellschaften kennzeichnet. Dieser Befund führt zur liberalen Norm der Toleranz."

Otfried Höffe erinnert in einem ausführlichen Artikel in der FR. Und er erzählt, dass Rawls durchaus auch an die Adresse der USA und Britanniens ungemütliche Ansichten über den Zweiten Weltkrieg äußerte: "Nach Rawls waren, solange England mit einer deutschen Übermacht konfrontiert war - was für die USA nie der Fall gewesen sei -, Bombenangriffe auf Städte legitim, obwohl dabei zivile Objekte zerstört und Zivilpersonen getötet wurden. Nach der vernichtenden Niederlage der deutschen Truppen in Stalingrad habe das aber nicht mehr gegolten, so dass spätere Bombardierungen deutscher Städte, namentlich die Zerstörung von Dresden, nicht gerechtfertigt gewesen seien."

Aleida Assmann spricht mit Stefan Weiss vom Wiener Standard über ihr neues Buch "Die Wiedererfindung der Nation". Die Idee der Nation möchte sie nicht verabschieden, sondern Spannungen ausgleichen: "Ich möchte sowohl den Begriff Bringschuld als auch den der Leitkultur vermeiden. Es mag gut gemeint sein, aber es schafft von vornherein eine Asymmetrie. Man sollte vielmehr umgekehrt vorgehen und zunächst danach fragen, was wir gemeinsam haben, statt das Augenmerk vor allem auf das zu richten, was uns trennt. Ich benutze hier den Begriff der Menschenpflichten. Das sind Regeln des Umgangs miteinander, die es seit 5.000 Jahren in allen Religionen und Kulturen der Welt gibt."

Die Philosophin Maureen Maisha Auma ist zur Zeit Gastprofessorin an der TU Berlin. Sie gilt als eine Theoretikerin der "Intersektionalität", mit der einander überschneidende Diskriminierungen (etwa als Schwarze und als Frau) beschrieben werden soll. Im Januar forderte sie im Gespräch mit Christoph David Piorkowski im Tagesspiegel einen selbstkritischen theoretischen Ansatz: "Eine multivalent ausgerichtete Gerechtigkeitsarbeit ist unumgänglich. Für sich alleine greifen Empowerment, Normalisierung und Dekonstruktion zu kurz." Und sie beklagte, dass das Personal an deutschen Unis zu wenig divers sei. Von der AfD wurde die Magdeburger Professorin daraufhin in sozialen Netzen heftig angegriffen, berichtet Piorkowski heute. KollegInnen haben sich in einem offenen Brief mit ihr solidarisiert: Besonders hervorgetan habe sich bei den Attacken der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider, der zugleich noch Privatdozent an der Bayreuther Uni sei und für den nun Konsequenzen gefordert werden. Zitiert wird auch die Genderforscherin Magdalena Beljan: "Im medialen Diskurs über eine vermeintlich linke Cancel Culture, werde kaum zur Kenntnis genommen, dass die wirklichen, für Leib und Leben bestimmter Akteure bedrohlichen Versuche, kritische Positionen mundtot zu machen, aus dem rechten Lager erfolgten, sagt Beljan."
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Gesellschaft

Boris Pofalla legt in der Welt eine interessante Archäologie des Wortes "Woke" vor, das neuerdings in aller Munde ist, entweder als Selbstbeschreibung eines für alle (oder zumindest einige) Ungerechtigkeiten wachen Geistes, oder als Spott über eine Ideologie. Das Wort war lange ein afroamerikanisches Slangwort, so Küveler.  Von Erykah Badu gibt es den Song "I Stay Woke" aus dem Jahr 2008:



Den Sprung ins allgemeine Publikum schaffte das Wort, so Pofalla in der Welt, "nachdem ein weißer Polizist im amerikanischen Ferguson 2014 einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen erschoss". "I Stay Woke" wurde zum Slogan der Demonstranten. "Was aber hat der Protest gegen Rassismus mit Bekämpfung von Sexismus, Transfeindlichkeit oder sozialer Ungerechtigkeit in vorwiegend weißen Kontexten zu tun? Wie wurde aus 'woke' ein Überbegriff für identitätspolitisch Bewegte? Es ist das passiert, was schon 1962 in Harlem befürchtet wurde: Nicht-Schwarze haben sich einen schwarzen Begriff angeeignet und ihn auf sich bezogen." Mit anderen Worten: Kulturelle Aneignung!
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Stichwörter: Wokeness, Woke, Rassismus

Medien

Die philippinische Journalistin Maria Ressa  erzählt den Investigativreportern Obermaier und Obermayer von der SZ, wie sie das Online-Magazin Rappler gründete, das zum Lieblingsfeind des Duterte-Regimes wurde. Zuvor war sie Nachrichtenchefin in einem traditionellen Sender und sah, dass die besten Leute für die Prime Time-Sendung arbeiteten, "und das ist die denkbar schlechteste Lösung. Man muss die besten Leute im Digitalbereich einsetzen. Deswegen habe ich dort gekündigt und zusammen mit mehreren Kolleginnen Rappler gegründet." Bei Rappler arbeiten seitdem vor allem Journalistinnen. Die unmittelbare Zukunft der Philipinen dürfte unruhig werden, vermutet Ressa, dennn Präsident Duterte "ist offiziell nur noch eineinhalb Jahre im Amt. Eine Wiederwahl ist laut Verfassung unmöglich. Und jeder aus seinem Umfeld weiß, dass Klagen wegen Menschenrechtsverletzungen drohen, sobald er nicht mehr im Amt ist. Es ist jetzt also ein Rennen gegen die Zeit."
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Europa

In Belarus leben gerade mal noch 14.000 Juden. Nirgends wüteten die Nazis radikaler, und die wenigen Juden, die übrig waren, sind nach dem Krieg oft weggegangen. Aber Antisemitismus gibt es in Belarus nach wie vor, schreibt der Historiker Alexander Friedman, der aus Minsk stammt und heute in Deutschland lehrt, in der taz. Nach außen gibt sich Lukaschenko zwar israelfreundlich. Nach innen aber "wird eine radikale antiwestliche, durch tradierte antisemitische Parolen und abstruse Verschwörungstheorien ergänzte Propaganda vorangetrieben, deren Ansätze an die berüchtigten antisemitischen Kampagnen in Polen und in der Tschechoslowakei von 1968 erinnern: In staatlich kontrollierten Medien tauchen Personen auf, die sich ungeniert der Hetzsprache bedienen und die Proteste zu einem westlichen 'antibelarussischen Komplott' stilisieren, dessen wahre Hintermänner 'die Juden', der US-Philanthrop George Soros und der französische Intellektuelle Bernard-Henri Lévy seien. Lévy, der die Lukaschenko-Rivalin Swetlana Tichanowskaja offen unterstützt, wird als 'Goebbels moderner Zeiten' verunglimpft."
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Stichwörter: Belarus, Antisemitismus

Geschichte

Seuchen haben in Europa zu Fortschritt beigetragen, wenn auch immer mal wieder mit Zwang, schreibt Robert Misik in der taz: "Ohne die Pest wäre die Entstehung des absolutistischen Staates und einer rationalen, zentralisierten Verwaltung anders verlaufen. Seuchen wie die Cholera stärkten die Idee, dass nur ein Gesundheitssystem, das für alle funktioniert, das Individuum schützen kann. Es war die Geburt des öffentlichen Gesundheitswesens. Ansteckungsketten verbinden uns - wir werden als Gesellschaft noch mehr zu einem Organismus, als wir es ohnehin sind. Das Volk wurde, nachdem die Keime entdeckt waren, zu Sauberkeit erzogen. Als die Tuberkulose wütete, wurde der Besen durch den Wischmopp ersetzt, weil man lehrte, die Keime am Boden werden mit Besen nur aufgewirbelt. Seife, Wischmopp, Wasserleitung - alles Produkte von Seuchen."
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Stichwörter: Seuchen, Pandemien, Coronakrise