9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2021 - Ideen

In der Moderne verstehen wir oft den Unterschied zwischen Gefahr und Risiko nicht mehr, meint in der NZZ der Soziologe Dirk Baecker. Risiko ist gut, denn: "Man schafft sich die Welt, in der es sich lohnt, Risiken zu übernehmen. Man unterscheidet sichere und unsichere Seewege, profitable und weniger profitable Ziele. ... Gefahren hingegen treten unabhängig von Entscheidungen auf. Sie bedrohen ein Geschäft, ein Leben, eine Liebe oder eine Erkenntnis, ohne dass man mit ihnen hätte rechnen können. ... Für die Moderne ist typisch, dass in dem Moment, in dem Organisationen Entscheidungen treffen (und was sollen sie sonst tun?), kritische Beobachter auf Risiken verweisen. Auch Individuen, wie gesagt, leben nicht nur, sondern entscheiden sich auch. Spontaneität wird zur Mangelware, Reflexion zur Pflicht. Man kann daraus auf den Verlust von Freiheit schließen."

Die CDU hat ein Problem: Unter Angela Merkel hat sie eine programmatische Neuorientierung versäumt. Und das schlägt, jetzt, am Ende der Merkel-Ära, auf sie zurück, meint der Historiker Andreas Rödder nach den Landtagswahlen im Interview mit der Welt. "Nehmen Sie doch allein die Auseinandersetzung um Begriffe wie 'bürgerlich' und 'konservativ'. Vor 50 Jahren war 'bürgerlich' der am meisten abgehalfterte, ewig-gestrige Begriff, den man sich vorstellen konnte. Heute kämpft Robert Habeck verbissen darum, dass die Grünen bürgerlich sind, weil sie bürgerlich sein wollen. Winfried Kretschmann hat ein Buch geschrieben, das im Untertitel 'Für eine neue Idee des Konservativen' wirbt. Während viele CDU-Leute den Begriff 'konservativ' in den letzten Jahren nicht mal mehr mit spitzen Fingern anfassen wollten. Das heißt die CDU hat im Stillen die Auseinandersetzung um die Begriffe aufgegeben,und den Begriffen folgen dann auch die Inhalte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2021 - Ideen

Die modische antirassistische Linke hat auch Richtiges gegen alte weiße Männer zu sagen, finden Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit in einem Text für die taz, "doch lehrt die Erfahrung sozialer Bewegungen, die ins Sektenwesen abgerutscht sind, dass Opposition in sich plural sein muss und eine Atmosphäre des Respekts rundum notwendig ist. Wir wissen, wovon wir reden: Die 1968er Bewegung ist in irrwitzige Sekten zerfallen, falsche Radikalität führte zum Scheitern. Besser ist man vereint, statt dem Narzissmus der allerkleinsten Differenz zu frönen. Oder man marschiert allein, aber nicht unter der Bedingung, dass sich alle anderen unterordnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2021 - Ideen

In der taz stellt die Journalistin Caroline Fourest klar, dass der in Frankreich gerade heiß umkämpfte Begriff der "Islam-Linken" nicht von der extremen Rechten stammt, sondern von dem Soziologen Pierre-André Taguieff, der damit auf den Schulterschuss von Linksextremen und Islamisten auf der berüchtigten UN-Konferenz von Durban reagierte. Die von der Bildungsministerin Frédérique Vidal angeregte Untersuchung zum Phänomen, findet sie ungeschickt eingeleitet, aber im Prinzip nicht falsch: "Das Problem besteht nicht darin, dass sie diese Weltanschauung in die Universität hineintragen, sondern dass sie in den Sozialwissenschaften inzwischen eine so überwältigende Mehrheit bilden. Und, dass sie jeden anderen Zugang zu diesen Themen, der ihnen widerspricht oder auch nur stärker differenziert, unmöglich machen. Ein solches Sektierertum passt zu einer Generation, die dazu neigt, sich von allem beleidigt zu fühlen. Das geht mittlerweile so weit, dass der Streit um Ideen mit einem Zusammenstoß von Identitäten, das Recht auf Gotteslästerung mit Rassismus und beinahe jede Abweichung oder Schattierung mit einer 'Mikroverletzung' verwechselt wird. Was die Lehre und selbst jedes Gespräch an einer Universität immer heikler machen."

In der SZ streiten die SPD-Politikerin Gesine Schwan und der Schauspieler Ulrich Matthes in einem sehr lesenswerten Gespräch über Identitätspolitik. Schwan pocht mit Immanuel Kant auf die Trennung von Gefühl und Argument: "Der hat es nicht so sehr mit Empathie, weil das Gefühlsmäßige ihm zu subjektiv ist. Er sagt das verstandesmäßig, wenn er fordert, sich an die Stelle der anderen zu versetzen. Das ist eine Frage der Einbildungskraft, nicht des Gefühls. Und wenn wir jetzt zu dem Schluss kämen, dass ich das nur kann, wenn ich völlig mit der anderen Person identisch bin, dann ist Verständigung in einer vielfältigen Gesellschaft gar nicht möglich. Ich finde auch den Versuch schwierig, auf das eigene Anliegen aufmerksam zu machen, wenn das verbunden wird mit einer sehr offensiven Selbstdefinition als Opfer, man traut sich dann kaum noch, etwas zu antworten. Das suggeriert, dass Widerspruch unsensibel ist für Leid. Und schwierig ist es auch, wenn sich eine Seite eigentlich gar nicht verständigen, sondern die Bühne erobern will."
Matthes dagegen verteidigt die Emotion: "Meine Wut gegen die AfD ist so groß, dass ich möglicherweise keine Argumente, keine Empathie, kein gar nichts mehr zur Verfügung hätte, wenn es 'pling' machte, und plötzlich stünde Alexander Gauland vor mir. Wir sind ja alle nicht nur aus Kant und Descartes und Platon gemacht, sondern auch aus Sigmund Freud und schwarzer Galle."

Auch FR-Autor Christian Thomas erkennt eine neue Kultur der Anmaßung", eine "Aggression gegen eine Kultur der Argumente". Und er macht sie in den Attacken von Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharaja aus, die in ihrem Instagram-Auftritt die Deutschen als ein Volk von Nazis entlarvten, die nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Plus Kinder, Enkel und Urenkel! (unsere Resümees). Für Thomas ein schockierender Blödsinn: "Nicht ein einziges Mal in diesem Video, das seit Tagen geklickt und diskutiert wird, schauen die beiden grimmig, nicht einmal bei der von ihnen - stolz vorgetragenen - Wortfindung 'Genozidhintergrund'. Bemerkenswert, dass dieses Wort, abgesehen von einer einzigen Ausnahme, von den klassischen Printmedien überlesen wurde, wonach jeder Deutsche offensichtlich einen Völkermordhintergrund hat. Und jede Deutsche - im Namen der Gendergerechtigkeit - auch einen Massenmörderinnenhintergrund, heute noch."

Im Tagesspiegel stellt Wolfgang Thierse nach der Kritik von Sidney Gennies (unser Resümee) derweil klar, dass er durchaus auch queere Menschen für "normale Menschen" hält, also alltägliche: "Woher weiß mein Kritiker eigentlich, wen alles ich ins 'Normale' einschließe? Selbstverständlich alle queeren Menschen, die ich kenne und die ich auch nicht das Gendersternchen sprechen höre. Meinn Kritiker aber dekretiert mir, was ich meine."

In der NZZ warnt der katholische Philosoph Martin Rhonheimer vor einem wieder gestärkten Primat der Politik in Wirtschaftsfragen, der nur in die Knechtschaft führen könne: "Jeder Schritt, der die freie Verwendung privater Produktionsmittel (bzw. von Kapital) aus Gründen konkreter politischer Ziele ('Gemeinwohl') irgendwie einzuschränken, zu lenken oder zu regulieren sucht, ist tendenziell sozialistisch - auch wenn das Privateigentum dabei rechtlich-formell bestehen bleibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2021 - Ideen

Thomas Thiel unternimmt in der FAZ eine kleine Analyse des "Klassismus"-Begriffs, mit dem der soziale Gegensatz in die modischen kulturalistischen Diskurse der "Social Justice"-Theorien eingemeindet wird: "Die soziale Dimension wird hier erst über den Umweg der Diskriminierungserfahrung beschreibbar. Sozialpolitik schrumpft zur rhetorischen Geste: Wir respektieren euer Elend." An Strukturanalysen scheinen die Verfechter des Begriffs aber kaum interessiert, so Thiel: "Klasse ist nur eine weitere Facette in einem Opferdiskurs, der von der Gesellschaft, die er anklagt, wenig weiß, weil er sie nur durch die Kulturbrille wahrnimmt." Vor diesem Hintergrund ergibt es für Thiel auch Sinn, dass Olaf Scholz, der Kanzlerkandidat der SPD, der sich diesen Diskursen anpassen will, neuerdings eine "Gesellschaft des Respekts" und nicht mehr zum Beispiel der Solidarität fordert (unser Resümee).

Wolfgang Thierse hatte dem Zeit-Magazin nach der Debatte um seinen FAZ-Beitrag gesagt, er sei "mittlerweile zum Symbol geworden für viele normale Menschen". Genau da fängt das Problem allerdings schon an, schreibt Sidney Gennies im Tagesspiegel in einem Artikel, der mit "Normalität ist die Cancel Culture des alten weißen Mannes" überschrieben ist: "Wer 'Normalität' identitätspolitisch instrumentalisiert, wünscht also nicht nur weite Teile der Republik auf die Couch, sondern will auch jede Debatte über die bestehenden Verhältnisse abwürgen. Der Verweis auf Normalität ist in diesem Sinne nichts anderes als 'Cancel Culture', nur eben die alte, an die wir uns gewöhnt haben. Aus einem Nebeneinander kann so kein Miteinander werden. Thierse stellt die absolute Machtfrage: die nach dem Entweder und dem Oder. Die Frage nach der Vorherrschaft und selbstverständlichen Überlegenheit der Norm ist in der Weltgeschichte oft gestellt worden und wo immer die Antwort absolut ausfiel, endete es in einer Katastrophe. Der Rückzug darauf ist ein gesellschaftlicher Irrweg."

Vor einem Jahr in Frankreich und bereits vor einem halben Jahr in Deutschland erschienen, wird nicht zuletzt im Zuge der Gorman-Debatte (Unsere Resümees in Efeu) nun doch das Buch "Generation beleidigt" der ehemaligen Charlie-Hebdo-Journalistin Caroline Fourest besprochen. (Bereits vor zehn Jahren hatte der Perlentaucher das Vorwort aus Fourests Buch "La dernière utopie" veröffentlicht.) Im Aufmacher des SZ-Feuilletons empfiehlt Johanna Adorjan das neue Buch, in dem Fourest davor warnt, dass die in Amerika grassierende Cancel Culture linker Identitärer auch in Europa die "Meinungsführerschaft" übernimmt: "Eine im Namen der Genetik zensierte Kultur ist eine rassistische Kultur, wie Fourest schreibt, und: 'Die Identitären sind nicht die neuen Antirassisten, sondern vielmehr die neuen Rassisten.' Es ist nun das eine, den Protest gegen kulturelle Aneignung von Konservativen kritisiert zu sehen, die natürlich Angst um ihre Privilegien haben. Hier jedoch kommt die Kritik von einer linken, lesbischen, feministischen Aktivistin, die nicht hinnehmen möchte, dass der Diskurs über Rassismus von Wächterinnen und Wächtern dominiert wird, die im Namen von Opfern oder vermeintlichen Opfern jede Diskussion abwürgen, unterstützt von einem anonymen Mob im Internet, der auf Reizworte reagiert wie ein Pawlowscher Hund und vor dessen Wut und Hass Institutionen heute kuschen."

Außerdem: In der NZZ warnt auch Eric Gujer vor einem "brandgefährlichen Kulturkampf" in Deutschland: "Verschärft wird dieser Kulturkampf durch die ungleichen Chancen, wenn es darum geht, die Hegemonie über die öffentliche Meinung zu gewinnen. Die akademischen Eliten sind gut vernetzt. Sie verfügen über Rückhalt in den Redaktionen der etablierten Medien, und sie sind eloquent und internetaffin." In der FR bespricht Micha Brumlik heute Michael Rothbergs viel diskutiertes Buch "Multidirektionale Erinnerung", das einen " konstruktiven Ausweg aus der oft behaupteten Unmöglichkeit, die Singularität des Holocaust zu anderen Menschheitsverbrechen in Verhältnis zu setzen", weise.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2021 - Ideen

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp hat sich am Montag sehr scharf und im Blick auf das Humboldt-Forum gegen einen Postkolonialismus gesträubt, der den Antikolonialismus der Pioniere beschädige. Gerade der Beitrag jüdischer Forscher werde desavouiert (unser Resümee). Auf Twitter erhoben sich neben den üblichen Shitstorms die Stimmen einiger Ethnologinnen, die kritisierten, dass die FAZ den Artikel ausgerechnet am 8. März, dem Tag der Frau veröffentlichte. Patrick Bahners antwortet in der FAZ eher spitz auf die Vorwürfe: "Diese kollegialen Reaktionen bestätigen den von Bredekamp geäußerten Verdacht, dass im Kulturkrieg um die Kolonialvergangenheit die Symbolpolitik vollends an die Stelle der Auseinandersetzung in der Sache getreten ist. Ethnologinnen sind zuständig für Symbole: Der Fall ist ernst zu nehmen." Als Protagonistinnen der Debatte nennt Bahners Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsens (hier) und Viola König, die pensionierte Direktorin des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin (hier).

Im Monopol-Magazin antwortet Chefredakteurin Elke Buhr unter dem Titel "Eine irrwitzige Verdrehung des Diskurses" auf Bredekamp. Er hatte argumentiert, dass man in Deutschland vielfach Alltagsgegenstände gesammelt habe, um eine Kultur darzustellen. Dazu meint Buhr: "Ach so, die Leute in den Hütten, denen die Gegenstände eigentlich gehörten, haben sie ja nur benutzt, während die Ethnologen aus Deutschland mit ihrem überragenden Intellekt deren erkenntnistheoretischen Wert erkannten? Deshalb faulen auch so viele der Gegenstände, die während der Kolonialzeit zusammengerafft wurden, unaufgearbeitet in den Depots der europäischen Völkerkundemuseen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2021 - Ideen

Kapert die Figur des Experten die demokratische Willensbildung, und werden Experten von der Exekutive instrumentalisiert, um sich gegenüber dem Parlament durchzusetzen? Die FAZ übernimmt einen Essay des Historikers Caspar Hirschi aus  der Zeitschrift Leviathan, der beide Fragen tendenziell bejaht. Offenbar wurde es für ihn durch eine Stellungnahme der Leopoldina vom 8. Dezember 2020, die unter anderem von Lothar Wieler als Präsident des Robert-Koch-Instituts signiert wurde. Da Wieler die Bundesregierung offiziell berät, schließt Hirschi, dass er in Abstimmung mit der Bundesregierung handelte. Die Leopoldina rief in dem Papier ultimativ zu Lockdownmaßnahmen auf: "Stimmt die Deutung, so kam das, was als Warnung der Wissenschaft an die Politik ausgegeben wurde, einer Machtdemonstration der Bundesregierung gegenüber dem Parlament gleich. Den Bundestagsabgeordneten drohte die Ächtung durch die Nationale Akademie der Wissenschaften, sollten sie die Notwendigkeit des Lockdowns debattieren wollen. Das Kalkül der Bundesregierung ging auf. Nur die Rechtspopulisten protestierten gegen die Verschärfung der Einschränkungen und beflügelten die Bundeskanzlerin zu ihrem Plädoyer für die Wissenschaft, das von den meisten Medien begeistert aufgenommen wurde."

"Der wahre Klassenunterschied besteht heute wohl zwischen Fachidioten und Vollidioten", fürchtet in der NZZ der Politikwissenschaftler Felix Heidenreich, der eine immer feinziseliertere Spezialisierung auf der einen Seite beobachtet und ein systematisches Absenken von Ansprüchen zum Beispiel beim Sprachvermögen von Kindern andererseits feststellt. "Es stimmt einfach nicht, dass wir heute vergleichbar Schwieriges können und sich der Kompetenzfokus bloß verschiebt. Nein, die Arbeitsteilung und die Technisierung machen etwas mit uns, was uns in die Richtung eines rundum wohlinformierten Universaldilettantismus treibt. Die Technisierung der Lebenswelt impliziert tendenziell die mentale Entlastung ihrer Bewohner. Die Frage lautet: Wie lässt sich dieser Prozess verstehen, ohne in die Fahrwasser der Kulturkritik zu geraten? Nein, früher war weder alles besser noch 'mehr Lametta', wie Loriot sagen würde. Und doch müssen wir feststellen, dass die Baselines sich in eine ungute Richtung bewegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2021 - Ideen

Scharf attackiert der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der maßgeblich am Konzept des Humboldt-Forums mitwirkte, in der FAZ den Postkolonialismus, der die Errungenschaften des Antikolonialismus zerstöre. Denn antikolonial dachten die häufig jüdischen Anthropologen wie Franz Boas, die überhaupt erst einen hierarchielosen Kulturbegriff schufen und für das Berliner Völkerkundemuseum vor allem Alltagsgegenstände sammelten. Wer sie würdigt, gilt heute als "rechts", so Bredekamp. "Der schauerlichste Zug des Postkolonialismus liegt in seiner strukturell antijüdischen Konsequenz. Viel ist über den vorhandenen oder nur unterstellten Antisemitismus von Achille Mbembe diskutiert und geschrieben worden. Die Ausblendung des für alle Fragen des Rassismus höchst sensiblen Impulses jüdischer Anthropologen wird jedoch niemals thematisiert. Diese Strategie entspricht dem Ziel, eine Kulissenverschiebung von Auschwitz nach Namibia vorzunehmen und damit die Unvergleichlichkeit des Holocaust zu bestreiten."

Gerhard Hanloser kritisiert im Freitag-Blog zunächst den Postkolonialismus aus betonmarxistischer Sicht, um sich dann doch in einem Punkt anzuschließen, der den alten Antiimperialismus mit der modischen Linken verbindet, im Hadern mit dem Holocaust. Als Säulenheilige dieser Verbindungslinie nennt er Hannah Arendt: "Gerade sie war es, die den Vernichtungsantisemitismus im Zusammenhang mit Imperialismus und Kolonialismus diskutierte. Die Wurstigkeit, mit der heutige Publizist*innen gegen die einseitige Privilegierung des Rassismus durch Postkolonialist*innen den Antisemitismus und den Rassismus als voneinander geschiedene Größen erklären, um unter der Hand und sehr deutsch wiederum ersteres zu privilegieren, hätte Arendt wohl eher nicht an den Tag gelegt."

Der Streit zwischen Wolfgang Thierse und der SPD-Führung, die hofft, die neue Linke ansprechen zu können (unsere Resümees), steht für einen größeren Streit, der die Gesellschaft prägen wird, sagt Stephan Detjen in einem Kommentar des Deutschlandfunks: Diese Frontstellung "wird Generationenkonflikte sowie das Ringen um die Gestaltung der heterogenen Gesellschaft auf lange Zeit prägen. Anders als Wolfgang Thierse es erhofft, kann es dabei keine Erlösung durch einende Wirgefühle geben. Es geht um das Anerkennen, Respektieren und Organisieren von Unterschiedlichkeit, um Gerechtigkeit und Teilhabe. Es geht aber eben auch um Diskursfähigkeit, Verständnis und Gesprächsbereitschaft. Alles das könnte Aufgabe für eine moderne Sozialdemokratie sein."

Mithu Sanyals Roman "Identitti" ist ein Roman über Identitätspolitik und schildert den Ort, wo sie herkommt, die Universität, als einen Raum der Macht und der Hierarchien. Der Historiker Valentin Groebner ist bei geschichtedergegenwart.ch eingenommen, aber nicht ohne Reserve: "Mithu Sanyals Analyse von akademischem Charisma ist detailreich, warmherzig und gleichzeitig sagenhaft deutsch in seiner ausschließlichen Fixierung auf jene universalen Wahrheiten, die offenbar nur in London, Oxbridge und Harvard formuliert werden können. Und nur auf Englisch: in der Sprache der ökonomisch erfolgreichsten Versklavungs- und Kolonialsysteme in der Geschichte des Planeten."

In der NZZ fragt (online nachgereicht vom Samstag) der Philosoph Ralf Konersmann: Was ist das für eine Wirklichkeit, die wir nach Maß und Zahl taxieren? "Im Horizont des Maßbegriffs sind Technik und Ethik, sind Sachgemäßheit und Verhaltensangemessenheit eins. Das Maß deutet auf die Ordnung der Dinge, der es sich verdankt und die sich in ihm offenbart. Damit ist klar: Ist der Vertrauensvorschuss des Maßes erst einmal verspielt, der Begriff ausrangiert und der Unverständlichkeit preisgegeben, wird sich dieser Verlust durch Rechenmodelle und Algorithmen, die strikt ihrer Eigenlogik folgen, nicht kompensieren lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2021 - Ideen

Sehr kritisch setzt sich Tania Martini in der taz mit Michael Rothbergs Begriff der "multidirektionalen Erinnerung" auseinander - sein in Amerika bereits im Jahr 2009 erschienenes Buch, ist nun auch auf deutsch übersetzt und wird von der postkolonialen Fraktion in der Erinnerungsdebatte als eine Art Patentdiskurs zur angeblichen Versöhnung historischer Traumata gefeiert. "Gedenkpolitik mit dem Freud'schen Begriff der 'Deckerinnerung', also einer Verdrängung von kolonialen Gewalterinnerungen in Verbindung zu bringen, ist eine Sache, eine andere ist, die Verteidigung der Beispiellosigkeit des Holocaust als bewusstes Ablenkungsmanöver darzustellen, das bloß dazu diene, von 'der deutschen Verstrickung in die Enteignung der Palästinenser abzulenken'. So drückt es Michael Rothberg aus, der... den Trick anwendet, sich ausdrücklich gegen Opferkonkurrenz zu positionieren, aber seinen Vorschlag zu einer 'multidirektionalen Erinnerung' selbst mit Opferkonkurrenz begründet, indem er das Missverständnis verbreitet, die Behauptung der Beispiellosigkeit der Shoah sei borniert eurozentristisch und verdränge andere Erinnerungen und Traumata." Mehr zum Thema auch in Thierry Chervels Perlentaucher-Essay zu Aleida Assmann, den Kulturfunktionären und der Mbembe-Debatte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2021 - Ideen

Judith Butler genießt mehr Ansehen als sie verdient, sagt die genderkritische Philosophin Holly Lawford-Smith im NZZ-Gespräch mit Vojin Saša Vukadinović. "Auch in der Politik ist die Gender-Theorie ja längst angekommen. In Ländern wie Australien, Neuseeland und Großbritannien drängen Aktivisten darauf, den Begriff 'biologisches Geschlecht' aus der Gesetzgebung zu streichen und durch diese diffuse Kategorie 'Gender' zu ersetzen, die als Identität verstanden wird. So kann jeder Mann vor dem Gesetz als Frau gelten und Frauenrechte für sich beanspruchen, nur weil er sich als Frau fühlt. Das ist schlichtweg wahnsinnig - und zeugt von erheblicher Nichtachtung von Frauen und Frauenrechten."

Jeder kann in Deutschland frei seine Meinung äußern, aber es heißt nicht, dass sie auch gehört wird, entgegnet der Historiker Norbert Frei in der SZ den Unterzeichnern der "Initiative Weltoffenheit" und des "Netzwerks Wissenschaftsfreiheit", deren "Opfererzählungen" er "mimosenhaft" und "larmoyant" findet: "Das Recht, unwidersprochen seine Meinung zu sagen, ist grundgesetzlich nicht garantiert. Und dass Machtpositionen keine Wahrheitsansprüche begründen, sollte zwei Generationen nach 'Achtundsechzig' keiner Erklärung bedürfen, zumal nicht unter Kulturverantwortlichen und Wissenschaftlerinnen."

Mit Janine Wissler hat es eine Trotzkistin bis an die Spitze der Linkspartei geschafft, eigentlich historisches Paradoxon, schreibt Richard Herzinger in seinem Blog und geht noch mal dem ganz spezifischen Reiz der trotzkistischen Sekten in der Linken nach: "Gerade seine realpolitische Ohnmacht, in die er von der Spitze eines skrupellosen und brutalen Machtapparats gestürzt war, machte ihn für viele Intellektuelle zu einer attraktiven Projektionsfigur ihrer romantischen revolutionären Sehnsüchte. Als Zielscheibe einer beispiellosen Dämonisierungs- und Verleumdungskampagne durch den übermächtigen stalinistischen Terrorapparat erschien Trotzki vielen Intellektuellen wie die reine, unbefleckte Seele der Revolution, die durch keinen Hass und keinen Verrat einer verblendeten Außenwelt zu erschüttern war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2021 - Ideen

Perlentaucher Thierry Chervel antwortet auf Aleida Assmanns Merkur-Artikel zur Mbembe-Debatte. Sie wendet sich dort gegen "Meinungspolizisten", die einen falschen Antisemitismusbegriff durchsetzten wollten, um "rechte Allianzen" zu schmieden, und sucht ein "Sowohl als auch" gemeinsamen Gedenkens im postkolonialen Zeichen (unser Resümee). Chervel sieht das kritisch: "Assmann möchte sowohl die 'Singularität' des Holocaust anerkennen als auch Positionen zulassen, die sie negieren oder für sich reklamieren. Es geht in dieser Art Gedächtnistheologie gar nicht darum, was ein Ereignis ist, sondern wie sich Erzählungen von Ereignissen zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen lassen. Der Holocaust - und davon abgeleitet die politische Position zu Israel - wird zu einem Objekt der Quantenphysik. Je nachdem, von wo er angeblickt wird, ist er ein Teilchen oder eine Welle."