9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2021 - Ideen

Aus irgendwelchen Gründen soll es mal wieder einen Kleopatra-Film geben. Die Schauspielerin Gal Gadot wurde für die Hauptrolle gecastet. Sofort ging das Gemurre in den sozialen Medien los, denn Gadot ist als Israelin ja eine "Weiße". Kleopatra symbolisiert den Einfluss der ägyptischen Hochkultur aus den antiken "Westen", erläutert die Historikerin Gesine Krüger bei geschichtedergegenwart.ch und zeigt, wie unmöglich es ist, antike Geschichte an aktuellen Marotten zu messen: "Höchst strittig bleibt die Frage, welchem Ägypten diese Leistung zuzusprechen ist: einer afrikanischen Hochkultur oder einem 'Außenposten' Europas auf dem afrikanischen Kontinent? Und hier spielt auch Kleopatras Herkunft eine Rolle. Ist sie (immerhin 300 Jahre nach der Eroberung Ägyptens durch Alexander) immer noch makedonische Griechin - oder gehört sie mit einer afrikanischen Mutter und als ägyptische Herrscherin zur afrikanischen Zivilisation? Aus zwei Gründen ist die Antwort auf diese Frage so schwierig: Erstens spielten 'Hautfarbe' und 'Rasse' in der Antike keine Rolle, und zweitens ist es heute fast unmöglich, von diesen Kategorien abzusehen." Über das Schillern der Farbe Schwarz im heutigen Antirassismus schreibt auch sehr instruktiv Rahila Gupta im New Internationalist - siehe die aktuelle Magazinrundschau.

In der NZZ hat Urs Bühler wenig Geduld mit den neuen gendergerechten Sprachregelungen des Online-Dudens. Man muss nicht alles zu Tode regeln, meint er, schon gar nicht der Duden: "Die Sprache ist keine Notdurftanstalt, in der es jede Tür einem Geschlecht zuzuordnen gilt. Sie kann die Verhältnisse dieser Welt weder passgenau abbilden noch verbessern, doch dient sie im Alltag in erster Linie der Kommunikation. Diese soll ohne unnötige Komplikationen und Verunstaltungen stattfinden, und der Duden hat dabei Orientierung zu bieten, auch im Gender-Dschungel. Die neuste Ausgabe hält zwar im Kapitel zu 'geschlechtergerechtem Sprachgebrauch' fest, dieser sei auch 'ein relevanter Faktor, um Gleichstellung zu realisieren'. Ja, der Kampf gegen die reale Benachteiligung von Frauen ist eine zentrale Aufgabe unserer Gesellschaft. Doch der direkte Einfluss von Sprache auf die Wirklichkeit ist in der Wissenschaft erstens höchst umstritten. Und zweitens ist ein Wörterbuch kein Gleichstellungsorgan."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2021 - Ideen

Im Interview mit der SZ erklärt der Althistoriker Michael Sommer, warum er sich dem "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" angeschlossen hat, obwohl die Meinungsfreiheit in den Wissenschaften - jedenfalls nach Meinnung von SZ-Redakteur Johann Schloemann - nur von ein paar Splittergruppen angegriffen wird. Überhaupt fühlt sich Schloemann bei dem Netzwerk an den "Bund Freiheit der Wissenschaft" erinnert, der 1970 von Professoren als Antwort auf die 68-er Studenten gegründet worden war: "Der frühere 'Bund Freiheit der Wissenschaft' richtete sich gegen das radikale Agitieren", antwortet Sommer. "Doch der berühmte Marsch durch die Institutionen hat zugleich einen allgemeinen Werte- und Kulturwandel gebracht, der jetzt gewissermaßen verspätet erst richtig virulent wird. Viele Studenten und viele Kollegen wollen heute unbedingt zu den Guten gehören, sind für eine möglichst tolerante, multikulturelle Gesellschaft. Und wenn heute jemand irgendetwas anders sieht - sich beispielsweise für eine Beschränkung der Einwanderung ausspricht -, dann stört er einfach nur noch. Das ist mit der Verengung des Meinungsklimas gemeint."

Nein, wir leben nicht in einer Expertokratie - selbst in der Coronakrise haben die Experten nicht das Ruder übernommen, begründet der Soziologe und Experte fürs Expertentum Alexander Bogner recht konzise im Gespräch mit Jörg Phil Friedrich von der Welt. Der Traum vom Philosophenkönig bleibt falsch: "Genuin politische Fragen zeichnen sich gerade dadurch aus, dass es keine definitiven wissenschaftlichen Antworten auf sie gibt. Versucht man es dennoch, verfehlt man den Charakter des Politischen. Demokratische Politik bedeutet, redliche Abwägungsprozesse unter Einbeziehung widerstreitender normativer Positionen zu ermöglichen. Die Vernunft der Politik besteht also im klugen Management eines breiten Meinungsspektrums zum Zweck der Kompromissbildung. Die Wissenschaft hingegen zielt auf die Enträtselung der Welt, auf die Feststellung von Fakten und Gesetzmäßigkeiten."

Anlässlich der antisemitischen Verschwörungstheorien der US-republikanischen Abgeordneten Marjorie Taylor Greene - die dafür von ihren Parteikollegen stehende Ovationen bekommen hat -, erklärt die Historikerin Deborah Lipstadt im Guardian den Unterschied zwischen Rassisten und Antisemiten: "Antisemitismus ist ein Vorurteil, wie so viele andere auch. Genau wie Rassismus beruht es auf Stereotypen und geht davon aus, dass alle Mitglieder der Gruppe diese Eigenschaften teilen. Der Antisemitismus hat einzigartige Merkmale, die ihn von anderen Hassformen unterscheiden. Der Rassist tritt nach unten. Er verabscheut farbige Personen, weil sie scheinbar 'minderwertiger' sind als die weiße Person. Sie sind, so verkündet der Rassist, nicht so klug, fleißig, qualifiziert oder würdig. Im Gegensatz dazu tritt der Antisemit nach oben. Der Jude ist angeblich mächtiger, genialer und finanziell geschickter als der Nicht-Jude. Juden nutzten ihre erstaunlichen Fähigkeiten, um sich selbst voranzubringen und anderen zu schaden. Der Jude ist nicht nur zu verabscheuen. Der Jude ist zu fürchten. Jeder Akt des Antisemitismus - vom Schubsen eines Juden auf der Straße bis hin zum Massenmord - hat in dieser Verschwörung seine Wurzeln."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2021 - Ideen

Tobias Rapp liest für den Spiegel Michael Rothbergs Buch "Multidirektionale Erinnerung", das im Hintergrund der Mbembe-Debatte eine wichtige Rolle spielte. In den USA ist es bereits 2009 erschienen und versucht postkoloniale und Holocauststudien zu versöhnen: "Wer die Begrifflichkeiten und Ansätze des Postkolonialismus ernst nimmt und nach Deutschland importieren möchte, tut gut daran, den Blick zu weiten", so Rapp. "Tatsächlich lag das große koloniale Projekt der Deutschen im europäischen Osten. 'Was für England Indien war, wird für uns der Ostraum sein', sagte Adolf Hitler in seinen "Tischgesprächen". Dem lagen nicht nur Nazifantasien vom 'Lebensraum' im Osten zugrunde. Es ist unüblich, den deutschen Drang nach Osten als "Kolonialismus" zu bezeichnen. Dabei trägt er durchaus kolonialistische Züge." Auch Rothberg arbeite sich am Thema der "Einzigartigkeit" des Holocaust ab, die er nicht erfassen könne, so Rapp, und empfiehlt als weitere Lektüre Steffen Klävers' Studie "Decolonizing Auschwitz?"

In der Coronakrise sollen wir alle solidarisch sein. Aber eigentlich geht es um Gehorsam, meint Reinhard K. Sprenger in der NZZ. "In der Diskussion um Freiheitsrechte für Geimpfte hört man immer wieder, es sei ein Gebot der Solidarität, Geimpfte nicht zu bevorzugen. Sie hätten nur Glück gehabt, früher geimpft worden zu sein. Was aber hat ein Nichtgeimpfter davon, wenn einem Geimpften Freiheitsrechte verweigert werden?" (Ähm, sein Leben? Jedenfalls solange ein Geimpfter das Virus weitergeben kann?)

Weiteres: Clemens Klünemann liest für die NZZ Pascal Orys neu erschienenes Buch "Qu'est-ce qu'une nation?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2021 - Ideen

Vor einem Jahr, am 19. Februar 2020, tötete der rechtsextreme Tobias R. in Hanau zehn Menschen. Diesen "soldatischen Killertypus", der auch in Halle, Christchurch, Charleston oder Utoya  zuschlug, als schizophren oder narzisstisch zu diagnostizieren, reicht nicht aus, meint Klaus Theweleit in der taz: "Mensch ist heute ein in vieler Hinsicht mehrfach gespaltenes Gebilde und lebt in einer Körperlichkeit, die sich unter einem dieser Begriffe vernünftig nicht fassen lässt. Ich nenne das heute vorkommende ein Segment-Ich, das sich aus vielerlei Spaltungen zusammensetzt, mit denen es alltäglich umgeht, ohne dass eine Zuschreibung wie Schizophrenie oder Narzisst irgendeinen Sinn dafür machen würde. Die Spaltungen sind Alltag. Das Individuum ist ein Split-Ego. Die Verrücktheit der Killer besteht darin, dass sie genau damit nicht klarkommen. Sie fordern die Wiederherstellung der nicht mehr haltbaren Einheitlichkeit des Subjekts unter Einheitlichkeitstermini wie Nation, Rasse, Natur, Geschlecht. Den tatsächlichen Untergang von deren Relevanz durchleben sie im eigenen Körper, können ihn aber nicht verarbeiten. Sie werden davon zerrissen und leben in Panik. Hilfe verspricht allein Gewalt. Zerstörung jener, die in den neuen Uneinheitlichkeiten leben können; und das auch noch feiern."

Wir erleben derzeit eine "Krise der Öffentlichkeit", sagt der Dramaturg Bernd Stegemann im großen Welt-Gespräch, das Jan Küveler anlässlich des Erscheinens von Stegemanns Buch "Die Öffentlichkeit und ihre Feinde" mit ihm geführt hat. Die Gesellschaft ist zersplittert, Debatten werden nicht mehr "produktiv" geführt und die Identitätspolitik treibt die "Retribalisierung" der Gesellschaft voran, meint er auch mit Blick auf Cancel Culture von links: "Man kann nur dafür eintreten, dass die Empörung nicht allzu viel Macht in den Institutionen bekommt. Leider ist bei den woken Aktivisten das Wissen verloren gegangen, dass Moral lange ein Mittel der Unterdrückung war, um die sogenannten Unterschichten mundtot zu machen. Ihnen wurde entgegengerufen 'Seid nicht so neidisch, so gierig, so unverschämt', um sie vom Aufstand abzuhalten. Die Geschichte der Moral nicht zu kennen, ist ein regressiver Zug der neuen Moralisten. Deshalb unterscheide ich auch zwischen 'woke' und 'links': 'Woke' verfolgt eine moralistisch- regressive Politik, die mit links gar nichts zu tun hat. Sie hat ein reaktionäres Menschenbild und betreibt eine reaktionäre Politik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2021 - Ideen

Die Feministin Luise F. Pusch ist eine Pionierin des Genderns - schon in den Achtzigern schrieb sie erste Bücher dazu. In der Zeit erklärt sie, wie verschiedene Formen des Genderns entstanden (Binnen-i, Unterstrich, Sternchen) und wie sie die Sprache auch weiterhin permanent verbessert: "Ich war zunächst irritiert von dem Sternchen. Da aber die Gleichstellungsämter sich dafür starkmachen und SprecherInnen in Rundfunk und Fernsehen den Knacklaut benutzen, habe ich umdisponiert und schlage eine Fusion von Binnen-I und Sternchen vor: ein Sternchen über dem kleinen i, so wie wir früher statt des i-Punkts ein Herzchen malten. Bis dieses Zeichen auf unseren Tastaturen erscheint, behelfen wir uns mit einem Zirkumflex (Leserîn), einem Ausrufezeichen (Sänger!nnen) oder Ähnlichem."

Rainer Forst erinnert in der Zeit an John Rawls, der in diesen Tagen hundert Jahre alt würde und dessen "Theorie der Gerechtigkeit" vor fünfzig Jahren erschien: "Die Radikalität der Rawlsschen Theorie liegt im Differenzprinzip begründet, das oft verkürzt wird. Denn es besagt nicht, dass die Regelung gerecht ist, die den Schlechtestgestellten 'auch etwas' bringt; es fordert vielmehr, dass eine jede Ungleichverteilung von Gütern die extrem hohe Rechtfertigungsschwelle überqueren muss, nach der zu zeigen ist, dass eine Ungleichverteilung den Schlechtestgestellten mehr an Gütern einbringt als eine Gleichverteilung."

Am Dienstag forderte der Schriftsteller Thomas Brussig in der SZ mehr Diktatur während der Pandemie (Unser Resümee). Die Hoffnung, es handele sich dabei um Subversion, gibt Rene Schlott, schnell auf, um Brussig dann ebenfalls in der SZ recht zaghaft zu widersprechen: "Brussig macht eine 'weiche Stelle' unseres Systems aus und meint die Unfähigkeit, den ganzen pandemischen Werkzeugkoffer auszupacken. Nach dem Infektionsschutzgesetz sind derzeit 20 freiheitsbeschränkende 'Schutzmaßnahmen' in Kraft. Wer mehr will, sollte konkreter werden. Welche Maßnahmen fehlen Brussig neben der bereits möglichen 'zwangsweisen Absonderung von Quarantänebrechern' in geschlossenen Einrichtungen, nächtlichen Straßensperren und verdachtsunabhängigen Personenkontrollen? Die Abriegelung Thüringens nach dem Vorbild Tirols? Das Sprechverbot in öffentlichen Verkehrsmitteln nach dem Vorbild Mallorcas? Die Genehmigung von Einkaufszeiten nur nach Antrag bei der Polizei nach dem Vorbild Griechenlands? Die Demokratie macht all dies möglich."

Die Politikwissenschaftlerin Gudrun Hentges und ihre Kollegin Sandra Kostner, Mitinitiiatorin des "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" streiten sich, moderiert von Michael Angele, im Freitag über zugelassene Diskurse an Universitäten. Hentges bestätigt, dass sie bestimmte Themen an der Universität nicht diskutiert sehen will, etwa die Aussage "'Der Islam gehört nicht zu Deutschland.' Oder die Rede von kriminellen Ausländern, von kriminellen Flüchtlingen. Die Frage nach der Gewalttätigkeit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ... Generell die Reproduktion von Stereotypen." Kostner antwortet: "Wenn ich Gruppen als vulnerabel bezeichne und ihnen deshalb nicht zutraue, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, die sie als verletzend empfinden könnten, dann verhalte ich mich wie eine Helikoptermutter, die genau zu wissen meint, was das Beste für das unmündige Kind ist."

Das Kunstkollektiv Peng! fordert in einer Kampagne seit gestern Mitarbeiter von BioNTech auf, die Formel für den Corona-Impfstoff zu verraten. Im Zeit-Online-Gespräch mit Caspar Shaller erklärt Robin Barnabas, designierter Pressesprecher von Peng!, warum sie dazu aufrufen, geistiges Eigentum widerrechtlich öffentlich zu machen: "'2021 werden 9 von 10 Menschen auf der Welt keine Impfung bekommen, fast alle davon im globalen Süden, während in den reichen Ländern fast alle Menschen geimpft sein werden.' Die größte Hürde dabei sei die schleppende Produktion. Hersteller in Entwicklungsländern, die eigentlich über die technischen Voraussetzungen verfügten, schnell und günstig Impfstoffe gegen Covid-19 zu produzieren, würden vom herrschenden Patentschutz ausgebremst. Die Regierungen von Indien und Südafrika - beides Länder, die über erfolgreiche Pharmaindustrien verfügen und auf die Produktion von Generika spezialisiert sind - haben bei der Welthandelsorganisation einen Antrag eingereicht, den Patentschutz für die Zeit der Pandemie auszusetzen, sogenannte Waivers zu erwirken. Der Vorstoß wird jedoch von den USA und der EU, und damit auch Deutschland, blockiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2021 - Ideen

Im Merkur erzählt der in London lehrende Osteuropahistoriker Jan Plamper, Jörg Baberowski habe versucht, ihn aus einem akademischen Gremium herauszuschmeißen - Baberowski ist ein prominentes Mitglied des "Netzwerks Wissenschaftsfreiheit", das seinerseits "Cancel Culture" an den Uni beklagt (unsere Resümees). Für Plamper liegt auf der Hand, dass das Böse nur aus einer Richtung kommen kann: "Die vom Netzwerk Wissenschaftsfreiheit angestoßene Debatte ist die vorerst letzte Folge in einer Serie, in der Personen des konservativen bis neurechten Spektrums ihre frei geäußerten Meinungen vor allem zum Thema Migration mit dem Begleittext versehen, ihr Recht auf Meinungsfreiheit würde unterdrückt. Thilo Sarrazin machte diese Position 2010 in 'Deutschland schafft sich ab' salonfähig."

Norimitsu Onishi antwortet in der New York Times auf französische Attacken gegen die "Social Justice-Theorien", die ihm wie ein lustiger Folklorismus vorkommen. Seltsam findet er zum Beispiel, dass es in Frankreich keine Statistik zu "Rassen" gibt. Manche Stimmen, sagt er, sähen in der Kritik an den neuen Ideen aus Amerika ein Symptom für ein "französisches Establishment, das unfähig ist, eine sich verändernde Welt zu begreifen, vor allem in einer Zeit, wo das Mismanagment der Coronakrise durch die französische Regierung das Gefühl eines unweigerlichen Niedergangs der einstigen Großmacht bestärkt hat." Hinzu komme noch die "Islamophobie", die laut Onishi in Frankreich kaum erforscht werde. Für Franzosen, die nicht Englisch können, hat die Times den Artikel sogar übersetzt!

In den USA versuchen die Demokraten derweil noch, mit dem zweiten Amtsenthebungsverfahren gegen Ex-Präsident Donald Trump klarzustellen, dass Amtsmissbrauch nicht zur amerikanischen Verfassung gehört, berichtet Rieke Havertz auf Zeit online. "Für die Demokraten wird es eine Herausforderung, aus den Videoaufnahmen, die im Zentrum ihrer Anklage stehen, Trump eine geplante Anstiftung zum Aufruhr nachzuweisen. Doch selbst wenn sie juristisch überzeugend sein sollten, müssen sich Trumps Anwälte nicht sorgen. Zu unwahrscheinlich ist es, dass sich 17 Republikaner auf die Seite der Demokraten stellen werden. Nur mit dieser Zweidrittelmehrheit würde Trump am Ende auch verurteilt."

Außer Willy Brandt und Carl von Ossietzky (und vielleicht noch Henry Dunant) hatte eigentlich niemand den Friedensnobelpreis verdient. Er ist eine einzige Peinlichkeit, meint Willy Winkler in der SZ. Henry Kissinger, Aung San Suu Kyi, Barack Obama - alles Mörder. Letzterer war "wenigstens ehrlich und sprach in seiner Rede davon, dass er um des mehr oder weniger lieben Friedens willen manchmal Krieg führen müsse. Das tat er dann auch, und wie: Keine spektakuläre Flugzeugträgerpolitik mehr wie bei seinem Vorgänger George W. Bush, sondern von der Drohne aus, mit der sich sauber und ferngesteuert ganze Hochzeitsgesellschaften auslöschen ließen. Obama musste nicht mal die Hände aus den Hosentaschen nehmen." In der Welt legt Rafael Seligmann gleich noch Kohlen nach und plädiert dafür, Benjamin Netanjahu mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen. Denn: "Legt man keinen absoluten, sondern diesen historisch-menschlichen Maßstab an, so gebührt Benjamin Netanjahu der prestigeträchtigste Friedenspreis. Denn seine Erfolgsbilanz als Deeskalierer und Konfliktlöser ist in der gegenwärtigen Weltpolitik herausragend und in der Bekämpfung der Corona-Pandemie außergewöhnlich gut."

Eins kann man aus der Geschichte der Pest lernen, entnehmen wir einem Interview der FR mit dem Historiker Volker Reinhardt, der ein Buch zum Thema geschrieben hat: Besser werden die Menschen durch eine Pandemie nicht, und auch nicht mutiger. "Die Geschichte nimmt mit einigen nicht unwesentlichen Veränderungen ihren Lauf. Den Humanismus als Kulturströmung gibt es vorher, die Verstädterung gibt es vorher, die wirtschaftliche Entwicklung geht weiter, wenn auch auf reduziertem Niveau. Die Geschichte wird weder aufgehalten, noch bekommt sie neue Züge. Es gibt Veränderungen, allein schon die Anzahl der Menschen nimmt ab. Das Modell, das sich in Mailand bewährt hat, setzt sich immer stärker durch. Auch in Florenz. Die Medici sind verschleierte Einzelherrscher. Sie regieren bis ins zweite Viertel des 16. Jahrhunderts hinter einer republikanischen Fassade. ... Ich bringe es auf die Formel: Die Pest verändert einiges, sie verstärkt Entwicklungen, aber sie bewirkt keine wirkliche Umkehr und keine entscheidenden Innovationen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2021 - Ideen

Wir sollten in der Pandemie mehr Diktatur wagen, ruft in der SZ der Autor Thomas Brussig. Ja, Sie lesen richtig. Sonst kriegen wir das nicht hin mit der Virusbekämpfung, meint er, und das wäre das schlechteste für die Demokratie überhaupt: "Dass ausgerechnet die Corona-Leugner eine 'Corona-Diktatur' heraufziehen sehen, sollte erst recht Grund sein, sie zu wollen. Die Leugner sind außerstande, die Gefahr durch das Virus einzuschätzen, aber sie ahnen, wie ihr beizukommen ist. Ist das Virus gebannt (wie schnell das gehen kann, machten Südkorea oder Singapur vor), kehren wir zurück zur geliebten Normalität. Dass uns die Pandemie in einen Ausnahmezustand versetzt, ist wörtlich zu nehmen. Der Regelzustand bleibt die Demokratie, mit ihren Freiheiten und Grundrechten."

In einem Text in Persuasion spießt John McWhorter die Double-Bind-Denkfiguren des heute modischen Antirassismus auf. Eine davon: "Du musst dich stets bemühen, die Erfahrungen der Schwarzen zu verstehen. Aber du kannst nie verstehen, was es heißt, schwarz zu sein, und wenn du das doch glaubst, bist du ein Rassist." McWhorter sieht diesen "Antirassismus der dritten Welle" nicht "als Philosophie, sondern als Religion". Der Text ist ein Auszug als McWhorters kommendem Buch "The Elect - Neoracists Posing as Antiracists and their Threat to a Progressive America": Und er wehrt sich gegen den "Neorassismus" der Antirassisten: "Ich schreibe dies innerlich getrieben durch die Tatsache, dass all ihre angebliche Weisheit in einer Ideologie begründet ist, in der weiße Leute, die sich selbst unsere Retter nennen, schwarze Leute wie die tumbsten, schwächsten, selbstgefälligsten Menschen in der Geschichte unserer Art aussehen lassen, und sie schwarze Menschen lehren, sich in diesem Status einzurichten und ihn zu als etwas zu lieben, das uns speziell macht."

Weiteres: Was bitte ist der "semisozialistische" oder "semidiktatoriale Staat"? Peter Sloterdijk hat es in einem Interview auf der Webseite "21 Zeitgeister" (mehr zu den Herausgebern Lucius Maltzan und Simon Nehrer hier) erklärt. René Scheu hat das Interview für die NZZ gelesen und fasst es dankenswerter Weise zusammen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2021 - Ideen

In der NZZ denkt Nico Hoppe über Selbstoptimierung nach. Die Linke kritisiert sie als kapitalistischen Zwang, dabei ist sie selbst "vielfach verstrickt in das, was sie heute kritisiert", meint Hoppe. "Authentizität und Selbstoptimierung ähneln sich insofern, als in beiden Fällen der Verweis auf das 'eigentliche Selbst' dazu dient, jede Form von Besinnung zu vermeiden. Der einzige Unterschied ist ein gradueller: Die einen, die auf Authentizität pochen, halten sich bereits für perfekt (oder in narzisstischem Kalenderspruch-Jargon: 'perfekt-imperfekt'), die anderen, die auf Optimierung setzen, sind damit beschäftigt, das Ich-Ideal des anpackenden Selbstverwirklichers zu erreichen. Beide kennen keinen Zustand, in dem Müßiggang zwar erstrebt wird, aber nicht als Möglichkeit von kerniger Selbstvergewisserung, sondern von Entäußerung und Erfahrung - also gerade als eine der seltenen Gelegenheiten, die eigene Borniertheit hinter sich zu lassen."

Im Interview mit der NZZ erklärt die Politikwissenschafterin Ulrike Ackermann, Mitinitiatorin des neu gegründeten "Netzwerks Wissenschaftsfreiheit" (unser Resümee), weshalb sie die Freiheit der Wissenschaft gefährdet sieht und was ihr heute fehlt: "Ich wünsche mir, dass die gesellschaftliche Mitte geistig befruchtet wird. Es ist immer ein Problem gewesen, dass viele Intellektuelle früher eher links waren. Es fehlten Intellektuelle, die wie etwa Ralf Dahrendorf die Freiheit ins Zentrum stellten, streitlustig waren und neue Ideen entwickelt haben, ohne sich vereinnahmen zu lassen von irgendeinem Lager. Der Intellektuelle mit großem Einfluss ist immer noch Jürgen Habermas. Etwas Vergleichbares auf liberaler Seite haben Sie nicht. Sie finden in Deutschland nirgends prominent besetzte Lehrstühle, wo beispielsweise eine Ideengeschichte der Freiheit gelehrt wird. Sie haben eigentlich keine Tradition der liberalen Köpfe."

Im Tagesspiegel möchte Gregor Dotzauer das Netzwerk liebend gerne an den rechten Rand rücken, indem er einzelne herauspickt, die er ohne weitere Begründung als "neurechte Zündler" verortet: "etwa der Würzburger Neuhistoriker Peter Hoeres, der emeritierte Althistoriker Egon Flaig oder der Berliner Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski. Die Liste überschneidet sich nicht unwesentlich mit derjenigen der Erstunterzeichner des 'Appells für freie Debattenräume', der im September 2020 auch klar rechtspopulistische Unterstützer wie Monika Maron, Vera Lengsfeld oder Matthias Matussek anzog."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2021 - Ideen

BDS ist eine Bewegung, deren Sinn und Zweck es ist, Künstler und Wissenschaftler aus Israel bei Veranstaltungen zu boykottieren, und solche, die in Israel auftreten, unter Druck zu setzen. Nun warnt der bekannte Ambientmusiker und BDS-Verfechter Brian Eno im Guardian vor Maccarthyismus in Deutschland, aber nicht wegen BDS, sondern wegen der BDS-Resolution des Bundestags, durch die er angeblich nicht mehr in Deutschland auftreten kann: "Kürzlich wurde eine Ausstellung meiner Kunstwerke im Anfangsstadium abgesagt." Aber laut Eno ist BDS nur eine gewaltlose Organisation, die ausschließlich Institutionen im Blick habe, nicht Personen. "Doch Festivaldirektoren, Programmgestalter und ganze öffentlich finanzierte Institutionen unterziehen Künstler politischen Tests und überprüfen, ob sie je die israelische Politik kritisiert haben. Dieses System der Überwachung und Selbstzensur ist entstanden, weil Kultureinrichtungen von antipalästinensischen Gruppen angegriffen werden, wenn sie einen Künstler oder Akademiker einladen, der eine für sie unakzeptable Ansicht zur israelischen Besetzungspolitik vertritt."

"Eine Linke, die behauptet, antifaschistisch zu sein und zugleich Antisemitismus und echte Judenhasser bei sich duldet, zeigt, dass sie sich weigert, den modernen Faschismus zu verstehen", schreibt Nick Cohen in einem bitteren Spectator-Artikel zur Frage, warum "Juden für Antirassisten nicht zählen". Sein Artikel ist zugleich Besprechung von David Baddiels Essay "Jews Don't Count" (bestellen, mehr hier) zur selben Frage. Von Baddiel hört er die folgende Geschichte über die antisemitische Autorin Alice Walker (die Juden in ihren Gedichten schon mal als Vergewaltiger von Kindern darstellt): "Im Jahr 2019 wurde im Vereinigten Königreich eine Musical-Version ihres Romans 'Die Farbe Lila' aufgeführt. Es gab einen riesigen Shitstorm, weil Seyi Omooba, eine Schauspielerin in dem Stück, einen homophoben Tweet geschrieben hatte. Die Produzenten feuerten sie natürlich. Omoobas Vorurteil war unverzeihlich, Walkers Vorurteil war vielleicht nicht verzeihlich, aber es hatte keine Konsequenzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2021 - Ideen

Lena Bopp schreibt in der FAZ einen Nachruf auf Lokman Slim, einen bekannten Beiruter Intellektuellen schiitischer Herkunft, der ermordet wurde. Er leitete ein für alle offenes Kulturzentrum im schiitischen Stadtteil Beiruts und war ein scharfer Kritiker der Hisbollah: "Es war stets das Ziel von Lokman Slim, das libanesische Publikum durch künstlerische Arbeiten für die Geschichte des Landes zu sensibilisieren. Die Libanesen an die bis heute nicht aufgearbeitete Zeit des Bürgerkrieges zu erinnern und auf diese Weise ihren Blick zu schärfen für die von Konfessionalismus und Korruption vergiftete Gegenwart." In der taz schreibt Jannis Hagmann über Slim.

Die liberale Demokratie steckt in der Krise, auch, weil sich der Staat immer mehr in Richtung "despotischer Leviathan" aufblähe, meint Kaspar Villiger in der NZZ: "Die rasante technologische Entwicklung und die Globalisierung haben einen legitimen staatlichen Regulierungsbedarf zur Folge. Aber die staatlichen Bürokratien haben die ungebremste Tendenz, immer weiteren Regulierungsbedarf zu entdecken, und Politiker, die sich ein geordnetes Leben der Gesellschaft ohne ihr Dreinreden kaum mehr vorstellen können, unterstützen sie dabei. Viele der 'nice to have'-Regulierungen mögen begründbar sein, aber in der Summe erhalten sie eine neue, lähmende Qualität. Es wächst ein betreuender Staat heran, der die Selbstverantwortungskräfte der Menschen schleichend schwächt."