Die westlichen Gesellschaften werden
immer infantiler, behauptet der stark mit dem italienischen Aufklärungsphilosophen Giambattista Vico argumentierende, in Pessimismus versinkende Kulturphilosoph
Robert P.
Harrison im
Interview mit der
NZZ. "Unsere Situation in der entwickelten Welt scheint paradox. Einerseits haben wir Vicos Endstadium erreicht: Wir wissen um die
Verbundenheit von Ich,
Wir und Welt, wir haben verinnerlicht, dass alles, was auf dem Globus geschieht, auf komplexe Art und Weise miteinander verbunden ist. Was in Indien oder Afrika passiert, betrifft uns hier in den USA. Völlig klar. Wir haben ein Bewusstsein des ganzen Menschengeschlechts. Doch ist diese Identifikation zugleich
sehr abstrakt und darum schwach. Wir haben den Bogen überspannt. Nicht mehr jede politische Maßnahme lässt sich im Namen der Globalisierung rechtfertigen, von der angeblich alle profitieren. So bewegen wir uns weg vom Ideal einer universalistischen, aufgeklärten, ökonomisch und kulturell verflochtenen Menschheit hin zu einer
Interdependenz neuer Stammesgesellschaften.."
In der
Welt plädiert der Schweizer Mediziner
Gian Domenico Borasio dafür, Suizid nicht mehr als
Selbstmord zu stigmatisieren und auch die
Sterbehilfe vorurteilsfreier zu betrachten: "In einigen angelsächsischen Ländern wie zum Beispiel Kanada wird in diesem Zusammenhang von der '
medizinischen Hilfe im Sterben' (Medical Aid in Dying) gesprochen. Diese wird nicht als Alternative zur Palliativmedizin betrachtet, sondern als notwendige zusätzliche Hilfestellung in den wenigen, aber eben leider zweifelsfrei vorhandenen Fällen, in denen auch die beste Palliativmedizin Leiden - physisches wie existenzielles - nicht ausreichend lindern kann. Diese Extremsituationen am Lebensende vom Suizidbegriff zu trennen könnte helfen, einen auch
sprachlich vorurteilsfreien Diskurs darüber zu führen, wie wir als Gesellschaft diesen leidenden Mitmenschen - die wir alle eines Tages sein könnten - am besten gerecht werden. Diesen Gedanken weiterzuverfolgen könnte sich für das Bundesverfassungsgericht und vielleicht irgendwann auch für den aufgeklärten Gesetzgeber durchaus lohnen."