Thomas Thiel unternimmt in der
FAZ eine kleine Analyse des "
Klassismus"-Begriffs, mit dem der soziale Gegensatz in die modischen kulturalistischen Diskurse der "
Social Justice"-Theorien eingemeindet wird: "Die soziale Dimension wird hier erst über den Umweg der Diskriminierungserfahrung beschreibbar. Sozialpolitik schrumpft zur rhetorischen Geste:
Wir respektieren euer Elend." An Strukturanalysen scheinen die Verfechter des Begriffs aber kaum interessiert, so Thiel: "Klasse ist nur eine weitere Facette in einem Opferdiskurs, der von der Gesellschaft, die er anklagt, wenig weiß, weil er sie nur
durch die Kulturbrille wahrnimmt." Vor diesem Hintergrund ergibt es für Thiel auch Sinn, dass
Olaf Scholz, der Kanzlerkandidat der SPD, der sich diesen Diskursen anpassen will, neuerdings eine "
Gesellschaft des Respekts" und nicht mehr zum Beispiel der Solidarität fordert (unser
Resümee).
Wolfgang Thierse hatte dem
Zeit-Magazin nach der Debatte um seinen
FAZ-Beitrag gesagt, er sei "mittlerweile zum Symbol geworden für viele normale Menschen". Genau da fängt das Problem allerdings schon an,
schreibt Sidney Gennies im
Tagesspiegel in einem Artikel, der mit "
Normalität ist die Cancel Culture des alten weißen Mannes" überschrieben ist: "Wer 'Normalität' identitätspolitisch instrumentalisiert, wünscht also nicht nur weite Teile der Republik auf die Couch, sondern will auch jede
Debatte über die bestehenden Verhältnisse
abwürgen. Der Verweis auf Normalität ist in diesem Sinne nichts anderes als 'Cancel Culture', nur eben die alte, an die wir uns gewöhnt haben. Aus einem Nebeneinander kann so kein Miteinander werden. Thierse stellt die
absolute Machtfrage: die nach dem Entweder und dem Oder. Die Frage nach der Vorherrschaft und selbstverständlichen Überlegenheit der Norm ist in der Weltgeschichte oft gestellt worden und wo immer die Antwort absolut ausfiel, endete es in einer
Katastrophe. Der Rückzug darauf ist ein gesellschaftlicher Irrweg."
Vor einem Jahr in Frankreich und bereits vor einem halben Jahr in Deutschland erschienen, wird nicht zuletzt im Zuge der
Gorman-
Debatte (
Unsere Resümees in Efeu) nun doch das Buch
"Generation beleidigt" der ehemaligen
Charlie-Hebdo-Journalistin
Caroline Fourest besprochen. (Bereits vor zehn Jahren hatte der
Perlentaucher das Vorwort aus Fourests Buch "La dernière utopie"
veröffentlicht.) Im Aufmacher des
SZ-Feuilletons empfiehlt Johanna Adorjan das neue Buch, in dem Fourest davor warnt, dass die in Amerika grassierende
Cancel Culture linker Identitärer auch in Europa die "
Meinungsführerschaft" übernimmt: "Eine im Namen der Genetik zensierte Kultur ist eine
rassistische Kultur, wie Fourest schreibt, und: 'Die Identitären sind nicht die neuen Antirassisten, sondern vielmehr
die neuen Rassisten.' Es ist nun das eine, den Protest gegen kulturelle Aneignung von Konservativen kritisiert zu sehen, die natürlich Angst um ihre Privilegien haben. Hier jedoch kommt die Kritik von einer linken, lesbischen, feministischen Aktivistin, die nicht hinnehmen möchte, dass der Diskurs über Rassismus von Wächterinnen und Wächtern dominiert wird, die im Namen von Opfern oder vermeintlichen Opfern
jede Diskussion abwürgen, unterstützt von einem anonymen Mob im Internet, der auf Reizworte reagiert wie ein Pawlowscher Hund und vor dessen Wut und Hass Institutionen heute kuschen."
Außerdem: In der
NZZ warnt auch Eric Gujer vor einem "
brandgefährlichen Kulturkampf" in Deutschland: "Verschärft wird dieser Kulturkampf durch die
ungleichen Chancen, wenn es darum geht, die Hegemonie über die öffentliche Meinung zu gewinnen. Die akademischen Eliten sind gut vernetzt. Sie verfügen über Rückhalt in den Redaktionen der etablierten Medien, und sie sind
eloquent und internetaffin." In der
FR bespricht Micha Brumlik heute
Michael Rothbergs viel diskutiertes
Buch "Multidirektionale Erinnerung", das einen " konstruktiven Ausweg aus der oft behaupteten Unmöglichkeit, die
Singularität des Holocaust zu anderen Menschheitsverbrechen in Verhältnis zu setzen", weise.